Die „Eingliederung" (4)

Vier Monate saßen wir schon in Köln und „kassierten" regelmäßig Arbeitslosengeld, ohne daß das Arbeitsamt nur einmal versucht hätte, uns eine Arbeit zu vermitteln. Eines Tages erhielten meine Frau und ich endlich eine Einladung. Froh und voller Hoffnung gingen wir zum Arbeitsamt. Leider war hier aber nicht von der erhofften Arbeitsvermittlung die Rede, sondern wir wurden zu einem „Lehrgang für Aussiedler zur sprachlichen, sozialen und kaufmännischen Integration" geschickt. Man wollte uns aber weniger „integrieren", sondern mehr das Arbeitslosengeld um acht Monate verlängern. Als wir dies sahen, wurde uns klar, daß das Arbeitsamt Köln niemals einen Versuch unternehmen würde, uns eine Arbeit zu vermitteln. Es ist aber auch bekannt, daß eine Arbeitsvermittlung erst nach ... zig Versuche zustande kommen könnte. Über die „rot" oder „grün" geprägten Vorträgen der in dieser Richtung orientierten Dozenten der Kölner Volkshochschule, will ich hier gar nicht mehr schreiben.

In dieser Lage schrieben wir am 16. April 1984 unsere ersten Bewerbungen für eine Einstellung im öffentlichen Dienst. Die nach einem Monat von der Oberpostdirektion Köln erhaltene Antwort lautete: „Leider sind alle für Sie in Frage kommenden Arbeitsplätze besetzt". Zugleich haben sich aber die Leute „bemüht, nach Arbeitsmöglichkeiten" zu suchen und haben uns empfohlen, uns im Süden der Bundesrepublik bei der Deutschen Bundespost zu bewerben. Wir haben es versucht und haben acht Oberpostdirektionen angeschrieben, wovon wir sieben Angebote bekamen. Das günstigste kam aus München: zwei Fachkräften mit mittlerer Ausbildung wurden zwei Teilzeitstellen im ... Hilfsdienst angeboten! In den sieben Monaten, in denen wir im Mutterland als Aussiedler lebten, ist es uns zu klar geworden, daß es für uns hier nur noch minderwertige Arbeit gibt. Darum waren für uns zwei Teilzeitstellen im öffentlichen Dienst, am selben Arbeitsplatz und dazu in einer Großstadt mit den besten Schulen der Bundesrepublik zu verlockend, um diese nicht anzunehmen. Was dies aber sonst noch bedeutet, konnten wir uns nicht vorstellen.

Die erste Schwierigkeit trat bei der Wohnungssuche auf. Im August 1984 entschlossen wir uns, auf eigene Kosten, in München eine Wohnung zu suchen. Zum Glück gab es damals bei der Deutschen Bundesbahn die „rosa-rote Woche", und weil wir die 6.666. Kunden dieses Angebots waren, überreichte man uns in einem festlichen Rahmen vor dem Kölner Bahnhof einen großen Blumenstrauß mit einem Umschlag, in dem sich der gesamte Betrag befand, den wir für die Fahrkarte gezahlt hatten. Mancher könnte schon behaupten, daß wir unseren ersten Schritt in der „neuen Heimat" mit dem „rechten Fuß" begonnen hatten. Leider war nur der erste Schritt so erfolgreich. Beim nächsten blieben wir schon stecken, und zwar beim Suchen einer billigen Übernachtung in München. Bei der Bahnhofsmission wurde zwar der „Dame" eine Übernachtung auf Holzbänken angeboten, aber Männer hatten dort keinen Zutritt. Aus diesem Grund bekamen die „Spendensammler" dieser Mission von uns bis heute keinen einzigen Pfennig. Glücklicherweise fanden wir am Stadtrand die „billigste Pension aus München": 40 DM pro Nacht für ein Doppelbett-Zimmer.

