DURCH DIE VON DEUTSCHEN BEWOHNTEN DÖRFER DER ARADER GEGEND ( 4 )
H e l l b u r g

Die Ortschaft Hellburg – von der deutschen Bevölkerung auch Wilagosch oder Schiria genannt – (amtlich: Siria; ung.: Világos) liegt etwa 20 km nördlich von Paulisch entfernt, am Rande der westlichen Ausläufer der Zarander Berge. Im Ort trifft die von Arad kommende Landstraße auf die, die von Paulisch nach Pankota führt. Durch die Mitte des Winzerdorfes fährt die historische „Elektrische“ auf dem Abschnitt Gyorok – Pankota. Links von dieser Strecke liegen ertragreiche Ackerfelder, und rechts sind die Hügeln der Zarander Berge mit Weinreben bepflanzt. In der Nähe des Dorfes stehen auf dem höchsten Hügel (195 m) die Ruinen der mittelalterlichen Burg mit demselben Namen. Aus Arad kommend sind die Ruinen schon von weitem erkennbar. Die Geschichte Hellburgs ist aber nicht nur mit dem Ruhm und dem Niedergang der Burg verbunden, sondern auch mit der Niederschlagung der ungarischen Revolution im Jahre 1849.

Auf dem Gebiet der heutigen Gemeinde soll laut Alexandru Roz und Géza Kovách schon 1169 ein Ort gewesen sein, der „villa Siri“ hieß, aber dokumentarisch wurde Hellberg erst 1326 als Wilaquswar (Világosvár) belegt, dabei meinte man aber die Burg. 1444 ging die Burg mit dem Gut Világos („castrum Wylagoswar cum oppido Syry“) für eine kurze Zeit in den  Besitz Johann Hunyadis. 1778 gehörte der gesamte Marktflecken mit seinen Feldern und die Hälfte des Dorfes Galscha der Arader Adelsfamilie Bohus. Der Arader Zweig dieser aus der Slowakei stammenden Familie ist von Ladislaus (László) Bohus gegründet worden. Emmerich (Imre) Bohus belegte verschiedene hohe juridische Funktionen in der Komitatsverwaltung. Der Gründer der Hellburger Baronfamilie war der 1801 geborene Johann (János) Bohus, der auch „Comes“ des Arader Komitats war. Er heiratete am 6. September 1821 die Arader Adlige Antonia Szögyeny, die durch ihre Unterstützung der Armen sehr beliebt war. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist das aus 30 Räumen bestehende Kastell der Familie errichtet worden. 1824 entstand das „untere Kastell“ und 1834 inmitten einer großen Parkanlage das „obere Kastell“. Im Saal der heutigen Bibliothek, das damals als Gesellschaftssalon diente, ist die bedingungslose Kapitulation des Heeres der ungarischen Revolution am 13. August 1849 unterschrieben worden. Der Bitte der Revolutionsführer, sich den russischen Truppen und nicht den österreichischen ergeben zu dürfen, wurde stattgegeben. Heute weist leider nichts mehr,  auf dieses historische Ereignis hin, nicht einmal eine Gedenktafel. Nur Antonia Szögyeny Bohus sitzt noch als Statue auf ihrem Platz im Schlossgarten, aber die wenigsten Passanten wissen, wer sie ist. Im Kastell ist nun seit 1960 die Gedenkstätte „Ioan Slavici“ eingerichtet. Nach einem Besuch im Schloss könnte man glauben, dass die Geschichte Hellburgs erst mit dem Anschluss Siebenbürgens an Rumänien beginnt.

Die große Mehrheit der Bevölkerung Hellburgs bestand schon immer aus Rumänen. Hier ist auch einer ihrer bedeutendsten Söhne, der Schriftsteller Ioan Slavici (1848-1925) geboren worden. Die Besiedlung der Ortschaft mit Deutschen soll laut Dr. Otto Grefner zwischen 1722 und 1782 stattgefunden haben. Die ersten Angaben über hier niedergelassene österreichische Kriegsveteranen sollen schon 1720 gemacht worden sein. Dr. Grefner schreibt in seiner Ortsmonographie, dass zwischen 1724 und 1726  70 Deutsche Familien nördlich vom rumänischen Schiria ein neues Ortsviertel gegründet haben. Etwa 50-60 sollen 1741-42 hauptsächlich aus Hessen, dem Elsass, aus Baden und der Pfalz gekommen sein. Sowohl Luzian Geier als auch Karl F. Waldner und Dr. Anton P. Petri geben 1753 als das Jahr der Ansiedlung der Deutschen an. Die Deutschen, die wahrscheinlich aus dem „Reich“ kamen, wurden 1753 angesiedelt. Später, im 19. Jahrhundert, sollen immer mehr Deutsche aus den umliegenden Dörfern zugewandert sein. Sie bewohnten mit den Ungarn den als Világos (Wilagosch) genannten Ortsteil des heutigen Hellburgs. Sowohl das rumänische Schiria als auch das ungarisch-deutsche Wilagosch hatten ihre eigenen Ortsverwaltungen.

