DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES ARADER GEBIETS (2)
N e u – P a n a t

Die einst fast rein deutsche Ortschaft Neu-Panat (rum.: Panatu Nou; heute: Horia; ung.: Újpanát) liegt etwa 15 km nordwestlich vom Arader Stadtzentrum  entfernt, auf der Landstraße: Arad – Hellburg (Siria). Der Grundriss des Dorfes ist regelmäßig; die parallelen Quergassen schneiden senkrecht die genannte Landstraße. Heute gehört der Ort zur Gemeinde Glogowatz (Vladimirescu).

Bekannt war die Siedlung „Panad“ schon 1333, als es hier eine Pfarrei gab, die in den päpstlichen Zehentlisten dokumentarisch belegt wurde. Nach Richard Sebastian Jäger, der sich in den letzten Jahren viel mit der Geschichte Neu-Panats befasst hat, war der Ort „Panath“ 1561 noch bewohnt, aber bald fielen die Türken auch in das Arader Komitat ein und vernichteten neben anderen auch diese Siedlung. Nach der Vertreibung der Türken war der Ort als „praedium“ verzeichnet. Über das Jahr der Ansiedlung der Deutschen sind sich die Autoren nicht einig, nach Karl Kraushaar soll dies 1789 geschehen sein, nach Karl Waldner und Dr. Anton P. Petri 1787. Laut Jäger sind auf dem Kameralbesitz „Puszta Panat“ in den Jahren 1786-87  150 „Bauernhäuser“ für deutsche Kolonisten errichtet worden. Diese sind aber schon zwischen Mai und September 1785 angekommen. Da ihre Häuser nicht fertig waren, mussten sie in Glogowatz, Kovaszincz (Covasint) und Aradkövi (Cuvin) einquartiert werden. Nach demselben Autor sind die ersten Kolonisten Ende 1786 in ihre neuen Häuser in Neu-Panat  eingezogen. Dies findet man auch im Kirchenmatrikelbuch der Glogowatzer Pfarrei bestätigt, und zwar durch die am 9. Dezember 1786 eingetragenen Taufe von Johann, Sohn des Christian und der Katharina Czoller aus Neu-Panat. Anfang 1787 kamen weitere 56 deutsche Familien an, wobei die letzten im Herbst desselben Jahres angesiedelt wurden. Demnach ist 1786 als das Ansiedlungsjahr der Deutschen zu betrachten.

Die Neu-Panater Katholiken bildeten bis 1807 eine Filiale der Glogowatzer Pfarrei; in jenem Jahr wurde die Neu-Panater Pfarrei gegründet. Schon 1787 erhielt die Filiale eine Kaplanstelle, und zugleich hatte man hier auch die eigenen Matrikelbücher eingeführt. Die Gläubigen mussten sich viele Jahre lang mit einem Bethaus zufrieden stellen. Der Grundstein der heutigen Kirche ist laut Jäger durch den Grundherrn Graf Ignatz Gyulai 1819 gelegt worden, aber fertiggestellt wurde sie erst 1825. Die Kirche wurde dem Hl. Ignatius von Loyola geweiht. Graf Gyulai erwarb im Jahre 1800 die Neu-Panater Kameralfelder, und die Gutsherrschaft dauerte danach  bis nach dem 1. Weltkrieg, als den Bewohnern des Dorfes die Felder zum Kauf angeboten wurden.

1787 hatte Neu-Panat etwa 600 Einwohner, ihre Zahl stieg bis 1820 auf 1.278. 1880 stellten die 1.882 Deutschen einen Bevölkerungsanteil von über 90 Prozent, den Rest bildeten 56 Rumänen, 38 Ungarn und 110 Sonstigen. Bis 1900 stieg die Zahl der Deutschen auf 2.203 und ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung auf fast 98 Prozent. Etwa derselbe Bevölkerungsanteil blieb bis zum 2. Weltkrieg erhalten, danach sank er ständig bis heute. 1977 gab es unter den 2.377 Einwohnern 1.402 Deutsche, 945 Rumänen, 17 Ungarn und 13 Sonstige. Bei der Volkszählung vom Januar 1992 bekannten sich von den 2.205 Einwohnern nur mehr 69 Personen zum Deutschtum, den Rest bildeten 2.078 Rumänen, 26 Ungarn und 32 Sonstige. Laut Angaben der Heimatortsgemeinschaft (HOG) Neu-Panat sind bis Februar 1996  45 Deutsche im Heimatdorf verblieben. Nach derzeitigen Erkenntnissen soll sich diese Zahl bis zum Jahr 2000 auf 28 reduziert haben.

