Gedanken beim Wieder-Lesen der
 Gedichte von Nikolaus Berwanger

 - Vortrag von Dr. Herbert Bockel auf der
 33. Kulturtagung 1997 der Landsmannschaft der Banater Schwaben
 im Haus der Donauschwaben aus Sindelfingen -

Die folgenden Ausführungen wurden am 26. Oktober 1996 bei der 40-Jahr-Feier der Temeswarer Germanistik an der dortigen Universität vorgetragen und sind auch - gleich zweimal - im Druck erschienen.[1] Der Anlaß damals war die Erinnerung an einen Mann, der nicht nur an der Universität Temeswar Germanistik und Rumänistik studiert hat, sondern der als Kulturpolitiker und Journalist den Werdegang der Germanistik-Sektion und des Lehrstuhls als aufmerksamer Berichterstatter und Kommentator begleitet und gefördert hat.

Nur ungern wiederhole ich einen älteren Vortrag, zumal er bereits in gedruckter Form nachzulesen ist. Mein Bedenken teilte ich auch den Organisatoren dieser Tagung mit, die jene aber mit dem Argument ausräumten, daß die Zuhörerschaft hier in Sindelfingen eine andere sei als in Temeswar und daß mit größter Wahrscheinlichkeit die wenigsten der hier Anwesenden Einblick in die genannten Publikationen hätten. Dazu gesellt sich ein weiterer Beweggrund: Über Nikolaus Berwanger auf einer Tagung der Landsmannschaft zu sprechen, entbehrt nicht eines gewissen Reizes, weiß man doch - dies allerdings bloß in diffuser Weise -, daß es erhebliche Spannungen zwischen Berwanger und dem Vorstand der Landsmannschaft der Banater Schwaben gegeben hat. Aber vielleicht dient gerade dieses Referat und die darauf folgenden, eventuell polemischen Aussprachen, mit denen ich sehr gerne rechne, für ein klärendes und bereinigendes Fazit.

Der folgende Vortrag, der gegenüber der Temeswarer Fassung leicht überarbeitet und mit Betrachtungen zum letzten, dem postum erschienenen Lyrikband Du hast nicht Dein Leben Du hast Deine Zeit gelebt. Gedichte aus dem Nachlaß[2] ergänzt wurde, will keine wissenschaftliche Abhandlung sein, er versteht sich auch nicht als Würdigung des gesamten lyrischen Werkes von Nikolaus Berwanger - dazu reicht die für eine Tagung vorgesehene Zeit von 30 Minuten keineswegs aus. Es ist hier auch nicht die Stelle, Leben und Tätigkeit des 1935 in Freidorf im Banat geborenen und 1989 in Ludwigsburg in Württemberg verstorbenen Nikolaus Berwanger ausführlich darzustellen. Das wäre zweifelsohne die lohnende Aufgabe einer exhaustiven Untersuchung, etwa einer Magisterarbeit oder einer Dissertation.[3] Erinnert werden möge hier ganz kurz an den Vollblutjournalisten, der diesen Beruf von der Pike auf gelernt hat, an den langjährigen Chefredakteur der Neuen Banater Zeitung (NBZ), der dieses Blatt zu einem der meistgelesenen Presseorgane der Banater Deutschen überhaupt gemacht hat (man muß ehrlicherweise hinzufügen: auch in Ermangelung einer Konkurrenz), an den Chronisten des Temeswarer Deutschen Staatstheaters, an den Menschen Berwanger, der jahrelang im Rampenlicht der rumäniendeutschen Öffentlichkeit stand, der zwar in der „großen" Politik wohl kaum etwas zu bestellen hatte, die Kulturpolitik, was die Banater Deutschen in den 60er und 70er Jahren anbelangte, jedoch maßgeblich mitbestimmte, an den Leiter des zu einem Sammelpunkt aller, sehr verschiedenartig Schreibenden gewordenen Temeswarer Literaturkreises „Adam Müller-Guttenbrunn", der erwiesenerweise junge Talente förderte, der gleichzeitig aber oft unnachgiebig keine andere Meinung neben der seinen gelten ließ. Fakt ist allerdings, daß er sowohl als Leiter des Literaturkreises als auch als Chefredakteur der NBZ - objektiv gesehen - mitgeholfen hat, die Keimzelle zu schaffen, aus der Anfang der siebziger Jahre die „Aktionsgruppe Banat" hervorgegangen ist, eine lose Vereinigung junger Autoren, von denen manche heute in der Literaturszene der Bundesrepublik einen guten Namen haben.

