Vor vierzig Jahren

Anfang Oktober 1956 wurde ich nach einer elfmonatigen Ausbildung zum Funker 3. Klasse in der berüchtigten Militäreinheit „Km 32" bei Bukarest erstaunlicherweise der Luftabwehr-Kompanie vom Jahrmarkter Militärflughafen (also etwa 12 km vom Elternhaus entfernt) als Obergefreiter (Caporal) zugeteilt. Daß ich dazu auch noch die Funkverbindung mit der Bukarester Kommandantur bedienen sollte, kam mir wie ein Wunder vor, da ich dadurch einen kompletten Überblick über den gesamten Luftraum von Großwardein bis Belgrad und von Klausenburg bis Budapest hatte. Zwar kam ich aus einer „gesunden Arbeiterfamilie", und wie jeder gewesene Schüler einer Technischen Mittelschule war auch ich Mitglied der damaligen kommunistischen Jugendorganisation UTM, aber mein Dossier konnte für so eine Stellung bei den „operativen Truppen" (die im Rahmen der rumänischen Armee als eine „ständige Kampfeinheit" betrachtet wurden) aus mehreren Gründen nicht „rein" genug sein: ich trug einen nichtrumänischen Namen, hatte nahe Verwandte in Österreich und in „West-Deutschland", und ich gehörte zu jener Klasse der Mittelschule, die an Weihnachten 1953 einen „demonstrativen Streik" organisiert haben soll. Von Streik war zwar gar keine Rede, die ganze Klasse verließ damals ganz naiv den Unterricht und machte stattdessen einen Kinobesuch.

Ganz unerwartet bemerkte man am 23. Oktober 1956 in der Kommandostelle plötzlich Bewegung. Im ungarischen Luftraum sind Flugzeuge entdeckt worden, von denen die in Ungarn und Rumänien stationierte Sowjetarmee nichts wußte. Gleich darauf sind Übungen mit fiktiven „feindlichen Flugzeugen" veranstaltet worden, die kein Ende nahmen. Zwei Tage danach wurde die direkte Telefonverbindung mit der ungarischen Luftabwehreinheit aus Szegedin unterbrochen. Die Soldaten ungarischer Nationalität, die bis dahin diese Verbindung aufrecht erhielten, bekamen keinen „Kampfauftrag" mehr, dafür hatten aber die „Rußniaken" (das sind rumänische Staatsbürger ukrainischer Nationalität gewesen), die die sowjetische Kommandantur aus Temeschburg ständig über die Bewegungen in „unserem" Luftraum informierten, um so mehr zu tun. Da konnte auch ich nichts mehr gegen meine Neugier tun und hörte mir immer, wenn ich glaubte nicht beobachtet zu werden, die Nachrichten des Budapester Rundfunks an. Bald mußte ich dies nicht mehr heimlich tun, weil mir meine Offiziere sogar befohlen haben, ihnen die Nachrichten zu übersetzen.

Am 27. Oktober 1956 -- das war ein trüber und regnerischer Samstag -- wurde am späten Nachmittag für alle Einheiten des Flughafens Kampfalarm ausgelöst. Dies bedeutete, daß alle Soldaten, die nicht im Dienst waren, mit scharfer Munition zur Verteidigung des Jahrmarkter Flughafens antreten mußten. Sie alle lagen dann zwölf Stunden lang an diesem Wochenende mit kaltem Sprühregen im Schützengraben, ohne zu wissen, wozu das alles geschah. Nur wir, die Gott dankten, drei volle Dienstschichten in einem warmen Raum im „Kampfeinsatz" zu sein, erfuhren nach Mitternacht, um was es sich handeln könnte. Dann übernahm unsere Kommandostelle die Kontrolle über drei aus Bukarest kommende Flugzeuge, deren Ziel unser Flughafen war. Während einer „Entspannungsperiode" im „Kalten Krieg" hatte man einen großen Teil der Kampftruppen der „Securitate" vor einigen Monaten aufgelöst. Gerade diese Truppen fehlten in diesen „heißen Tagen" in Temeschburg, um sie gegen eventuelle „Volksfeinde" einzusetzen. Damals galt noch die Regel: wenn man einen Feind oder Verräter in einer kommunistischen Partei „entdeckte", dann mußte man solche auch in allen anderen Bruderparteien oder -länder suchen und finden. Jetzt mußten auch im Banat Agenten der ungarischen „Konterrevolutionäre" gefunden und zerschlagen werden. Dafür wurden in dieser Nacht Truppen der Bukarester „Securitate" nach Temeschburg geflogen, die, wie ich später erfuhr, gleich gegen demonstrierende Studenten eingesetzt wurden. Um die Landung dieser Truppen gegen dem "Feind" zu sichern, wurden alle Militäreinheiten des Flughafens in Kampfbereitschaft gesetzt.

