DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (100)
 W i n g a

Auf der Europastraße E-671 (DN 69 Temeschburg - Arad) und 6 km nördlich von Orzydorf liegt die gewesene Stadt Theresiopol, die heutige Großgemeinde Winga (amtlich und ungarisch: Vinga). Nach einer gewissen Zeit bekam die Ortschaft wieder ihren alten Namen, und nach dem Anschluss des Banats an Rumänien wurde Winga wieder zu einer ländlichen Ortschaft erklärt. Heute befindet sich die Gemeinde, zu der auch die ungarischen Dörfer Mailat (ung.: Majlátfalva) und Manastur (ung.: Monostor) gehören, auf dem Gebiet des Kreises Arad.

Dokumentarisch belegt wurde die Siedlung zum erstenmal schon 1214, als sie sich im Besitz der Familie Csak befand. Später, 1454, gehörten „Veresvinga" und „Kerekvinga" dem damals abgedankten ungarischen Reichsverweser Johann Hunyadi. Am Anfang der österreichischen Verwaltung, 1717, trug die Siedlung den Namen „Vinca". Laut Karl Kraushaar kamen die bulgarischen Kolonisten 1737, aus der Kleinen Walachei (heute: Oltenien), auf den Ruf des Tschanader Bischofs Nikolaus Stanislavich. Bekanntlich wanderten etwa 2.000 katholische Bulgaren zwischen 1726 und 1731 aus der Türkei in die Kleine Walachei, wo damals Stanislavich Apostolischer Administrator war. Als dann 1737 der Türkenkrieg ausbrach, flüchteten viele Bulgaren mit „ihren Bischof" ins Banat und ließen sich in Alt-Beschenowa und etwa 100 Familien in Winga nieder. Stanislavich wurde 1739 zum Tschanader Bischof ernannt, die päpstliche Bestätigung erfolgte im September 1740 und die Inthronisierung im Februar 1740 in der Temeschburger Domkirche.

Trotz all diesen belegten Daten versuchte die nationalistisch orientierte Temeschburger Zeitung „Renasterea banateana" (Banater Wiedergeburt) in ihrer Ausgaben vom 30. Juli und vom 26. August 1997 ihre Leser zu überzeugen, dass die Katholizisierung der Bulgaren in Winga nur durch „ein Manöver der österreichisch-ungarischen Kaiserlichen gelungen sei", und dass diese nur infolge der „habsburgischen und päpstlichen Verführungen" zwangskonvertiert wurden. In der zweiten o. a. Zeitung behauptete man sogar, dass selbst der heutige katholische Pfarrer Nikola Nakov sich geäußert hätte, dass die Niederlassung der Bulgaren in Winga von ihrem Übertritt vom orthodoxen zum katholischen Glauben bedingt gewesen ist.

Bemerkenswert ist aber auch, dass am 25. August 1991 hier im Rahmen einer besonderen Feierlichkeit der 250. Jahrestag seit der Kolonisierung Wingas stattgefunden hat. Der festliche Dankgottesdienst wurde vom Temeschburger Diözesanbischof Msgr. Sebastian Kräuter in Anwesenheit vieler Ehrengäste - auch aus Bulgarien - in der hiesigen Kirche zelebriert. Demnach müssten die Bulgaren Winga 1741 kolonisiert haben, was aber wie oben geschildert, nicht der Realität entspricht.

Die heutige katholische Kirche aus Winga ist ein Monumentalbau im neogotischen Stil, der 1892 nach zweijähriger Bauzeit fertiggestellt wurde. Ihre 62 m hohen Türme sind schon aus weiter Entfernung zu sehen, da die Kirche 75 m oberhalb der Banater Heide auf einem Hügel steht. Die schlanken Türme sind zu einem Wahrzeichen Wingas geworden. Den Entwurf des Baus erarbeitete 1880 der Wiener Architekt Eduard Reiter. Danach wurde laut Helga Weber zehn Jahre lang gespart, und die Bevölkerung behielt sich von jeder Ernte nur das Lebensnotwendige; der Rest wurde verkauft und für den Kirchenbau gespendet. Der Haupt- und die Nebenaltäre wurden vom Südtiroler Josef Runggaldier geschnitzt. Die Orgel wurde von der Temeschburger Firma „Leopold Wegenstein und Sohn" erbaut. Das Kirchenschiff hat eine Länge von 63 m, und der imposante Bau weist auch heute noch keinen Riss auf. Die Kirche wurde noch im Jahr 1892 vom Bischof Dessewffy der Heiligen Dreifaltigkeit geweiht. Sehr bedenklich ist aber die Äußerung des Journalisten Petru Novac Dolânga von der „Renasterea banateana", wonach die Kirche nur „mit dem verschleierten Hintergrund errichtet wurde, um die bulgarische Kolonisten zum katholischen Glauben zu konvertieren".

