DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (2)
W  a  r  j  a  s  c  h

Warjasch (amtlich: Varias) war schon immer eine Ortschaft mit gemischter Bevölkerung, die Hälfte bestand aus Deutschen, den Rest bildeten hauptsächlich Serben, aber auch Rumänen und Ungarn. Bei der Volkszählung von 1972 zählte man in Warjasch 4.830 Einwohner, und in den beiden Dörfern Ketfel (heute: Gelu) und Totina oder Klein-Sankt-Peter (heute: Sânpetru Mic), die zur Gemeinde Warjasch gehören, lebten 1.740 bzw. 831 Personen. Gleich nach den Dezemberereignissen des Jahres 1989 verzeichnete man in Warjasch noch 65 und in Ketfel 47 „Neue Banater Zeitung“ (NBZ)-Abonnenten, woraus man schließen kann, dass hier etwas mehr deutsche Familien leben konnten als es NBZ-Abonnenten gab. Grete Lambert, NBZ-Redakteurin, schätzte damals die Zahl der Deutschen in Warjasch sogar auf 300. Im November 1990 soll es  hier noch 25 deutsche Familien gegeben haben. Im Februar 1991 wurden aus Warjasch noch 50 Deutsche gemeldet, von denen der älteste 81 Jahre und der jüngste 14 Jahre alt war. Am 22. August 1991 berichtete Grete Lambert, dass in Warjasch nur noch zehn alte Leute leben. Zugleich lebten in Ketfel und Totina je zwei deutsche Familien. Da ist es dann auch nicht verwunderlich, dass das Ergebnis der Volkszählung vom Januar 1992 wie ein Blitz einschlug. Bei dieser Gelegenheit gaben sich in den drei Ortschaften, die die Gemeinde Warjasch bildeten, nicht mehr und nicht weniger als 150 (!!!) als Deutsche aus. Soll man sich noch darüber wundern, dass sich in ganz Rumänien 111.301 Personen als Deutsche registrieren ließen?

Ansonsten zeigt Warjasch ein sehr düsteres Bild. Gleich nach den Dezemberereignissen von 1989 hatte man zwar einiges unternommen (wie die Instandsetzung der Mühle und der Straßenbeleuchtung), aber schon bald brach im Ort eine allgemeine Zerstörungswut aus. Anstatt die ehemalige Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG), die eine der modernsten Rumäniens war, zu erhalten, um sie danach zu privatisieren, wurden die Ställe in einem Trümmerhaufen verwandelt, die Melkanlage total zerstört und alles, was nicht niet- und nagelfest war, bis hin zu den Ziegeln auf den Dächern wurde gestohlen. Sogar ein drei Hektar großes Gewächshaus wurde demoliert, die Einrichtungen wurden weggeschafft. Der Bürgermeister verdächtigte daraufhin die Zigeuner und die gewesene LPG-Leitung, am Werk gewesen zu sein. Die schriftlich verständigte Polizei, die Staatsanwaltschaft und die Präfektur hatten nicht einmal Untersuchungen eingeleitet.
Auch bei der Bodenverteilung klappte es nicht so richtig. Obwohl die  Deutschen, die einst die Hälfte der Ortsbevölkerung darstellten, nicht mehr im Ort leben, reichte der vorhandene LPG-Boden nicht für alle Antragsteller.

Wenn schon das Wirtschaftsleben tatsächlich nur sehr schwer ins Rollen kam, malte die rumänische Zeitung „Agenda“ im Oktober 1992 ein hoffnungsvolles Bild. Ein Jahr zuvor wagte sich nur einer an die Marktwirtschaft, und zwar mit einer Konditorei. Die „La Lepa“-GmbH stellt heute Backwaren, Erfrischungsgetränke und Speiseeis im eigenen Labor her und bietet diese in der eigenen Konditorei den Kunden an. Zum Handelsnetz der Ortschaft gehören auch 16 Gemischtwarenläden. Zu den am meisten besuchten Bars gehört Petru Zaicus „La Zorba“ und Ioan Cosciugs „Jägerbar“.

