Sind die Banater „deutsche Schulen“ noch deutsch?

- Der deutsche Schulunterricht im Auflösungsprozess der deutschen Volksgemeinschaft -

Rumänien gebührt ein besonderes Lob für seine Schulpolitik gegenüber den ethnischen Minderheiten, die im Lande lebten und leben. Wenn diese Politik auch nicht immer die Interessen der dort lebenden Nationalitäten beachtete, so war Rumänien doch das einzige Ostblockland, in dem es in den geschlossenen Siedlungsgebieten der nationalen Minderheiten Bildungseinrichtungen gab, in denen man vom Kindergarten bis zum Abitur in der Muttersprache lernen konnte. 1948 hatte man im Rahmen der damaligen Schulreform auch die verbotenen deutschen Schulen wieder zugelassen. Später, als der nationalistische Charakter des rumänischen Kommunismus besonders ausgeprägt war, hatte man die deutschen Schulen als Abteilungen in rumänische Schulen integriert. Trotz dieser Maßnahmen, konnten bis zum Massenexodus der Deutschen aus Rumänien die Abteilungen mit deutscher Unterrichtssprache erhalten bleiben. Da hier das  Unterrichtsniveau besonders hoch war, schickten auch viele rumänische Intellektuelle ihre Kinder in die deutschen Klassen.

Während des Exodus verließen aber auch die deutschen Lehrer das Land, was zur Folge hatte, dass wegen mangels gut deutsch sprechender Lehrer, das Niveau des Unterrichts in deutscher Sprache allmählich gesunken ist. Weiterhin sank auch die Zahl der Klassen mit Unterricht in deutscher Muttersprache, bis diese nur noch in den Städten und einigen Großgemeinden erhalten werden konnten. Man versuchte dann, die deutschen Abteilungen mit Hilfe von Gastlehrern aus Deutschland aufrecht zu erhalten, aber bald zeigten sich auch hier Schwierigkeiten infolge der zwei total unterschiedlichen Schulsysteme. Schließlich waren bei den Schülern bedeutende Sprachschwierigkeiten zu verzeichnen, weil inzwischen der Anteil der Schüler mir andere Muttersprache als Deutsch auf 80 bis 85 Prozent gestiegen ist. Wenn Schüler die deutsche Sprache nur in der Klasse und nicht auf dem Schulhof und noch weniger in der Familie sprechen, geht dies zu Lasten derer, die mit der deutschen Sprache aufwachsen. Hinzu kommen noch die mangelhaften Deutschkenntnisse bei den Lehrkräften, die zum Teil ebenfalls nicht aus deutschen Familien stammen.

Die Zeiten, in denen fast jedes Dorf mit deutscher Bevölkerung wenigsten deutsche Grundschulklassen hatte, gehören nun der Vergangenheit an. Die verbliebenen deutschen Abteilungen kann man in den banater Landkreisen an den Fingern zählen. Die Temeschburger „kleine Lenau-Schule“ (am Domplatz) stellte im laufenden Schuljahr für die Erstklässler 100 Plätze zur Verfügung, die auf vier Klassen aufgeteilt wurden. Plätze für ABC-Schützen waren auch in den Abteilungen anderer hiesigen Schulen vorgesehen: 25 im „Banater Kollegium“ (in der Josefstadt), 30 in der „William Shakespeare“-Schule (in der Fabrikstadt), wo aber nur 14 Plätze besetzt wurden und 25 Plätze in der Allgemeinschule Nr. 9 (in der Elisabethstadt), wo auch nur 13 Erstklässler eingeschrieben wurden. Wegen der niedrigen Schülerzahl und besonders wegen Mangel an qualifizierten Lehrkräften, ist die Auflösung dieser deutschen Abteilung erwogen worden. In den ersten drei Schulen gibt es je eine Gymnasial- und eine Lyzealstufe (5. bis 8. Klasse bzw. 9. bis 12. Klasse). Im „Banater Kollegium“ ist die Lyzealstufe im Jahre 2000 wieder eingerichtet worden. Die „Nikolaus Lenau“-Schule ist sowohl von den Eltern als auch von den Schülern so beliebt, dass sie mit ihren 55 (!) Klassen aus allen Nähten platzt.

