DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (36)
W e i d e n t h a l

Weidenthal (heute: Brebu Nou; ung.: Temesfö) ist eines der 1827 vom Oberkommando der Banater Militärgrenze mit Deutschböhmen angesiedelten vier Bergdörfer des Banats. Den Siedlern gewährte man viele Vorteile, wofür sie aber als Grenzer ihre Soldatenpflicht ständig erfüllen sollten. Die ersten Siedler, die im Herbst 1827  angekommen sind, konnten vor dem Winter nicht mehr in den Urwald geschickt werden, und so hatte man sie in Temesch-Slatina einquartiert. Im Frühjahr 1828 begannen die Siedler auf dem fast 900 m hohen Hügel „Cracu Brebului“, ihre Nothütten zu errichten. Die versprochenen 133 Häuser wurden erst später errichtet. Im Herbst desselben Jahres kamen zu den ersten 56 Familien noch weitere hinzu, aber die geplanten Hausplätze konnten nicht vollständig besetzt werden.

Unter den Deutschböhmen aller neuen Siedlungen verbreitete sich aber immer mehr die Unzufriedenheit. Die versprochenen Bodenflächen mussten schrittweise dem Urwald abgerungen werden. Dazu kamen auch die äußerst strengen Winter, die kühlen Sommer und fehlenden Verkehrswege zu den Siedlungen. Ab 1832 begann eine Massenflucht der Deutschböhmen in die in Tälern gelegenen Ortschaften, aber die Erlaubnis für eine Rückkehr nach Böhmen  oder für eine Niederlassung in anderen Banater Ortschaften wurde ihnen erst im September 1833 erteilt. Die meisten Deutschböhmen ließen sich in Alt-Sadowa und in der Banater Hecke (bis nach Rekasch) nieder. Aber auch hier fanden die Siedler nicht ihren richtigen Platz, weil sie das sumpfige Gelände nicht ertragen konnten. Auch sonst waren sie unzufrieden, weil sie da nur als Knechte, Mägde oder Taglöhner ihr Brot verdienen konnten. Schließlich haben sie schon im Dezember 1833 bei den Militärbehörden ihre Rückkehr in die verlassenen Siedlungen ersucht. Die Rückkehr wurde gestattet, aber mit der Bedingung, dass sie abgesehen von dem Recht auf Hausplatz und Boden auf jedwelche staatliche Unterstützung, verzichten. Von den einstigen Siedlern kehrten nur mehr 29 Familien nach Weidenthal zurück, und aus der aufgelassenen Siedlung Wolfswiese kamen noch 17 Familien hinzu.

Schon vor der Abwanderung lebten 1830 in Weidenthal 597 Deutschböhmen, die zur Franzdorfer Pfarrei gehörten. 1853 erhielten die Weidenthaler Katholiken ihre eigene Pfarrei, und nur fünf Jahre danach ist die hiesige Kirche dem Hl. Gallus geweiht worden. Bis 1930 stieg die Zahl der Weidenthaler Deutschen auf 1.041 Seelen. Mit ihnen lebten hier auch 14 Rumänen und 4 Ungarn. Die Deutschen erreichten ihre Höchstzahl 1940 mit 1.061 Personen. Die Deutschböhmen hatten bis zum Beginn des 2. Weltkrieges einen Bevölkerungsanteil von etwa 98 bis 99 Prozent. Auch bei der Volkszählung von 1977 zählte man hier bei 774 Einwohnern noch 717 Deutsche. Doch bei der 1992 durchgeführten Volkszählung wurde die fast totale Entvölkerung der Ortschaft festgestellt. Bei insgesamt 16 Einwohnern wurden damals nur noch 10 Deutsche gezählt, den Rest bildeten 4 Rumänen und 2 Ungarn. Im November 1994 meldete die „Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien" (ADZ), dass es in Weidenthal nur noch drei deutsche Familien gebe, und zwar die der Bergbauern Andreas Köstner, Adolf Zangl und Bruno Zutter. Da die Lebensbedingungen hier sehr rau sind, wagten keine rumänische Kolonisten zuzuwandern. Ein Jahr später wurde gemeldet, dass es in Weidenthal keinen Deutschen mehr gibt.

