Wie viele „Temeswar" gibt es ?

In Friedrich Schillers dramatischem Gedicht „Wallenstein" spricht die Marketenderin im fünften Auftritt:

„Bin hinauf bis nach Temeswar
 Gekommen, mit den Bagagewagen,
 Als wir den Mansfelder täten jagen."

So mancher Banater dachte beim Lesen dieser Zeilen (und ich gehörte auch dazu), dass es sich hier im angeführten Zitat um unser Temeschburg aus dem Banat handelt. Wer sich aber nach dem Handlungsort erkundigt hatte, konnte leicht feststellen, dass dieser sich „vor der Stadt Pilsen (heute: Plzen) in Böhmen" befand. Auf die Umgebung deutet der Dichter selbst:

„Jetzt will ichs im böhmischen Land probieren,
 Alte Schulden einkassieren."

Keiner der banater Literaten stellte sich mal die Frage, ob es hier um „unser" Temeswar (also um Temeschburg) oder um ein anderes Temeswar ging. Erst 1971 stellte der Schriftsteller Franz Liebhard fest, dass der 30-jährige Krieg (1618-1648) gar nicht unter den Mauern des damaligen türkischen Tamyschwars stattfinden konnte.

Erst am 20. Dezember 1995 wagte dann Dr. Gerhard Hochstrasser in der „Banater Zeitung" (eine Beilage der „Allgemeinen Deutschen Zeitung aus Rumänien") das von Schiller gemeinte „Temeswar" nicht als diejenige Ortschaft anzusehen, die die Landeshauptstadt des Banats geworden ist. Er behauptet in der genannten Zeitung kategorisch: „Schillers Temeswar ist nicht unser Timisoara". Neben historischen Argumenten, denen man nur zustimmen kann, durchblätterte er auch das „Ortslexikon Sudetenland" aus dem Jahre 1987 und fand auf der Seite 574 viermal die Ortsbenennung „Temesvar". Zwei davon sind die Namen von Ortsteilen zweier böhmischer Städte. Die anderen zwei sind böhmische Ortschaften, deren deutsche Benennung „Temeswar" und „Temeschwar" sind.

Dieser Fund war viel zu interessant, um der Sache nicht auch auf der heutigen Landkarte Tschechiens nachzugehen. Ein tschechischer Autoatlas bestätigt die Existenz zweier Ortschaften in Böhmen, die heute amtlich „Temesvár" genannt werden. Die Gemeinde Temesvár (auf deutsch: Temeswar) liegt etwa 12 km nordöstlich der Stadt Pisek, auf der Landstraße 33 (Pisek - Tábor). Das Dorf Temesvár (auf deutsch: Temeschwar) befindet sich etwa 15 km nordöstlich der Stadt Tábor, abseits von allen Hauptverkehrswegen.

Es stellt sich nun die Frage, von wo diese ländliche Ortschaften aus Böhmen den Namen Temesvár erhalten haben. Die Banat-Metropole soll ihren Namen vom Fluss Temesch erhalten haben, da die mittelalterlichen Festungsmauern einst von seinem Wasser umgeben waren. Die Gemeinde Temesvár liegt aber am linken Ufer der Moldau (tschechisch: Vltava), und das Dorf mit demselben Namen liegt weit weg von allen Bächen, die in der Umgebung aus dem Hochland entspringen. Sollten vielleicht sudetendeutsche Dokumentationen uns dazu verhelfen, zu erfahren, was die drei Temeswars miteinander verbindet, wenn außer dem Namen überhaupt eine weitere Verbindung existieren sollte? Was sagen nun die ewigen Streithähne, die sich gegenseitig als „Temeswarer" und als „Temeschburger" noch immer bekämpfen? Hatten auch diese böhmische Dörfer einst ihre „Burg", „war" oder „vár"?

August 1996                                                                                                              Anton Zollner