Nicht vergessen werden soll der Schriftsteller Berwanger, der zu den produktivsten Banatern der letzten fünfzig Jahre oder auch mehr gehört, dem allerdings wie nicht jedem anderen die Türen der Verlage offenstanden. Der ehemalige Sekretär des Rumänischen Schriftstellerverbandes ist der Autor von rund zwei Dutzend Büchern, Gedichten und Prosa, in Hochdeutsch und in banatschwäbischer Mundart, von Studien und Aufsätzen, Rundfunkbeiträgen und Fernsehdokumentationen.[4] Seine Verse wurden in 11 Sprachen übersetzt und publiziert, in den späteren Jahren unternahm er selber Versuche, aus dem Rumänischen ins Deutsche zu übertragen.[5] Berwanger ist mit Lesungen erfolgreich an die rumäniendeutsche, rumänische und bundesdeutsche Öffentlichkeit getreten, er wurde von der Amerikanischen Goethe-Gesellschaft an die renommierte Georgetown-University in Washington eingeladen, sein Name war in den Bestseller-Listen der angesehenen Wochenschrift Die Zeit wie auch im Literarischen Brockhaus des Jahres 1988 anzutreffen. Wie immer man zu ihm stehen mag, der zeit seines Lebens von vielen seiner Landsleute hochgeschätzt, von wohl genau so vielen verteufelt wurde, dieser vielseitige, aber auch widersprüchliche Nikolaus Berwanger, ist aus dem kulturellen und literarischen Leben der Banater Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wegzudenken.

Und doch ist es, nach seinem plötzlichen Tod vor mehr als acht Jahren, sehr still um ihn geworden, hier wie dort, bis auf eine Ausnahme, bei der es ebenfalls um ein Wieder-Lesen handelt, seitens eines - erfreulicherweise - Jüngeren von uns.[6] Ist das Vergessenwerden, die Vergänglichkeit der Werte tatsächlich ein unausweichliches Schicksal?

Versuchen wir uns doch zu erinnern: Wie war das damals, als 1976 - Berwanger war immerhin schon 40 Jahre alt - der Debütband ich häng mei gsicht net an de nagel erschien? Für den Großteil der Leser, aber auch für manche Kritiker wirkten die schwowegsätzle anno '76 (so der Untertitel des Buches) wie ein Schock, war man doch an eine andere Art von „Gsätzlen" d.h. Gedichten, gewöhnt, wie sie beispielsweise in der Anthologie Schwowische Gsätzle ausm Banat[7] zu finden waren, gute, meist bieder-lustige Reime der Altvorderen. Vertraut waren einem auch die Mundartproduktionen der Zeitgenossen, wie sie etwa ab 1970 in der Pipatsch, der sehr beliebten, von Berwanger mitherausgegebenen wöchentlich erscheinenden Mundartseite der Neuen Banater Zeitung zu lesen waren. (In dieser Beilage debütierte Berwanger übrigens 1971 mit einem songartigen lyrischen Text[8].) Zwar betonte Berwanger, daß er mit seinen Mundartgedichten keine „literarischen Eltern" habe[9], man erfuhr aber dann doch, daß der Anstoß dazu von der „Güssinger Begegnung" 1974 im österreichischen Burgenland kam, bei der Berwanger eine Dichtung kennengelernt hatte, „die der Mundart eine neue Funktion gegeben hat als Protest, als Rückgewinnung des natürlichen Ausdrucksmittels, gegenübergestellt einer elitären Lyrik, die in die Sackgasse geraten war."[10]