 Im Landkreis Temesch ist Lugosch die Stadt, in der es nach Temeschburg die meisten Schüler in deutschen Abteilungen gibt. Die Allgemeinschule Nr. 6 hat 170 Schüler, die den Unterricht in deutscher Sprache besuchen, davon 70 in den Grundschulklassen. Außer den vier Grundschullehrerinnen unterrichten hier acht Lehrer in den Gymnasialklassen. Weitere 71 Schüler besuchen die deutsche Abteilung des „Brediceanu“-Lyzeums. In der Kleinstadt Groß-Sankt-Nikolaus waren am Anfang dieses Schuljahrs in der deutschen Abteilung der Allgemeinschule Nr. 2  101 Schüler in den Grundschul- und Gymnasialklassen (5. bis 8. Klasse) eingeschrieben. Sie werden von vier Grundschul- und acht Gymnasiallehrern betreut. In der Kleinstadt Detta werden in den deutschen Grundschulklassen acht Schüler, davon zwei ABC-Schützen von einer Aushilfslehrerin simultan unterrichtet. Laut Pressemeldungen soll es hier im Schulkomplex für Forstwirtschaft eine deutsche Abteilung geben, die aber sehr schwach belegt ist. Die einzige Großgemeinde des Landkreises Temesch, in der es noch deutsche Klassen gibt, ist Perjamosch. Da besuchen 19 Schüler die Grundschulklassen, davon sind drei Erstklässler. In der Gymnasialstufe werden sieben Schüler von zwei Gymnasiallehrern unterrichtet. In dieser Lage ist die Aufrechterhaltung der Mittelklassen kaum noch berechtigt. Daneben soll es im Landkreis laut Pressemeldungen in diesem Schuljahr auch 24 deutsche Abteilungen in Kindergärten gegeben haben.

Im Landkreis Arad ist das „Adam Müller Guttenbrunn“-Lyzeum die einzige Schule, in der es deutsche Klassen von der 1. bis zur 12. Klasse gibt. In diesem Schuljahr sollen von den insgesamt 1.150 Schülern etwa 73 Erstklässler in den zwei deutschen und in einer rumänischen Parallelklassen eingeschrieben worden sein. Der Unterricht soll von 87 eigenen und von 10 bis 12 Gastlehrern erteilt werden. Zu den eigenen Lehrern zählen auch neun Teilzeitbeschäftigte und acht Aushilfslehrer. Daneben gibt es im Landkreis Arad auch in den Großgemeinden Sankt-Anna, Glogowatz und Semlak in den örtlichen Allgemeinschulen deutsche Grundschulklassen. In Lippa musste die deutsche Abteilung an der Grundschule wegen Schülermangels aufgelöst werden. Die letzte Grundschullehrerin war hier Rosalia Lukhaup. Im Schuljahr 2001/02 hatte die „Sankt Anna“-Schule vier deutsche Grundschul- und vier Gymnasialklassen, in denen auch Gastlehrer aus Deutschland unterrichteten. Die deutsche Abteilung des Kindergartens wurde zugleich von 67 Kindern besucht. In diesem Schuljahr wurden, wie ein Jahr zuvor, 15 Erstklässler eingeschrieben. In Glogowatz und in Semlak wird der Unterricht in deutscher Sprache nur in den Grundschulklassen erteilt. Ab der 5. Klasse werden die hiesigen Schüler mit dem Schulbus in das Arader AMG-Lyzeum gefahren. In Groß-Pereg konnte die deutsche Abteilung mangels geeigneter Lehrkräfte nicht zustande kommen.

