Denkmal für die Opfer des Temeschburger Kriegsgefangenenlagers

1940 wurde in der Nähe Temeschburgs, rechts von der Landstraße, die nach Arad führt (heute Nationalstraße DN 69 und Europastraße E-671), an der Stelle, wo zur Zeit Treibhäuser stehen, Vorbereitungen getroffen, um dort ein Gefangenenlager einzurichten. Von den Bodenbesitzern der Umgebung, darunter auch einem gewissen Kopony aus den „Fabrikstädtler Weingärten", hatte man 17 Hektar Ackerboden requiriert, auf dem die deutsche Wehrmacht 52 Holzbaracken errichten ließ, in denen je 200 Personen untergebracht werden konnten. Diese Einrichtung ist amtlich als „Transitlager Nr.17" geführt worden.

Die ersten Gefangenen, die im Lager untergebracht wurden, waren Anfang 1941 Soldaten der serbischen königlichen Armee. Hier warteten sie auf ihren Abtransport nach Deutschland. Von den Zehntausenden Gefangenen, die durch das Lager gingen, sollen etwa einige Dutzend an ihren Verletzungen oder an Krankheiten gestorben sein. Trotz der Tatsache, dass in unserem Haus (Weingärten - Teodoric-Straße 29) die Dienststelle einer Einheit der Wehrmacht einquartiert war, habe ich als siebenjähriger Knabe von diesem Lager aus unserer Umgebung nichts erfahren. Über seine Existenz erfuhr ich erst etwa zwei Jahre später, als es von der rumänischen Armee verwaltet wurde. Seine Insassen waren damals Soldaten der Roten Armee.

Weil mein Vater ab 1941 bei der deutsch-rumänischen Firma „Derubau" mit dem Bau von strategischen Straßen in Rumänien beschäftigt war, konnte er von den rumänischen Militärbehörden nicht belangt werden. Als aber die Wehrmacht sich auf dem Rückzug befand, ist auch der Straßenbau eingestellt worden. Als mein Vater sich bei den rumänischen Behörden meldete, kam er bald in ein Arbeitslager in den Goldgruben von Brad. Damit blieb die Familie völlig mittellos auf sich alleine gestellt. Um den täglichen Unterhalt der Familie zu sichern, ist eines der drei Zimmer des Familienhauses an rumänische Offiziere des genannten Lagers vermietet worden. Die brachten wöchentlich sowjetische Kriegsgefangene ins Haus, die einige Hausarbeiten, wie Holzschneiden und -spalten verrichteten und um danach mit einer warmen Mahlzeit versorgt zu werden. Die meisten Gefangenen arbeiteten in Temeschburger Fabriken, um so ihre Ernährung aufzubessern. Wahrscheinlich trug dies auch dazu bei, dass von einigen tausend Gefangenen nur etwa weniger als ein hundert an Krankheiten sterben mussten.

Im August 1944 kam mit der Waffenbruderschaft Rumäniens mit den Sowjets auch eine Wende im Transitlager Nr. 17. Hier wurden nun nicht mehr sowjetische, sondern deutsche und ungarische Kriegsgefangene untergebracht. Während sie anfangs zu verschiedenen Aufräumarbeiten durch die Straßen geführt wurden, erhielten sie von den Leuten, denen sie begegneten, einiges aus dem, was diese gerade in der Einkaufstasche hatten. Ich erinnere mich sogar an einen ungarischen Soldaten, der auf meiner Straße „Szegediner" Paprika verkaufte. Wie er dazu gekommen war, interessierte mich damals als zehnjähriger Knabe nicht. Nach einer gewissen Zeit sind die Sowjets strenger geworden, und man konnte keine Kriegsgefangenen mehr auf der Straße antreffen.

Da unser Haus, in dem mal die Wehrmacht untergebracht war, von „guten" Nachbarn jetzt sowjetischen Offizieren als Quartier „empfohlen" wurde, wohnten in dieser Zeit fast ständig sowjetische Offiziere in einem unserer Zimmer. Dabei hatte unsere Familie immer das große Glück, anständige Offiziere aufnehmen zu müssen, vom ersten, der mit seinen Ordonnanzen im Pferdewagen ankam und die ganze Familie in Schrecken versetzte bis zum Oberleutnant Sascha aus Kasachstan, der weinend unser Haus verließ. Im Unterschied zu anderen Nachbarn, die vor den Übergriffen der „Gäste" und besonders Frauen, die vor Vergewaltigungen nachts aus ihren Häusern fliehen mussten, verschonte uns Sascha vor rumänischen Räubern, die in russischen Uniformen gekleidet und mit Pistolen bewaffnet die Häuser der Umgebung plünderten.

