DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (58)
 W e t s c h e h a u s e n

Das einstige rein deutsche Dorf Wetschehausen (heute: Pietroasa Mare; ung.: Vecseháza) liegt in der Nähe und südlich von Lugosch (heute: Lugoj) und gehört zur rumänischen Gemeinde Victor Vlad Delamarina (dem gewesenen Satu Mic). Laut Karl Kraushaar wurde das Dorf 1786 von Deutschen gegründet. In jenem Jahr sind hier auch die Matrikelbücher eingeführt worden. Als man fünf Jahre später, 1791, die Ortschaft erweitert hatte, wurde auch die katholische Pfarrei gegründet. 1910 bildeten die 1.137 Deutschen einen Bevölkerungsanteil von fast 95 Prozent. Sowohl die Zahl der Deutschen als auch ihr Bevölkerungsanteil stieg weiterhin bis 1940, als hier 1.315 Personen deutscher Volkszugehörigkeit lebten. Sogar noch im Jahre 1977 gab es in Wetschehausen bei 1.044 Einwohnern noch immer 1.023 Deutsche, die Zahl der Rumänen betrug nur 19 Seelen. Selbst noch Anfang 1990 gab es im Dorf 78 Abonnenten der „Neuen Banater Zeitung", was zusammen mit den „Neuer Weg"-Lesern auf noch etwa 100 deutsche Familien hinweisen könnte. Bei der Volkszählung vom Januar 1992 mußte dann festgestellt werden, daß die gesamte Zahl der Ortsbewohner drastisch auf 652 Personen gesunken ist. Von diesen bekannten sich nur noch 188 Personen zum Deutschtum, währen die Zahl der Rumänen auf 352 gestiegen ist. Auch die Zahl der Zigeuner ist ständig gestiegen. Diese neue Bevölkerungsstruktur war dann auch der Grund dafür, daß dieses Schwabendörfchen bald einem unaufhaltsamen Verfall entgegenging. 1940 lebten auch in den benachbarten Dörfern Herendesti (ung.: Heres) und in Visag (ung.: Krassóvisszák) 22 bzw. 23 Deutsche. Bei der Volkszählung von 1992 bekannten sich nur noch in Herendesti von den 551 Einwohnern 3 Personen zum Deutschtum.

Den Anfang vom Ende schilderte Grete Lambert schon am 16. Oktober 1991 in der „Neuen Banater Zeitung". Damals lebten hier im Unterschied zu anderen Schwabendörfern auch noch einige Jugendliche, und 10 Kinder wurden damals in den Grundschulklassen von der Lehrerin Anna Kaupa simultan unterrichtet. Einige der großen und hellen Klassenräume fingen an, leer dazustehen, da damals auch in den rumänischen Grundschulklassen nur 11 Kinder ebenfalls simultan unterrichtet werden mußten. Im Kindergarten gab es auch zu wenig deutsche Kinder, um eine eigene Gruppe zu bilden, und so mußten alle 25 Kinder des Dorfes rumänisch unterrichtet werden. Die schwäbische Tanzgruppe, die aus 12 Paaren bestand, und die achtköpfige deutsche Theatergruppe existierte auch nur noch in der Erinnerung der immer weniger werdenden Wetschehausener Deutschen. Ihr Wunsch, nach Deutschland auszureisen, war damals so intensiv, daß sie nicht einmal mehr ein Ortsforum gründeten. Auch der damalige Ortspfarrer Hans Ghenari zeigte in jenem Jahr keinen besonderen Optimismus mehr. Er mußte damals neben Wetschehausen und weiteren vier deutschen Dörfern, auch noch die Deutschen aus Lugosch seelsorgerisch betreuen, da es auch hier keinen deutschsprachigen Priester mehr gab.