Zu den Dienstleistungseinheiten gehören auch eine Damenschneiderei, eine Damen- und Herrenschneiderei, ein Damen- und ein Herrenfriseursalon, Reparaturwerkstätte für die Reparatur von Fernsehern, Haushaltsgeräten und Schuhen. Die Brüder Maceanu besitzen eine Werkstatt für Autoreparaturen. Sodawasser wird auch im Ort hergestellt. Die Firma „S. C. Piramis SRL“ handelt mit Bauwaren, und die Brüder Zaica betreiben eine Baufirma. Radivoi Mitin ist der Besitzer der Firma „S.C. Alitania SRL“, die das Vieh von der Bevölkerung aufkauft, es schlachtet und das Fleisch und die Fleischprodukte dann verkauft.

Auch mit der Landwirtschaft soll es in Warjasch laut Reporter  Virgil Gradinaru aufwärts gehen. Die Landwirtschaftsgesellschaft „Agroplant“, die 1.200 ha Ackerboden besitzt, erzeugt Weizen Soja, Hafer, Mais, Zuckerrüben und Sonnenblumen. Dieselbe Tätigkeit üben auch die Gesellschaften „Banat“ mit 1.700 ha, „Spicul“ (Die Ähre) und „Timpuri Noi“ (Neue Zeiten), letztere aus Ketfel, aus. Die ersten zwei betreiben auch eine Bäckerei. Alfred Bittenbinder ist der Eigentümer der Landwirtschaftsgesellschaft „Rosemarie“, die über Treibhäuser verfügt und hauptsächlich Gemüse produziert, das er dann in Warjasch und Temeschburg auf den Markt bringt.

Wie man sieht, geht das Leben nun auch ohne die Banater Schwaben langsam aber sicher (?) weiter.

April 1993                                                                                                                   Anton Zollner
 
 

„Man will zu den Deutschen"

Noch am 12. Januar 1994 veröffentlichte die „Banater Zeitung" (Beilage der „Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien - ADZ) eine Reportage über den von Dipl.-Ing. Alfred Bittenbinder geleiteten Landwirtschaftsverein „Rosmarein" aus Warjasch. Darin äußerte sich der Vorsitzende des „deutschen" Vereins, dass „man nun in Warjasch zu den Deutschen (damit ist der von einem Deutschen geleitete „Rosmarein"-Verein gemeint) will, obwohl der Verein ja nicht nur aus Deutschen gebildet ist". Mit den damaligen 220 Familien, die an die 750 Hektar Boden in den Verein brachten, wäre aber die oberste Grenze der Mitgliederzahl erreicht.

Da sollte man doch die Daten der Volkszählungen ein wenig analysieren. 1930 stellten die Deutschen mit 2.361 Seelen fast 56 Prozent der Gesamtbevölkerung Warjaschs dar. Bei der Volkszählung vom Jahre 1977 wurden bei 4.461 Einwohnern noch 1.125 Deutsche gezählt. Von diesen sind bei der Volkszählung vom 7. Januar 1992 laut offizieller Statistik nur noch 69 geblieben. Diese Ziffer muss aber stark übertrieben sein, da fünf Monate zuvor in Warjasch nur noch 10 (!) alte deutsche Leute lebten.

Auch in der zur Gemeinde gehörenden Dörfern Klein-Sankt-Peter, auch Totina genannt (heute: Sânpetru Mic; ung.: Kisszentpéter) und Ketfel (heute: Gelu; ung.: Kétfél) sieht die Lage nicht besser aus. In Klein-Sankt.-Peter, wo 1930  600 Deutsche einen über 97-prozentigen Bevölkerungsanteil darstellten, lebten 1977 bei 557 Einwohnern noch 349 Deutsche. Im August 1991 lebten nur noch zwei deutsche Familien im Dorf, und trotzdem bekannten sich bei der Volkszählung des Jahres 1992 34 (!) Personen zum Deutschtum. In Ketfel lebten 1930  321 Deutsche, das war ein 20,5-prozentiger Anteil an der Gesamtbevölkerung. Zugleich lebten auch 258 deutsche Seelen in der rein deutschen Siedlung Neusiedel (rumänisch: Colonia Mica; ung.: Kistelep), die heute ein Ortsteil von Ketfel ist. 1977, als die Einwohnerzahl des schon vergrößerten Ketfels 1.643 betrug, waren hier noch 268 Deutsche ansässig. Im August 1991 waren in Ketfel nur noch zwei deutsche Familien verblieben, aber trotzdem bekannten sich am 7. Januar 1992 sogar 47(!) Personen zum Deutschtum.

