Ein "Schwimmer gegen den Strom"

Vor sechs Jahren, am 1. April 1989 verstarb überraschend der Mundart- und Heimatdichter Nikolaus Berwanger. Unter seinen Landsleuten ist er wegen seiner Lebensphilosophie auch heute noch sehr umstritten. Als einen „streitbaren Zeitgeist", der entschlossen ist „gegen den Strom zu schwimmen und weiterhin laut zu denken" bezeichnete ihn am 8. Januar 1988 Hartmut Wiedmann in der LKZ (Ludwigsburg). In seinem letzten Gedichtband „In Liebe und in Hass" richtet sich Berwanger mit Wut und Zorn sowohl gegen das Verschachern seiner Landsleute gegen Kopfgelder im „großen schwabenausverkauf" als auch gegen die
„walzernde landsmannschaft", die seiner Meinung nach unter dem Dirigentenstab der „Gestrigen" stehe, aber auch gegen Rumäniens damaligen Diktator Ceausescu. Berwangers Lebenstraum, eine rumänische Sozialdemokratie, war während seines Lebens unvorstellbar gewesen. Aus dieser Einstellung heraus wuchs in den letzten vier Jahren seines Lebens sein Image als „Verräter des Sozialismus" in der alten Heimat und als „Schwabenverräter" im Mutterland. Eben aus diesem Grund spiegeln seine in Deutschland veröffentlichten Lyrikbände meist Wehmut und Sehnsucht. Dieser lässt auch in sein Lebensbekenntnis der letzten Jahren blicken, nämlich „ ... die banater heide ist mir fremd geworden und die fremde wird mir nie zur heimat ... „.

Eigentlich ist er am 5. Juli 1935 in Freidorf (neben Temeschburg) geborene Journalist und Schriftsteller in die Widersprüche des Lebens hineingeboren. Sein Vater und sein Großvater waren überzeugte Sozialdemokraten, was den jungen „Niki" für ein Leben geprägt hat. Trotzdem wurde sein Vater, wie alle Deutschen aus Rumänien zur „Aufbauarbeit" in die Sowjetunion verschleppt und starb später an den Folgen der Deportation. Als einer, der im Hof der Zuckerfabrik neben Kindern verschiedenster Nationalitäten aufwuchs, fühlte Berwanger sich im „proletarischen" und multinationalen Milieu beheimatet, weshalb seine Zuwendung zur „Rumänischen Arbeiterpartei" (wie sich die RKP eine Weile ausgab) für ihn eine logische Konsequenz war.

Berwanger begann seine berufliche „Karriere" auf Baustellen und in der Ziegelfabrik. Nach dem Besuch einer Fachschule arbeitete er als Textilfacharbeiter. Seine journalistische Laufbahn begann er mit 17 Jahren bei der Bukarester deutschen Tageszeitung „Neuer Weg", als er zugleich auch das deutsche Lyzeum in Bukarest besuchte. 1958 kam er nach Temeschburg als Korrespondent des „Neuen Wegs" und studierte dann in seiner Heimatstadt Germanistik. Im August 1969 hatte er erstmals die Möglichkeit, mit seiner Sturheit auch Karriere zu machen. Das damalige Presseorgan des Parteikomitees der Region Banat „Die Wahrheit" stand wegen Lesermangels vor dem Aus. Da stellte Berwanger bei seiner Ernennung zum Chefredakteur (was aber zugleich seine Aufnahme in die Parteinomenklatura bedeutete) zum erstenmal der Partei Bedingungen. So kam es zur Gründung „ seiner" „Neuen Banater Zeitung" (NBZ), die trotz des Untertitels „Organ des Regionalkomitees der RKP", zur besten und beliebtesten Zeitung Rumäniens wurde. Die Erziehung der Leser im Sinne ihres Bewusstseins Angehörige eines deutschen Volksstammes zu sein, der außerhalb des deutschsprachigen Raumes seit 250 Jahren in Banat beheimatet war, wurde zum Hauptziel der NBZ. Die deutsche Lokalgeschichte Temeschburgs und des Banats wurde zum Hauptthema der meisten Veröffentlichungen. All dies konnte aber nur mit dem Erlaubnis der RKP geschehen und nur von der Partei ausgehen, und Berwanger war der einzige Lebenskünstler, der dies schaffen konnte. Die NBZ war lange Zeit in der Ceausescu-Diktatur die einzige Zeitung, bei der man fast glauben konnte, dass es keine Zensur mehr gebe. Die Mundartbeilage „Pipatsch" (Klatschmohn), deren Gründer Berwanger war, kritisierte regelmäßig die Missstände in der sozialistischen Struktur des Banats. Seine in der Zeitung veröffentlichten Gedichte waren politisch so zweideutig, dass man vermuten musste, dass der Autor Dissident sei. Berwanger bekannte sich aber niemals als solcher und tat dies nicht einmal hier, wo dies ihm viel Nutzen gebracht hätte.