Im Januar 1995 meldeten die rumänischen Tageszeitungen „Timisoara" und „Renasterea banateana" (Banater Wiedergeburt) aus Wetschehausen, daß hier mit Hilfe der „Caritas" aus Eisenstadt (Österreich) ein „Caritas"-Sozialzentrum eingerichtet wurde. Der Sitz des Zentrums befindet sich im katholischen Pfarrhaus, wo 15 ausgesetzte Lugoscher Kinder in zwei Räumen betreut werden. Hier wird aber auch für die Armen des Dorfes gesorgt, indem man ihnen täglich ein warmes Mittagmahl zusichert.

Im April 1996 berichteten mehrere Temeschburger Zeitungen sogar öfters über die „Götterdämmerung" aus Wetschehausen. Das einstige deutsche Dorf mit seinen schönen und breiten von Obstbäumen umsäumten Straßen verfällt unter den Augen der nur noch wenigen hiergebliebenen „Altbürger". Schon 1992 lebten hier Menschen, die aus 33 Kreisen des Landes zugewandert sind. Die meisten von ihnen kamen aus der Moldau, nach ihrer Volkszugehörigkeit sind sie Rumänen, Ukrainer und Zigeuner. Sie alle haben gehört, daß man hier leicht Güter ergattern kann, ohne dafür zu schuften. Daß diese Leute aus nicht eben beneidenswerten Lebensumständen gekommen sind, war sofort zu bemerken. Statt Fleiß und Arbeitswillen brachten sie den ständigen Streit, die Rauferei und das Stehlen mit sich. Als ein Journalist der Zeitung „Renasterea banateana" Mitte April 1996 Wetschehausen besuchte, sah er keinen einzigen Bauern auf den Feldern arbeiten; die Mehrheit der „Neubürger" stand in Gruppen auf den Straßen beim Tratschen. So brachten sie ihren Unmut über das im Dorf herrschende Chaos zum Ausdruck, das sie im Grunde selbst verursacht haben.

Das Dorfambulatorium, das einst neben dem Neubau der Schule stand, ist auf die Veranlassung des Bürgermeisters und des Gemeinderats abgerissen worden, ohne daß man für ein neues Gebäude gesorgt hatte. Für die Betreuung der Kranken aus Wetschehausen sorgen mehr oder weniger die Ärzte aus dem Gemeindezentrum Victor Vlad Delamarina. Aber auch hier ist das Ambulatorium auf einer Fläche von 15 qm in einem gewesenen Viehstall untergebracht.

Vom Kulturheim ist auch nicht mehr als eine Ruine übriggeblieben. Hier, wo die Deutschen einst eine rege kulturelle Tätigkeit ausübten und wo 1986 auch eine Kegelbahn eingerichtet wurde, überlebten nur einige Stühle und Bänke die „Wetschehausener Götterdämmerung". Sonst sind die Scheiben der Türen und Fenster eingeschlagen worden, und den Fußboden ließ man verfaulen. Von der Bibliothek, der Bühne, dem Mobiliar, den Schachspielen und den Audio- und Videogeräten gibt es keine Spur mehr. Sogar die Balken des Baus sind ausgeschnitten und gestohlen worden. Die Toiletten befinden sich in so einem schrecklichen Zustand, daß dieser gar nicht beschrieben werden kann. Trotzdem werden hier noch Versammlungen der Bevölkerung abgehalten.

Zwar steht die Dorfschule noch auf ihrem Platz, aber ihr Verfall hat von innen aus schon begonnen. Durch die Zuwanderung der Fremden stieg die Zahl der Schüler der Grundschule und der Gymnasialstufe (5. - 8. Klasse) in den letzten Jahren auf 140 und die der Kindergartenbesucher auf 67. Sie werden von 14 Lehrern und Kindergärtnerinnen unterrichtet, aber 11 von ihnen können keine entsprechende Hochschulausbildung nachweisen. Dementsprechend benehmen sich auch die Schüler, indem sie vom Unterricht fern bleiben und den Lehrern gegenüber respektlos sind. Die Einbrüche und Diebstähle machen leider auch vor den Schultüren keinen Halt. Nachts werden die Scheiben eingeschlagen, und die Einbrecher lassen alles, was nicht niet- und nagelfest ist, mit sich gehen, dazu gehören auch die Toilettentüre. Als Täter erweisen sich oftmals auch die Schüler. Diese entwendeten auch Baumaterialien vom Schulhof und verkauften sie im Dorf. Dieses Phänomen betrachtet man hier eher als eine Folge der Armut, in der die zugewanderten kinderreichen Familien leben. Als Beispiele dafür, wird eine Familie mit 9 minderjährigen Kindern gegeben.

