Auf dem Weg zur „Eingliederung"(3)

Es war der letzte Montag des Monats November 1983. 16 Aussiedler wurden auf den Nürnberger Bahnhof gebracht, wo sie einen Zug in Richtung „Norden" bestiegen. Mir wurde die Gruppenfahrkarte anvertraut, weil unsere Familie, zu der auch zwei minderjährige Schulkinder (14 und 13 Jahre alt) und eine 75-jährige Mutter gehörten, den längsten Weg vor sich hatte. Gut gelaunt bewunderten wir die schöne fränkische Winterlandschaft mit ihren bewundernswerten Dörfern, die hauptsächlich aus weißen Häusern bestanden. Doch bald verabschiedeten wir uns mit immer schwererem Herzen von den Landsleuten, die in Süddeutschland blieben. Die letzten Banater Schwaben stiegen in Frankfurt am Main aus, wir aber rollten weiter in eine für uns immer fremdere Welt.

Den Freistaat Bayern hatten wir längst hinter uns gelassen, und die Landschaft durch der wir fuhren, veränderte sich allmählich „den Breitengraden entsprechend". Damals wußten wir noch nicht, daß wir mit dem Main den „Weißwurstäquator" überschritten hatten, was für die Banater Schwaben mit der Tscherna (amtlich: Cerna) gleichgestellt werden könnte. Wenn man bei Orschowa über diesem Fluß weiter in Richtung Osten gefahren ist, veränderte sich plötzlich nicht nur das Aussehen der Felder, sondern auch ihr Geruch. Unser Zug ratterte durch immer „dunklere" Ortschaften, und bald merkten wir, daß wir eine für uns so fremd wirkende Landschaft durchquerten. In Hagen mußten wir umsteigen, und bald darauf weigerten sich alle Familienmitglieder auch nur einen Schritt weiter zu machen. Nur schwer ließen sie sich überzeugen, daß der Ruß, der Kohlenstaub und der mit Rost bedeckte Boden des Ruhrgebiets kein Grund für eine Rückkehr sei. Und dazu noch: Rückkehr, aber wohin? Für unsere Reise gab es nur ein Ziel: Unna-Massen Nord.

In Unna sollten wir von einem Auto abgeholt werden. Bald entdeckten wir es und auch den Fahrer, der uns mit einem Kopfnicken, aber ohne ein Wort einlud, einzusteigen. Die Fahrt bis zur Landesstelle für Aussiedler verlief ohne jeden Wortwechsel. Meine Fragen blieben ein ... Monolog. Bis zuletzt waren wir aber doch „glücklich und froh", als wir unsere warme und reine Zweizimmer-Unterkunft betraten. Hier sollten wir für mehr als einen Monat bleiben und dann die Landesstelle als „frischgebackene Bundesbürger" verlassen.

Am nächsten Morgen wollten wir noch vor dem Behördenbesuch nach Landsleuten suchen, aber wir blieben schockiert. In der ganzen Siedlung wurde nur polnisch gesprochen. Es kam uns vor, als wären wir in Polen gewesen. Es war keine Behörde, keine Schule und keine Kirche, die nicht auf das Polnische eingestellt gewesen wäre. Da fragten wir uns: Wer ist denn hier Deutscher? Es gab schon einige, die Schlesier, die 1945 flüchten mußten, und die nun hier die Verwaltungsarbeiten durchführten. Dies war auch ein Glück der Neuankömmlinge, denn sonst konnte man sich mit ihnen gar nicht verständigen. In der Schule hatten unsere Kinder einen Sonderlehrplan, da sie die einzigen waren, die deutsch sprachen. In dieser Lage ist nur selbstverständlich, daß wir uns hier einem „Sonderstatus" erfreuten; in ganz Unna-Massen Nord waren wir mit einem banat-schwäbischen Ehepaar und einer Siebenbürger Sächsin die einzigen, die man wirklich als Deutsche betrachtete.

Unsere Kinder erlebten an jenen Tagen besonders viele Freuden. Sie erlebten zum erstenmal eine „offizielle" Adventszeit und ebenfalls zum ersten Mal kam der Nikolaus vollbeladen in die Schule, und dazu noch mit dem Hubschrauber. Hier erlebten wir alle die ersten „gesetzlichen" Weihnachtsfeiertage der letzten drei Jahrzehnte. Das Land Nordrhein-Westfalen und karitative Verbände bescherten alle Aussiedler mit vielen Geschenken; die Erwachsenen bekamen die ersten notwendigen Sachen und den Kindern wurden viele Spielsachen verteilt.

Aber neben den vielen Freuden, die man uns so bereitete, erlebten wir in jenen Tagen auch die ersten Enttäuschungen. Keine Fremde, sondern Verwandte waren es, die uns zu wissen gaben, daß alles, was man uns schenkte, von ihnen „genommen" wurde. Alles wurde von ihren Steuergeldern bezahlt. Es ist nun leicht zu verstehen, warum ähnliche Parolen, die erst nach Jahren von Einheimischen ausgesprochen wurden, uns gar nicht mehr treffen konnten.

Ausgerüstet mit unserem neuen deutschen Ausweis verließen wir am 4. Januar 1984 als Arbeitslose (mit entsprechendem Arbeitslosengeld) die Landesstelle Unna-Massen Nord. Wir zogen nach Köln, wo wir eine billige Wohnung in einem Wohnheim für Aussiedler bekamen. Wir wollten uns unbedingt in einer Großstadt niederlassen, damit unseren Kindern alle Arten von Schulen leicht zugänglich sein sollen (inklusive die Hochschule). Wir selbst hofften, in Köln eine Arbeit zu finden und hier sollte sich endlich auch unsere „Eingliederung" vollziehen. Bis dahin sollten aber noch einige Monate vergehen.

Köln empfanden wir damals als eine schöne Stadt, und das nur schon aus der Idee heraus, daß sie unsere zukünftige Wahlheimatstadt sein würde. Eben darum unternahmen wir viele Wanderungen durch die Stadt und in der Umgebung. Mit der Sprache kamen wir auch einigermaßen zurecht, da man vom „Kölschen" in der Öffentlichkeit noch kaum Gebrauch machte und man sich fast ausschließlich des Hochdeutschen bediente. Selbstverständlich klang unser „Hochdeutsch" sehr fremd oder besser gesagt „auslandsdeutsch", wobei die Einheimischen den „preußischen" Akzent erkennen ließen. Die Mädchen besuchten hier das Kölner „Theophanu"-Gymnasium, ohne um ein Jahr zurückgestuft zu werden. Auffällig war nur, daß sie fast niemals etwas zum Lernen hatten. Die erhaltenen Zensuren waren aber immer unter denen, die sie in Temeschburg erhielten, obwohl sie im ganzen Schuljahr aus dem „mitgebrachten Lehrstoff" lebten.

Zwar wohnten wir in einem ruhigen, deutschen Wohnviertel, auf der Straße begegneten wir aber immer eine große Zahl von „ausländischen Mitbürgern", besonders Türken und Italiener, was uns damals sehr überraschte. Einerseits erinnerten diese uns an die alte Heimat, wo das Staatsvolk sehr ähnlich aussah. Andererseits aber funkte es blitzschnell im Kopf: Unsere Ahnen wurden in den östlichen Grenzgebieten der Donaumonarchie angesiedelt, damit sie das Abendland vor den Türken verteidigen. Nun aber kommen wir zurück ins „Reich" und finden es von den Türken „besetzt"! Eine komische heutige Welt!

Fortsetzung