DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (33)
W o l f s b e r g

Über Wolfsberg (heute: Garâna; ung.: Szörényordás) wird in der letzten Zeit fast ständig in der „Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien" (ADZ) berichtet, und sogar die Münchner „Süddeutsche Zeitung" ließ es sich am 6./7. Mai 1995 die nicht nehmen, über den neuen Touristenboom, der hier wiedererstehen soll, zu berichten. Die häufigen Presseberichte sind schon Beweise dafür, dass hier, wie auch in anderen Bergdörfern des Semenik-Gebirges ein harter Konkurrenzkampf um die Häuser und Grundstücke der ausgewanderten Deutschböhmen im Gange ist.

Wolfsberg ist eines der 1827 vom Oberkommando der Banater Militärgrenze mit Deutschböhmen angesiedelten vier Bergdörfer des Banats. Den Ansiedlern gewährte man viele Vorteile, wofür sie aber als Grenzer ihre Soldatenpflicht ständig erfüllen sollten. Die ersten Ansiedler, die im Herbst 1827 aus Böhmen angekommen sind, konnten vor dem Winter nicht mehr in den Urwald geschickt werden, und so hatte man sie in Temesch-Slatina und in Alt-Sadowa einquartiert. Im Frühjahr 1828 begannen die 67 deutschböhmischen Familien auf dem 995 m hohen Bergrücken „Garâna“, ihre Häuser zu errichten. Von den 120 ausgemessenen Hausplätzen wurden aber 1828 nur 98 besetzt.

Unter den Deutschböhmen aller neuen Siedlungen verbreitete sich bald immer mehr die Unzufriedenheit. Die versprochenen Bodenflächen mussten schrittweise dem Urwald abgerungen werden. Dazu kamen auch die äußerst strengen Winter, die kühlen Sommer und fehlenden Verkehrswege zu den Siedlungen. Ab 1832 begann eine Massenflucht der Siedler in die in Tälern gelegenen Ortschaften, aber die Erlaubnis für eine Rückkehr nach Böhmen oder für eine Niederlassung in anderen Banater Ortschaften wurde ihnen erst im September 1833 erteilt. Die meisten Deutschböhmen ließen sich in Alt-Sadowa und in der Banater Hecke (bis nach Rekasch) nieder. Aber auch hier fanden die Siedler nicht ihren richtigen Platz, weil sie das sumpfige Gelände nicht ertragen konnten. Auch sonst waren sie unzufrieden, weil sie da nur als Knechte, Mägde oder Taglöhner ihr Brot verdienen konnten. Schließlich haben sie schon im Dezember 1833 bei den Militärbehörden ihre Rückkehr in die verlassenen Siedlungen ersucht. Die Rückkehr wurde gestattet, aber mit der Bedingung, dass sie abgesehen von dem Recht auf Hausplatz und Boden auf jedwelche staatliche Unterstützung, verzichten. Von den ursprünglichen Ansiedlern kehrten nur mehr 35 Familien nach Wolfsberg zurück und aus der aufgelassenen Siedlung Wolfswiese kamen noch 18 Familien hinzu.

Die aus Böhmen angeworbenen deutschen Holzschläger erwarben ihr tägliches Brot auch in der neuen Heimat, wo ein raues Gebirgsklima herrschte, durch Holzfällerei, Kohlenbrennerei, und dazu betrieben sie noch ein bisschen Landwirtschaft, soweit es ihnen der Semenik gewährte. Sie beschäftigten sich aber auch mit der Holzschnitzerei; ihre Erzeugnisse verkauften sie den Rumänen aus dem Temesch-Tal. Es ist aber auch bekannt, dass ein gewisser Johann Tremmel 1872 aus eigener Initiative seine Holzschnitzererzeugnisse auf der Wiener Weltausstellung angeboten hat. Bis zum Ende des 2. Weltkrieges blieben die Deutschböhmen unter sich, Angehörige anderer Nationalitäten gab es höchstens zwei bis drei. Die katholischen Gläubigen bildeten eine Filiale, die bis 1853 zur Franzdorfer und danach zur Weidenthaler Pfarrei gehörte. 1876 wurde in Wolfsberg eine eigene Pfarrei gegründet, nachdem 1871 die heutige Kirche der Hl. Theresia von Avilla geweiht wurde. 1910 lebten im Bergdörfchen 956 Deutschböhmen, und bis 1940 stieg ihre Zahl auf 1.180. Bei der Volkszählung von 1977 zählte man hier bei 814 Einwohnern noch immer 797 Deutsche. In den Jahren 1990-91, während des Massenexoduses der Rumäniendeutschen wanderten die meisten Wolfsberger nach Deutschland aus. Bis Januar 1992 entvölkerte sich auch Wolfsberg, und die Bevölkerungszahl sank auf nur noch 126 Seelen, von denen 109 Deutsche waren. Bis Oktober 1995 schrumpfte die Dorfgemeinschaft nochmal auf 72 Einwohner, unter denen nur noch 48 Deutsche lebten.

