"Eingliederung mit Schmerz und Freud"
- eine Erlebnisschilderung von Anton Zollner -

Die Fahrt ins Ungewisse (1)

Es ist nicht schwer, sich in die Lage eines Menschen zu versetzen, der sich im 50. Lebensjahr mit Frau, zwei minderjährigen Kindern und einer 75-jährigen Mutter plötzlich auf der Straße sieht, wobei sein ganzes Hab und Gut aus drei Koffern und fünf Fahrkarten ins Ungewisse besteht. In den Koffern befinden sich Wäsche für einige Wochen und je ein „Ausgeh"-Kleid, bzw. -Anzug, die Fahrkarten lauten für die Strecke Temeschburg - Nürnberg, und die einzigen Ausweispapiere sind die berühmten „braunen Pässe", die darauf hinweisen, daß ihre Besitzer „staatenlos" sind. Jede Person trägt aber auch Geld bei sich. Je hundert Lei! Soviel ist erlaubt mitzunehmen.

Nein, diese Menschen stehen nicht als Modell für das Triptychon „Die Einwanderung der Schwaben ins Banat", das einst der Heimatmaler Stefan Jäger schuf. Es sind auch keine Kolonisten aus der Zeit Maria Theresias, sondern Auswanderer des 20. Jahrhunderts. Man nennt sie hierzulande „Aussiedler", aber am liebsten doch „deutschstämmige Rumänen". Der Leidensweg einer banat-schwäbischen Familie hat aber hier, auf den leeren und finsteren Straßen Temeschburgs noch nicht ihr Ende erreicht. Es fehlt noch ein „Akt" dieses „Schauspiels", das man auch als „Schwaben-Export" bezeichnen könnte. Der letzte „Akt" spielt sich in der Nacht vom 23. zum 24. November 1983 am Bahnhof der Grenzgemeinde Kurtitsch (amtlich: Curtici) ab: Kofferkontrolle, gegebenenfalls auch Leibvisite. „Was ist das?", „Wozu brauchst das in Deutschland?, „Die Ausfuhr dieser Dinge sind verboten!" - das sind die üblichen Sätze beim Zollamt.

Auch die Erwachsenen der Familie, um die es hier geht, werden mit ihren drei Koffern ins Zollamt gerufen. "Was hast du da drin?", lautet die erste Frage. „Alles was ich in 30 Jahren erarbeitet habe", klingt die Antwort. Sie klingt aber nicht gut für die Beamten und darum folgt das Auspacken. Als der Zöllner fast nichts als Unterwäsche findet, sagt er: „Aber etwas muß ich dir doch verzollen!". Bekanntlich wird hier in einem interessanten Jargon gesprochen. Man wird geduzt, aber Gott behüte den „Staatenlosen", dem es einfallen würde auf derselben Art zu antworten. Dann wird die ganze Familie von oben bis unten angeschaut, und bis zuletzt fällt das Urteil: „Wir verzollen den neuen Mantel deiner Frau. Einverstanden?". Was soll man noch antworten, wenn der „Orient-Express" in einigen Stunden das „ruhmreiche Vaterland" verläßt? Man ist selbstverständlich einverstanden und sagt: „Dankeschön! Bitte behalten Sie den Rest bis zu 2.000 Lei und hier haben Sie von mir noch einen Tausender für ein ... Bier". Wie sollte man den Tausender nicht anbieten, wenn der Zöllner plötzlich feststellt, daß die inzwischen herbeigerufenen Minderjährigen goldene Ohrgehänge tragen? Bekanntlich sind minderjährige Kinder nicht berechtigt, wie Erwachsene, die üblichen 10 Gramm Goldschmuck auszuführen. Da argumentierte der „Staatenlose", daß wenn der Kinderschmuck ihm und der Großmutter an die Ohren gehängt würde, dann würde man das Ausfuhrgesetz nicht verletzen. Der „gutherzige Zöllner" besteht aber nicht auf den Eigentumswechsel, und lehnt sogar den so „verdienten" Tausender ab, und behält sich dafür nur den „kleinen" Rest von 400 Lei als „Taschengeld". Damit ist die Verzollung unserer „Staatenlosen" erledigt, und sie sind glücklich und froh, so leicht durch den Zoll gekommen zu sein. Daß es anderen „Verzollten", die die Spielregeln des Hauses nicht kennen, anders geht, dies ließen die vielen mit Tränen gefüllten Augen vermuten.

