Wie deutsch sind noch die „deutschen Schulen"?

Daß es mit den „deutschen Schulen" in Rumänien nicht zum besten steht, ist heute kein Geheimnis mehr. Dies wurde nun auch im April 1996 während der 4. Sitzung des Ständigen Ausschusses für das Fach Deutsch öffentlich bestätigt.

Die Zahl der Schüler in den deutschen Grundschulklassen ist zurzeit rückläufig, und der Anteil der rumänischen Kindern steigt unaufhaltsam. Dieses Phänomen ist im Kindergartenbereich noch stärker geprägt. Im Vergleich zum Schuljahr 1994/95 sank im Schuljahr 1995/96 die Zahl der Schüler der "deutschen Schulen" um 443 auf 6.999 und die der Kinder in den deutschen Kindergärten sogar um 1.479 auf nur noch 5.769. Im Bereich der Gymnasial- (5.-8. Klassen) und der Lyzealstufen (9.-12. Klassen) ist eine ganz leichte Zunahme der Schülerzahl festzustellen. Trotzdem lernten im vorigen Schuljahr um 1.648 weniger Kinder und Jugendliche Deutsch als „Muttersprache", wenn auch die wirkliche Muttersprache der meisten dieser Kinder und Schüler Rumänisch war. Dieser Zustand dürfte beim ersten Blick nicht besorgniserregend sein, wenn man die fast vollendete Aussiedlung aller Rumäniendeutschen, besonders derjenigen, die schulpflichtige Kinder hatten, in die Analyse einbezieht. Betrachtet man aber die Zusammensetzung der „deutschen" Klassen, so muß man zur Kenntnis nehmen, daß mit Ausnahme ganz weniger Ortschaften in diesen Klassen nur noch 1 bis 5 Schüler mit zwei deutschen Elternteilen oder zumindest mit Deutsch als Umgangssprache in der Familie lernen. Wie sollen nun die wirklich deutschen Kinder in einem solchen Umfeld, in dem man fast ausschließlich nur rumänisch spricht, noch ein richtiges Deutsch erlernen? Schon in den ´80er Jahren, als in der Temeschburger "Nikolaus Lenau"-Schule, nur etwa die Hälfte der Schüler Deutsche waren, wurde von den Schülern das „Lenau-Deutsch" gesprochen. Diese Sprache war nichts anderes als ein Gemisch aus Deutsch und Rumänisch, hauptsächlich aber eine „Germanisierung" rumänischer Wörter durch die Anpassung der Endungen. Die Folgen dieses „Lenau-Deutsch"s hatten viele der Lenau-Schüler erst hier nach der Aussiedlung zu fühlen bekommen. Man darf aber nicht vergessen, daß die Lenau-Schule damals noch über die besten deutschen Lehrer des Banats verfügte.

Zur Zeit ist dies alles nur noch eine schöne Erinnerung, weil das Schlimmste an den heutigen „deutschen Schulen" Rumäniens die schlechte Ausbildung des größten Teils der „deutschen" Lehrer ist. Die meisten von ihnen haben Deutsch als Fremdsprache erlernt, und solche Lehrer können beim besten Willen Deutsch nicht als Muttersprache unterrichten. Dafür fehlt ihnen vor allen eine richtige Aussprache. Auch Schülern, die in Rumänien noch von guten Deutschlehrern unterrichtet wurden, ist hier im Mutterland ein „zu hartes Deutsch" vorgeworfen worden. Vielen von ihnen wurde auch vorgeworfen, ein „Auslandsdeutsch" zu sprechen. Man merkte eben den fehlenden Kontakt der Deutschlehrer zum deutschen Sprachraum. Heute ist aber das damalige „Auslandsdeutsch" bereits ein Ziel, daß nur noch ganz wenige Schüler erreichen.

Das Ergebnis dieses Zustandes der „deutschen Schulen" kann man heute auch an den deutschsprachigen Sendungen des rumänischen Rundfunks leicht feststellen. Es verschlägt einem die Sprache vor Staunen, wenn man sich den Sender „Bukarest International" anhört. Kein Nachbarland Rumäniens, ja nicht einmal China, läßt Sprecher, wie die des genannten Senders zum Mikrophon. Schriftlich mögen diese Sprecher im Deutschen gut sein, aber mündlich kann man sie kaum verstehen.

