Synagoge soll Konzertsaal werden

Wie fast alle Temeschburger Tageszeitungen berichteten, soll die seit vielen Jahren „obdachlose“ Temeschburger Philharmonie „Banatul“ bald in die Neue Synagoge der Innenstadt einziehen. In der Banat-Metropole, wo bekanntlich die Musiktradition zuhause ist, wurde schon 1871 der Philharmonische Verein gegründet. Am Anfang entstand ein Männerchor, später kam ein gemischter Chor und ein symphonisches Orchester hinzu. Am 19. April 1947 ist durch die Einverleibung des Philharmonischen Vereins die Philharmonie „Banatul“ gegründet worden.

Da man für die Philharmonie keinen Sitz fand, wurde sie in den Räumen des „Capitol“-Kinos (das während der Jahre des Sozialismus verschiedene Namen trug, zuletzt „Modern“) „toleriert“. Die Konzerte fanden meist am Samstagabend oder am Sonntagvormittag im Kinosaal statt. Nach der Wende, als das Kino privatisiert wurde, landete die Philharmonie regelrecht auf der Straße. Der Versuch, sie im Musiklyzeum unterzubringen scheiterte am Widerstand des Schuldirektors. Dabei verfügt das Musiklyzeum über einen der besten Konzertsäle Rumäniens, nur noch vom Bukarester Athenäum übertroffen.

Inzwischen hatte 1998 eine Gruppe von Musikern, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und Musikliebhaber auf der Initiative des Konzertmeisters und Direktors der Philharmonie Hans Fernbach die Neugründung des Philharmonischen Vereins beschlossen. Zu den Gründungsmitgliedern zählen unter anderen Hans Fernbach, der Dirigent Remus Georgescu, der Musikwissenschaftler Dr. Franz Metz, die Dekanin der Temeschburger Musikhochschule Felicia Stancovici, der wiedergewählte Bürgermeister Gheorghe Ciuhandu, der gewesene Präfekt Dumitru Gant und der damalige Vorsitzende des Temescher Kreisrats Viorel Coifan. Zum Vereinsvorsitzenden ist Vilmos Soos gewählt worden. Als Nachfolger des 1999 verstorbenen Nicolae Boboc ist der gebürtige Temeschburger Generaldirektor der Wiener Staatsoper Ioan Holender zum Ehrenvorsitzenden gewählt worden. Das einzige überlebende Mitglied des 1871 gegründeten Philharmonischen Vereins ist der 1933 eingetretene und heute 97-jährige Franz Schmidthauer. Zu den Ehrenmitgliedern des Vereins gehören der orthodoxe Metropolit Nicolae Corneanu, der katholische Bischof Martin Roos und der Oberrabbiner der israelitischen Gemeinde Ernest Neumann. Das Hauptziel des neugegründeten Vereins ist die Errichtung eines Konzertsaals für die Temeschburger Philharmonie. Da durch die fast totale Auswanderung der Juden aus Rumänien nach Israel ihre Zahl auch in Temeschburg sehr geschrumpft ist, wird die Innenstädtische Neue Synagoge seit Jahren nicht mehr benützt, aus welchem Grund auch keine Instandhaltungsarbeiten mehr verrichtet werden. Bekanntlich gibt es in Temeschburg noch zwei Synagogen: die aus der Fabrikstadt und die aus der Josefstadt. In dieser Lage hat Oberrabbiner Neumann beschlossen, die Neue Synagoge dem Philharmonischen Verein zur Verfügung zu stellen.

 

Das Portal der Synagoge aus der Temeschburger Innenstadt

                                                                                                                                        Foto: Ernest Scholz

Laut Mathias Weifert ist anzunehmen, dass die ersten Juden schon vor der Türkenherrschaft (1552) in Temeschburg ansässig waren. Neben Walachen und Raizen sind in der Türkenzeit auch Juden in der Festung verblieben, aber aus dieser Zeit liegen keine genaue Zahlen vor. Laut demselben Autor lebten in Temeschburg 1716 nach der Befreiung der Festung 144 Juden. 1735 kamen spanische Judenfamilien hinzu, so dass man zwei Jahre später hier schon von deutschen und spanischen Juden sprach. Allen Juden war es aber verboten, innerhalb der Festungsmauern eigene Häuser zu errichten. 1744 lebten hier 84 jüdische Sippen, doch sank diese Zahl bis 1754 auf 55. Da aber von den österreichischen Behörden nur 23 geduldet wurden, zählte man 1756 nur mehr 6 deutsche und 17 spanische Familien, die insgesamt aus 129 Personen bestanden. Diesen wurde es erlaubt, einen Rabbi, einen Schlächter, zwei Schulmeister, einen Schulsänger und einen Schuldiener zu beschäftigen. Im Laufe der nächsten Jahre stieg die Zahl der Temeschburger Juden weiter an, 1772 gab es hier schon 53 Sippen und 1777 sogar 74.