Es kann davon ausgegangen werden, daß Berwanger mit dieser Art Lyrik seine ihm adäquate poetische Ausdrucksform, in Mundart wie auch in der Hochsprache, gefunden hat, die ihn bis zu seinem Lebensende begleiten sollte. Und noch ein Faktum: Berwanger machte mit dieser neuen Schreibweise Schule. 1979 erschien die Anthologie Fechsung[11], in der neben zumeist in der Tradition fußender Mundartlyrik auch Töne zu hören waren, die aufhorchen ließen, und die wohl auf das Vorbild Berwanger zurückzuführen sind. Gemeint sind die Gedichte der damals sehr jungen Helmuth Frauendorfer (geb. 1959), Franz Jünger (geb. 1958), Ute Roos (geb. 1962), Horst Samson (geb. 1954), des etwas älteren Franz Th. Schleich (geb. 1948) und des einer anderen Generation angehörenden Ludwig Schwarz (1925-1981).

Von Kritikern und Rezensenten[12] wurde wiederholt festgestellt, daß „zwei Themen immer wieder in seinen [Berwangers - Anm. d. Verf.] Texten wiederkehren: das erste ist die Banater Heimat, das zweite die Alltagsbewältigung in der modernen Umwelt."[13] In beiden Kreisen kann man - und das fällt beim Wieder-Lesen auf - deren differenzierte thematische Behandlung antreffen, wie z. B. die Topoi Elternhaus und Herkunft, Bekenntnis zur Mundart, den Stolz, ein Banater Schwabe zu sein, die Verbundenheit mit der heimatlichen Natur, zumal der vielbesungenen Banater Heide, aber auch in zunehmendem Maße das Sujet der Bedrohung und der Vergänglichkeit des Banater deutschen Dorfes durch mißliche Umstände, nicht zuletzt durch die Auswanderung nach Deutschland. In seinem, in Mundart geschriebenen Gedicht letschte hopsepolka[14] nimmt diese Sachlage geradezu den Charakter einer apokalyptischen Vision an: „e sturm blost e wildi zeit/ dorch die schwowische gasse/ die hunde reiße an ihre kett/ die kaule fange an zu towe/ mei schinackel/ zum iwerlaafe voll mit geelem wasser/ tanzt sei letschte hopsepolka."

Auch der zweite thematische Kreis ist facettenreich: die Gefährdung unserer Welt durch die Technik, aber auch durch die immer mehr um sich greifende Bürokratie, der Verlust des Rechts des Individuums auf persönliches Glück, die gestörten zwischenmenschlichen Beziehungen usw.

Dabei hat Nikolaus Berwanger in vielen Hinsichten in seinen Gedichten, die ja Ausdruck seines ureigensten Denkens und Fühlens sind, wie wenige seiner dichtenden Zeitgenossen den Nerv der Zeit getroffen; das kann man aus der zeitlichen Distanz mit Fug und Recht behaupten. Man denke nur an das epigrammartige Gedicht einem freund[15], dessen erste Strophe „die banater heimat/ ist dir fremd geworden/ die fremde/ wird dir nie zur heimat", sicherlich in erster Linie vor den zur Genüge bekannten sozio-politischen Hintergrund gestellt werden muß und somit die drohende Entwurzelung des Individuums Nikolaus Berwanger vorwegnimmt bzw. die vieler seiner Schicksalsgefährten illustriert, das aber auch - zeitlos gültig - die innere Unruhe, die Unstetheit des mit offenen Augen und wachem Verstand durch unsere Zeit schreitenden Autors wiedergibt. Man wird an Brechts Gedicht Der Radwechsel erinnert („Ich sitze am Straßenrand./ Der Fahrer wechselt das Rad./ Ich bin nicht gern, wo ich herkomme./ Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre./ Warum sehe ich den Radwechsel mit Ungeduld?"), wie denn die Nachfolge Brechts bei Berwanger, etwa die oft provozierende Herausforderung an den Leser mit- und weiterzudenken, wiederholterweise herausgestellt wurde. Die zweite Strophe des eben erwähnten Gedichtes von Berwanger bestätigt die Idee der zeitlosen Aussage - es geht keineswegs mehr um die Banater Heimat bzw. deren Verlust, sondern eindeutig um ein brisantes Thema unserer Zeit: „verbittert und enttäuscht/ verlierst du dich/ im menschenmeer/ einer herzlosen großstadt." Diese Enttäuschung und Verbitterung, hier zunächst und vorrangig ausgelöst durch die Herzlosigkeit der Großstadt, wird in der Folge immer mehr zum Generalthema der späten Lyrik Berwangers.

