DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (74)
 W o j t e k

Wojtek (amtlich: Voiteg; ung.:Vojtek oder Vejte) liegt nördlich von der Stadt Detta auf der Europastraße E-70. Der Bahnhof trägt einen von der Ortsbenennung abweichenden Namen, und zwar Voiteni.

Die Siedlung war unter verschiedenen Namen schon seit dem 14. Jahrhundert bekannt. Dokumentarisch soll sie schon 1328 belegt worden sein. In jenem Jahr soll das Gut unter dem Namen Vejtech im Besitz des Grundherrn Theodor Veytey und seiner Söhne gewesen sein. Laut Karl Kraushaar soll König Matthias 1462 das Gut an Johann Szentgirothi verschenkt haben. Zuvor soll laut Anni Engelmann das Gut der Veyteys am 30. März 1410 von König Sigismund dem Severiner Banus, Lorenz Majus, geschenkt worden sein. Während der Osmanenherrschaft haben die Türken die Festung und ihre Kirche zerstört und das Dorf verfallen lassen.

1776 ist Wojtek durch Graf Brigado von Bresowitz, dem Präsidenten der Banater Landesadministration, neu angelegt worden. Der Dorfplan sah gerade Straßen vor, wie dies in allen neuangelegten Dörfer der Fall war. Laut Kraushaar soll die Bevölkerung Wojteks bis 1830 außer den 45 Deutschen nur aus Rumänen und Serben bestanden haben. Nach demselben Autor soll das Dorf erst 1845 „mit Deutschen vermehrt" worden sein, die aber keine Kolonisten waren, sondern Zuwanderer aus anderen Ortschaften des Banats. Demnach war Wojtek eine Binnensiedlung, in der die Deutschen bis zum 2. Weltkrieg einen Bevölkerungsanteil von etwa 52 Prozent hatten. 1910 lebten in diesem Dorf mit Einwohnern gemischter Volkszugehörigkeit 992 Deutsche. Ihre Zahl stieg bis 1940 auf 1.253. 1977 wurden hier unter den 2.217 Dorfbewohner nur mehr 430 Deutsche gezählt. Ihre Zahl sank bis Januar 1992 auf 126 Seelen, die hauptsächlich in Mischehen lebten. Laut Angaben der Heimatortsgemeinschaft Wojteg (aus Deutschland) lebten im Februar 1996 im Heimatort nur noch 65 Personen deutscher Volkszugehörigkeit.

Im zur Gemeinde Wojtek gehörenden Dorf Folia (ung.: Folya) lebten in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts auch etwa 200 Deutsche, die einen Bevölkerungsanteil von fast 20 Prozent stellten. 1940 zählte man hier sogar 229 Deutsche. Bei der Volkszählung von 1992 bekannten sich hier von den 485 Einwohnern nur noch 14 Personen zum Deutschtum. 1940 zählte man auch im nahegelegenen und zur Gemeinde Tormak (Rittberg) gehörenden Dorf Schipet (amtlich: Sipet; ung. Sebed) 106 Deutsche. Vorher lag ihre Zahl noch höher, ihr Bevölkerungsanteil belief sich auf etwa 6 Prozent. Bei der Volkszählung von 1992 bekannten sich von den 856 Einwohnern noch 7 zum Deutschtum.

Bis 1919 hatte Wojtek keine eigene Pfarrei. Sowohl die katholischen Gläubigen aus diesem Ort als auch jene aus Folia sind bis dahin vom Tschakowaer Pfarrer betreut worden. Danach ist Folia eine Filiale der Wojteker Pfarrei geworden. Eine Kirche konnten sich die Wojteker Gläubigen erst im Jahre 1901 errichten; bis dann waren sie mit einem Bethaus zufrieden. Diese Kirche ist im Dezember 1991 durch ein starkes Erdbeben so schwer beschädigt worden, daß der Turm abgetragen werden mußte. Zur Zeit befindet sich die Heimatkirche nach einer gründlichen Renovierung wieder in gutem Zustand.