Im Banater Bergland (Landkreis Karasch-Severin) gibt es zwei Schulen, die über eine komplette deutsche Abteilung von der 1. bis zur 12. Klasse verfügen: das „Diaconovici-Tietz“-Lyzeum in Reschitz und die Lehrerbildungsanstalt in Karansebesch. In Reschitz gibt es im laufenden Schuljahr vier Grundschulklassen mit 70 Schüler, davon 20 Erstklässlern. In den Gymnasialklassen haben sich 108 Schüler eingeschrieben und in den Lyzealklassen 80, von denen 28 nach einer Eignungsprüfung in die 9. Klasse aufgenommen wurden. Außer Informatik und Gymnastik werden hier alle Fächer in deutscher Sprache unterrichtet. Einer der zwei Deutschlehrer ist ein Gastlehrer aus Deutschland. In Karansebesch waren 68 Schüler eingeschrieben, von diesen waren 25 Erstklässler. 59 Schüler besuchen die Gymnasial- und 80 die Lyzealstufe, davon haben 28 die Eignungsprüfung für die 9. Klasse bestanden. Auch aus dem Nachbardorf Alt-Sadowa sollten zwei Schüler hierher gefahren werden, aber der Transport soll immer problematisch gewesen sein. Die Qualität des Unterrichts könnte an dieser Schule aber leiden, da mangels deutsprachiger Lehrer nur Deutsch, Geschichte, Erdkunde, Informatik und eventuell Mathematik in deutscher Sprache unterrichtet werden. In Steierdorf-Anina, Ferdinandsberg und Tirol gab es zu Schulbeginn auch deutsche Grundschulklassen, in denen 9, 13 bzw. 15 Schüler simultan unterrichtet wurden. In Ferdinandsberg gab es in diesem Schuljahr keinen Erstklässler mehr, und von Rußberg musste man auch keine Schüler mehr mit dem Schulbus nach Ferdinandsberg in die Schule fahren. In den Presseberichten wurden für dieses Schuljahr Ortschaften nicht erwähnt, in denen es zwei Jahre zuvor noch deutsche Grundschulklassen gab. Zu diesen gehören Bokschan (mit 9 Schülern), Orawitz (mit 20 Schülern) und Orschowa im heutigen Landkreis Mehedinti (mit 30 Schülern). In all diesen Ortschaften gab es damals auch je eine deutsche Kindergartenabteilung.

Wenn man nun die derzeitige Lage des banater deutschsprachigen Unterrichtswesens  analysiert, kommt man bald zur Schlussfolgerung, dass die noch vor etwa zehn Jahren erhofften Perspektiven doch zu optimistisch waren. Es ist anzunehmen, dass in Kürze nur noch die deutschen Abteilungen der Lyzeen aus Temeschburg, Arad, Reschitz und eventuell Lugosch auch in Zukunft gesichert werden können. Dazu ist noch zu beachten, dass hier kein Unterricht mehr in deutscher Muttersprache stattfinden wird, da mindestens 90 bis 95 Prozent der Schüler aus nichtdeutschen Familien stammen werden. Wie es da mit der Qualität des Unterricht stehen wird, ist zur Zeit noch fraglich. Rumänische Hochschulabsolventen, die Germanistik studierten, werden auch niemals die gleiche Aussprache haben wie die Lehrer, deren Muttersprache Deutsch war. Wenn schon die Aussiedler, die noch einen guten deutschsprachigen Unterricht als Muttersprache genossen haben, in Deutschland feststellen mussten, dass sie einen fremden Akzent haben, wie wird dann in Zukunft das Rumäniendeutsch gesprochen? Wird vielleicht der von deutschen Gastlehrern erteile Unterricht das Heilmittel sein?  Dies sind Fragen, auf die nur die Zukunft eine Antwort geben wird.

Mai 2003                                                                                                                         Anton Zollner