Aber nochmals zurück zur Zeit Berwangers in Rumänien. Welche weiteren Gedanken werden heute beim Wieder-Lesen seiner Gedichte wach? Man erinnert sich an den „graden michl"[16], als den er sich gern bezeichnete, daran daß in ihm „viel munition"[17] lag, gepaart mit einem gehörigen Maß an Zivilcourage. Man genießt beim Wieder-Lesen so manche zweideutigen Texte, Anspielungen auf die Auswüchse des totalitären Regimes, alles in allem oft provokante Äußerungen, wie sie sich damals nur wenige erlaubten. Überwerten sollte man andererseits solche kritischen Töne dann auch wiederum nicht, war diese Möglichkeit, seinem Unmut Luft zu machen, doch ein systemimmanentes Ventil, vermutlich „von oben" stillschweigend geduldet. Wie dem auch sei, Fakt ist, daß Berwanger keine sogenannten patriotischen Texte schrieb, bei ihm sucht man vergebens, auch nur andeutungsweise, nach einer in dieser Zeit doch so üblichen Verherrlichung von Führer und Partei.

Das Jahr 1984, in dem auch Nikolaus Berwanger „den Rubikon überschritten" hat[18], stellt für ihn eine tiefe Zäsur dar. Der vorerst nach langem Überlegen beschlossene und dann oft unter dramatischen Umständen vollzogene Schritt der Aussiedlung aus Rumänien nach Deutschland, oder, wie bei Berwanger, des nicht mehr Zurückkehrens in die alte Heimat, hat bei diesem wesentlich tiefere Spuren hinterlassen als bei den meisten seiner Landsleute. Das mag vordergründig damit zu erklären sein, daß aus dem exponierten (und streckenweise doch sehr privilegierten) Rumäniendeutschen schlagartig ein beliebiger bundesdeutscher Durchschnittsbürger wurde, der sich überdies anfangs auch um das materielle Überleben sorgen mußte. Greift man aber wieder zu seinem zu Lebzeiten letzten Gedichtband in der Hochsprache, nämlich In Liebe und in Haß (1987) (die Veröffentlichung, kurze Zeit darauf, ebenfalls aus dem Jahr 1987, ein nur 30 Seiten starkes Bändchen mit beachtenswerten Tuschzeichnungen von dem Siebenbürger Gert Fabritius, in einer auf 350 Exemplare limitierten Auflage erschienen, enthält Gedichte in Mundart und trägt fast wie ein Omen den Titel I mecht mich verabschiede), so ist man erschüttert - vielleicht erst jetzt - festzustellen, wie sehr Berwanger wohl immer ein rastloser Wanderer zwischen den Welten war.

Dazu hat zweifelsohne entscheidend Berwangers Aussiedlung beigetragen, die für ihn mehr als ein Ortswechsel von Temeswar nach Ludwigsburg bedeutete: „in rumänien im verträumten balkanland wurden mir/ rücksichtslos mein zuhause und meine ideale gestohlen/ in deutschland dem so sauberen deutschland meiner ahnen/ erlebe ich eine welt die nie meine welt sein kann"[19], notiert der Dichter voll Bitternis. Mit solchen Aussagen oder mit jenen des langen Gedichtes der große schwabenausverkauf[20] oder gar denen des doch stark ressentimentgeladenen Gedichtes und die landsmannschaft walzert[21] ist Berwanger bestimmt nicht auf das Verständnis und die Zustimmung des Vorstands der Landsmannschaft wie auch jener, immerhin zahlreichen Landsleute gestoßen, die in Deutschland den Neubeginn geschafft und eine zweite Heimat gefunden haben. Vielleicht war Berwanger doch nicht imstande, die normative Kraft des Faktischen zu akzeptieren ...