Die Temeschburger Juden hatten alle im Judenviertel zu leben, das von der Stadthausgasse (heute: E.-Ungureanu-Straße), der Serbengasse (heute: Gheorghe-Lazar-Straße, der Elisabethgasse (heute: Marasesti-Straße) und der Prinz-Eugen-Gasse (heute hat die Straße wieder denselben Namen) eingesäumt war. Ihr Anteil an der Temeschburger Bevölkerung sollte mit Hilfe der 1776 erlassenen „Banater Judenordnung“ in Grenzen gehalten werden, was aber nur für eine kurze Zeit gelang. Ebenfalls von Weifert ist zu erfahren, dass in der ungarischen Zeit die Zahl der Juden in Temeschburg stark gestiegen ist; 1797 gab es hier schon 140 Familien und 1842 sogar 229, die aus 1.145 Personen bestanden. Auch im damals als selbständige Gemeinde zählenden Stadtviertel Mehala lebten 1786  19 deutsche Judensippen.

Im 18. Jahrhundert kann man die Juden als Volkszugehörigkeit kaum noch von den Deutschen oder Ungarn unterscheiden. Nur noch ihre Religion unterscheidet sie von den anderen, und deswegen erscheinen sie in den Statistiken als „israelitischen Glaubens“. 1850 ist in Temeschburg die erste ungarische Volkszählung durchgeführt worden, bei der man sehr genaue und ausführliche Daten gesammelt hatte. Aus den amtlichen Daten dieser Volkszählung, die 1851 bekannt gemacht wurden, war zu entnehmen, dass von den 20.560 Einwohnern Temeschburgs 1.551 Personen israelitischen Glaubens waren, die sich wie folgt auf die Stadtviertel verteilten: Innere Stadt – 495, Fabrik(-stadt) – 971, Josephstadt – 79 und in den Maierhöfen – 6. Da in der Statistik die Volkszugehörigkeit „Jude“ gar nicht erscheint, ist zu vermuten, dass ein Teil von ihnen unter den „Fremden“ und ein anderer als Deutsche oder Ungarn registriert wurden. Zugleich befanden sich in der Mehala unter den 3.375 Einwohnern 43 Personen israelitischen Glaubens.

Bei der ersten rumänischen Volkszählung im Jahre 1930, die in Temeschburg durchgeführt wurde, fragte man nach der Volkszugehörigkeit und nach der Muttersprache. Bei dieser Gelegenheit ließen sich von den insgesamt 91.580 Einwohnern der Stadt 7.171 Personen als Juden eintragen. Mit einem Bevölkerungsanteil von 7,8 Prozent bildeten sie die viertgrößte Volksgruppe Temeschburgs. Zugleich gaben aber nur 442 Person Jiddisch als ihre Muttersprache an, die große Mehrheit der Juden betrachtete Deutsch als ihre Muttersprache. Bei der Volkszählung von 1940 bekannten sich von den 106.471 Einwohnern der Stadt 12.746 Personen zum Judentum.

Kurz nach dem 2. Weltkrieg begann die Auswanderung der Juden aus Rumänien nach Israel. Dies widerspiegelte sich auch in den Zahlen der ersten Volkszählung im kommunistische Rumänien im Jahre 1956. Unter den 142.257 Einwohnern der Banat-Metropole zählte man nur mehr 6.700 Juden, von denen aber nur 512 Personen Jiddisch als Muttersprache angaben.

Auf Initiative von Jakob Moises und Jakob Wolf ist zwischen 1760 und 1762 im oben lokalisierten Judenviertel das erste israelitische Gotteshaus, die „Alte Synagoge“, errichtet worden. An ihrer Stelle ist zwischen 1863 und 1865 in der damaligen Spitalgasse (später Elisabethgasse; heute: Marasesti-Straße Nr. 6) eine der schönsten Synagogen des damaligen Ungarn errichtet worden. Die „Neue Synagoge“ wurde nach den Plänen des Wiener Architekten Ignatz Schumann gebaut. Der mit zwei Türmen versehene Bau, dessen Kosten 100.000 Fl. betrugen, ist im maurischen Stil ausgeführt. Er wurde am 19. September 1865 seiner Bestimmung übergeben.

Diese Synagoge soll jetzt nach den Plänen der Temeschburger Architekten Ion Andreescu und Vlad Gaivoronsky in einen Konzertsaal umgebaut werden. Der Umbau soll etwa drei Millionen US-Dollar kosten, das wäre ein Viertel der Kosten für den Bau eines neuen Konzertsaals. Beim Umbau soll außer einem Balkon die ursprüngliche Struktur des maurischen Baus erhalten bleiben. Die 100 qm große Bühne soll in der Mitte des quadratischen Saals aufgestellt und von 440 Zuschauerplätzen umgeben werden. Das Dach und die Innenwände sollen aus Glas angefertigt werden, damit die schöne Architektur noch mehr zum Vorschein kommt. Auch die hervorragende Akustik der Synagoge könnte bald in der Banat-Metropole von sich sprechen lassen. Es ist zu hoffen, dass nach der Fertigstellung des neuen Konzertsaals das Interesse der Temeschburger Musikliebhaber für Virtuosen und für musikalische Darbietungen weiter steigen wird.

Januar 2001                                                                                                                Anton Zollner