Oberleutnant Sascha gehörte zum Verwaltungspersonal des Transitlagers Nr.17, und so kam es bald dazu, dass auch er Kriegsgefangene ins Haus brachte, damit sie eine reichere Mahlzeit zu sich nehmen sollen, diesmal waren es aber Deutsche. Warum er dies tat, ist mir unbekannt geblieben. An einem Sommerabend nahm Sascha mich, den zehnjährigen Jungen mit ins Lager, um hier einem „Bunten Abend" als Zuschauer beizuwohnen. Ich saß mit Sascha in den ersten Holzbankreihen im reinen und gepflegten Lagerhof, hinter uns nahmen vielleicht Tausende von deutschen Soldaten an der von Kameraden gestalteten Vorstellung teil. Sprechen durfte ich mit den Gefangenen zwar nicht, da auch sowjetische Offiziere anwesend waren, aber im Unterschied zu Sascha, der kein deutsches Wort verstand, konnte ich den ganzen Abend herzhaft lachen. Ich konnte mir nicht erklären, wie Gefangene so lustig sein können, ich wusste aber auch nicht, dass diesen Männern noch eine Reise in die Sowjetunion bevorstand. Ich habe auch erst in den letzten Monaten aus der rumäniendeutschen Presse erfahren, dass sich in der Nähe des einstigen Lagers ein Massengrab befindet, in dem 6.000 bis 8.000 deutsche Soldaten, Opfer einer Typhusepidemie, ohne jedwelche religiöse Begleitung und ohne jedwelche Kennzeichnung, beerdigt wurden.

Bemerkenswert war aber die besondere Achtung, die Sascha gegenüber den deutschen Soldaten hatte. Er betrachtete sie zwar als seine Feinde, aber er bewunderte immer ihr korrektes Benehmen gegenüber dem Feind und besonders ihre Ehrlichkeit, wie auch die Ordnung, der sogar im Gefangenenlager herrschte. Dies äußerte er ständig mit den Worten: „Fritz, harascho Soldat!". Zugleich hasste er Hitler mit seiner ganzen Seele, weil wegen diesem in den Krieg ziehen musste. Da müssten doch Leute wie Heer und Reemtsma & Co und die Befürworter der „Wehrmachtsaustellung" vor Scham rot werden. Es ist eine Schande, dass ein Offizier der Roten Armee, also der Feind, mehr Verständnis für die in den Krieg gejagten Soldaten hatte als einige „Nestbeschmutzer" aus den Reihen des eigenen Volkes.

Nun gehen wieder Fremde, und zwar die Rumänen mit einem guten Beispiel voran, das aber im heutigen Deutschland fast unvorstellbar ist. Der Temeschburger Ioan Rado, ein Mitglied des Kreisrates Temesch ergriff schon 1997 die Initiative, auf dem Terrain des gewesenen Lagers ein Denkmal für die hier verstorbenen Soldaten aller Armeen zu errichten. Der Ausschuss für Kultur, Unterricht und Kultus beschloss im Dezember 1997, diese Initiative zu unterstützen. Trotz der im Lande herrschender Not und Armut haben Verbände, Vereine und das Demokratische Forum der Deutschen des Landkreises Temesch, aber auch Institutionen aus Ungarn und Jugoslawien ihre Unterstützung zugesagt. Bis April 1998 hatte der Ausschuss mit Hilfe der rumänischen Militärbehörden die Baupläne des Lagers rekonstruiert. Der Stadt- und der Kreisrat haben bis September 1998 je 30 Millionen Lei für die Finanzierung des Projekts zugesichert. Zugleich zeigten auch die Behörden aus Csongrád (Ungarn) Interesse an der Errichtung des Denkmals. Schließlich sagten auch unabhängige Vereine aus Deutschland ihre Unterstützung zu, nicht aber bevor man ihnen konkrete Beweise vorgelegt hatte, wonach hier wirklich deutsche Soldaten begraben wurden. Da aber trotz all dem die Gelder knapp sind, beabsichtigt Kreisrat Rado, auch die jugoslawischen und russischen Behörden bei der Errichtung des Denkmals mit einzubeziehen.

