Das Rekascher Jubiläumsfest

 

Anlässlich des 640. Jahrestags der dokumentarischen Attestierung Rekaschs fand in der Großgemeinde am 13. Juni 1999 ein großes Fest statt, zu dem der Bürgermeister Simion Cernescu auch die ausgewanderten Banater Schwaben eingeladen hatte. Über die Feierlichkeiten berichteten ausführlich zwei Temeschburger rumänische Zeitungen: die nationalistisch orientierte „Renasterea banateana" (Banater Wiedergeburt) und die liberale „Agenda zilei" (Tagesagenda). Aurel Turcus fand als Reporter der ersten Zeitung leider kein einziges Wort, um an die über 250 Jahre lang hier lebenden Deutschen wenigstens zu erinnern. In dieser Zeitung wurden nicht einmal die Träger der deutschen Trachten und die vorgeführten deutschen Volkstänze erwähnt. Turcus wusste nur über die Rumänen, Ungarn und Kroaten (gemeint waren die Schokazen) zu berichten.

 

Über den Verlauf der Feierlichkeiten war zu lesen, dass das Fest mit drei Gottesdiensten begonnen hatte, und zwar in der römisch-katholischen, der Pentekostalen und in der rumänisch-orthodoxen Kirchen. Danach eröffnete der Bürgermeister vor dem Bürgermeisteramt (das im Starkäschen Haus untergebracht ist) in Anwesenheit der Ehrengäste und vieler Dorfbewohner die Veranstaltung. In seiner Festrede hob er (laut „Renasterea banateana") hauptsächlich die römische Vergangenheit und die rumänische Gegenwart hervor, von einer ungarischen Burg und Stadt Rikas, wie auch von einer deutschen Kolonisation wurde aber nichts berichtet. Es scheint aber auch, dass die Integrierung Rekaschs in die „nationale Geschichte" und das 80. Jubiläum der Einführung der rumänischen Administration wichtiger waren als der Anlass des gefeierten Jubiläums. Für Viorel Coifan, dem Vorsitzenden des Temescher Kreisrates war in seiner Ansprache der Anschluss des Banats an Rumänien anscheinend ein wichtigeres Thema als die Urkunde des ungarischen Königs Ludwig I. von 1359 (durch die er königstreue, aus der Moldau geflüchtete Walachen mit Rikas beschenkte). Nach den Ansprachen der Festredner ist die Botschaft des rumänisch-orthodoxen Metropoliten des Banats vorgelesen worden, und abschließend ist die an die Außenfassade des Stark'schen Hauses angebrachte Gedenktafel gesegnet worden.

 

Über den geplanten Trachtenzug bestehend aus 140 Kindern und der Kutsche mit den jüngsten Bürgern Rekaschs ist nichts mehr berichtet worden. Laut des von den Veranstaltern angekündigten Programms sollte ein Trachtenzug aller in Rekasch lebenden Volksgruppen angeführt von der Mathias Henschl-Blaskapelle durch die Ortschaft ziehen.

 

Dafür hatte der volkstümliche Teil der Jubiläumsfeier eine größere Ausmaße erhalten und fand am Nachmittag in der Sporthalle statt. Die „Renasterea banateana" qualifizierte diesen Teil der Veranstaltung als „unvergesslich". Die Trachten- und Tanzformationen aller hier wohnenden Nationalitäten sollen bei dieser Gelegenheit ihr Bestes gegeben haben. Dazu sollen auch die Solisten der Volksmusikensembles die Zuschauern begeistert haben. Ihr Können hatte hier auch die Mathias Henschl-Kapelle (von der erwähnten Zeitung als „multiethnisch" bezeichnet) überzeugend vorgeführt.

 

Bei dieser Gelegenheit würdigte man auch die Leistungen des schokazischen Ethnographen Joca Tyosity (eigentlich Cosic), ein Sohn Rekaschs, seit dessen Geburt 101 Jahre vergangen sind. Geehrt wurde auch der hier geborene und derzeitige Generaldirektor des Bukarester Nationaltheaters, Univ.-Prof. Dr. Ion Cojar, der die Ehrenbürgerschaft Rekaschs verliehen bekam. Zu den Ehrengästen der Jubiläumsfeier zählten auch der Dichter und Schauspieler des Temeschburger Staatstheaters Mircea Belu und der Kreisvorsitzende der ultranationalistischen Partei der Nationalen Einheit Rumäniens Valeriu Tabara (!).

 

Zum Schluss seiner Reportage bezeichnete Aurel Turcus das Rekascher Jubiläumsfest als „einen beispielhaften Ausdruck der seelischen rumänischen Einheit mit den mitwohnenden Minderheiten", zu denen aber die 61 Deutschen und einige hundert Zigeuner wahrscheinlich nicht mehr zählen.

 

Dafür berichtete die „Agenda zilei" unter der Überschrift „Seit 640 Jahren hält der Rekascher Geist an" über die künstlerischen Darbietungen der Volkstanzgruppen, die rumänische, ungarische, kroatische und deutsche Volkstänze vorgetragen haben. Wie es aber scheint, ist die zweitstärkste ethnische Minderheit, die der Zigeuner, nicht in die Feierlichkeiten einbezogen worden. Wären aber die einstigen Rekascher Deutschen der höflichen und gutgemeinten Einladung des Bürgermeisters gefolgt, so weiß ich nicht, wie sie sich in der „alten Heimat" bei so vielen nationalistischen Parolen des zugewanderten Staatsvolks gefühlt hätten. Hatte man ihre 250 Jahre währende Präsenz wirklich vergessen? Waren ihre besondere Leistungen und der Reichtum, den sie dem Staatsvolk überlassen mussten, nicht so viel wert, entsprechend gewürdigt zu werden?


Juni 1999                                                                                                       Anton Zollner