DURCH DIE VON DEUTSCHEN BEWOHNTEN DÖRFER DER ARADER GEGEND ( 5 )
G a l s c h a

Nördlich von Hellburg, auf einer Entfernung von nur etwa einem Kilometer, liegt auf einem Hang der letzten Ausläufer des Zarander Berge das Winzerdorf Galscha (amtlich: Galsa). Durch die Mitte des zur Gemeinde Hellburg gehörenden Dorfes führt die Landstraße Paulisch – Pankota und die Strecke der „Elektrischen“. Die Ortschaft verfügt auch über den Anschluss an das Eisenbahnnetz über die Strecke Arad – Ineu. Außerhalb des Ortskerns sind alle Dorfstraßen rechtwinklig angelegt worden.

Galscha kann nach seiner  ethnischen Zusammensetzung als ein rumänisches Dorf betrachtet werden. Die Rumänen stellten seit 1880 schon immer einen Anteil von zwei Drittel der Dorfbewohner. Laut Karl F. Waldner und Dr. Anton P. Petri sind hier die ersten deutschen Kolonisten 1732 vermerkt worden, was auch von Dr. Johan Wolf bestätigt wurde. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts fanden ständig Zuwanderungen aus Alt- und Neu-Sankt-Anna statt. Der von den Galschaer Deutschen gesprochene Dialekt ist heute identisch mit dem, der in Sankt-Anna gesprochen wird.  1880 stellten die Deutschen einen Bevölkerungsanteil von nur 5 Prozent. Ihre Zahl stieg allmählich bis 1940, als sich von den 2.369 Einwohnern 377 Personen als deutsche Volkszugehörige registrieren ließen; demnach betrug ihr Anteil damals 16 Prozent an der Gesamtbevölkerung. Aber auch noch im Jahre 1977 wurden in Galscha  326 Deutsche gezählt, die hier neben 1.433 Rumänen, 284 Ungarn, 198 Zigeunern und 3 Sonstigen lebten. Bei der Volkszählung vom Januar 1992 bekannten sich von den 1.616 Einwohnern 127 Personen zum Deutschtum, das war ein Bevölkerungsanteil von über 7,8 Prozent.

Bis etwa 1870 gab es laut Luzian Geier keine deutsche Schule in Galscha. Die Kinder der Deutschen besuchten damals die deutsche Schule aus Hellburg. Nach demselben Autor soll hier der erste deutsche Lehrer im Schuljahr 1870-71 Jakob Kraus gewesen sein; er unterrichtete 62 der 104 schulpflichtigen Kinder. Fünf Jahre später gab es im Ort nur mehr  65 schulpflichtige Kinder, von denen 53 vom Lehrer Julius Hermann unterrichtet wurden. Laut Geier ist die konfessionelle deutsche Schule um 1910 aufgelöst worden.

Die römisch-katholischen Gläubigen bildeten schon immer eine Filiale der Hellburger Pfarrei. Eine katholische Kirche ist hier nicht erbaut worden, aber 1879 errichtete man ein Bethaus, das dem Hl. Antonius von Padua  geweiht wurde. Das Bethaus diente laut Waldner und Dr. Petri zeitweilig  auch als Schulraum.

Über das heutige Leben in Galscha wurde in der Presse der letzten Jahrzehnte kaum noch etwas berichtet. Lediglich zweimal ist das Dorf im Frühjahr 2002 in der „Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien“ (ADZ) bzw. in der „Banater Zeitung“ (BZ – eine Beilage der ADZ) erwähnt worden. Die ADZ berichtete über einen der letzten in Galscha verbliebenen Deutschen: Michael Hirsch. Er soll laut Bericht „in seinem Heimatort eine gut funktionierende Gärtnerei“ betreiben. In seinem auf der Hauptstraße angesiedelten Blumenladen „La Flora“ setzt er seine eigenen Erzeugnisse ab. Diese stammen alle aus dem von ihm errichteten Treibhaus.

Michael Hirsch – eigentlich ein Tierarzt in Rente – betreibt die Gärtnerei aus Leidenschaft. Der Vater von zwei Kindern vertritt die Interessen der Galschaer Bürger im Hellburger Gemeinderat. Sein älterer Bruder wanderte vor 15 Jahren nach Deutschland aus. Seine Mutter, die 80-jährige Rosalia Hirsch, gehörte zu den Russlanddeportierten, und heute pendelt sie zwischen Stuttgart und Galscha hin und her. Als Aussiedlerin überwintert sie beim älteren Sohn und verbringt den Sommer beim jüngeren, lebt also abwechselnd je ein halbes Jahr in Deutschland und in der alten Heimat. Sie sagt, in Deutschland könne sie gar nichts festhalten, weil dort keiner bereit sei, mit ihr zu plauschen.

Galscha hat auch einen italienischen Investor gefunden. Mit Massimo konnte sich die BZ-Journalistin aber nicht unterhalten, weil dieser die rumänische Sprache nicht beherrscht. Neben dem einstigen Steinbruch errichtete er die Drei-Sterne-Pension „La Forestiera“. Trotz der hohen Bau- und Einrichtungskosten stehen die Gasträume ständig leer. Alle Bemühungen des italienischen Geschäftmanns, die Pension bekannt zu machen, blieben erfolglos. Für ausländische Touristen scheint das weit von den Hauptverkehrsadern platzierte Gasthaus unbemerkt zu bleiben, und die Einheimischen können in der derzeitigen wirtschaftlichen Lage des Landes nicht so leicht zum Verreisen bewegt werden. Außerdem hat die Umgebung, die meistens aus kahlen Hügeln besteht, keine besondere touristische Anziehungskraft. So kommt es, dass die zehn hier Beschäftigten fast ständig im Restaurant sitzend auf Gäste warten. Dabei könnte man in der Pension bei für ausländische Touristen sehr günstigen Preisen rumänische oder italienische Spezialitäten servieren lassen. Eine Übernachtung für zwei Personen mit Frühstück würde auch nur 700.000 Lei, also etwa 20 Euro (Stand: Mai 2002) kosten. Für Abwechslung sorgt ein Schwimmbad, und bald soll auch ein Tennis- und ein Handballplatz hinzukommen.

Leider ist nun auch Galscha ein Beweis dafür, dass Rumänien bei weitem noch nicht reif für einen gewinnbringenden Tourismus ist. Dabei hat der ländliche Tourismus (hier „Agro-Tourismus“ genannt) beim jetzigen Stand der Einrichtungs- und Verpflegungsmöglichkeiten gar keine Chancen. Vor allem hat der Rumäne zur Zeit ganz andere Sorgen, als unter glühender Sonne über Hügel zu wandern, die im besten Fall mit Rebstöcken bepflanzt sind.

November 2002                                                                                                Anton Zollner