Das Postpalais

Nach dem Abriss der Festungsmauern um die Jahrhundertwende begann in Temeschburg eine der wichtigsten Perioden der Baugeschichte dieser Stadt. Das plötzlich vorhandene Bauland, das zwischen der Festung und den Vororten Fabrik bzw. Josefstadt lag, ermöglichte die Errichtung eine der schönsten Städte Südosteuropas. Laut Mihai Opris erstellten der Baumeister und Professor für Architektur Ludwig von Ybl - eigentlich Ritter von Eibl - und der Chefingenieur Temeschburgs Aladár Kovács Sebestyén 1893-95 mehrere Varianten von Systematisierungsplänen, wonach nach Wiener Vorbild mehrere Ringe entstehen sollten, die aber später vom Architekten László Szesztay vereinfacht wurden. Laut dieser Pläne sollte auch eine 40 Meter breite Verkehrsader erster Kategorie errichtet werden, die die Innenstadt mit der Vorstadt Fabrik verbinden sollte. Das ist der Boulevard, der nach dem Zweiten Weltkrieg den Namen „23. August" erhielt. Auf diesem sollten dringend sozial-kulturelle Bauten entstehen, darunter auch das Postpalais.

Durch die Entwicklung des Post- und Fernmeldewesens sind die im Dicasterial-Palais unterbrachten Betriebsräume zu klein geworden. Darum beschloss der ungarische Staat, dem diese Dienste unterstellt waren, ein neues Gebäude zu errichten. Laut dem Journalisten Luzian Geier stellte die Stadt 1905 dafür 1206 Quadratklafter Baufläche zur Verfügung. Mit dem Bau wurde 1910 begonnen, das Jahr seiner Fertigstellung scheint nicht genau bekannt zu sein. Nach Mihai Opris soll das wahrscheinlich vom Architekten Ignác Alpár - eigentlich Ignatz Schöckl - geplante Gebäude 1913 fertiggestellt worden sein. Nach anderen Quellen soll die Post schon 1912 in ihrem neuen Palais eingezogen sein. Im Erdgeschoss richtete man eine große Schalterhalle ein. Im ersten Obergeschoss ist das Telegrafenamt eingerichtet worden, wo später auch die automatische Telegrafenzentrale ihren Platz fand. Im zweiten Obergeschoss war bis 1937 die für jene Zeiten moderne manuell bediente Telefonzentrale untergebracht.

Laut Luzian Geier umfasste der Baugrund schließlich eine Fläche von 4426,8 qm. Das zwei- und teilweise dreistöckige Gebäude ist von vier Straßen umgeben und hat eine Trapezform. Die architektonisch schön gestaltete Außenfassade entlang des 23.-August-Boulevards und die Rückseite auf der Traian-Grozescu-Str. haben eine Länge von je 37,6 Meter. Die zwei Seitenfronten auf der Mauriciu-Encsel-Str. und auf dem Lenin-Boulevard sind 98,7 bzw. 112 Meter lang. Der Innenraum wurde auch für heute noch gültige Ansprüche zu Postdienstzwecken gegliedert: 170 Zimmer und 45 Nebenräume. Im 3. Stockwerk wurden auch Dienstwohnungen und zwischen den Gebäudeflügeln zwei zweckmäßige Innenhöfe eingerichtet.

Nach dem Ersten Weltkrieg, als die serbischen Truppen Temeschburg besetzen, kam auch das Postpalais unter deren Kontrolle. Als sie später abziehen mussten, nahmen sie neben den modernen technischen Einrichtungen auch das gesamte Postarchiv mit. Das ist auch der Grund weshalb die Banater Postgeschichte heute nur sehr schwer zu ermitteln ist. Im Herbst 1919, nach dem Anschluss des Banats an Rumänien, wurde im Postpalais eine rumänische Postverwaltung eingesetzt. Laut Geier schätzte man den damaligen Wert des Baus auf etwa 50 Millionen Lei.

Die ersten nennenswerten Überholungsarbeiten wurden am Bau des Postpalais erst 1932 durchgeführt. Laut Geier gab es 1936 im Postpalais elektrische Beleuchtung und Zentralheizung. Die Heizanlage wurde in den '70-er Jahren modernisiert. In denselben Jahren ist am Bau eine Teilreparatur durchgeführt wurden, und Anfang der '80-er Jahren hatte man den Bau sogar generalüberholt.

Da das Postpalais ursprünglich zu geräumig angelegt wurde, hatte man im Gebäude nachweislich seit 1923 auch andere Institutionen untergebracht. So zum Beispiel fungierte zwischen 1923 und 1940 in einem Gebäudeflügel die Fach- und Oberschule für Post- und Fernmeldewesen. 1940 waren hier zeitweilig auch die neugegründete Baufakultät und die nach dem Wiener Diktat aus Klausenburg übersiedelte Erdkundefakultät eingerichtet. Nach dem Zweiten Weltkrieg war im Postpalais die Banater Post-Telegrafen-Telefon-Direktion (heute Temescher Kreisdirektion für Post und Fernmeldewesen) und ein Postamt - das Hauptpostamt - untergebracht, die aber im eigenen Haus über einen immer kleineren Raum verfügten. Ab 1948 funktionierte hier die Technische Mittelschule für Post und Fernmeldewesen und nach deren Auflösung die posteigene postlyzeale Schule für Radio und Fernmeldewesen. 1950 gründete man den Kindergarten mit Hort für die Kinder des Postpersonals. 1958, nach dem Zusammenschluss des Ministeriums für Post und Fernmeldewesen und des Ministeriums für Verkehrswesen, zog in das Postgebäude auch das Regionale Transportunternehmen (IRTA) ein. 1962 kam auch noch der betriebseigene Drahtfunksender hinzu. Dafür musste aber die Kantine aufgegeben werden. Schließlich mussten 1968 auch die Postschalter zusammenrücken, um dem Reisebüro der Rumänischen Eisenbahnen (CFR) hier Platz zu machen.

Das Postpalais, das von den „Alt-Temeswarern" als „Große Post" bezeichnet wird, ist auch heute noch einer der schönsten Bauten der Banat-Metropole. Er stellt ein architektonisches Kunstwerk jener Bauperiode dar, in der Temeschburg die Bezeichnung „Klein-Wien" rechtfertigen sollte.

München - 1990                                                                                                  Anton Zollner