Da muss erlaubt sein zu fragen, wer die „Deutschen" des „deutschen" Landwirtschaftsvereins „Rosmarein" seien. Wahrscheinlich bezieht man sich hier vor allem auf den Vereinsvorsitzenden Alfred Bittenbinder und auf seine zwei Schwiegersöhne Roland und Christian Fassbinder. Zur Vereinsleitung gehört aber auch Waldemar Kühn, zugleich Leiter der deutschen Sendung von „Radio Temeswar", der zwar ein gebürtiger Warjascher, aber nun ein Wahl-Temeschburger ist. Sollten es im Landwirtschaftsverein auch noch mehr Deutsche geben, so gehören sie ganz bestimmt zu der Kategorie der „Pendler-Bauern", die zwar Mitglieder des Vereins sind, aber dafür keine Landwirte, und Warjascher wohl schon gar nicht.

4. Oktober 1994                                                                                                        Anton Zollner
 
 

„Ich kenne keinen Deutschen!“

Auf der Banater Heide, etwa 35 km nordwestlich von Temeschburg entfernt, liegt die Großgemeinde Warjasch (amtlich: Varias; ung.: Varjas). Die Ortschaft ist sowohl im Straßen- als auch im Eisenbahnnetz gut eingebunden und von einem sehr ertragreichen Ackerland umgeben. Nach einem Warjascher Spruch sollen auf den Feldern der Gemeinde „aus gesäten Mantelknöpfen fertige Mäntel emporwachsen“. Dementsprechend gehörte Warjasch zu den besonders reichen Ortschaften des Banats.

Warjasch ist schon 1333 in den päpstlichen Zehentlisten dokumentarisch belegt worden. Während der Türkenherrschaft soll sich die Siedlung aufgelöst haben, dem aber von Ioan Hategan widersprochen wird. Er dokumentiert die permanente Präsenz der Raizen und Walachen während der gesamten Besatzungszeit. Um 1717, nach der Vertreibung der Türken verzeichnete man hier 40 „Rauchfänge“, also Wohnstätten, in denen Raizen und Walachen lebten. Ihre Zahl stieg bis zur Ansiedlung der Deutschen bedeutend, um 1786 sollen hier schon etwa 3.300 „Illyrer“ gelebt haben. Viele von ihnen sind aus Serbien vor den Türken geflüchtet.

Da man mit dem Bau der Kolonistenhäuser in Rückstand war, hatte man die ersten deutschen Familien in Perjamosch einquartiert, bis sie sich laut Nikolaus Engelmann um 1786 in Haufendorf (dem heutigen Warjasch) niederlassen konnten. Nach Karl Kraushaar soll Warjasch erst 1793 neben den „Nationalisten“ (Illyrer) angesiedelt worden sein. Im selben Jahr ist die Pfarrei wiedererrichtet worden, und zugleich hatte man die Kirchenmatrikelbücher eingeführt. Dass die unmittelbare Nachbarschaft der Illyrer und der Deutschen nicht immer reibungslos verlief, beweist auch der Versuch des Kaisers Joseph II., das Verhältnis zwischen den alten und neuen Kolonisten zu regeln. Es scheint aber, dass 1793 nur die Trennung der Bevölkerung nach ihrer Volkszugehörigkeit den ethnischen Frieden ermöglichte. Die Illyrer blieben in „Illyrisch-Warjasch“ getrennt von den Deutschen, die in „Deutsch-Warjasch“ ihre neue Heimat fanden. Mit der Zeit entwickelte sich eine friedliche Nachbarschaft zwischen den zwei Volksgruppen, die aber den 2. Weltkrieg nicht überlebte. Von einem freundlichen Nebeneinander konnte auch Jahrzehnte nach dem Krieg nicht mehr die Rede sein. Wenn es auch keine ausgesprochene Feindschaft gab, so ist eine Entfremdung der zwei Bevölkerungsgruppen bis heute erhalten geblieben. Als ich noch vor einiger Zeit einen älteren Serben aus Warjasch nach unseren gemeinsamen deutschen Bekannten aus dem Dorf fragte, antwortete dieser: „Ich kenne keinen Deutschen in Warjasch!“.