Winga war zwar eine überwiegend katholische Ortschaft, aber so richtig deutsch war sie niemals. Trotzdem lebten im mehrheitlich bulgarischen Ort und in den zwei heute zur Gemeinde gehörenden Dörfern einige Hundert Deutsche, aber ihr Bevölkerungsanteil war immer gering. Im Jahr 1910 stellten die 529 Deutschen aus Winga einen Bevölkerungsanteil von über 11 Prozent. Die 236 Deutschen, die zur selben Zeit in Manastur lebten, hatten einen Anteil von 13,7 Prozent. Nach dem rumänischen Tagesblatt „Timisoara" vom 2. August 1994 sollen die katholischen Bulgaren in Winga einst die Mehrheit gebildet haben. Im November 1940 wurden in hier 465 Personen deutscher Volkszugehörigkeit registriert. In Manastur und in Mailat lebten damals 199 bzw. 20 Deutsche. Im August 1991 gab es in Winga nur noch fünf Deutsche, die in Mischehen lebten. Nach den Daten der Volkszählung vom 7. Januar 1992 sollen sich in der gesamten Gemeinde (also in den Ortschaften Winga, Mailat und Manastur) von den 6.478 Einwohnern 91 Personen zum Deutschtum bekannt haben. Heute bilden die 3.318 orthodoxen Rumänen in Winga die Mehrheit der Ortsbewohner. Die Zahl der Katholiken sank auf etwa 1.200 Personen: 900 Bulgaren und 300 Ungarn. Der katholische Gottesdienst wird auch in diesen zwei Sprachen gehalten.

Aber berühmt ist Winga nicht nur durch seine schöne Kirche geworden, sondern auch durch die „Vinga"-Schokolade, die einst hier erzeugt wurde. Die Süßwarenfabrik „Drasskovits" hatte die einstige „CIVITAS PRIVILEGIATAE" - in der auch der Wiener Express Halt machte - landesweit bekannt gemacht. Den Fahrgästen wurden während des Halts Kostproben der „Vinga"-Schokolade verteilt. Das Rezept aber blieb für immer ein Geheimnis, das der Unternehmer mit ins Grab genommen hatte. Nach der Machtübernahme seitens der Kommunisten ist die Fabrik enteignet worden, und später hatte man sie dem Verfall preisgegeben.

In den Reportagen über das heutige Winga wird fast von allen Zeitungen der hiesige Bürgermeister Gavril Sârca zitiert, der seit dem 13. Januar 1990 ununterbrochen dieses Amt bekleidet. So erklärte er im August 1991 in der „Neuen Banater Zeitung" (NBZ), dass er mit der Durchführung der Bodenverteilung zufrieden sei, da alle gewesenen Besitzer nach geltendem Gesetz zufriedengestellt wurden. Nach seiner Vorstellung sollten die Grundbesitzer nun landwirtschaftliche Vereine gründen, einige von den zukünftigen Eigentümern sollten sich damals sogar schon Landwirtschaftsmaschinen angeschafft haben. Zufrieden war der Bürgermeister auch, weil die Mieter der Staatseigentumswohnungen diese aufgekauft hatten. Doch das besondere Problem Wingas war der Wiederaufbau des Ortszentrums, der noch in der Ceausescu-Epoche abgerissen wurde, um neuen Wohnblocks Platz zu machen. Man hatte zwar die Gräben ausgehoben, aber danach ist das Geld ausgegangen, und für neue Fonds gab es keine Aussichten. Das Gemeindeoberhaupt sah in der Verlizitierung des Baugrunds den einzigen Ausweg, um das Gemeindezentrum wieder aufzubauen.

Die „freie Marktwirtschaft" bestand 1991 in Winga aus einer Autowerkstatt, zwei Bäckereien, zwei Boutiquen und sechs Café-Bars, die aber der Gemeinde kaum Geld einbrachten. Wegen mangelnden Gelder konnten nicht einmal die Straßen der Gemeinde instandgehalten werden. Erst 1998 meldete der Bürgermeister die „Modernisierung" von zwei Kilometer Straßen, die Betonierung des Lebensmittelmarktes und die Instandsetzung eines kleines Teils der Gehsteige. Die Kommunalstraßen warten seit vielen Jahren auf ihre Instandsetzung, aber wie es scheint, wird dies auch 1999 nicht geschehen. Dafür hatte aber die „RomTelecom" einiges in den Ausbau des Fernmeldenetzes investiert. Bis Ende 1998 sollte das Kabelnetz auf 500 Anschlüsse in Winga und je 150 in Mailat und Manastur erweitert werden, was aber nicht vollständig gelungen ist. In diesem Jahr soll eine digitale Telefonzentrale der Marke „Alcatel" mit 1.000 Anschlüssen in Betrieb gehen. Dafür ist aber die Erweiterung des Trinkwassernetzes ins Stocken geraten. Weil auch hier das Geld ausgegangen ist, können 5,8 km Wasserleitungsrohre nicht ihrer Bestimmung übergeben werden. Trotzdem bemüht sich nun Gavril Sârca, die Gemeinde an das Erdgasnetz anzuschließen, deswegen will er noch in diesem Jahr die technische Planung bestellen.

Wie zu erkennen ist, setzt sich der Wingaer Bürgermeister nun schon seit zehn Jahren für das Wohl seiner Gemeinde ein. Dass er trotzdem nur wenig von seinen Plänen auch Verwirklichen kann, ist nicht seine Schuld. Mit dem Titel schafft man noch keine Mittel! Die übertriebene Zentralisierung der Territorialverwaltung und die ständige Entmündung der Kommunen führte die Banater Gemeinden in eine katastrophale Lage, aus der es, wie es scheint, kein Ausweg mehr gibt.
 
Januar 1999                                                                                           Anton Zollner