Die Ankunft im Mutterland (2)

Der „Orient-Express" mit einer neuen „Ladung" Aussiedler war kaum aus Kurtitsch weggefahren, und schon wurde wieder Halt gemacht. Dies löste aber bei den „besonderen Fahrgästen" keine Angst mehr aus. Wir waren, Gott sei Dank, schon auf ungarischem Boden. Aber die in Kurtitsch kaum beendete Szene fing hier schon wieder von vorne an. Es wurde wieder alles kontrolliert: die Dachnischen, unter den Sitzbänken, zwischen den Rädern. Nur unsere Koffer sind diesmal verschont geblieben. Man betrachtete uns schon damals, 1983, als „Flüchtlinge aus dem Ceausescu-Paradies", und man behandelte uns auch dementsprechend freundlich. Unsere einmaligen „braunen Pässe" lösten unter den Ungarn Mitleid aus. Dieses war aber doch nicht groß genug, um auch eine Tasse Kaffee gegen rumänische Währung zu bekommen. Man gab uns den Rat, unsere fünf 100-Lei-Scheine als Toilettenpapier zu benützen. Da wußten wir, daß wir für einige Tage „keinen Pfennig in der Tasche haben" werden. Ja, wenn auf der vor uns liegenden 1.000 Kilometer langen Strecke keinem etwas passiert, dann ist alles in Ordnung. Die erste unangenehme Überraschung kam aber schon nach Wien, wo wir auf einen anderen Zug umgestiegen sind. Wir stiegen in einen IC-Zug, ohne den nötigen Zuschlag zu haben. Der Schaffner der Österreichischen Bundesbahn wollte seine dienstliche Pflicht tun, aber wie, wenn für ihn unsere Lei-Scheine, aber auch unsere „braunen Pässe" wertlos waren? So blieb ihm nichts anderes übrig, als uns als „Schwarzfahrer" mitzunehmen.

Kaum waren wir aber auf deutschem Boden, in Passau angekommen (also endlich im Mutterland!), und schon bekamen wir zu fühlen, daß unsere „Eingliederung" hier nicht so glatt ablaufen wird, wie man es uns in den folgenden Tagen in festlichen Reden versprach. Als wir der Grenzpolizei die angeforderten Pässe überreichten, warf sie der Beamte mit einem verächtlichen Blick blitzschnell auf die Sitzbank, als wären diese verpestet gewesen. So reisten wir dann ohne jedwelche Paßkontrolle ins Mutterland ein. Sollte das vielleicht auch eine Art „Willkommen" gewesen sein?

Spät an einem Mittwochabend kamen wir hungrig, durstig und vor allem müde in der Nürnberger Durchgangsstelle für Aussiedler an. Jeder Ankömmling empfing hier sein Päckchen mit kaltem Essen, das für drei Tage gedacht war. Das Päckchen war ja sorgfältig zusammengestellt gewesen, so daß nicht einmal das Bier fehlte. Als wir aber nach dem so sehr ersehnten Stück Brot suchten, konnten wir unseren Augen nicht glauben. Ein Vergleich dieses „Brotes" mit unserem banater Weißbrotlaib war unmöglich. „Sollte auch hier eine so große Not herrschen?", war unser erster Gedanke. Nein! Gerade das Gegenteil sollten wir in den nächsten Tagen in den Nürnberger Kaufläden feststellen. Warum dann dieses vermeintliche „Brot"? Wir erfuhren an jenem Abend, daß es außer „unserem" Weißbrot und dem Schwarzbrot aus schlechten Zeiten auch noch Knäckebrot gibt!

Aus unserem 3-Tag-Päckchen mußten wir bis zuletzt fünf Tage lang leben, und dazu noch ohne unser „tägliches Brot". Das Knäckebrot konnten wir gar nicht anschauen, vom Essen konnte gar keine Rede sein. Unser „Begrüßungsgeld" wurde erst am Montag, also nach fünf Tagen, und zwar eine Stunde vor der Weiterfahrt überreicht. Die Folgen unserer leeren Taschen in diesen Tagen, hatten vor allem unsere minderjährigen Kinder zu spüren bekommen. Als wir an Samstagabend den weltberühmten „Christkindles-Markt" besuchten, befanden wir uns plötzlich in einer Märchenwelt. Selbst Hänsel und Gretel aus Grimms Märchen wären hier vor Staunen gefesselt geblieben. Unsere Augen konnten das Gesehene nicht begreifen, und die Gerüche, die unsere Nasen erreichten, erregten einen unwiderstehlichen Appetit auf die Tausende Arten von Süßigkeiten, sowie auf die Nürnberger Bratwürstchen und Glühweine. Dabei schneite es ununterbrochen auf dem mit Hunderttausenden Lichtern beleuchteten Markt. Rund um uns bewegten sich Hunderte von fröhlichen Kindern, die ihre Naschereien genossen. Unsere kleine Tochter Gaby konnte dieses „Märchenland", in dem sie sich plötzlich befand, nicht lange verkraften. Ihre Kräfte verließen sie, und sie fiel vor uns zusammen.

All dies geschah aber nur, weil wir arm wie eine Kirchenmaus aus der alten Heimat entlassen wurden, und so fünf Tage lang „keinen Pfennig in der Tasche hatten". Zur selben Stunde aber wurden hier im ganzen Land fleißig für die Armen der „dritten Welt" Spenden gesammelt. Wir konnten aber auch nicht verstehen, warum man uns das „Begrüßungsgeld" bei der Abfahrt aus Nürnberg und nicht bei der Ankunft als Begrüßung überreicht hatte.

Eine Stunde nach dem Empfang des „Begrüßungsgeldes" saßen wir munter und froh, aber mit knurrendem Magen, in einem IC-Zug und ratterten in Richtung Nordrhein-Westfalen.

Fortsetzung