Im Jahre 1910 stellten die 2.370 Warjascher Deutschen einen Bevölkerungsanteil von fast 54 Prozent; ihre Zahl erreichte bis 1940 die 2.516. Bis zur Volkszählung von 1977 sank diese Zahl  auf weniger als die Hälfte. Unter den 4.461 Einwohnern lebten 1.125 Deutsche, 1.873 Rumänen, 936 Serben, 294 Ungarn, 74 Zigeuner und 159 Sonstige. Bis Januar 1992 sank die Zahl der Dorfbewohner auf 4.030, von denen sich nur noch 69 Personen zum Deutschtum bekannten. Gleichzeitig ist auch die Zahl der Serben auf 737 und die der Sonstigen auf 82 gesunken. Die Zahl der anderen Volksgruppen ist gestiegen, die der Rumänen auf 2.481, die der Ungarn auf 440 und die der Zigeuner auf 220. Laut Angaben der Heimatortsgemeinschaft (HOG) Warjasch sind bis Februar 1996  24 Deutsche im Heimatdorf verblieben.

Fast ausschließlich von Deutschen bewohnt waren auch die zur heutigen Gemeinde gehörenden Dörfer Klein-Sankt-Peter und Kleinsiedel. Aber auch in Ketfel bestand die Bevölkerung zu 20 Prozent aus Deutschen. Im Jahre 1910 lebten in Ketfel (heute: Gelu; ung.: Kétfél) 311 Deutsche, die einen Bevölkerungsanteil von 18,6 Prozent stellten. Diese Daten blieben bis zum 2. Weltkrieg fast unverändert. In Kleinsiedel (rum: Colonia Mica; ung.: Kistelep) hatten die 242 Deutschen einen Bevölkerungsanteil von über 95 Prozent; bis 1940 stieg ihre Zahl auf 262. Aufgrund des Gesetzes Nr. 55 von 1968 ist Kleinsiedel in Ketfel eingemeindet worden. Bei der Volkszählung von 1977 zählte man im vergrößerten Ketfel unten den 1.642 Einwohnern 268 Deutsche, 546 Rumänen, 608 Serben, 26 Ungarn, 16 Zigeuner und 178 Sonstige. Im Januar 1992 bekannten sich von den 1.483 Einwohnern noch 47 Personen zum Deutschtum. Der Rest bestand aus 819 Rumänen, 383 Serben, 44 Ungarn, 51 Zigeunern und 129 Sonstigen. Laut Angaben der HOG Ketfel/Kleinsiedel lebten im Februar 1996 im Heimatort noch 23 Deutsche.