Der letzte „Akt" scheint aber noch nicht abgeschlossen zu sein. Bald kommt ein Offizier der Grenztruppe zur „Staatenlosenfamilie" und fordert den Familienvater auf, ihm zu folgen. Sie verlassen den Wartesaal des Bahnhofs, und für die vier weiblichen Familienmitgliedern beginnt die Unruhe, das Bangen und das Zittern. Fast alle Landsleute, die sich im Wartesaal befinden bemerken den Vorfall. Selbstverständlich denkt ein jeder, daß wieder was Böses geschehen soll. Als bald danach der vom Offizier „Entführte" wieder lächelnd in der Tür erscheint, fällt ein Stein von den Herzen der auf den Vater wartenden Familie. Auch die anderen Anwesenden kehrten bald zu ihren eigenen Gedanken zurück.

Über den Inhalt des Gesprächs, das draußen geführt wurde, durfte niemand etwas erfahren, nicht einmal die eigene Familie. Jeder wußte, auch die Kinder, daß sonst könnte die Grenze, die nun fast mit der Hand erreichbar ist, für immer geschlossen bleiben. Eigentlich ist in einer isolierten Ecke des Bahnhofs gar nichts außergewöhnliches passiert. „Paß auf! Bereite die Sache für den Chef vor! Er wird dich gleich rufen lassen", sagte der Offizier. Der Betroffene wußte gleich, um was es geht. „Warum sollen wir die Zeit des Chefs noch verschwenden? Hier ist der Tausender, überreichen Sie ihn dem Chef. Ist alles in Ordnung?" Darauf folgte ein Händedruck wie unter gewesenen „Genossen", und damit waren die offiziellen Verpflichtungen gegenüber dem „verratenen Vaterland" für immer erledigt.

Kurz darauf fährt der „Orient-Express" in Richtung Westen im Bahnhof ein. Der Bahnsteig wird völlig geräumt, alle müssen in den Wartesaal, die Türen werden geschlossen und von einem bewaffneten Grenzer bewacht. Es beginnt eine einmalige Tätigkeit in dieser frühen Morgenstunde eines kalten Novembertags. Bei allen Waggons wird die Dachnische geöffnet, durchleuchtet und durchsucht. In den Inneren werden die Sitze abmontiert und alle Nischen kontrolliert. Zugleich durchsuchen Grenzer zwischen den Rädern auch den Boden der Waggons. Und als ob das nicht genug gewesen wäre, folgt schließlich noch ein Offizier mit einem Schäferhund, die den ganzen Zug noch einmal durchschnüffeln.

Erst jetzt, nach Verrichtung dieser „wichtigen" Prozedur, folgt die Verfrachtung des „staatenlosen Exportgutes", das bei besten Preisen ausgeführt wird. Sie können jetzt die verzollten Koffern wieder in Besitz nehmen, wobei sie zum letzten Mal Schlange stehen müssen. Auf dem Bahnsteig herrscht absolute Stille, in der man das ungeschickte Rufen der deutschen Namen hört. Nur die Gerufenen dürfen einsteigen und darum hat jeder Angst, daß er seinen Namen nicht hören wird. Die glücklichen „Staatenlosen" sitzen schon auf ihren Plätzen im Zug, aber die meisten können es noch immer nicht glauben, daß sie die so naheliegende Grenze überschreiten werden. Erst als man die blau-gelb-rote Flagge hinter sich hat, belebt sich der abteillose Wagen. Man traut sich sogar an eine Zukunft im Mutterland zu denken, wenn auch keiner dieser Fahrgäste weiß, wie diese aussehen könnte. In Richtung dieser ungewissen Zukunft fährt der „Orient-Express" mit einigen Zehn noch „Staatenlosen" durch den noch dunklen Morgen des 24. November 1983.

Fortsetzung