Die „Neubürger" protestieren nun ständig auch gegen die „ungerechte" Art, in der die Bodenverteilung gemacht wurde. Der Boden wurde den ansässigen Bewohnern und den Erben der einst Enteigneten zugeteilt, und zwar in der Zeit, in der es noch nicht die vielen Zugewanderten gab. Von den insgesamt 786 Hektar Ackerflächen wurden 724 ha den „Altbürgern" zugeteilt, und 62 ha wurde zur Verpachtung an die „Neubürger" freigegeben. Diese stellen nun den Anspruch auf den gesamten Boden des Dorfes, da sie behaupten, daß sie sich nur durch die Inbesitznahme des Wetschehausener Bodens von ihrer Armut befreien könnten. Die Gemeindeverwaltung hat zwar bis April 1996 noch keine einzige Besitzurkunde ausgehändigt, aber eine Rücknahme des gesetzlich verteilten Ackerbodens will sie auch nicht wagen. Man hat nun den „Neubürgern" versprochen, daß sie auf Wunsch eine Gesamtfläche von 1.100 Hektar besitzlosem Ackerboden, der sich außerhalb der Dorfgrenzen befindet, pachten können.

Aber auch sonst wird den Menschen aus Wetschehausen das Leben schwer gemacht. Im Dorf gibt es keine Telefonverbindung, und einen Briefkasten, wo man seine Korrespondenz aufgeben kann, gibt es auch nicht. Dafür funktioniert noch ein öffentlicher Busverkehr, der drei Fahrten am Tag zwischen dem Dorf und seinem Gemeindezentrum sichert.

Leider wird nun, wie schon in mehreren gewesenen Dörfern des Banats, auch hier in Wetschehausen der religiöse Haß und Neid geschürt. Das einzige Gotteshaus im Dorf ist die von den Deutschen erbaute katholische Kirche, aber nach dem Massenexodus der Banater Schwaben gab es hier im April 1996 nur noch 68 katholische Gläubige. Der einmal im Monat zelebrierte Gottesdienst soll hier laut der schon genannten Zeitung in deutscher Sprache stattfinden. Die Mehrheit der derzeitigen Bevölkerung Wetschehausens bilden nun die Rumänen und die Ukrainer, und diese haben zur Zeit noch keine eigene Kirche, da sie sich diese erst erbauen müßten. Ihr Gottesdienst findet jetzt in einem Wohnaus statt, und der Pope kommt sowohl zum Gottesdienst als auch zu den Beerdigungen der orthodoxen Gläubigen aus dem rumänischen Nachbardorf Herendesti. In dieser Lage empören sich die „Neubürger", daß die Gottesdienste der im Dorf verbliebenen katholischen Minderheit in einer geräumigen Kirche stattfinden können und dazu auch noch mit deutscher Predigt. Dies können und wollen sie nicht verstehen, da „es doch nur einen Gott gebe", und dieser müßte wahrscheinlich nach ihrer Meinung nur in rumänischer Sprache angebetet werden. Die „Neubürger" sollten aber nicht vergessen, daß, wenn es auch nur einen Gott gibt, die verschiedensten Völker zu Ehren desselben Herrgotts ihre eigenen Gotteshäuser errichtet und in ihrer eigenen Sprache gebetet haben. Dies könnten nun voll auch die „Neubürger" aus Pietroasa Mare tun, indem sie mit dem Bau ihrer Kirche beginnen.

Februar 1997                                                                                                         Anton Zollner