Nachdem die Landwirtschaft im Banat zwischen den zwei Weltkriegen eine hohe Entwicklungsstufe erreicht hat, ergab sich die Notwendigkeit, eine Ackerbauschule zu gründen. Man entschied sich für die Errichtung der „Deutschen Ackerbauschule" in Wojtek. Der Bau der Schule wurde durch Aktienverkauf finanziert, und mit dem Unterricht und das Praktikum konnte man schon am 27. November 1927 beginnen. Nach dem Krieg wurde die Schule enteignet, und so kam sie in den Besitz des hiesigen Staatlichen Landwirtschaftsbetriebs (SLB oder rumänisch IAS).

Nach der Machtübernahme der Kommunisten ist Wojtek zu einem „Grenzort" geworden, und das ist es auch bis heute geblieben. Aus diesem Grund ist es auch von den politischen Ereignissen gekennzeichnet geblieben. Während der 50-er Jahre, als der Streit zwischen Stalin und Tito ausgebrochen ist, hatten die Bewohner des Grenzgebietes, unter diesen auch die Wojteker, viele Schwierigkeiten und Schikanen zu ertragen. Dazu gehörten neben den „milden" Einschränkungen der Bewegungsfreiheit bis hin zur Deportation in die Baragan-Steppe. Die Ortschaften, die entlang der Landstraße Temeschburg - Morawitz lagen, wurden zusätzlich auch mit unzähligen Bunkern versehen, so als wäre das Land im Kriegszustand gewesen. Die Betonbunker, die von weitem wie riesige Maulwurfshügel aussehen, sind auch heute noch vollzählig da. Den Grund dafür können wahrscheinlich nur die Regierenden (auch die heutigen) wissen. Ein Teil dieser „Souvenirs" aus den Zeiten des „kalten Krieges" „zieren" nun auch die Wojteker Landschaft.

Eines dieser „Souvenirs" befindet sich im Garten des Hauses mit der Nummer 22. Das Anwesen gehörte einst einer deutschen Familie, jetzt wohnt die rumänische Familie Ciuclea darin. Die Deutschen, erfinderisch wie sie schon immer waren, machten sich den Bunker als Vorratskammer nützlich. Sie lagerten in den vier Kammern, die durch einen Flur verbunden waren, ihre Wintervorräte. Die neuen Hausherren fanden für den Bunker keine Verwendung und ließen ihn verfallen. Heute dient der mit Grundwasser gefüllte Bunker nur noch den Fröschen als Quartier. Der Journalist der rumänischen Tageszeitung „Timisoara", der im Februar 1995 vor Ort war, schlug dem heutigen Besitzer des Anwesens vor, hier eine unterirdische Bar einzurichten, die den Namen „Zum Bunker" tragen soll. Die Familie Ciuclea hatte aber damals ganz andere Sorgen, da ihr Wohnhaus im Dezember 1991 durch ein Erdbeben einen Totalschaden erlitten hatte. Der Bau eines viel größeren und viel schöneren Hauses hatte für sie Priorität.

Die meisten und zugleich die verheerendsten Spuren hatte in Wojtek das Erdbeben vom 2. Dezember 1991 hinterlassen. Von den insgesamt 506 Häusern sind nur 5 unbeschädigt geblieben. 361 Häuser sollten komplett abgetragen und vom neuen aufgebaut werden, der Rest war reparaturbedürftig. Die staatliche Hilfe, die dem Neuaufbau dienen sollte, betrug nur etwa 10 Prozent des nötigen Geldes, wie dies ein Vertreter des Bürgermeisteramtes im April 1994 der Presse mitteilte. Zusammengefallen sind aber auch das Gemeindehaus, das Kulturheim, das Ambulatorium, der Kindergarten, die Schule und wie schon erwähnt, die katholische Kirche. Im Februar 1995 berichtete die „Timisoara", daß drei Jahre nach dem Beben im Dorf noch immer nicht viel für den Wiederaufbau getan wurde. Man hatte bis dann nur 25 neue Häuser gebaut, und 100 befanden sich noch im Bau. Der größte Teil der sowieso viel zu kleinen staatlichen Hilfe hatte bald seinen Wert durch die Inflation verloren. Die meisten Beschädigten konnten sich keine neue Häuser leisten, und trotz aller Gefahren richteten sie sich in ihren abrißreifen Häusern ein.