Wie in einem Brennglas bündeln sich in diesem meiner Meinung nach besten Band Berwangers die Gedichtthemen, die er hier auf die Antinomie Liebe und Haß reduziert. Seine Liebe gilt auch hier konstanterweise dem Elternhaus und dem Banat, beispielsweise dem vertrauten Wolfsberg in den Banater Bergen, auch dem „lebensfrohen rumänen"[22], wie denn Berwanger sich immer wieder, unplakativ und ehrlich, für das Miteinander der Völkerschaften im Banat oder sonstwo eingesetzt hat, seine Liebe gilt den Himmelsstürmen aller Art, nicht zuletzt den Menschen, die ihr „herz auf der zunge tragen"[23]. Mit Haß werden bedacht die Angst, die Not und der Krieg, die Furcht vor dem Denken, die verlogene Idylle, die Lüge und die Scheinheiligkeit. Wie in keiner seiner bisherigen Veröffentlichungen bezieht sich Berwanger in diesem Buch auf konkrete Gestalten der Zeitgeschichte, wenn er von dem „schizophrenen anstreicher" spricht und im gleichen Atemzug den „ebenfalls (...) schizophrenen schuster" nennt, der „totalitär schaltet und irrsinnig waltet."[24]

Erst vor wenigen Tagen bekam ich Berwangers postumen Lyrikband Du hast nicht Dein Leben Du hast Deine Zeit gelebt in die Hand, den ich bislang nicht gekannt hatte. Der Sohn, Harald Berwanger, der derzeit in Bonn lebt und arbeitet, schickte ihn mir freundlicherweise zu. Den ungewöhnlichen Titel zu diesem Buch lieferte eine gleichlautende Notiz, die Nikolaus Berwanger kurz vor seinem Tode machte. Ein einfühlsames Vorwort von Paul Schuster, den Älteren unter uns noch aus Rumänien als erfolgreicher Prosaautor bekannt, führt in die Problematik dieses Buches ein, die wiederum charakteristisch für das gesamte späte Werk Berwangers ist. Ich zitiere aus dem Vorwort: „Wie anrüchig und verpönt der Begriff 'Heimatdichter' auch sein mag: Nikolaus Berwanger ist ein Heimatdichter. Aber von besonderer Heimat. Das Wort hat keine Mehrzahl, dabei hatte Berwanger drei Heimaten - drei verlorene. Aus der vierten und letzten hat ihn der Tod vertrieben."[25] Gemeint ist dabei die geographische Heimat, aus der er in die vermeintliche Heimat der Sprache flüchtete, sodann die angestrebte ideologische Heimat - Berwanger kam aus einem sozialdemokratisch geprägten Elternhaus, und an diesen Ideen hielt er zeit seines Lebens fest -, die auch zur Enttäuschung für ihn wurde, und schließlich die private Sphäre seiner zweiten Ehe, deren Glück ihm nur für kurze Zeit beschieden war. Im März 1989, wenige Tage vor seinem plötzlichen Tod schrieb Berwanger das Gedicht verlorene heimat: „als ich den letzten/ schwengelbrunnen/ umarmte/ und tief hinunter sah/ mußte ich feststellen/ daß meine tränen/ die einzigen/ nassen flecken waren".[26]

Berwanger benützt konsequent die Kleinschreibung, die Texte sind reimlos und bestehen aus freien Rhythmen. Neben aphoristisch-sentenzhaften Texten stehen auch einige wenige längere Texte. Er war als Dichter sehr produktiv, wobei nicht alle Texte, wie könnte es anders sein, qualitativ gleichwertig sind. Neben solchen, die einen geistigen Tiefgang aufweisen, gibt es andererseits manche, die sich über eine oberflächliche, konventionelle Plauderei nicht hinausheben. Auch das wird aus zeitlicher Distanz besser erkennbar. Berwanger hat auch einige Liebes- und Naturgedichte verfaßt, mir persönlich sagen sie weniger zu, seine Stärke liegt eben im polemischen Text, darin kommen des Dichters kritischer Geist und seine Argumentations- und Überzeugungskraft eher zur Geltung.

