DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (79)
 T s c h a w o s c h

Tschawosch (rum.: Ciavos; heute amtlich: Graniceri; ung.: Csávos) liegt an der rumänisch-serbischen Grenze als letzte Ortschaft des rumänischen Banats auf dem linken Temesch-Ufer. Wegen der am 24. März 1924 gezogenen Grenze wurde der Ort aus einer zentralen Lage, etwa 5 km vom Distriktsitz Modosch (heute: Jasa Tomic), genommen und in eine Randlage versetzt, in der er von allen Städten und Marktflecken Rumäniens isoliert war. Da auch die nahe Temesch-Brücke wegen der neuen Grenze auf serbischem Boden verblieb, gab es hier auch keine Möglichkeit mehr, die Ortschaften jenseits der Temesch zu erreichen. Die nächste Brücke befand sich flußaufwärts, neben der etwa 25 km entfernten Ortschaft Cebza. Tschawosch verfügt auch über keine Bahnverbindung, da der Modoscher Bahnhof nun auf serbischem Boden liegt, die Endstation Cruceni auf dem rechten Ufer der Temesch ist meistens nur mit Hilfe eines Kahns zu erreichen. Zwar hatte man einige Male versucht zwischen Tschawosch und Cruceni eine Holzbrücke zu errichten, aber diese wurde bei dem häufigen Hochwasser der Temesch immer wieder weggeschwemmt. So kommt es, daß der eigentliche Bahnhof Tschawoschs sich im etwa 17 km entfernten Gier befindet. So bleibt die mehr mit Schlaglöchern als mit Schotter belegte Landstraße DN 59B ( über Gier und Banlok nach Detta) die einzige Verkehrsverbindung mit der Außenwelt.

Das heute zur Gemeinde Gier gehörende Dorf ist laut Gheorghe Drinovan schon im 13. Jahrhundert dokumentarisch belegt worden. Felix Milleker gibt für dieses Ereignis den 9. Februar 1247 an, als die Siedlung Csava (Chawas) hieß. Aus den päpstlichen Zehentregistern ist ersichtlich, daß Tschawosch 1333 auch eine Pfarrei hatte. Nach der Befreiung des Banats von den Türken gab es in Tschawosch 15 Häuser, deren Zahl sich bis 1773 verdoppelte. Man vermutet, daß bis dahin in diesen Häusern Serben gelebt haben. Die Ansiedlung des Dorfes mit Deutschen soll laut Karl Kraushaar 1805 stattgefunden haben. Damals war aber Tschawosch kein Kameralgut mehr, sondern seit 1782 bis ins 20. Jahrhundert befand es sich im Besitz verschiedener Gutsherren. Eine „Erweiterung" des Dorfes mit Deutschen soll laut demselben Autor im Jahre 1829 stattgefunden haben. Im selben Jahr wurde auch die hiesige Pfarrei neugegründet, aber eine Kirche konnten sich die Tschawoscher Katholiken erst 1896 mit der Hilfe des Gutsherrn Ignaz von Csávossy (eigentlich Ignaz Peidlhauser) errichten.

 Im Jahre 1827 hatte das damals im Torontaler Komitat gelegene Tschawosch 551 Einwohner, von denen 413 Katholiken und 4 Evangelische, also wahrscheinlich Deutsche waren. Die 36 Orthodoxen und 98 Reformierten könnten Serben oder/und Rumänen bzw. Ungarn gewesen sein. Bis 1910 stieg die Zahl der Deutschen auf 695 Seelen, die neben 204 Ungarn, 10 Rumänen und 4 Slowaken lebten. Im November 1940 hatte man hier 676 Personen deutscher Volkszugehörigkeit registriert, die einen Bevölkerungsanteil von fast 70 Prozent stellten. Laut Josef Schilz sollen 1938 in Tschawosch die ersten aus „Altrumänien" stammende Rumänen angesiedelt worden sein.

Nach dem 2. Weltkrieg, aber besonders nach der großen Überschwemmung von 1966 änderte sich die ethnische Zusammensetzung der Ortschaft und dadurch auch das Dorfbild beträchtlich. 1977 bestand die Gesamtbevölkerung des Dorfes aus nur noch 331 Personen, von denen 141 Deutsche, 129 Rumänen, 55 Ungarn und 4 Serben waren. Bei der Volkszählung vom Januar 1992 konnten in dem Dorf, in dem 1869 die Einwohnerzahl 1.127 Seelen betrug, nur noch 219 Einwohner gezählt werden. Die Zahl der Deutschen sank auf 11 Personen und die der Rumänen stieg auf 159. Im vorigen Jahr lebten im einstigen Tschawosch nur noch 4 Personen deutscher Volkszugehörigkeit.

Über das heutige Dorf Graniceri, wie Tschawosch nun amtlich heißt, berichten nur noch die Temeschburger rumänischen Zeitungen. Aber schon die Überschrift der zwei Reportagen, die am Anfang des Jahres 1997 in der „Renasterea banateana" (Banater Wiedergeburt) erschienen sind, lassen den Leser gleich vermuten, wie es jetzt im einstigen Tschawosch zugeht: „Graniceri - ein kleines Dorf mit großen Schwierigkeiten" und „ Graniceri - ein Dorf am Rande der Verzweiflung".