1880 stellten die 771 Deutschen einen Bevölkerungsanteil  von 23,8 Prozent; den Rest bildeten 3.610 Rumänen, 911 Ungarn und 189 Sonstige. Bis 1910 stieg die Zahl der Deutschen auf 997, aber ihr Anteil an der gesamten Bevölkerung sank auf 13,6 Prozent. Die Zahl der Rumänen stieg zugleich auf 4.770 und die der Ungarn auf 1.524, die Zahl der Sonstigen betrug 24 Seelen. Bis 1940 stieg die Zahl der Deutschen auf 1.056, was auch eine Zunahme an der Gesamtbevölkerung, nämlich 18 Prozent bedeutete. Nach dem 2. Weltkrieg sank auch in Hellburg, wie sonst überall im Banat, die Zahl der Deutschen. 1977 lebten im damals kollektivierten Winzerdorf 792 Deutsche neben 3.957 Rumänen, 312 Ungarn, 585 Zigeunern und 33 Sonstigen. Bei der Volkszählung vom Januar 1992 bekannten sich von den 5.030 Einwohnern der Ortschaft nur noch 183 Personen zum Deutschtum, von denen laut Angaben der Heimatortsgemeinschaft Hellburg bis Februar 1996  137 im Heimatdorf verblieben sind, während sich bis 1992 die Zahl der Zigeuner fast verdoppelt hat.

Bekanntlich gab es in Hellburg schon 1333 eine Pfarrei, die Emmerich Bohus 1753 wiedererrichten ließ. Gleichzeitig sind die Kirchenmatrikelbücher eingeführt worden. Schon nach der Ansiedlung der ersten Deutschen errichteten diese eine kleine katholische Kirche aus Holz und Lehm. In Sachen Kirchenbau vertreten die oben genannten Autoren verschiedene Meinungen. Nach Dr. Grefner ist anstelle der alten Kirche mit Hilfe des Barons Bohus und des Tschanader Bistums 1740 mit dem Bau einer neuen Kirche begonnen worden. Sie soll am 15. Mai 1752 dem Hl. Johannes von Nepomuk geweiht worden sein. Waldner und Dr. Petri behaupten aber, dass diese Kirche von Emmerich Bohus auf den Ruinen der mittelalterlichen Kirche errichtet und an Allerheiligen 1753 demselben Heiligen geweiht wurde. Nachdem man die Kirche 1798-99 renoviert hatte, soll sie am 21. August 1834 abgebrannt sein. Johannes (János) Bohus ließ dann die heutige Kirche errichten, die am 5. Mai 1839 eingeweiht wurde.

Da es 1814 im Ort laut Statistik 27 katholische schulpflichtige Kinder gab, ist es anzunehmen, dass es damals schon eine deutsche konfessionelle Schule gab. Laut Luzian Geier unterrichtete von der ungarischen Revolution an 30 Jahre lang der Lehrer Johann Papp in der deutschen Schule. 1852 gingen von den 157 deutschen schulpflichtigen Kindern nur 119 zur Schule. In dieser Zahl sind auch die deutschen Kinder aus dem Nachbardorf Galscha miteinbegriffen, da es dort bis 1870-71 keine deutsche Schule gab.

Über das heutige Leben in Hellburg wird in der rumäniendeutschen Presse kaum noch  berichtet. Die „Banater Zeitung“ (eine Beilage der „Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien“) schrieb in den letzten 12 Jahren nur zweimal (am 10. Juli 1996 und am 15. Mai 2002) über das Winzerdorf, das 1996 nicht einmal durch einen öffentlichen Bus mit Arad  direkt verbunden war. In beiden Berichten wird vor allem für einen Besuch in der von Ileana Florea betreuten „Ioan Slavici“-Gedenkstätte geworben. Nach den Artikeln scheint es, als hätten die Banater Schwaben heute keine andere Sorgen, als Museen zu besuchen, in denen sie selbst nicht vertreten sind. Deutsche sind ansonsten nur noch hie und da anzutreffen. Im letzteren Bericht meldete sich auch Ioan Dorin Gurban, der Hellburger Bürgermeister, zu Wort. Er stellte fest, dass heute in diesem Dorf die Landwirtschaft und die Viehzucht die Hauptbeschäftigung der Bevölkerung sei. Der Ackerboden ist zur Zeit meist von landwirtschaftlichen Vereinen bestellt. Da es aber im Ort keine Milchsammelstelle gibt, verkaufen die Viehzüchter ihre Erzeugnisse auf den Arader Märkten oder beliefern Privatabnehmer. In der Gemeinde wurden wegen den leeren Kassen kaum noch Investitionen unternommen. Man hat es auch hier mit dem „Agro-Tourismus“ (also mit dem Vermieten von Privatzimmern und Ferienhäusern) versucht, aber es gibt kaum eine Nachfrage für diesen Bereich. Die Touristen sind an dieser Landschaft, die nur wenig Sehenswürdigkeiten bieten kann, nicht interessiert. In der Umgebung gibt es keine Wanderwege, keine Wanderziele,  keine Hütten oder Jausenstationen und keine Wälder.