Mit der Auswanderung der Deutschen änderte sich nun auch der Charakter der Ortschaft. Das einstige Bergbauerndorf verwandelte sich allmählich in eine Wochenendsiedlung, in der nur noch fremde „Gäste" hausen. Aber auch dies geschah nicht ohne „Machtkämpfe" in den Reihen der „neuen Elite". Persönliche Interessen der neuen Machthaber bestimmten dann den Verlauf des Lebens und die Zukunft der „Gemeinde" Weidenthal. Wegen der Entvölkerung der Ortschaft musste 1991 der Sitz der „Gemeinde Brebu Nou" nach Wolfsberg (heute: Garâna) verlegt werden. Der 1992 gewählte Bürgermeister der Gemeinde, Peter David, packte 1994 auch seine Koffer und zog nach Deutschland. Dies verschärfte dann die Lage in der Gemeinde. Bei den Machenschaften, in denen es um den Erwerb der von den Deutschen hinterlassenen Häuser und Grundstücke geht, kommt dem Gemeindeoberhaupt eine besondere Rolle zu. Aus diesem Grund wollte kein Einheimischer mehr dieses Amt übernehmen.

Wie steht es nun um die Zukunft des gewesenen Bergbauerndorfes Weidenthal? Werner Kremm machte in der ADZ vom 14.Oktober 1994 einen vernünftigen Vorschlag, der „Ferien am Bauernhof" hieß, aber zugleich fragte er anschließend skeptisch: „Wann ist es soweit?". Wahrscheinlich vermutete er selbst, dass es hier nie zu dem kommen wird, was sich in den Alpenländern bewährt hat. Als 1990 eine Liste mit den Bauernhöfen aufgestellt wurde, deren Familien bereit gewesen wären, Touristen zu beherbergen, meldeten sich im Banater Bergland 40 Interessenten. Es ist anzunehmen, dass diese Deutsche waren, weil rumänische Bauern sich kaum vorstellen können, welcher Minimalstandard Voraussetzung für so ein Vorhaben ist. Doch zugleich ist es auch wahrscheinlich, dass die damaligen Interessenten inzwischen längst in Deutschland leben.

Nur die drei deutschen Bergbauern arbeiteten von früh bis spät und haben trotzdem ihre täglichen Sorgen. Zwar bekamen sie vom Demokratischen Forum der Berglanddeutschen einen Traktor mit Anhänger, den sie gemeinsam benützen sollten, aber damit sind die Probleme noch nicht gelöst. Ihre überschüssigen Produkte können sie nur beim Staat absetzen, und der diktiert die (niedrigen) Preise. Darum versuchen sie jetzt, ihre Hauptbeschäftigung in Richtung Viehzucht zu verlegen.

Dazu kommen noch die allgemeinen Schwierigkeiten des Alltags. Es gibt für das Bergdorf keinen Busverkehr, und darum müssen die Weidenthaler bis in die Nachbarortschaften zu Fuß marschieren. Aber noch viel schlimmer ist die Tatsache, dass es im Dorf auch keine Telefonverbindung mit der Außenwelt gibt.

Dafür gibt es hier auch einen positiven Aspekt, und zwar das angenehme Dorfbild. Die Kirche, die Schule und immer mehr Häuser erhalten einen neuen Glanz. Nach dem Umbruch vom Dezember 1989 kauften hier meist Künstler, aber auch andere „Prominente" zu Niedrigpreisen die deutschen Häuser auf und richten sie als Ferienhäuser ein. Auch die Häuser, die ab 1989 ihren Besitzer nicht mehr wechseln mussten, werden nun in jedem Sommer von ihren „Deutschländer" Eigentümern gehegt und gepflegt, mit der Absicht ihren Ruhestand in der „alten Heimat" zu genießen. Doch wissen diese wahrscheinlich nicht, dass in diesem Fall die DM-Rente nach dem Fremdrentengesetz eingestellt werden müsste, wodurch der Rumänien-Anteil gestrichen wird.  In diesem Fall werden die ausgewanderten Weidenthaler hier wenigstens die jährliche Sommerfrische erleben können. Dank seiner idyllischen Lage ist zu hoffen, dass Weidenthal nicht das Schicksal Lindenfelds teilen werden muss.

März 1996                                                                                                                 Anton Zollner