Auf den Spuren der Ahnen

Meine Ehefrau, eine in Rekasch geborene Hengelmann, war schon immer sehr interessiert, etwas über den Ursprung und den Sinn ihres Familiennamens zu erfahren. Erst im März 1988 konnte sie in der „Neuen Banater Zeitung" in einem Beitrag des Prof. Josef Dinjer mit dem Titel „Banater Familiennamen - ihre Herkunft, Bedeutung und Verbreitung" einige spärliche Informationen zu diesem Thema erhalten. Der Name Hengelmann soll nach dem Autor eine „Koseform von Heng, Henk = Heinrich" sein. Dabei meinte der Autor wahrscheinlich, dass „Hengelmann" von der Koseform des Vornamens Heinrich, also von Heng oder Henk abgeleitet wurde. Verbreitet soll der Name in „Deutschsanktpeter, Glogowatz und Rekasch" gewesen sein. Nachdem wir nach Deutschland ausgewandert sind, haben wir angefangen, uns hier näher mit diesem Thema zu beschäftigen.

Vor allem mussten wir in den Adress- und Telefonbüchern feststellen, dass alle in Deutschland lebenden Hengelmanns aus Rekasch, also aus dem Banat stammten. Kein einziger Einheimischer trug hier diesen Nachnamen. Vor Jahren ließen wir sogar einen Computer „seine Meinung" über den Namen Hengelmann „ausspucken". Die Computerantwort lautete: „Hengelmann ist zwar ein deutscher Name, aber er ist nicht im deutschen Sprachraum entstanden". Diese Antwort, wie auch der Wunsch unserer Töchter veranlasste uns, auf die Spurensuche nach diesem Namen zu gehen.

Die reichhaltigsten Auskünfte erhielten wir aus den Rekascher Kirchenmatrikelbüchern, die in der Bibliothek für Auslandsbeziehungen aus Stuttgart auf Mikrofilmen vorliegen. Aus diesen konnten wie erfahren, dass die ersten Eintragungen über diese Familie nicht unter dem Namen Hengelmann gemacht wurden, sondern als Henckelmann bzw. Henkelmann. Damit erfuhren wir, dass die Ahnen der heutigen aus Rekasch stammenden Hengelmanns eigentlich Henkelmann hießen. Dieser Name ist nun laut Nachschlagewerken ein deutscher Name, der im deutschen Sprachraum entstanden ist. Namen wie Heinkel(e), und Henkel(e) waren in Südwestdeutschland, Hen(c)ke und Hincke aber in Norddeutschland verbreitet. Alle zusammen waren die Verniedlichung von Heinrich. Um 1409 sind um Würzburg die Namen Henckelmann und Hinckelmann zum erstenmal dokumentarisch belegt worden.

Der Herkunftsort der Rekascher Hengelmanns war auch nicht leicht zu ermitteln gewesen; schließlich sind zur Zeit in den Telefonbüchern Deutschlands etwa 718 Henkelmanns verzeichnet, dafür aber nur ein Henckelmann. Sie alle sind in allen Gebieten Deutschlands anzutreffen. Aus den Rekascher Matrikelbüchern konnte man auch nicht einwandfrei die Herkunftsorte der Hengelmanns ermitteln. Bei den Sterbefällen der eingewanderten Henkelmanns sind nur zwei Herkunftsorte verzeichnet: Mikilau und Michtau. Der eine Ort soll laut Eintragungen in „Franconia" gelegen haben und der andere in „Francia". Da man sich auf die Lateinkenntnisse der damaligen Dorfpfarrer nicht so richtig verlassen kann, ist anzunehmen, dass mit beiden Bezeichnungen Franken gemeint war. Leider gibt es auf dem heutigen Gebiet Frankens keinen Ort, der Mikilau oder Michtau heißt, man kann aber nicht wissen, ob es solche nicht im Laufe der Geschichte gegeben hat. Schließlich gingen wir von der Voraussetzung aus, dass beide genannten Ortschaften Michelau gewesen sein könnten. In Franken gab es aber vor einigen Jahren mehrere Ortschaften, die Michelau hießen, einige von ihnen wurden aber inzwischen in andere Ortschaften eingeschlossen. Es gibt aber auch Michelaus, die zwar im mainfränkischen Auswanderungsgebiet lagen, aber heute nicht mehr zu Franken gehören. Da der zu durchsuchende Kreis inzwischen enger wurde, griffen wir wieder zu den Telefonbüchern. Von all diesen Michelaus fanden wir nur noch in Michelau im Steigerwald den Namen Henkelmann zweimal eingetragen.