Aber auch nach einem weiteren Jahr, also im März 1996, meldete die „Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien (ADZ), daß „die Spuren des Erdbebens nicht beseitigt" worden sind. Lediglich das Ambulatorium konnte als Neubau fertiggestellt werden, aber dies nur mit der finanziellen Hilfe der Weltbank. Das Bürgermeisteramt ist inzwischen in das Gebäude der gewesenen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) umgezogen, der Unterricht ist in die Schulwerkstätte verlegt worden. Renoviert wurde nur das Kulturheim, und zwar auf Kosten der Gemeinde. Man könnte glauben, daß diese Anstalt (und nicht die Schule und der Kindergarten) von höchster Priorität sei. Das allgemeine Aussehen Wojteks war auch noch im März 1996 so wie nach einem Krieg: nichtgedeckte Häuser, Risse, fehlender Verputz an den Wänden und viele Schutthaufen auf den Dorfstraßen. Wie aber die Tageszeitung „Renasterea banateana" am 22. Mai dieses Jahres berichtete, hatte man hier nicht nur die Gebäuden der öffentlichen Anstalten (wie das Gemeindehaus, die Schule, der Kindergarten, usw.) nicht wieder funktionsfähig gemacht, sondern man hatte in dieser Zeitspanne nicht einmal die einsturzgefährdeten Trümmer abgerissen.

Trotz dieser hoffnungslosen Lage aus der Gemeinde Wojtek gab der auf der Liste der Rumänischen Demokratischen Konvention (CDR) gewählte Bürgermeister, der Tierarzt Tudor Marinescu, der oben genannten Zeitung nur optimistische Aussagen ab. So möchte er das 5 km lange Trinkwassernetz um 3 km verlängern. Zugleich möchte er den Wojteker Viehmarkt wiederbeleben. Als einen Anlaß dafür hält er die in der Gemeinde gezüchteten 2.754 Schweine, 2.500 Schafe, 575 Rinde, 150 Pferde und 25.000 Stück Geflügel. Dagegen spricht bis jetzt nur die leere Gemeindekasse. Vom Wiederaufbau des eigenen Gemeindehauses oder der Schule fiel kein einziges Wort.

Die in Wojtek verbliebenen Deutschen werden in der banater Presse kaum noch erwähnt. Zum letzten Mal berichtete über sie die ADZ am 29. Juni 1994. Das im Oktober 1990 gegründete Deutsche Forum der Deutschen (DFD) aus Wojtek soll damals 132 Mitglieder gehabt haben; Vorsitzende war die Lehrerin Barbara Morariu. Daß nicht alle von ihnen deutsche Volkszugehörige waren, ist anzunehmen, weil der Zahl der Bekenner zum Deutschtum damals viel geringer war. Das DFD hatte anfangs seinen Sitz im gewesenen Pfarrhaus, aber nach dem Erdbeben mußte das Haus für das Gemeindeambulatorium geräumt werden. In der inzwischen schon renovierten katholischen Kirche hält der Dettaer Pfarrer Johann Egi jeden zweiten Sonntag den Gottesdienst. Im Sommer 1994 sollen laut demselben Berichts auch 28 deutsche Familien mit 140 ha Boden Mitlieder des landwirtschaftlichen Vereins gewesen sein.

Oktober 1997                                                                                                                       Anton Zollner