Das kleinere Dorf der heutigen Gemeinde Klein-Sankt-Peter, das auch Totina genannt wurde (heute: Sânpetru Mic; ung.: Kisszentpéter) gehört zu den 19 Ortschaften, die zwischen 1840 und 1847 zwecks Tabakanbau angesiedelt wurden. Laut Gheorghe Drinovan soll die Ortschaft 1843 dokumentarisch belegt worden sein. 1910 stellten hier die 615 Deutschen einen Bevölkerungsanteil von über 95 Prozent, bis 1940 ist ihre Zahl auf 685 gestiegen. Bei der Volkszählung von 1977 wurden unter den 557 Dorfbewohnern  349 Deutsche gezählt, was einem Bevölkerungsanteil von fast 63 Prozent entsprach. Neben ihnen lebten damals 143 Rumänen, 54 Ungarn, 4 Serben und 7 Zigeuner. Im Januar 1992 bekannten sich von den 546 Dorfbewohnern noch 34 Personen zum Deutschtum, der Rest bestand aus 322 Rumänen, 180 Ungarn und 10 Sonstigen. Laut Angaben der HOG Klein-Sankt-Peter waren bis Februar 1996 im Heimatdorf noch 5 Deutsche verblieben.
                                                                                                                                                                                                                                                                                        In der banater deutschen Presse ist Warjasch in den letzten acht Jahren nur einmal - im Juni 2001 – erwähnt worden, nicht aber auch die einstigen und heutigen Deutschen. Dafür hatte die rumänische Tageszeitung „Renasterea banateana“ (Banater Wiedergeburt) allein im Jahre 1997 zehn Mal aus dem Dorf berichtet, einmal veröffentlichte sie sogar ein Portrait des damals 68-jährigen Franz Schawicker. Dieser erzählte einiges von seinem Fronteinsatz, als er im Winter 1941-42 bei Stalingrad als rumänischer Soldat gegen die Rote Armee kämpfte. Die Strecke von 1.1250 km  bis dorthin marschierte er zwei Wochen lang zu Fuß durch. Nach dem Zusammenbruch der Front ist es ihm gelungen, von dort - mit Eiszapfen an der Uniform - wegzukommen und zu überleben. Sein gegenwärtiges Leben konnte ihn nicht mehr begeistern. Die Rückerstattung seines enteigneten Bodens freute ihn auch nicht, da sowohl er als auch seine drei Söhne und die Tochter wegen ihres Alters die Felder nicht mehr bestellen konnten. Sie hatten ihren Boden an einen landwirtschaftlichen Verein verpachtet und erhielten von der Ernte, was man ihnen eben zuteilte. Der rumänische Journalist bewunderte den Stolz seines deutschen Gesprächspartners, der sich während des Interviews kein einziges Mal über die Schwierigkeiten des täglichen Lebens im heutigen Rumänien beklagte.

Eine umfangreiche Reportage über Warjasch und die zwei zur Gemeinde gehörenden Dörfer veröffentlichte die Monatsschrift „Timisoara international“ im Juli 1996. Die Journalistin  Rodica Cojocaru stellte damals fest, dass 1996 die einst von der deutschen Mehrheitsbevölkerung geprägte Ortschaft des Banats verwüstet wie nach einem Krieg aussah. Auf einem von Unkraut überwucherten Terrain, das einst der Gemeindepark war, stand auf einem Sockel ein Soldat in einer komischen Position, da ihm sein Gewähr von jemandem abgenommen wurde. Daneben befand sich die dem Verfall preisgegebene Abteilung des Temeschburger Betriebs „Electromotor“. Unweit von hier war die Ruine eines Bassins zu sehen, in dessen Nähe Pferde, Ziegen und Gänse weideten. An einer Tür war ein großes Schloss angebracht, das aber zu nichts mehr diente, weil inzwischen der Eingang zerschmettert wurde. Das ist vom einstigen Freibad übrig geblieben, das noch bis 1992 als Thermalwasserbad diente. Die Fußball-Arena ist in den letzten Jahren zu einer Müllhalde geworden. Im Kulturheim sind 64 Millionen Lei (Stand 1996) in eine Instandsetzung investiert worden, aber am Objekt war dies nicht erkennbar. Ansonsten fanden hier seit 1989 keine kulturellen Tätigkeiten mehr statt. Außerdem war schon damals eine starke Verarmung der Bevölkerung zu verzeichnen, aber der damalige Bürgermeister (und Lehrer) Alexandru Seculici behauptete vor der Presse, dass „arm sind nur jene Warjascher, die nicht arbeiten wollen“.