Ich bin überzeugt, daß viele Texte Berwangers vor dem strengen Richterstuhl der Zeit bestehen werden, auch wenn er in seinem Gedicht entschlossen - dieses Gedicht steht am Ende des Auswahlbands Die schönsten Gedichte - bereits 1984 schrieb: „entschlossen steige ich in mich hinab/ und such im letzten winkel meiner seele/ einen weg mit dem hinweis hoffnung/ wie lange wird man mich vermissen/ wie lange wird man von mir sprechen/ wie lange wird man sich meiner erinnern".
 
 

[1] In: Banatica, Festgabe für Dr. Alexander Krischan zum 75. Geburtstag, hrsg. vom Verband der Banater Schwaben in Österreich, Wien 1996, S. 287-292 und in: Roxana Nubert (Hrsg.), Temeswarer Beiträge zur Germanistik, Band 1, Mirton Verlag, Temeswar, 1997, S. 443-447.

[2] Olms Presse, Hildesheim-Zürich-New York, 1992.
 
[3] Dazu äußerte ich mich bereits in meinem Aufsatz „Muttersproch un Vatterschwort hall mr hoch en Ehre". Versuch einer Bestandsaufnahme der banatschwäbischen Mundartliteratur im 20. Jahrhundert, in Banatica. Beiträge zur deutschen Kultur, Freiburg i. Br., XII, 3/1995, S. 38. Die beiden folgenden Absätze habe ich diesem meinem Aufsatz entnommen.

[4] Eine vollständige Liste der Titel zur Tätigkeit Berwangers, mit Ausnahme der letzten Publikationen  I mecht mich verabschiede, Peter Schlack, Stuttgart, 1987, und Du hast nicht Dein Leben Du hast Deine Zeit gelebt, Olms Presse, Hildesheim-Zürich-New York, 1992, enthält der Anhang zu dem Gedichtband In Liebe und in Haß, Olms Presse, Hildesheim-New York, 1987, S. 97 ff. Aus gegebenem Anlaß seien hier lediglich die Gedichtbände Berwangers vollständig angeführt: Ich häng mei gsicht net an de nagel (1976), spätes bekenntnis (1979), schneewittchen öffne deine augen (1980), letschte hopsepolka (1982), an meine ungeborenen enkel (1983), Steingeflüster (1983), (Die schönsten) Gedichte (1984), Offene Milieuschilderung (1985), In Liebe und in Haß (1987), I mecht mich verabschiede (1987) und Du hast nicht Dein Leben Du hast Deine Zeit gelebt (1992).

[5] Z.B. das Gedicht Herr Vater von Mircea Vaida in Böblinger Zeitung vom 03.10.1985.
 
[6] Herbert-Werner Mühlroth, „Dennoch die Schwerter halten". Leseerfahrung mit Nikolaus Berwangers „letschte hopsepolka", in: Banatica. Beiträge zur deutschen Kultur, München, 2/1997, S. 47-50.
 
[7] Schwowische Gsätzle ausm Banat. Gedichte in Banater schwäbischer Mundart. Gesammelt, ausgewählt, eingeleitet von Karl Streit und Josef Czirenner, Verlag des Hauses für Volkskunstschaffen, Temesvar, 1969.
 
[8] Diese Information entnahm ich dem Vorwort von Eduard Schneider zu dem Auswahlband: Nikolaus Berwanger, (Die schönsten) Gedichte, Albatros Verlag, Bukarest, 1984, S. 8.
 
[9] Siehe das Gespräch von Nikolaus Berwanger mit Emil Simandan in der Zeitschrift Orizont, Timisoara, Nr. 8/1984, S. 3.