Dass im „Lager von der Arader Landstraße" auch deutsche Kriegsgefangene untergebracht waren, kann nicht nur ich bezeugen, sondern auch viele Deutsche, die im Wohnviertel „Weingärten" gewohnt haben und heute in Deutschland leben. Hier gab es fast keine deutsche Familie, zu deren Sonntagsprogramm nicht der Weg eines Familienmitglieds mit einem Päckchen zum Tor des Lagers gehörte. Das sowjetische Militär unternahm auch nichts gegen diejenigen, die Päckchen sogar über den zwei- oder dreifachen Stacheldrahtzaun warfen.

Einige Personen deutscher Volkszugehörigkeit trauten sich auch, Risiken einzugehen. Katharina, eine weite (unverheiratete) Verwandte wollte auch werktags den Gefangenen Päckchen zukommen lassen, und dafür benutzte sie mich. Während sie zurückblieb schickte sie mich als Minderjährigen über das Ackerfeld zum hinteren Lagerzaun. Der Wachposten ließ dies aber nicht zu und jagte mir einen derartigen Schrecken ein, dass ich für ein solches Unternehmen nicht mehr zum haben war.

Karoline F., eine Rot-Kreuz-Schwester,  verhalf drei deutschen Soldaten zur Flucht aus dem Krankenhaus. Während des Krankenhausaufenthalts „verliebte" sich die schon erwähnte Katharina in einen der Soldaten so sehr, dass sie mit dem „Auserwählten" und seinem Kameraden die Flucht über die ungarische Grenze wagte. So kam sie schon 1946 in die amerikanische Zone, aber hier wurde sie vom „Geliebten" verlassen. Der dritte Flüchtling, Karl K., ein Konditor aus Köln, verließ aus Dankbarkeit gegenüber seiner Retterin Rumänien nie wieder. Er heiratete Karola F., nachdem sie ihm neue Ausweispapiere als rumänischer Staatsbürger verschaffte. Danach arbeitete er bis zu seiner Pensionierung als Eisengießer in Temeschburg. Als Rentner pflegte er seine geisteskranke Frau noch immer aus Dankbarkeit für die Befreiung aus dem Transitlager Nr. 17 von der Arader Landstraße.

Februar 1999                                                                                                              Anton Zollner
 
 

Denkmal eingeweiht

Nachdem die Arbeiten an dem unvollendeten Denkmal wegen fehlender Finanzmittel eingestellt wurden, ergriff im Jahr 2000 der neugewählte Temescher Kreisrat unter dem Vorsitz von Ilie Sârbu die Initiative, die Errichtung des Denkmal zu vollziehen. Auch der Landesverband Bayern der Landsmannschaft der Banater Schwaben hatte sich zum zweiten Mal für dieses Projekt finanziell engagiert. Die Fertigstellung des Denkmals ist finanziell auch vom Csongrád-er Komitatsrat aus Ungarn unterstützt worden.


 
Das Denkmal für die Opfer des Temeschburger Gefangenenlagers

                                                                                                  (nach einer Aufnahme von Wilhelm Weber)

Das 6 Meter hohe Denkmal steht auf der rechten Seite der Arader Straße, gleich nach der Stadtausfahrt. Es stellt ein Tor dar, das sich auf einem Podest befindet, und ist von einer habkreisförmigen Brüstung umgeben. Die festliche Einweihung, die von 6 Priestern aller christlicher Konfessionen aus Temeschburg unternommen wurde, fand am 26. Oktober 2000 statt. An der Veranstaltung haben Vertreter des Temescher Kreisrats und des Csongrád-er Komitatsrats teilgenommen. Das Demokratische Forum der Deutschen im Banat und die Landsmannschaft der Banater Schwaben in Deutschland waren vom Geschäftsführer des BVIK „Banatia“ Horst Martin vertreten, der für diese je einen Kranz niederlegte.

Februar 2004                                                                                                             Anton Zollner