Im Unterschied zu den anderen Bergdörfern des Semeniks entdeckten die Wolfsberger schon in den '20-er Jahren den Fremdenverkehr. Der Wirt und Chorleiter Jakob Weinfurter und seine Frau, die Ritzi-Basl begannen schon damals, den „Luftschnappern" den Aufenthalt unter ihrem Dach mit besonderer Bewirtung und Verköstigung unvergesslich zu gestalten. Besonders nach dem 2. Weltkrieg wurde Wolfsberg im ganzen Lande als eine Touristenattraktion bekannt. Ein Boom setzte sich nur wegen der sozialistischen Misswirtschaft im Hotel- und Gaststättenwesen nicht ein. Trotzdem konnte sich hier die von den deutschböhmischen Gastwirten betriebene staatliche Touristenbranche seit den '60-er Jahren nicht über Mangel an Gästen beklagen.

Da Wolfsberg in einer besonders schönen Landschaft eingebettet ist, ist es auch nicht zum Staunen, dass nach der eingetretenen Auswanderungswelle, die Böhmenhäuser wie warme Semmeln verkauft wurden. Sogar Landsmannschaftsfunktionäre wie Manfred Engelmann erwarben sich im Dorf ein (Ferien-)-Haus. Zu den Besuchern des Böhmendörfchens zählen aber auch deutsche Diplomaten und sogar die bayerische Staatsministerin Barbara Stamm. Mit ihrer Hilfe hatte man hier eine Jugendbegegnungsstätte eingerichtet, für deren Betrieb der Verein „Banat-JA" sorgen soll. Ansonsten möchte dieser Verein Wolfsberg „wiederbeleben" und sogar lebensfähig machen. Wenn dabei die Wiederbelebung des Tourismus gemeint ist, so könnte dies vielleicht auch gelingen. Aber eine Wiederbelebung des deutschböhmischen Wolfsbergs kann nur noch ein Traum sein. Dazu kann auch die Rückkehr eines Karl Richer oder die Förderung der „Rückführung rumänischer Aussiedler" seitens des Freistaates Bayern nicht verhelfen.

Trotzdem gibt es auch andere „Wiederbelebungsversuche", wie das jährliche Abhalten einer sogenannten „deutschböhmischen Kirwa" (Kirchweih), die alles ist, nur nicht das, wofür man sie bezeichnet. Man will wahrscheinlich den neuen Ferienhausbesitzern den Eindruck vermitteln, dass „man noch da ist". „Da sind" aber keine fünf Prozent mehr der 1977 hier Ansässigen, und so entartet das einstige größte Fest der Deutschböhmen zu einem „multikulturellen Straßenfest", wie man es heute in den Großstädten Deutschlands jeden Sommer sehen kann. Da es hier keine lebens- (und Kirwa-) fähige deutsche Dorfgemeinschaft mehr gibt, trommelt man aus dem ganzen Banat „Kirchweihmädchen" und „-buben" zusammen. Zur deutschböhmischen Kirwa marschieren hier dann Leih-Kirchweihpaare aus Neu-Arad in schwäbischer „Kerwei"-Tracht, die Reschitzer Tanzgruppe in steirisch-bajuwarischem „Outfit", die Sathmarer Schwaben aus Großkarol in ihrer schwarz-weißen Tracht, die Siebenbürger Sachsen aus Neumarkt in hellblau-weißer Kleidung, die Glogowatzer in banat-schwäbischer Brauttracht und schließlich noch eine Tanzgruppe und ein Chor aus Ferdinandsberg - man könnte sagen, lauter „Deutsche", aber kein einziger Deutschböhme. Die ADZ bezeichnete diese Veranstaltung sehr wahrheitsgetreu als „Kirwa nach neuer Art". Wären die Trachtenträger auch das gewesen, was ihre Tracht vorgab (also Deutsche), dann könnte man diese „Kirwa" im besten Fall als ein Folklorefestival der Rumäniendeutschen betrachten.

