DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (111)
 Ü b e r l a n d

Das einst deutsche Überland (heute: Giarmata-Vii, ung.: Szöllötelep), das früher zur Gemeinde Jahrmarkt gehörte, zur Zeit aber der Gemeinde Giroda angehört, liegt am nord-östlichen Rand des „Jagdwaldes" (heute: Padurea Verde = Grünwald). Das deutsche Dorf war schon immer ein beliebtes Wanderziel der Temeschburger Ausflügler. So wie ich als Kind mit meinen Eltern durch den „Jagdwald" bis nach Überland wanderte, so war dieses Dörfchen auch das Ziel der ersten Wanderungen, die ich mit meinen Kindern unternommen habe. Sie fanden aber nicht mehr das „alte" Überland mit dem gemütlichen Wirtshaus vor, wo man einen kühlen Himbeerspritzer trinken konnte. Überland ist inzwischen zu einem rumänischen Dorf geworden, in dem Wanderer am Wochenende nicht mehr bewirtet werden. Auch hier, „hinter dem Walde", ist inzwischen der Sozialismus eingekehrt. Nur die primitiven Züge der Strecke Temeschburg - Lippa, in denen die müden Ausflügler heimkehren, sind dieselben geblieben. Ansonsten war und ist der Zug das einzige öffentliche Verkehrsmittel, der Überland mit Temeschburg verbindet. Die Straße, die entlang der Eisenbahnstrecke verläuft, war bis vor einigen Jahrzehnten noch unpassierbar, da sie nicht einmal mit Schotter belegt war. Danach hatte man sie asphaltiert, aber kurze Zeit später wegen den fehlenden Gelder wieder dem Verfall preisgegeben.

Laut Ioan und Rodica Munteanu soll Überland erst 1910 dokumentarisch belegt worden sein, im selben Jahr soll hier auch die Schule eingerichtet worden sein. In den Statistiken erscheint 1956 zum erstenmal die Einwohnerzahl dieser Ortschaft; im Dorf lebten damals 858 Personen. Bei der Registrierung der Volksdeutschen im November 1940 ließen sich hier 557 Personen als deutsche Volkszugehörige registrieren. Von den 2.066 Einwohnern, die das Dorf 1977 hatte, waren 396 Deutsche, der Rest bestand aus 1.581 Rumänen, 73 Ungarn und 16 Sonstigen. Bis Januar 1992, also 15 Jahre später, verminderten sich alle diese Zahlen: die gesamte Einwohnerzahl auf 1.371, die Zahl der Deutschen auf nur noch 19, die der Rumänen auf 1.316, die der Ungarn auf 29 und die der Sonstigen auf 7.

In Überland, wie in den meisten gewesenen deutschen Dörfern, streitet man sich noch immer um das, was die ausgewanderten Deutschen hinterlassen hatten. Laut einem Bericht der Temeschburger Tageszeitung „Renasterea banateana" (Banater Wiedergeburt) vom März 1997, gab es damals in Überland noch 60 deutsche Häuser, die sich aufgrund des Dekrets Nr. 223 im Besitz des Girodaer Bürgermeisteramtes befanden. Nun stellte aber der Bürgermeister der Gemeinde Giroda, Vasile Cinca, fest, daß die Gemüsegärten dieser Häuser zu groß gewesen wären, und daß diese als Baugrundstücke verkauft werden könnten. Der Gemeinderat beschloß sofort die Versteigerung von 1.000 Quadratmetern aus dem Garten des Hauses mit der Nummer 102 (Parkstraße) als Baugrund. Bald danach sollten auch weitere 30 Gärten versteigert werden, was aber nur mit 14 davon auch geschah, darunter die der Häuser mit den Nummern 101 und 130.

Aber nach nur einigen Tagen trafen heftige Proteste beim Temescher Kreisrat und bei den Temeschburger Zeitungen ein. Einerseits protestierten die Mieter der gewesenen deutschen Häuser gegen die Verkleinerung ihrer Gärten, und anderseits fochten die Bewerber, die nicht zum gewünschten Bauplatz gekommen sind, die Versteigerungsbeschlüsse des Gemeinderats an. Sie behaupteten, daß die Baugrundstücke rechtswidrig an vom Bürgermeister bevorzugte Personen vergeben wurden. Aus der Temeschburger Presse konnte man nicht mehr erfahren, ob der Streit um das gewesene Eigentum der Deutschen geschlichtet wurde oder nicht. Die Redaktion der genannten Zeitung vertrat die Meinung, daß es bei dem beschriebenen Fall möglicherweise Rechtswidrigkeiten gegeben hätte.

Auch im Gemeindezentrum Giroda (amtlich: Ghiroda, ung.: Györöd), das 1717 aus nur 24 Häusern bestand, lebten einst Deutsche. 1930 sollen 929 Deutsche einen Bevölkerungsanteil von fast 23 Prozent gestellt haben. Sie lebten damals noch in zwei verschiedenen Ortschaften: Alt- und Neu-Giroda. Für das Jahr 1940 ist die Zahl der registrierten deutschen Volkszugehörigen in verschiedenen Quellen sehr unterschiedlich angegeben. Während im Band 2 der von der Landsmannschaft der Banater Schwaben herausgegebenen Bücherreihe „Das Banat und die Banater Schwaben" für beide Ortschaften 802 Deutsche angegeben werden, wird in Isabella Regényis und Anton Scherers „Donauschwäbisches Ortsnamenbuch" die Zahl der in Alt-Giroda registrierten Deutschen mit 767 und jene aus Neu-Giroda mit 565 angegeben. Im Januar 1992 bekannten sich von den 3.537 Einwohnern der nach dem Krieg zusammengeschlossenen Ortschaften nur noch 28 Personen zum Deutschtum. Sie lebten in Giroda zusammen mit 3.109 Rumänen, 311 Ungarn, 28 Serben und 61 Sonstigen.

April 2000                                                                                                                  Anton Zollner