Während unserer Recherchen fanden wir auch einen Hans Michael Henckhelmann, der mit seiner Familie 1741 aus Windheim (bei Hammelburg) nach „Ungarn" ausgewandert ist. Dieser war aber kein zukünftiger Rekascher Hengelmann. Wir fixierten unsere Nachforschungen jetzt auf zwei Michelaus, und zwar auf das aus dem Steigerwald und das, das heute in Gräfendorf eingemeindet ist. Als sicherste Quelle für unser Vorhaben betrachteten wir wieder die Kirchenmatrikelbücher, und deswegen begaben wir uns auf die Suche nach diesen Unterlagen. Wir erfuhren, dass sich diese Bücher aus dem 16. Jahrhundert im Diözesan-Archiv des Bischöflichen Ordinariats aus Würzburg befinden. Leider hatten wir einige Jahre keinen Zugang zu den gesuchten Matrikelbüchern, da diese gerade auf Mikrofiches verfilmt wurden. Als wir dann für den 16. Dezember 1998 einen Termin erhielten, fanden wir die Ehe von Valentinus Henckelmann mit Eva Kesslerin am 20. Juli 1742 im Kirchenmatrikelbuch der Pfarrei Dingolshausen - Ortschaft Michelau im Steigerwald - eingetragen. Valentins erste Ehefrau Barbara war sieben Monate zuvor verstorben. Valentin war während der Reise ins Banat Familienoberhaupt betrachtet und auch als solches registriert gewesen. In diesen Büchern ist auch die Geburt ihrer nach Rekasch mitgenommen sechs Kinder registriert worden. Am 26. Mai 1766 ist Valentin Henkelman auch in Wien während der Reise ins Banat als Familienoberhaupt seiner Auswandererfamilie registriert worden.

Da nun der Herkunftsort der Rekascher Hengelmanns in Franken gefunden und dokumentarisch belegt war, und dazu auch eine ganze Menge von Daten über den Hengelmann-Stamm zwecks Erstellung einer Familienchronik gesammelt waren, wünschte sich meine Gattin, den Heimatort ihrer Vorfahren auch zu besuchen. Dazu kam es im Monat Mai dieses Jahres. Mit dem Zug fuhren wir nach Bamberg, also an den östlichen Rand des Steigerwalds. Während unseres zweitägigen Aufenthalts in der einstigen Hauptstadt des Römischen Reiches Deutscher Nation besichtigten wir hauptsächlich die zahlreichen historischen Sehenswürdigkeiten Bambergs. Wir genossen aber auch eine Schifffahrt auf der Regnitz durch „Klein-Venedig" und auf dem Main-Donau-Kanal. Danach fuhren wir mit dem Zug entlang des nördlichen Randes des einstigen Steigerwaldes (heute gibt es nur noch ein Überbleibsel davon: den „Naturpak Steigerwald") bis nach Schweinfurt. Die Eisenbahnstrecke, die von Schweinfurt ins einstige Gau Gerolzhofen führte, ist vor einigen Jahren im Rahmen der „Modernisierung" stillgelegt worden, so dass wir das Verwaltungszentrum unserer Ahnen mit dem Bus erreichen mussten. Die historische Kleinstadt Gerolzhofen liegt am westlichen Abstieg des Steigerwaldes. Da man aber von hier Michelau nur mit einem Privatbus erreichen kann, der aber nur sehr selten und an Sonn- und Feiertagen gar nicht verkehrt, bezogen wir ein Zimmer im empfehlenswerten Gästehaus „Edelmann". Es war eine wunderbare Gelegenheit, die 1200 Jahre alte Stadt mit ihrem gotischen Steigerwalddom, dem Alten Rathaus und dem Stadtmauerring zu besichtigen. Unsere Gastgeberin war eine gute Kennerin des Steigerwalds und seiner Geschichte, aber auch der Sitten und Bräuchen des Fränkischen Weinlandes. Sie konnte auch über die zahlreichen Auswanderungen aus dieser Gegend nach Ungarn berichten, die im 16. Jahrhundert wegen der hier herrschenden Armut stattfanden.

Am Pfingstsonntag traten wir dann endlich auch den Weg in die Urheimat der Hengelmanns an. Von Gerolzhofen führte ein asphaltierter Fußgänger- und Fahrradweg nach Dingolshausen. Hier erreichten wir noch das Ende des Pfingstgottesdienstes, aber die Besichtigung der Kirche stimmte uns doch ein wenig nachdenklich. Als wir aus der Ferne den alten Turm der Dingolshausener Pfarrkirche sahen, erwarteten wir auch ein dementsprechendes Gotteshaus. Bald erkannten wir aber, dass von der alten Pfarrkirche unserer Ahnen nur noch der Kirchturm übrig geblieben ist; der danebenstehende Neubau bestand aus einem Bethaus, für das wahrscheinlich auch die Ahnen nicht viel Verständnis gehabt hätten. Das kahle und öde „Moderne" machte auch vor dem Steigerwald keinen Halt.