Man darf aber in keinem Fall vergessen, daß heute nur noch etwa die Hälfte der „deutschen" Grundschullehrer und noch weniger Kindergärtnerinnen eine entsprechende Ausbildung vorzeigen können. Die meisten sind sogenannte „Hilfslehrer", die meist ein „deutsches Lyzeum" mit den oben genannten Zuständen absolviert haben. Von einer pädagogischen Qualifikation kann gar keine Rede sein. Zu dieser „Ausbildung" kommen dann auch die Sprachschwierigkeiten eines Nichtdeutschen oder Halbdeutschen hinzu. Zu diesem Thema machte eine Teilnehmerin bei der anfangs genannten Sitzung mit Recht die Bemerkung, daß man die deutschen Schulen auflösen müßte, wenn nur jene Lehrer unterrichten dürften, die ein korrektes Deutsch sprechen. Wie könnte es aber in einer „deutschen Schule" sein, in der nichtdeutsche Schüler Deutsch als „Muttersprache" erlernen sollen, und zwar von Lehrern, deren Muttersprache auch nicht Deutsch ist? Auch hier ist reichlich bewiesen, daß man eine echte deutsche Kultur in den gewesenen deutschen Siedlungsgebieten Rumäniens nicht mehr pflegen kann, wenn diese dort keine Träger hat. Sogar der künstliche Erhalt der deutschen Schulen mit Hilfen von Gastlehrern hat sich als ein Fehlschlag erwiesen. Lehrer mit zwei grundverschiedenen pädagogischen Konzepten und noch unterschiedlicheren Weltanschauungen sollten nicht in derselben Klasse unterrichten. Was kann sich da in den Köpfen ihrer Schüler abspielen?

Die heutige Lage der „deutschen Schulen" hat noch einmal bewiesen, das eine „Volksgemeinschaft", deren Existenz immer künstlich vorgeführt wird, die aber ihre Kultur nicht mehr selbst tragen kann, weil sie über keine eigenen Intellektuellen mehr verfügt, sich im Auflösungsprozeß befindet. Mischlinge können sehr gut an der Pflege einer Kultur, der sie nur zum Teil angehören, teilnehmen, sie sind aber nicht imstande, alleine diese Kultur zu „retten". Demzufolge kann auch die deutsche Schule Rumäniens, einst ein Stolz dieses Landes, von nichtdeutschen Lehrern kaum gerettet werden. Unter den heutigen Bedingungen kann man in Rumänien Deutsch nur noch als Fremdsprache unterrichten und erlernen. So leid es uns auch tut, um jene in der alten Heimat verbliebenen Landsleute, die sich nicht entschließen konnten, ins Mutterland zu ziehen, sie müssen wissen, daß sie dort eine Zeit lang als Deutsche leben können, aber ihr Zugang zur deutschen Kultur wird ständig enger. Man müßte hierzulande endlich auch bei den zuständigen Stellen die Realität wahrnehmen: in Rumänien gibt es keine geschlossene deutsche Siedlungsgebiete mehr, und damit muß die deutsche Kolonisation im Südosten Europas als abgeschlossen betrachtet werden. Man sollte sich endlich auf eine Hilfeleistung konzentrieren, die das Überleben unserer im Banat und in Siebenbürgen verbliebenen Landsleute sichert.

Die „deutsche Schule" aus Rumänien ist an einem Scheidepunkt angelangt, an dem nun die richtigen Entscheidungen für die nächste Zeit getroffen werden müssen: Deutsch als Muttersprache unter diesen schlechten Bedingungen oder Deutsch als Fremdsprache. In diesem letzten Fall müßten die deutschsprachigen Schulen aus Bukarest, Kronstadt, Hermannstadt und Temeschburg mit den 1. bis 12. Klassen unter jeden Umständen erhalten bleiben. Hier sollten die besten Lehrern des Landes konzentriert werden und die deutschen Schüler sollten bei der Aufnahme vor den nichtdeutschen Vorrang haben. Aber ... viel Zeit zum überlegen bleibt leider nicht mehr!

November 1996                                                                                                        Anton Zollner