Da die „Securitate"-Truppen mit bereitgestellten LKWs schnellstens nach Temeschburg transportiert wurden, hatten wir vermutet, daß auch hier etwas los sein könnte. Aus der Stadt erhielten wir keine Nachrichten mehr, eine Ausgangssperre ist für alle Wehrpflichtigen verordnet worden, und dazu mußten sie sowohl tagsüber als auch nachts immer mit scharfer Munition bewaffnet sein und angezogen schlafen. Offiziere durften nur noch mit geladener Pistole die Kaserne verlassen. Zugleich schwebte unter uns Wehrpflichtigen eine entscheidende Frage in der Luft: Was machen wir im Falle eines Schießbefehls? Gegen wen dieser Schießbefehl gerichtet sein könnte, war noch total unklar. Aber keiner der Soldaten meiner Kompanie, egal welcher Volkszugehörigkeit, fand eine klare Antwort auf diese Frage. Man spekulierte eher, wie man sich aus dem Staub machen könnte.

Für mich und für andere Nichtrumänen nahmen diese Überlegungen bald ein Ende, da wir bei einer Nacht- und Nebelaktion zu anderen Einheiten ins Landesinnere versetzt wurden. Die meisten kamen zu den wiedererrichteten „Securitate"-Kampftruppen. Ich aber wurde einer Telefonstreckenbau-Kompanie aus Otopeni (bei Bukarest) zugeteilt, wo ich meinen „politischen Kredit" in nur zwei Tagen total verloren hatte. Ich war von meiner Tätigkeit als Radiotelegraphist noch immer so begeistert, daß ich im Personalbüro des Regiments meinen Wunsch äußerte, wieder als Funker eingesetzt zu werden. Schon am nächsten Tag wurde mein Koffer vom Spionageabwehr-Offizier durchsucht, der alle Papierstücke, auf denen nur ein Buchstabe geschrieben stand, beschlagnahmt hatte. Seit jenem Tag bekam ich niemals mehr einen „Kampfauftrag", und man begnügte sich mit meiner einfachen Anwesenheit in der Kaserne. Schließlich gehörte ich zu jenen, die am 30. April 1958, sechs Monate vor dem Abschluß der dreijährigen Militärdienstzeit, im Rahmen einer Truppenreduzierung des Warschauer Paktes, mit anderen „unzuverlässigen Elementen" abgerüstet wurde.

Was geschah aber in den vorher erwähnten Oktober- und Novembertagen in Temeschburg? Schon am 24. und danach am 27. Oktober 1956 verordnete das Regionalkomitee Banat der Rumänischen Arbeiterpartei (wie die kommunistische Partei nach der Zwangsvereinigung mit den Sozialdemokraten hieß), in allen Betrieben der Region Aufklärungsaktionen durchzuführen, um so die Bevölkerung vor einer „Konterrevolution", wie die aus Ungarn zu warnen. Zugleich intensivierte man die Aktivität des Spitzelnetzes der Partei, das meist aus den Parteisekretären der Betriebe und Institutionen bestand. Sowohl diese Aktionen, als auch die mehrfachen Besuche der ZK-Kader, unter denen sich auch Ilie Verdet, der heutige Leader der „Sozialistischen Partei der Arbeit" befand, konnten am 30. Oktober die Kundgebungen der Studenten in der Mensa der Maschinenbaufakultät nicht verhindern. Das Gebäude wurde bald von der Armee eingeschlossen, und alle Studenten wurden verhaftet und in der Militäreinheit aus Kleinbetschkerek (Becicherecu Mic) eingesperrt. Danach räumte das Militär alle Studentenheime der Stadt, und die Vorlesungen wurden suspendiert.

Diese Aktion löste am 31. Oktober eine neue Protestwelle der bisher nicht- verhafteten Studenten aus. Diesmal demonstrierten sie aber nicht nur für die Freilassung ihrer Kommilitonen, sondern auch gegen das kommunistische Regime, für den Abzug der Sowjetarmee aus Rumänien und gegen die allgemeine Pflicht, in allen Schulen des Landes russisch zu lernen. Nachdem die Armee das Medizininstitut besetzt hatte, traten die Medizinstudenten in den Hungerstreik. Auch diesmal wurden viele Studenten verhaftet, viele von ihnen wurden auch schlimm mißhandelt. Trotzdem brachen noch am selben Tag Demonstrationen auch beim Landwirtschaftsinstitut aus. Aus Angst vor einem Aufstand nach dem ungarischen Beispiel, hatte man an den wichtigen Punkten der Stadt Panzer aufgestellt, und das Militär besetzte alle wichtigen Institutionen der Stadt, darunter auch die Post. In der Banat-Metropole herrschte ein inoffizieller Ausnahmezustand.