Die Pfarrkirche aus Dingolshausen

Von hier führte aber kein Fußgängerweg mehr entlang der Landstraße nach Michelau im Steigerwald, sondern wir mussten auf Umwegen über die Weingärten das Endziel unserer Reise erreichen. Wir wanderten in einer Hügellandschaft unweit vom Grün des Steigerwaldes. Bald zeigte sich auch der Kirchturm der Kuratie (katholische Filiale) Michelau im Steigerwald. Wir näherten uns unserem Wanderziel, das sich am Ende eines sieben Kilometer langen Wanderweges befand. Da wir um etwa 14 Uhr vor allem das Bedürfnis fühlten, unseren Hunger zu stillen, interessierten wir uns nach einer „noch" fränkischen Gaststätte. Die Qual der Wahl hatten wir nicht, da von den zwei Gaststätten nur noch eine fränkisch war. Also betraten wir die „Steigerwald"-Gaststätte der Familie Bäuerlein, wo wir um diese Uhrzeit nur den Wirt und einen Gast antrafen. Selbstverständlich waren wir hier als „komische" Gäste angesehen; fremde Gäste ohne Auto und um diese Uhrzeit sind hier wahrscheinlich eine Seltenheit. Wir bestellten das Essen aus der „guten fränkischen Küche", das aber eher zum Sättigen ausgehungerter Waldarbeiter geeignet war. Zum Löschen des Durstes fragten wir nach einem „Michelauer Vollburg Müller-Thurgau Kabinett", den wir in Gerolzhofen beim „Wilden Mann" entdeckt hatten.
Dumme Frage! Wieso sollten wir einen „Michelauer Vollburg" nicht in Michelau am Fuße der Vollburg finden?

Die Heimatkirche der Henkelmanns in Michelau im Steigerwald

Selbstverständlich mussten wir während des Essens auch auf die nichtgestellten Fragen antworten, woher wir kommen und wohin wir gehen. Als aber das eigentliche Ziel unserer Reise und Wanderung bekannt wurde, entwickelte sich mit unseren neuen Bekannten eine interessante Unterhaltung, die nicht mehr enden wollte. Am frühen Nachmittag kamen immer mehr Gäste hinzu, und es wurde ein von uns am Morgen jenes Tages nicht geahnter fröhlicher Nachmittag. Den Höhepunkt bereitete uns unser Gastgeber, als er uns mit einem besonderen Gast bekannt machen wollte. Wir sollten uns vorstellen, meine Frau aber mit ihrem Geburtsnamen. Die zwei stellten sich vor, sie: Heng(e)lmann - er: Henglmann. Der uns vorgestellte Gast war kein anderer als ein Nachkomme der in Michelau im Steigerwald verbliebenen Mitglieder der Familie Henkelmann. Bemerkenswert war aber, dass er seinen Namen zwar Henkelmann schreibt, ihn aber als Henglmann ausspricht. Das beruht eben auf der Verwechslung der Laute: b-p, d-t und g-k, die im süddeutschen Sprachraum verbreitet ist. Das ist nun auch die Erklärung, wieso in Rekasch aus dem Henkelmann ein Hengelmann wurde.

Leider mussten wir uns bald von unserem freundlichen und besonders netten Gastgeber und seinen Stammgästen verabschieden, nicht aber ohne seinen Versuch, uns zu einer Übernachtung in seinem Haus zu bewegen. Diese Einladung hätten wir gerne angenommen, wenn unsere Freizeit nicht begrenzt gewesen wäre. Danach besichtigten wir die schöne Michelauer Dorfkirche. Sie ist 1762, also vier Jahre vor der Auswanderung der Henkelmanns von Balthasar Neumann errichtet worden. Nachdem wir auch den Friedhof mit den Ruhestätten der Henkelmanns besucht hatten, spazierten wir über alle Straßen des Dorfes. Am Ende des Spaziergangs kehrten wir noch beim Winzer Erich Barth ein. Er ist nämlich der Erzeuger des Michelauer Vollburgs, den wir auf der Suche nach den Spuren der Ahnen liebgewonnen haben. Hier bestellten wir drei Kartons von unserem „Lieblingswein" und ließen sie uns nach München nachschicken. Selbstverständlich wurde die Urheimat der Hengelmanns auch auf eine Videokassette aufgenommen.

Die Eindrücke, die wir auf dieser Reise gewonnen haben, sind unbeschreiblich. Franken ist mit seiner Gastfreundlichkeit einmalig, und die Franken sind besonders gesellige Menschen, unter denen man sich nur wohl fühlen kann.

Juni 1999                                                                                                                        Anton Zollner