[10] Margit Pflagner, Dichtung aus dem Banat: Nikolaus Berwanger; Einführung zu dem Band: Nikolaus Berwanger, Steingeflüster. Lyrische Bekenntnisse eines Rumäniendeutschen, Olms Presse, Hildesheim-New York, 1983, S. 5.

[11] Fechsung. Lyrische Texte in banatschwäbischer Mundart, Kriterion Verlag, Bukarest, 1979.

[12] Zu Nikolaus Berwanger und seinem Werk äußerten sich unter anderen Horst Fassel, Dieter Kessler, Karl Krolow, Heinrich Lauer, Roxana Nubert, Anton Palfi, Margit Pflagner, Michael Rehs, Wilhelm Reiter, Eduard Schneider, Kerstin Schwob, Ute M. Schwob, Hartmut Wiedmann und in rumänischer Sprache Constantin Crisan, Constantin Dumitrache, Mircea Iorgulescu, Petre Stoica, Pia Teodorescu-Brînzeu, Mircea Vaida.
 
[13] Ute M. Schwob, Rezension zu: Nikolaus Berwanger, Offene Milieuschilderung - lyrische texte anno 85, in: Südostdeutsche Vierteljahresblätter, München, 35. Jg. Folge 1/1986, S. 76.
 
[14] Aus dem gleichnamigen Band, Kriterion Verlag, Bukarest, 1982, S. 100.

[15] Aus dem Band an meine ungeborenen enkel. lyrische texte, Facla-Verlag, Temeswar, 1983.
 
[16] So der Titel eines Gedichtes aus dem Band ich häng mei gsicht net an de nagel, Kriterion Verlag, Bukarest, 1976.
 
[17] So in dem Gedicht explosion aus dem Band Steingefüster, Olms Presse, a.a.O., S. 76.
 
[18] Michael Rehs, Vorwort zu: Nikolaus Berwanger, Offene Milieuschilderung, a.a.O., S. 3.
 
[19] Aus dem Gedicht diese täglichen als-ob-gebärden. erster brief an lea fleischmann, in: In Liebe und in Haß, a.a.O., S. 67.
 
[20] In: In Liebe und in Haß, a.a.O., S. 3 ff.
 
[21] Ebd., S. 18.
 
[22] Aus dem Gedicht provokante überlegungen, in: In Liebe und in Haß, a.a.O., S. 21.

[23] Aus dem Gedicht zustand am abend, in: In Liebe und in Haß, a.a.O., S. 48.

[24] Aus dem Gedicht warten auf die erleuchtung. zweiter brief an lea fleischmann, in: In Liebe und in Haß, a.a.O., S. 69 f.
 
[25] Vorwort von Paul Schuster zu dem Band Du hast nicht Dein Leben Du hast Deine Zeit gelebt, a.a.O., S. 1.

[26] Ebd., S. 11.

 
Zur Person: Dr. phil. Herbert Bockel, Germanist, wurde am 23. Oktober 1940 in Neuarad (Banat) geboren. Nach dem Besuch des Temeswarer „Nikolaus-Lenau"-Lyzeums studierte er Germanistik und Rumänistik an der Universität Temeswar, zwischen 1962 und 1981 war er Assistent und sodann Lektor am Germanistiklehrstuhl der gleichen Universität. 1982 siedelte er mit seiner Familie nach Deutschland aus, war ab 1983 Mitarbeiter und Leiter des Akademischen Auslandsamts der Universität Passau und ist seit 1991 Hochschullehrer an dieser Universität.

Anmerkung des Verfassers der Homepage: An dieser Stelle bedanke ich mich herzlichst bei Herrn Dr. Herbert Bockel für die freundliche Überlassung des Manuskripts dieses Vortrags zur Veröffentlichung auf meinen Heimatseiten „Banater Aktualität".

Die Veröffentlichung dieses Vortrags, auch nur auszugsweise, ist nur mit der Genehmigung des Autors gestattet.

 Anton Bedö-Zollner