Nikolaus Berwanger war aber schon immer ein sehr unbequemer und streitiger Geist und blieb dies auch bis zum Ende. Dies bekamen nicht nur seine Mitarbeiter, sondern auch seine Vorgesetzten und sogar die Parteiobrigkeit zu spüren. Anlässlich einer vom Fernsehen übertragenen Feierlichkeit, wo etwa hundert „Vertreter des rumänischen sozialistischen Volkes" dem Diktator-Ehepaar ihre Reverenz erweisen mussten, war der „Schwimmer gegen den Strom" der einzige, der nicht festlich gekleidet erschien und der der First-Lady Rumäniens den Handkuss verweigerte. Diese Geste könnte der Anfang des Endes seiner politischen Karriere gewesen sein. Kurz danach wurde ihm während einer Dienstreise nach Österreich und Deutschland durch Freunde aus höchster Ebene mitgeteilt, dass er nach seiner Rückkehr verhaftet werde. Erst dann beschloss er, nicht mehr in sein geliebtes Banat zurückzukehren. Dies geschah nun gerade dem Mann, der sich stets vehement gegen die Ausreise der Banater Schwaben eingesetzt hatte. Er rechtfertigte diese Einstellung mit der Begründung, dass das Banat in seiner Geschichte nicht nur eine Pestepidemie überstanden habe. Diese Theorie erwies sich schließlich als eine seiner größten Fehleinschätzungen.

Wer war aber nun dieser „schwäbische Dickschädel mit sehr kritischem Geist", der „das schrieb, was er dachte" und der „seinem Ideal immer treu blieb, und nie seinen Mantel nach dem Winde drehte" (jp) ? Auf diese Frage müssten in erster Reihe diejenigen antworten, die sich Jahre hindurch als seine Freunde bezeichneten und sich mit ihm für die Bewahrung des Deutschtum im Banat einsetzten: seine Kollegen aus der Schriftstellergilde oder seine Zöglinge vom „Adam Müller-Guttenbrunn"-Literaturkreis und von der „Aktionsgruppe Banat". Aber auch diese schweigen seit fast sechs Jahre nach seinem Tod und tun als hätten sie ihm nichts zu verdanken. Es ist aber schon längst fällig einen der wichtigsten zeitgenössischen Schwabendichter aus objektiven und historischen Gesichtspunkten zu beurteilen und neben seinem schwierigen Charakter auch seine besondere Verdienste der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Man muss doch sagen dürfen, dass kein Rumäniendeutscher, der zur Nomenklatura gehörte, - ob Banater Schwabe oder Siebenbürger Sachse - soviel für den Erhalt der deutschen Kultur in Rumänien getan hat wie er. Nur seiner Treue zum Banat und seinem so unbeliebten Ehrgeiz war der Erhalt vieler deutschen Schulen, der Theater, Presse, Bücher, Heimatmuseen und Trachtenfeste zu verdanken. Ohne Nikolaus Berwanger müssten unsere Aussiedlerkinder wahrscheinlich auch mit jenen aus Polen oder aus den GUS-Staaten hier einen deutschen Sprachkurs besuchen, um die Muttersprache wieder zu erlernen.

Niki Berwanger verstarb plötzlich und viel zu früh in einem Klima der Feindseligkeit seitens vieler seiner Landleute, deren Kultur er in der Nachkriegszeit wie kaum ein anderer bereicherte. Ohne ihm wäre die deutsche Kultur der Banater Schwaben um einiges viel ärmer gewesen. Schließlich dienen heute seine Werken dem Stolz gegenwärtiger und künftiger Generationen von Banater Schwaben.

27. März 1995                                                                                                      Anton Zollner