Und welche Rolle spielten bei diesem Rummel die 48 echten Wolfsberger? 1995 versammelten sie sich um halb zwölf in der von Deutschland aus renovierten Kirche zur hl. Messe, die nur für sie zelebriert wurde. Der Festgottesdienst fand vorher nur im Beisein der Ehrengäste und der Organisatoren statt. Dies konnte auch nicht anders geschehen, nachdem ein Jahr zuvor die einheimischen Deutschböhmen beim Festgottesdienst „bescheiden am Rande saßen oder in der hintersten Reihen und still vor sich hinweinten". Ihre Kirchenlieder hatten sie auch kaum mitgesungen, weil auch dies von fremden Sängern aus Reschitz übernommen wurde. Da ist es auch nicht verwunderlich, dass die in der alten Heimat Verbliebenen, nachdem sie die Kirche verließen, „ein bisschen auch eine Abgrenzung den vielen Gästen gegenüber" fühlten. Im Klartext heißt dies, dass sie sich ausgegrenzt fühlten.

Neben der Art und Weise, in der sich nun verschiedene Prominente um die Häuser und Grundstücke der Deutschböhmen einander bekämpften, kann auch noch diese Stimmung dazu beigetragen haben, dass nach der Auswanderung des Bürgermeisters Peter David kein Einheimischer mehr dieses Amt übernehmen wollte. So kam es dann dazu, dass in dieser Funktion der ortsfremde Dan Adrian Curuta auf der Liste der Sozialdemokratischen Partei zum Bürgermeister gewählt wurde.

Was soll nun aus dem Dorf mit den 236 weißgetünchten Böhmenhäusern werden? Nach dem sich abzeichnenden Trend, scheint es eher eine Art von Sommerresidenz der „neuen Elite" zu werden. Aber auch Künstler bemühen sich, sich der Konkurrenz zu stellen und hier eine „Künstlerkolonie" einzurichten. Dafür haben sich ein Dutzend Maler schon Böhmenhäuser gekauft. Laut Wunsch einiger Personen aus der bayerischen Staatsregierung sollte sich Wolfsberg durch Rückwanderung von Aussiedlern „bald zu einer wohlhabenden Gemeinde entwickeln" (!??).

Die Realität schaut aber trotz der Rückwanderung von ... drei Familien viel düsterer aus. Von der einstigen drei riesigen Kuhherden sind nur noch 30 Kühe übriggeblieben. Die Landschaft um Wolfsberg ist braun geworden, weil das Gras auf den Hügeln nicht mehr gemäht wurde. Auch die Gärten und Felder, die einst mit Kartoffeln und Rüben bebaut waren, liegen nun brach. Die verbliebenen alten Leute bebauen ihre Gärten nur mit dem Nötigsten für den eigenen Gebrauch. Im einstigen kinderreichen Dorf, wo einst 250 bis 300 Schüler die deutsche Schule besuchten, gibt es nur noch 11 Kinder, die simultan in den Grundschulklassen unterrichtet werden. Und weil Wolfsberg keine Jugend mehr hat, gibt es für das einstige deutschböhmische Bergdorf auch keine Zukunft mehr. Die einzigen Nutznießer des Ergebnisses von deutschböhmischer Schwerstarbeit im Laufe von fast 170 Jahren sind die Neureichen Rumäniens, die auf den Hochwiesen des Semeniks ihre prunkvollen Sommerresidenzen eingerichtet haben. Der gewöhnliche Banater „Luftschnapper“ kann sich mit seinem Einkommen auf dem Semenik keinen Urlaub mehr leisten.

Februar 1996                                                                                                     Anton Zollner