Das Neu-Panater Deutschtum befindet sich heute im Aussterben. In der rumäniendeutschen Presse wird über das einst rein deutsche Dorf kaum noch etwas geschrieben. Die Mehrheit der Beiträge aus der „Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien“ (ADZ) und aus derer Beilage „Banater Zeitung“ (BZ) stammen  vom HOG-Vorsitzenden Richard S. Jäger aus Deutschland. Eine deutsche Schule oder eine deutsche Schulabteilung  gibt es hier schon seit 1989 nicht mehr. Der deutsche Schulunterricht ist laut Jäger schon seit 1789 belegt, aber das erste Schulgebäude ist erst 1829 errichtet worden. Laut Luzian Geier soll die deutsche Schule um 1900 in eine ungarische umgewandelt worden sein. Es ist anzunehmen, dass nach dem Anschluss des Banats und Siebenbürgens an Rumänien in Neu-Panat wieder der deutsche Schulunterricht eingeführt wurde. Sicher ist aber, dass hier die deutsche Schule 1944 verboten und erst 1948 als eine siebenklassige Elementarschule wieder zugelassen wurde. 1964 ist das Schulgebäude durch Aufstockung erweitert worden, aber im Schuljahr 1986-87 sind nur noch in den deutschen Grundschulklassen 16 Schüler unterrichtet worden. Die Schüler der Gymnasialstufe (5. bis 8. Klasse) mussten die rumänische Schule besuchen, wo man das Unterrichtsfach Deutsch eingeführt hatte.

Von einer Kirchweih im Heimatort ist in Rumäniens deutschsprachiger Presse in den letzten zehn Jahren nichts berichtet worden. Die Neu-Panater Kirchweih ist bis vor kurzem jährlich in Rastatt gefeiert worden; jetzt findet sie nur mehr jedes zweite Jahr statt. Dafür feierte man im Heimatort im August 2000 das 175. Jubiläum der römisch-katholischen Kirche. Zu diesem Fest kamen etwa 200 gewesene Neu-Panater aus dem Ausland angereist. Der Festgottesdienst ist vom Bischof der Temeschburger Diözese, Msgr. Martin Roos, zelebriert worden. Veranstalter dieser Feier war die HOG Neu-Panat, mit deren Unterstützung 1996 das Kirchendach erneuert wurde. Die HOG sorgt aber auch für die Pflege des Friedhofs, der sich so wie die Kirche in einem guten Zustand befindet. Für deren Instandhaltung sorgen vor allem  der Friedhofsverwalter Leonhard Plennert und die Mesnerin Anna Lammersfeld, wie auch Elisabeth Rippel.

Während des Kirchweihfestes hatten die ehemaligen Neu-Panater beschlossen, auch den Kreuzweg auf dem Kalvarienberg zu renovieren. Zwar wurden auch Bedenken geäußert, wonach sich dieser Aufwand für die noch etwa 20 (Stand: April 2002) in der Heimat verbliebenen Landsleuten nicht lohnen würde. Der HOG-Vorsitzende vertrat aber die Meinung, dass die restaurierten Kulturgüter auch den Besuchern des Heimatdorfes zugute kommen würden. Dazu könnte auch die derzeitige mehrheitlich rumänische Bevölkerung das Gefühl entwickeln, dass die von den Deutschen hinterlassenen Kulturstätten wichtige Monumente ihrer neuen Heimat „Horia“ sind. Demzufolge ist die Renovierung des baufälligen Kalvarienbergs in die Wege geleitet worden. Schon 2002 konnte der HOG-Vorstand dem Gemeinderatsmitglied Ioan Plaveti 750 Euro übergeben, und der Glogowatzer Bürgermeister Ioan Pantos hatte auch seine Hilfe angeboten, indem er versprach, nach weiteren Sponsoren zu suchen. Die Renovierung des Kreuzwegs sollte zur Sache der gesamten Gemeinde werden.

