Eine Kopie des Wiener Burgtheaters

Als „eine Kopie des Wiener Burgtheaters" bezeichnet die Journalistin Heidrun Henresz in der „Banater Zeitung" (Beilage der ADZ) vom 27. April 1994 das Orawitzer Theater mit der Begründung, dass dieser Bau „eine getreue Nachbildung des Wiener Burgtheaters" sei.

Orawitz war nicht nur eine bedeutende Bergwerkortschaft des Banats, sondern auch eine Stadt, deren Bewohner kulturelle Bedürfnisse hatten und die besonders für das Theater eine starke Zuneigung zeigten. Nach Georg Hromadka soll in Orawitz schon 1763 zum erstenmal eine österreichische Theatertruppe aufgetreten sein, und zwar die Theatertruppe Anton Eintrags, die hier damals Szenen mit den Sitten aus den verschiedensten Herkunftsorten der Ansiedler vortrug. 1788 während des Einbruchs der Türken ins Banat, soll in Orawitz eine weitere Theatervorstellung stattgefunden haben. Eine Dilettantengruppe soll damals im Postgebäude das Theaterstück „Graf Watron" vor dem österreichischen Artillerieregiment das hier zur Verteidigung der Umgebung stationiert war, vorgetragen haben.

1806 gründeten deutsche Beamte, Kaufleute und Handwerker den Orawitzer „Dilettantenverein", der erste Theaterverein des Banater Berglands. Dieser veranstaltete 1815 eine Benefizvorstellung und einen Ball zugunsten der vom Napoleonischen Krieg getroffenen Familien. Bei dieser Gelegenheit schlug der Direktor des Orawitzer Berggerichts Prokop Lhotka von Zmislov vor, durch Spenden ein eigenes Gebäude für den Dilettantenverein zu errichten. Die Idee wurde von den Anwesenden sofort aufgegriffen, und die Spendeaktion sofort eingeleitet.

Die rumänische Journalistin Liana Colceriu gab in der Tageszeitung „Timisoara" vom 21. Oktober 1993 an, dass das Theatergebäude vom Orawitzer Architekten Johann Niuny nach den Plänen des Wieners Platzger aufgebaut worden sei. Die Innendekoration soll vom Maler Franz Klee stammen. Das neue Theater wurde am 1. Juli 1817 anlässlich des 100. Jahrestages der Befreiung des Banats von den Türken, in der Anwesenheit des Kaisers Franz II. und seiner Gemahlin mit einer Festvorstellung eröffnet. Dies ist nun das älteste Theatergebäude auf dem heutigen Gebiet Rumäniens, in dem eine Theatertruppe ständig Vorstellungen vorführte.

1836 beschlossen sechs Orawitzer Intellektuelle die Gründung eines Kasinos. Dafür wurde die Aufstockung des Theaters und die Vermietung des Stockwerks an das Kasino beschlossen. 1863 wurde auch der „Musik- und Gesangsverein 1863" gegründet, der seinen Sitz ebenfalls im Theatergebäude hatte.

Auch aus rumänischer Sicht wird dem Orawitzer Theater eine wichtige Rolle bei der Pflege der rumänischen Kultur zugesprochen. Ein bedeutendes Ereignis soll in diesem Bezug 1867 stattgefunden haben, als hier beim 50. Jahrestag der Errichtung dieses Theaters, Michael Pascalys Theatergruppe gastierte. Der spätere große rumänische Dichter Mihail Eminescu war damals als Souffleur bei der Festvorstellung anwesend. An dieses Ereignis soll nun eine an der Straßenfront angebrachte Gedenktafel erinnern. 1889 wurde hier auch die Operette „Crai nou" des rumänischen Komponisten Ciprian Porumbescu zum erstenmal in einem Theater mit ständigem Repertoire aufgeführt. Wahrscheinlich als Dank dafür komponierte Porumbescu den „Marsch der Orawitzer Sänger". Eine schon längst fällige Renovierung des Theaters konnte erst 1893 beendet werden. Bei dieser Gelegenheit bekam das Theater einen silbernen Kronleuchter, der nun in unseren Tagen in Orawitz für viel Aufregung sorgt.

Der Kronleuchter, der in Wien speziell für das Orawitzer Theater aus Silber als Filigran angefertigt wurde, beleuchtete den Zuschauerraum von 1893, als im Ort der elektrische Strom eingeführt wurde, bis in den Jahren, als in Rumänien die Kommunisten zur Macht kamen. Heute gibt es leider keinen Zeugen mehr, der wissen könnte (oder wollte!), wann und bei welcher Gelegenheit der silberne Kronleuchter Orawitz für immer verlassen musste. Vorzufinden ist heute nur ein verwahrloster „Guban"-Leuchter, der anstelle des Prunkstückes montiert wurde. Laut zweier „Kenner" der Geschichte des verschwundenen Kronleuchters gibt es zwei Varianten, die aber in der Zeitangabe des Kunstraubes etwa 30 Jahre (?!) voneinander abweichen.

Laut der vom nun schon pensionierten Museographen des Theaters verbreiteten Hypothese, soll in den '50-er Jahren ein Funktionär des damaligen Banater Regionalkomitees der „Rumänischen Arbeiterpartei" (RAP) Orawitz besucht haben. Während seines Rundgangs soll er den Kronleuchter gesehen haben, und dieser gefiel ihm so sehr, dass er ihn gleich mitnehmen ließ. Seitdem soll dieses begehrte Objekt nie wieder gesehen worden sein. Ein Mitglied des Orawitzer Stadtrats behauptete aber vor etwa drei Jahren, dass der Kronleuchter um das Jahr 1986 vom gewesenen Ersten Sekretär des Karasch-Severiner Kreiskomitees der „Rumänischen Kommunistischen Partei" bei dessen dienstlichen Versetzung von Reschitz nach Temeschburg einfach mitgenommen wurde.

Die erste Variante scheint doch glaubwürdiger zu sein, da sich nun auch ein gewesener „Kulturnik" in die Debatte mischte. Er behauptet, dass der Kronleuchter in den Jahren 1957-58 mit Sicherheit zum Banater Regionalkomitee der RAP nach Temeschburg gelangte und durch die Anordnung desselben Parteiorgans der „Guban"-Betrieb den Ersatzleuchter anfertigen musste.

Trotz all dieser Aussagen ist der teure silberne Kronleuchter in Temeschburg nicht mehr aufzutreiben. Viele stellen sich die Frage, ob dieses Kunststück nicht von Ceausescu beansprucht worden sei, oder ob er nicht sogar im Ausland verschachert wurde. Die Orawitzer suchen aber ihren Kronleuchter eifrig weiter, da sie den Anspruch darauf nicht aufgeben wollen.

Inzwischen hatte man aber endlich nach langen Verzögerungen die Restaurierung des total verwahrlosten Theatergebäudes begonnen. Viele Jahre hindurch wurden die Restaurierungsarbeiten verschoben. Anfangs verfügte die Direktion für historische Denkmäler nicht über die nötigen finanziellen Mittel. Nachdem aber das Gerücht verbreitet wurde, dass das Theatergebäude einsturzgefährdet sei, hatte man sich endlich für die Restaurierung dieses historischen Denkmals eingesetzt. Man kann nur hoffen, dass das Orawitzer Theater bald wieder in Pracht und Glanz bewundert werden kann. Es ist zu erwünschen, dass dieses Denkmal für die kommenden Generationen - auch als Zeugnis des einstigen Deutschtums im Banater Bergland - erhalten bleibt.

November 1996                                                                                                             Anton Zollner