Mehrmals beschäftigte sich die rumänische Presse mit der Errichtung eines Gesundheitszentrums, eine von der Weltbank geförderte Investition. Schon aus der oben genannten Zeitung war zu erfahren, dass für die Renovierung des Gemeindeabulatoriums aus der Gemeindekasse 120 Millionen Lei investiert wurden. Aber schon im Juli 1997 berichtete der neugewählte Bürgermeister Ioan Mitco in der „Renasterea banateana“, dass die vorgesehenen Arbeiten nicht durchgeführt wurden, und dass neben den schon investierten 250 Millionen Lei weitere 150 Millionen nötig wären, um das Gemeindeambulatorium in ein Gesundheitszentrum für die gesamte Umgebung umzubauen. Aus diesem Grund konnte die von der Weltbank finanzierten Ausstattung im Wert von 250.000 Dollar nicht geliefert werden. Nur vier Monate später berichtete dieselbe Zeitung, dass das noch immer als Ambulatorium funktionierende Gesundheitszentrum seit einem Jahr über kein fließendes Wasser aus dem Leitungsnetz verfügte. Das Personal musste die nötige Wassermenge mit dem Eimer herbeischaffen. Infolgedessen hat sich schließlich auch die Kanalisation verstopft, was zum Entstehen eines Infektionsherdes führte. Auch nicht besser standen die 12 Wohnungen aus der unmittelbaren Nähe der Gesundheitsinstitution da. Dort sind sowohl die Rohre der Wasserleitung, als auch die der Heizung vor zehn (!!!) Jahren geplatzt und nicht mehr instand gesetzt worden. In einem noch schlimmeren Zustand war das nebenan liegende Gastlokal der Genossenschaft „Variesana“ (Haus-Nr. 624), in dem es wegen der verstopften Kanalisation keine funktionierende Toilette mehr gab. Wegen des unerträglichen Gestanks aus der Umgebung des Lokals wagte sich kein Gast mehr in den früher vielbesuchten Sommergarten.

Am 15. November 1997 berichtete dieselbe Zeitung, dass das Gesundheitszentrum, das die Bevölkerung der gesamten Umgebung gesundheitlich vielseitig betreuen sollte,  noch immer nicht funktionsfähig sei. Auch die von der Weltbank finanzierten Apparate waren noch immer nicht geliefert. Von den 32 fertiggestellten Räumlichkeiten waren nur vier benutzt, aus welchem Grund der Bürgermeister die Zentralheizung nicht anlaufen ließ. Stattdessen stattete er die Konsultations- und Warteräume mit je einem elektrischen Heizlüfter aus. Das Personal ist auch nicht entsprechend aufgestockt worden; zwei Allgemeinmediziner, ein Kinderarzt und die Arzthelferinnen sicherten auch den Notdienst rund um die Uhr. In dieser Lage mussten die Patienten für komplexe Untersuchungen in das Krankenhaus aus Groß-Sankt-Nikolaus überwiesen werden. Dafür hatte man aber schon begonnen, im zweigeschossigen Gebäude, in das man inzwischen 400 Millionen Lei investiert hatte, die Wände zu verschieben. Laut Ioan Mitco sollen die Plänen, nach denen der Bau errichtet wurden, nicht den rumänischen Bedürfnissen entsprechen.

Nach weiteren vier Jahren, am 27. Juni 2001, war in der „Banater Zeitung“ (eine Beilage der „Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien“) zu lesen, dass das Gesundheitszentrum, das schließlich eine Milliarde Lei gekostet hat, und dann auch noch renoviert wurde, nun total verwahrlost dasteht. Die moderne Apparatur, die inzwischen eingetroffen war, ist auf andere Krankenhäuser umverteilt worden, einschließlich eines Rettungswagens. Das Erdgeschoss, wo eine Apotheke eingerichtet werden sollte, ist vermietet worden. Die Leitung der Direktion fürs öffentliche Gesundheitswesen des Kreises Temesch sucht nun nach einen gutsituierten Mieter für den gesamten Baus, der eine der Ausstattung entsprechend hohe Miete auch zahlen könnte.

Am Beispiel des Warjascher „Gesundheitszentrums“, das niemals zu so einem wurde, ist die Balkanmentalität der Verantwortlichen aus unserer einstigen Heimat zu erkennen. Da scheint es, als wären auch weiterhin alle Hilfen seitens internationaler Organisationen für die Katz.

Juni 2002                                                                                                                           Anton Zollner