Am nächsten Tag ist das Vorstellungsgespräch beim zukünftigen Arbeitgeber auch gut verlaufen. Während unseres Aufenthalts in München konnten wir uns auch überzeugen, wie nahe uns Banatern die bayerische Lebensweise am Herzen liegt. Nach dem fast einjährigen Aufenthalt im Norden kam es uns vor, als hätten wir in München einen Teil Temeschburgs wiedergefunden. Dafür wurde uns aber klargemacht, daß für uns eine Sozialwohnung nur nach einem Jahr in Frage kommen würde, und das nur unter der Bedingung, daß wir in München eine Arbeit aufgenommen haben. Der zukünftige Arbeitgeber machte uns zugleich auch klar, daß eine Einstellung nur nach einer „polizeilichen Anmeldung in München" möglich sei. Was für eine Lösung blieb noch für diesem Fall? Entweder bleiben wir auch weiterhin „Aussiedler", oder wir mieten eine Wohnung vom „freien Wohnungsmarkt". „Aussiedler wollten wir auf keinen Fall mehr bleiben; es war nicht das Leben, das wir uns in schlaflosen Nächten mal vorgestellt hatten.

Eine Wohnung vom „freien Markt" bedeutete aber Miete an der 1.000-DM-Grenze, Kaution, Provision, aber dies auch nur unter der Bedingung, daß man von einem „gutherzigen Makler" akzeptiert wird. Wir wählten also aus den Zeitungsannoncen zehn für uns in Frage kommende Wohnungen und versuchten unser Glück. Der eine brauchte uns nicht, weil wir Kinder hatten, der andere, weil wir keine Referenzen vorlegen konnten. Dem dritten waren wir schon am Telefon nicht gut genug, weil wir einen zu fremden Akzent in unserer Sprache haben. Andere brauchten uns nicht als Mieter, weil wir kein „solides Einkommen" hätten und ein Makler sagte sogar, daß Aussiedler bei ihm nicht in Frage kommen. Der Rest der Wohnungen war ganz einfach schon vergeben.

24 Stunden vor unserer Rückfahrt nach Köln, also an einem Freitag, beschlossen wir, „die letzte Karte zu spielen", so wie es in der alten Heimat üblich war. Wir riefen den Makler einer schon vergebenen Wohnung an und schlugen ihm ein Geschäftsgespräch im ... Biergarten vor. Damals staunten wir noch, als unser Vorschlag angenommen wurde. Zwar trafen wir uns nicht im Biergarten, aber wir wurden noch in der letzten Dienststunde im Büro des Maklers empfangen. Ich hielt mein Versprächen und legte als Einleitung des Gesprächs zwei 100-DM-Scheine auf den Tisch. Danach schilderten wir ihm unsere wahre Lage, und zugleich machten wir ihm klar, daß die baldige „Eingliederung" einer Aussiedlerfamilie nur von ihm abhängig ist. Das Ergebnis des Gesprächs"? Samstag verließen wir mit dem letzten Zug München, in der Tasche hatten wir einen Mietvertrag für eine Zweizimmerwohnung, wofür wir aber 4.500 DM hinzublättern hatten.

Der Abschied von Köln verlief aber auch nicht so „glatt", wie man es sich gewünscht hätte. Die meisten Schwierigkeiten bereitete uns das Arbeitsamt. Die Leute von dort konnten es einfach nicht verstehen, daß unser heißester Wunsch eine Arbeit war. Man wollte auch nur sehr schwer verstehen, daß wir die deutsche Sprache im Mutterschoß erlernt haben. Darum wollte man uns von der „Maßnahme" (gemeint war der Integrationslehrgang) nicht entlassen. Dies gelang uns erst, nachdem wir beim Direktor des Arbeitsamtes vorsprachen. Aber auch dieser wollte nicht glauben, daß wir vom Arbeitslosengeld in Höhe von 1.200 DM absagen, um einen Hilfsdienst anzutreten, der mit monatlichen 900 DM netto bezahlt wurde.

