Seit hundert Jahren Philatelievereine in Temeschburg

Bekanntlich sind im Banat die ersten Briefmarken im Jahre 1850 in Umlauf gekommen. Dies geschah zehn Jahre, nachdem in England die Postsendungen mit der „Penny Black“ – der erster Briefmarke der Welt – frankiert wurden. Etwa 30 Jahre später, 1880, zählte man elf Briefmarkensammler, die Mitglieder österreichischer oder deutscher Philatelievereine waren. 1895 gründeten Ingenieure und Techniker der Berg- und Metallwerke aus Ferdinandsberg, Rußberg und Ruskitza in Karansebesch den ersten Briefmarkensammlerverein des Banats, den „Südungarischen Postwertzeichen-Sammler-Verein“.

Im Jahre 1903 organisierten sich auch die Temeschburger Philatelisten unter der Leitung von Dezsö Ürmény und Béla Fiatska und riefen den ersten Temeschburger Philatelie-Club ins Leben. Die Genannten brachten zugleich einmal jährlich das Vereinsblatt „Bélyeg-Tözsde“ (Markenbörse) heraus. Das Blatt veröffentlichte auch Anzeigen mit Angeboten zum Briefmarkentausch.

Nach dem Anschluss eines Teils des Banats an Rumänien hatte man auch die Tätigkeit der Briefmarkensammler an die neuen Strukturen Rumäniens angepasst. Am 18. August 1919 ist der Temeschburger Philatelie-Club unter der Leitung des Buchdruckereibesitzers Anton Lovas, der seit 1911 auch Eigentümer der „Neuen Temesvarer Zeitung“ war, umgestaltet worden. Der Philatelie-Club gab von 1920 bis 1926 die Zeitschrift „Banather Philatelist“ heraus, die zeitweise eine Auflage von 10.000 Exemplaren hatte. Diese Publikation war sehr geschätzt, weil sie viele interessante Studien veröffentlichte, und eben darum kann man sich nicht erklären, warum Dr. Nicolae Iliesiu sie nicht in das Verzeichnis  der Temeschburger Presse aus seiner Temeschburger Monographie (1943) aufgenommen hat.

Die Temeschburger Philatelisten waren auch in ihrem neuen Staat angesehene Profis auf dem Gebiet der Briefmarkensammlung. So ist es auch zu erklären, warum die erste Briefmarkenausstellung Rumäniens nach dem Ersten Weltkrieg im Mai 1920 in Temeschburg veranstaltet wurde. Drei Jahre später, im September 1923, fand ebenfalls in der Banat-Metropole der erste Kongress der Briefmarkensammler Rumäniens statt. In der gleichzeitig stattfindenden Briefmarkenausstellung waren auch die berühmten Briefmarken der Moldau mit dem Auerochsenkopf („cap de bour“) zu sehen. Eine fast komplette Sammlung dieser Briefmarken, von denen 1.550 Stück gedruckt wurden, besitzt auch der Münchner Philatelist Franz Walch. Die Hauptstadt des Banats war damals auch der Gastgeber des ersten rumänischen Symposiums zu diesem Thema, und hier fand auch die erste Briefmarkenversteigerung Rumäniens statt.

In der Zwischenkriegszeit hatte der Temeschburger Philatelie-Club 250 Mitglieder. Einer von ihnen, Béla Fiatska, besaß damals eine wertvolle Sammlung von Briefen, die mit den ersten im Banat in Umlauf befindlichen österreichischen Briefmarken frankiert waren. 1930 erschien in Temeschburg die philatelische Zeitschrift „Balkanpost“, deren Chefredakteur Emmanuel Leipnik war. Unter der Leitung des Univ.-Professors Emil Ghermanescu ist 1943 in Temeschburg der „Verband der Banater Philatelisten“ (Asociatia Filatelistilor din Banat) gegründet worden. Ein ähnlicher Verband ist später auch in Reschitz entstanden. Dieser veranstaltete die erste Briefmarkenausstellung Rumäniens nach dem Zweiten Weltkrieg.

In den Jahren des Sozialismus sorgte man dafür, dass auch die Briefmarkensammler ihre Selbstständigkeit im Vereinsleben aufgaben. Die bisherigen Vereine wurden aufgelöst, und an deren Stelle ist vom Staat der „Verband der Philatelisten aus Rumänien“ (Asociatia Filatelistilor din România) gegründet worden. Dieser Verband wurde einheitlich und zentralistisch von Bukarest aus organisiert, in den Landesteilen entstanden Verbandsfilialen. Bei dieser Gelegenheit wurde der Philatelie-Club zur Banater Filiale des Verbands der Philatelisten aus Rumänien. In den größeren Ortschaften des Banats, wie Arad, Lugosch, Orawitz, Detta, Hatzfeld usw., hatte man die Briefmarkensammler in Philatelie-Kreisen organisiert. Später wurden solche Philatelie-Kreise auch in größeren Staatsbetrieben eingerichtet. Auf dieser Weise sollte die Philatelie zum Hobby der Werktätigen werden. Nach den Dezemberereignissen von 1989 sind die rumänischen Briefmarkensammler im „Rumänischen Philatelistenbund“ (Federatia Filatelica Româna) organisiert.

Der erste Vorsitzende der Filiale Banat war der Univ.-Professor Koloman Bakonyi. Ihm folgten Dipl.-Ing. Gheorghe Ciresan (1965-1971), Dr. Razvan Panaitescu (1971-1986), der ehemalige Direktor der Temescher Kreisdirektion für Post und Fernmeldewesen Pompiliu Bârlan (1986-1988) und Dipl.-Ing. Teodor Ciomocos (1988). Der Vorsitzende des heutigen „Philatelischen Verbands Temeschburg“ (Asociatia Filatelica Timisoara) ist der seit 1988 amtierende Tiron Martin. Er ist seit 1992 auch Vorsitzender des Studienkreises für die Postgeschichte Siebenbürgens, des Banats und des Buchenlands (Cercul de Studii a Istoriei Postale din Ardeal, Banat si Bucovina) und zugleich der Redakteur des Bulletins des Studienkreises, das viermal im Jahr erscheint.
 
Seit der Wende lässt leider auch die Tätigkeit der Briefmarkensammler zu wünschen übrig. Wegen der ständigen Verarmung der Bevölkerung sind solche Hobbys unbezahlbar geworden. Dies widerspiegelt sich auch in der Zahl der Vereinsmitglieder: 1989 gab es allein im Landkreis Temesch 7.400 eingeschriebene Mitglieder, ihre Zahl sank bis heute auf nur noch etwa 2.000. Auch das Erscheinen des oben erwähnten Bulletins wird immer fraglicher, und es ist nur eine Frage der Zeit, wann es der Not zum Opfer fällt. Soll nun dieser Trend das Ende einer hundertjährigen Temeschburger Tradition einleiten?

Februar 2002                                                                                                         Anton Zollner
 

Anmerk. d. Verfassers: Ein Teil der historischen Daten wurden aus der Temeschburger Wochenschrift „Agenda“ entnommen.