Die rumänischen Zeitungen berichteten öfters über das Winzerdorf, aber in den Reportagen fand man nur wenig Erfreuliches. In den Temeschburger Blättern „Timisoara“ vom April und „Timisoara international“ vom Januar 1995 schrieben die Journalisten Adrian Armanca bzw. Mihai Popovici noch über die Unzufriedenheit der Dorfbewohner, die sich über die Art, in der das Bodengesetz in Hellburg Anwendung fand, ärgern. Die Weingärten waren von den Topographen noch gar nicht ausgemessen, aber die Kommission, die mit der Durchführung des Bodengesetzes beauftragt war, hatte schon eigenmächtig eine 22-prozentige Verkleinerung des Bodens des jeweiligen Berechtigten beschlossen. Dazu kam noch, dass die Berechtigten nicht ihre eigenen Flächen, mit denen sie in die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) eintreten mussten, zurückbekamen, sondern Weingärten schlechterer Qualität oder solche, die inzwischen in Weideflächen umgewandelt oder ganz einfach vernachlässigt wurden. Die Kommission hatte bei der Zuteilung den Bekanntenkreis ihrer Mitglieder bevorzugt. Wegen dieser Willkür beschwerten sich 300 Betroffene beim Arader Präfekten und bei der „Parlamentarischen Kommission für die Bekämpfung des Missbrauchs“. In den Beschwerden wurden auch konkrete Fälle beim Namen genannt, wie eine Person, die laut Unterlagen 0,93 ha Weingarten erhalten hatte, in Wirklichkeit war sie aber in den Besitz von 5,2 ha gekommen. Es wurden auch Machenschaften zitiert, wie der Fall eines Freundes des Arader Präfekten oder der des Vorsitzenden eines spontan entstandenen landwirtschaftlichen Vereins. Da diese Beschwerden von Präfekten zurückgewiesen wurden, versuchten die Weinbauern ihre Rechte selbst zu erkämpfen: sie zwangen den Bürgermeister, eine neue Kommission einzusetzen. Doch kaum hatte man mit neuen Messungen begonnen, da drohten schon gewesene privilegierte LPG-Mitglieder, die Vermessungstechniker mit Schlagstöcken zu vertreiben. Man hatte auch versucht, den „Gegnern“ die Weinstöcke mit Chemikalien zu vernichten. Aus diesen Taten ist zu erkennen, dass am Anfang der sogenannten „Übergangszeit“, auch hier als Folge des nach der „Revolution“ entstandenen Chaos, die neu errungene Freiheit mit der Selbstjustiz verwechselt wurde.

Wie man aus der Arader Tageszeitung „Adevarul“ (Die Wahrheit) der letzten Jahre erkennen kann, gibt es zur Zeit andere Probleme, die die Menschen beschäftigen. Am Anfang des Jahres 1999 beschwerte sich die am Fuße des Burghügels wohnende Bevölkerung bei der Arader Direktion für Öffentliche Gesundheit über ihr verseuchtes Trinkwasser. Da in diesem Wohnviertel der orthodoxe Friedhof höher als die Hausplätze lag, sickerte das von Hügel kommende Regenwasser durch den Boden des Friedhofs in die Brunnen. Die nachfolgenden Untersuchungen des Brunnenwassers ergaben, dass das Trinkwasser bakteriologisch versucht sei. Als Folge dieser Feststellung sind weitere Bestattungen in diesem Friedhof verboten worden, und die Besitzer der schon existierenden Gräber sind verpflichtet worden, die Ruhestätte ihrer Toten in wasserdichte Betonhüllen zu verlegen. Da diese Arbeit für die verarmte Bevölkerung zu umständlich schien, überlegten einige von ihnen, die Überreste der Toten in den anderen Friedhof umzubetten, was aber auch für viele unbezahlbar ist. Auf diese Weise entstanden neue Zwistigkeiten zwischen denen, die die Kosten einer Umbettung tragen können und denen, die diese finanzielle Last nicht tragen können, aber das verseuchte Wasser nicht mehr trinken wollen. Um diesen Konflikt zu beseitigen gäbe es doch eine sehr vernünftige Lösung, und zwar der Ausbau des Trinkwasser-Leitungsnetzes. Die Verwirklichung dieses Vorhabens wurde schließlich im März 1999 den Betroffenen vom Bürgermeister Gurban fest versprochen.

Das Gemeindeoberhaupt versprach seinen Bürgern im Dezember 2000 in derselben Zeitung bis zum Jahresende (welches?) auch alle Straßen Hellburgs mit Steinen abzudecken. Dieses Vorhaben soll damals schon zur Hälfte durchgeführt worden sein. Der Plan des Bürgermeisters hatte alle Chancen, verwirklicht zu werden (wenn auch nicht fristgerecht), da die Gemeinde sich im Besitz eines eigenen Steinschlags befindet, und die Bürger der jeweiligen Straßen sich verpflichtet hatten, alle nötigen Arbeiten ehrenamtlich durchzuführen.

November 2002                                                                                                            Anton Zollner