Laut Jäger sind über die Entstehungsgeschichte des Kalvarienbergs keine sichere Daten erhalten geblieben, da etwa um 1983 die „Historia Domus“ der Pfarrei spurlos verschwunden ist. Der Kalvarienberg  mit den 14 Stationen sind zum erstenmal 1888 auf dem Katasterplan der Ortschaft dokumentarisch belegt. Jäger vermutet, dass etwa um 1850 am Rande der Landstraße in Richtung Hellburg eine Kapelle errichtet wurde. Später soll darüber ein 4 Meter hoher Hügel mit einem Durchmesser von 20 Metern aufgeschüttet worden sein. Die Kapelle trägt die Inschrift: „ZUR EHRE GOTTES – Gott segne die Gemeinde Neu-Panat“. Auf dem Hügel ist die Kreuzigung Christi dargestellt worden, und um den Hügel wurden die 14 Stationen aufgestellt. 1919 ist das hölzerne Christuskreuz von der Familie Jakob und Anna Dirb durch ein Betonkreuz ersetzt worden. Nach Auswanderung der Deutschen ließ man das Mauerwerk der Kapelle verfallen, die Einzäumung ist gestohlen worden, und die zwei Seitenkreuze aus Holz, wie auch die 14 Stationen wurden zerstört. Leider könnte sich dasselbe auch nach der bevorstehenden Renovierung des Kalvarienbergs wiederholen.

Über das, was sich im täglichen Leben im heutigen „Horia“ abspielt, berichtet hauptsächlich das einstige Arader Parteiorgan „Flamura rosie“ (Roter Banner), das heute  „Adevarul“ (Die Wahrheit) heißt. Am Anfang des Jahres 1999 berichtete die Zeitung über zwei Todesfälle, die mit „Horia“ in Verbindung stehen.  Im ersten Bericht schrieb man über den 17-jährigen Dorfbewohner Gheorghe Dorisan, der Selbstmord begangen hat. Er hatte sich am Tag der „Heiligdreikönige“, sieben Monate nachdem er eine Arbeitsstelle gefunden hat, aus unbekannten Gründen auf dem Dachboden erhängt. Im zweiten Fall handelte es sich um die 25-jährige Uglai Gabriela Mugurita. Die in „Horia“ illegal lebende Prostituierte hatte während eines Streits, in dem es um den Besitz von Unterwäsche ging, unter Alkoholeinfluss ihre „Arbeitskollegin“ und Schwägerin mit einem Jagdmesser erstochen. Der Mord fand im Führerhaus eines auf der Arader Landstraße geparkten TIR-Lastkraftwagens eines Kunden statt.

Schließlich war aus der genannten Zeitung im März 1999 zu erfahren, dass die Flüchtlingskommission der UNO darauf drängt, dass das Projekt von 1996, das die Einrichtung eines Flüchtlingszentrums in „Horia“ vorsieht, endlich verwirklicht wird. Das Glogowatzer Bürgermeisteramt hat dafür ein Areal von zwei Hektar zur Verfügung gestellt. Zur Finanzierung des Projekts soll der rumänische Staat mit 300.000 Euro beitragen, den Rest von 500.000 Euro soll von der Europäischen Union übernommen werden. Das Zentrum sollte ursprünglich über eine Kapazität von 120 Unterbringungsmöglichkeiten  verfügen, aber bis zuletzt einigte man sich auf 50 Plätze, da sich bis zur gegebenen Zeit kein einziger Flüchtling gemeldet hat. Wahrscheinlich aus demselben Grund zeigte man keine Eile bei der Fertigstellung des Flüchtlingszentrums, da es auch im November 2000 noch nicht bewohnbar war. Ob der letzte für den 15. Dezember 2000 festgelegte Übergabetermin eingehalten wurde, war aus der Arader Presse nicht mehr zu erfahren.

Oktober 2002                                                                                                       Anton Zollner