Auch im von den Kindern besuchten Gymnasium fand ein interessantes „Abschiedsgespräch" statt. Klassenlehrer (Doktor in Germanistik): „Frau Direktor, der Herr möchte seine Kinder abmelden. Sie ziehen nämlich ins Ausland." Schulleiterin: „Ausland? Ich wußte, daß sie nach München ziehen." „Ja, sehen Sie? Nach Bayern! Das ist doch Ausland für uns. Oder?" „Ja, schon. Aber es liegt doch in der Bundesrepublik." Sich dann an mich wendend sagte sie: „Es tut uns wirklich leid, solche hervorragenden Schülerinnen zu verlieren. Sie waren unser Stolz." Da fragte ich voller Staunen: „Aber, Frau Direktor, laut Zeugnisse waren es doch nur mittelmäßige Schülerinnen." "Ach, ja! Wissen Sie, als Schüler, die von einer Sprachinsel kommen, konnten wir sie doch nicht mit unseren Schülern gleich behandeln. Nach ihrer 'Eingliederung' hätte sich das schon geregelt." Jetzt wußte ich woran die mittelmäßigen Noten lagen. Also waren wir zwar gleichberechtigte Bundesbürger, aber ... doch nicht ganz! Was das aber für eine Kinderseele bedeutet, ist ein Thema für Psychologen, wenn nicht für Pädagogen!

Ganz schief ging es aber erst mit dem Umzug. Da wir laut Mietvertrag ab dem 1. Oktober 1984 eine Wohnung in München hatten, meldeten wir uns für den Tag auch bei der neuen Dienststelle an. Am 29. September erfuhren wir, daß unsere neue Wohnung noch ein Rohbau war. Mit dem Mietvertrag konnten wir die polizeiliche Anmeldung zwar erledigen, aber wo sollten wir jetzt wohnen? Wir standen mit zwei minderjährige Kinder und drei Koffer auf der Straße, Der Container war am Münchner Bahnhof und die Mutter blieb glücklicherweise bei Verwandte in Köln.

In dieser Lage bleibt einem nichts anderes übrig, als in ein teures Hotel zu ziehen. Dies war aber auch nur eine theoretische Lösung, weil in München gerade das Oktoberfest stattfand, und so alle Hotels belegt waren. Zum Glück fanden wir ein Zimmer in einem Dachauer Hotel und eine liebe Familie, die Mitleid mit uns hatte. Sie bot uns in einem Doppelbett-Zimmer Unterkunft für vier Personen. Diese Familie zeigte öfters Sympathie und Mitgefühl uns gegenüber, wofür wir uns auch heute noch dankend an sie erinnern. Für fast einen vollen Monat waren wir „Dachauer" geworden und ich fuhr dreimal am Tag nach München und zurück. Morgens hatte ich die Kinder in die Schule gebracht, mittags habe ich sie abgeholt, und zum dritten Mal fuhr ich mit meiner Frau nachmittags in die Arbeit und kamen nachts wieder ins Hotel zurück. Da hieß es, nach Mitternacht ins Bett zu gehen, und morgens um halbsechs wieder aufzustehen. Als wir aus dem Hotel zogen, hatten wir über 1.000 DM nur an Übernachtungen zu zahlen.

Dies geschah am 26. Oktober 1984, als wir in unsere „neue" Wohnung einziehen „durften". Ich benutze diesen letzteren Ausdruck, weil das „ einziehen konnten" nicht wahrheitsgetreu wäre. Der Baustellenleiter erlaubte uns in die noch im Bau befindliche Wohnung, deren Estrichboden noch voll mit Bauschutt war, einzuziehen. Hier wurde dann auf Klamotten geschlafen, auf Koffern gegessen und gelernt, auf Kisten wurde gekocht. So sind wir zu den ersten Mietern der Wohnanlage und zugleich Hausmeister dieses Neubaus geworden.

Am 24. November 1984, als wir unseren ersten in DM ausbezahlten Lohn bekamen, hatten wir noch 25 DM in der Tasche, dafür aber 1.500 DM Schulden bei Verwandten. Das war der Preis unserer „Eingliederung"! Zum zweiten Mal in einem Jahr waren wir wieder „ohne einen Pfennig in der Tasche". Dafür hatten wir aber wieder einen Arbeitsplatz, unser gemütliches Heim und bald danach auch eine wunderschöne bayerische Wahlheimat.

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