Nachdem die Partei, die Armee und die „Securitate" in den Hochschulen Temeschburgs aufgeräumt hatten, begann man schleunigst mit der „Abrechnung". An den Fakultäten der Temeschburger Hochschulen erneuerte man das Spitzelnetz, dem meist regimetreue Professoren und Assistenten angehörten. Zu den aktivsten von ihnen sollen nach den Recherchen der Journalisten T. Stanca und A. Aslau „Genossen", wie Mihai Bala (Baufakultät), Constantin Popovici (Elektrotechnikfakultät), Leonid Smolski (Landwirtschaftsinstitut), Vasile Zavistici und die Assistenten Stefan Rosinger und Ferenc Kovács (Maschinenbaufakultät - letzterer war vor drei Jahren (!) der Chef des Lehrstuhls für Industrieroboter), wie auch der nun unter uns als Aussiedler lebende „Historiker der Arbeiterbewegung" William Marin (Medizininstitut). Den Parteiorganen sollen aber auch weitere akademische Lehrkräfte Informationen über die Studenten geliefert haben. Zu diesen sollen unter anderen auch Alfred Heinrich vom Pädagogischen Institut, Leopold Izsák, Vera Farkas, Abraham Heller und Helena Feldmann vom Polytechnischen Institut, wie auch ein gewisser Stossel vom Medizininstitut gehört haben. Später bezeichnete die Partei diese „Genossen" neben vielen anderen als „treue Mitarbeiter bei der Zerschlagung der feindlichen Agitatoren".

Zugleich wurden auf 41 Seiten Listen mit den „Rädelsführern" aufgestellt. Auf diesen befanden sich auch Johann Holländer und Gudrun Michels von der Maschinenbaufakultät, die wegen ihres „Vergehens" von der Hochschule exmatrikuliert wurden. Auf diesen Listen standen auch akademische Lehrkräfte, wie der Assistent Dr. Weinroth und der Lektor Emmerich Deutsch.

Der Name des „Chefinformators" Francisc Cotociu, damals Parteifunktionär bei den Rumänischen Eisenbahnen, befindet sich heute in den Dossiers des Parteiarchivs. Er erhielt seine Primärinformationen von seinen Kindern Francisc und Eleonore, die beide Studenten waren. Der erstere war schon als Schüler der UTM-Sekretär einer Technischen Mittelschule der Eisenbahnen. Auch Eleonora Cotociu war vor drei Jahren (!) akademische Lehrkraft an der Maschinenbaufakultät. Akademische Lehrkräfte, die für die demonstrierenden Studenten Verständnis zeigten, wurden entlassen, versetzt oder von der Partei ausgeschlossen, was auch das Ende ihrer akademischen Laufbahn bedeutete. Unter den aus dem Lehramt Entlassenen befand sich auch der heutige Nestor der donauschwäbischen Literatur Prof. Dr. Rudolf Hollinger. „Ungeschoren" blieben aber auch einige „Securitate"-Offiziere nicht. Einer mußte sogar dafür verantworten, daß er seine Vorgesetzten nicht rechtzeitig über das Vorhaben der Studenten informiert habe.

Nach dem 15. November hatte man 31 Studenten und dem Professor Ilie Haiduc den Prozeß gemacht. Das Urteil wurde schon zwei Tage zuvor vom Sekretariat des Parteikomitees beschlossen. Die Angeklagten sollten unter Ausschluß der Öffentlichkeit laut § 328 des Strafgesetzbuches wegen Agitation gegen die sozialistische Staatsordnung zu 5 bis 10 Jahren Gefängnis verurteilt werden. Die Staatsfeindlichkeit der Studenten konnte nicht widerspruchslos bewiesen werden, und so nahm man schließlich an, daß sie leichtsinnig gehandelt haben und von den Ereignissen aus Ungarn beeinflußt gewesen wären. Es konnte auch nicht bewiesen werden, daß die Demonstrationen von Professoren oder von einer feindlichen Organisation gesteuert worden seien. So kam es dazu, daß die anfangs beschlossenen Todesstrafen nicht ausgesprochen wurden. Am 7. April 1957 stellte die Partei aber wieder fest, daß die von ihr diktierten Strafen zu mild waren. Von den 697 „feindlichen Elementen" sind bis zu diesem Tag nur 104 zu Gefängnisstrafen verurteilt worden, 81 Studenten wurden exmatrikuliert, 72 sind aus der kommunistischen Jugendorganisation UTM „herausgeworfen" worden und 54 erhielten „weitere Strafen". In 372 Fällen waren damals die Untersuchungen noch nicht abgeschlossen. Dies bedeutet, daß bis an diesem Tag nur vier Studenten unbestraft davonkamen. Dies war für die Partei der Arbeiterklasse zu mild, zu wenig und zu langsam.

Trotz der erlittenen Niederlage haben die banater Jugendlichen schon vor 40 Jahren den neuen kommunistischen Machthabern bewiesen, daß die marxistisch- leninistische Ideologie keine Chance hat zu gedeihen. Alexandru Moghioros, der eigentlich Sándor Mogyoros hieß, sagte während einer Parteisitzung in Temeschburg am 1. November 1956: „ Wenn dieser Herd hier nicht gelöscht werden kann, dann ist die Regierung entschlossen, das gesamte Hochschulzentrum Temeschburg aufzulösen". Genau 33 Jahre später wollte Ceausescu die ganze Stadt auslöschen, weil wieder die Jugendlichen nicht mehr bereit waren, nicht nur den Kommunismus, sondern auch die Familiendiktatur der Ceausescus zu ertragen.

Oktober 1996                                                                                                      Anton Zollner