Bis zur Auflösung der hiesigen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG), war diese im Besitz des einzigen Fernsprechers der Ortschaft, der an die manuell betriebene Telefonzentrale aus Gier angeschlossen war. Nach deren Auflösung gab es im Dorf, das seit Jahren über keine Straßenbeleuchtung mehr verfügt, nun auch kein Telefon mehr, bis der hiesige Landbriefzusteller das Gerät nicht privat übernommen hat. Aber damit begann auch der Ärger des Briefträgers. Durch das Absägen der Telefonmasten verschafften sich viele arme Dorfbewohner ihr nötiges Heizholz, aber über die so auf dem feuchten Boden liegen gebliebenen Leitungen konnte kaum noch ein „normales" Telefongespräch zustande kommen. Was dies aber in einem dringenden Notfall bedeuten kann, weiß ein jeder, auch die Telefonmast-Diebe.

Ein weiteres Problem wäre nach der Meinung der Neubürger Tschawoschs die Kirche. Es ärgert sie, daß im Dorf eine kaum besuchte und noch weniger benutzte katholische Kirche steht, während sie nicht einmal ein Bethaus haben. Aus diesem Grunde bestehen ihre religiöse Handlungen zur Zeit nur aus der Segnung ihrer Häuser, die der orthodoxe Pfarrer aus dem Nachbardorf Toager anläßlich der Weihnachts- und Osterfeiertage unternimmt. Soll es nun auch hier bald keine katholische Heimatkirche mehr geben?

Sehr schlimm steht es auch um wichtige Einrichtungen, wie die Schule, der Kindergarten oder das Kulturheim. Das letztere wurde schon seit Jahren rücksichtslos dem Verfall preisgegeben. Trotzdem befindet sich das Gebäude, in dem die Grundschule und der Kindergarten untergebracht waren, in einem viel schlimmeren Zustand. Aus einer Seitenwand ist nur noch ein Trümmerhaufen übrig geblieben, so daß hier kein Unterricht mehr stattfinden kann. Inzwischen hatte man nachts auch die Tür- und Fensterstöcke herausgeschlagen und weggetragen. Aus diesen Gründen ist der Unterricht in das Gebäude der gewesenen LPG verlegt worden. Aber hier kann man auch nicht alle vorhandenen Räume zu Unterrichtszwecken nutzen, da einige Fensterscheiben eingeschlagen wurden und da es nicht in jedem Raum einen Ofen gibt. Aber auch sonst stehen den 13 Zöglingen des Kindergartens keine Lehrmaterialien und kein Spielzeug zur Verfügung. Dafür fehlt das nötige Geld. Ganz schwierige Bedingungen haben die Kinder und Schüler wegen der fehlenden Sanitäreinrichtungen. Der hygienische Zustand, in dem sich die Waschlavoiren und „Toiletten" befinden, ist unbeschreiblich.

Unter fast unerträglichen Zuständen leiden auch die Schüler der Gymnasialstufe (5.-8. Klassen), die täglich in das 17 km entfernte Gier zur Schule gehen müssen. Mit dem Gemeindezentrum gibt es aber seit Jahren absolut keine öffentliche Verkehrsverbindung, da der Busverkehr unrentabel sein soll. Aus diesem Grunde fahren nun die Schüler täglich auf einem mit einer Planen abgedeckten und von einem Traktor gezogenen Anhänger zur Schule und zurück.

Was die „Unrentabilität" des fast gesamten Busverkehrs mit den ländlichen Ortschaften betrifft, weiß heute schon jedermann, vom Bürgermeister bis zum Direktor des noch immer staatlichen Transportunternehmens, daß die überwiegende Mehrheit der Busfahrer ihren Arbeitgeber betrügen. Wie die Tageszeitung „Timisoara" vom 1. März 1996 schrieb, verkaufen die Fahrer die Fahrkarten für den halben Preis, um beim Aussteigen diese vom Fahrgast wieder abzunehmen. So werden die Fahrkarten immer wieder bis zu ihrer totalen Abnutzung an den nächsten Fahrgast verkauft. Sollten die Fahrer bei Kontrollen, die das Unternehmen absichtlich meist nicht unternimmt, erwischt werden, so kündigen sie dem Arbeitgeber. Dieser bleibt dann wieder ohne einem der so schwer „geköderten" Busfahrer, wodurch wieder eine Busstrecke lahmgelegt wird. Bekanntlich findet man nur sehr schwer einen Busfahrer, der wegen den oben erwähnten Kündigungen fast ständig Überstunden leisten und dazu täglich in einem abseits gelegenem Dorf und in nicht besonders angenehmen Unterkünften übernachten muß.

Auch die Menschen, die heute in Tschawosch leben, befinden sich in einer total aussichtslosen Lage. Wegen der geographischen Isolation und dazu den fehlenden Verkehrsmitteln sind sie an ihr Dorf gebunden. Sie können also nicht anderswo einer geregelten Arbeit nachgehen, und im Dorf gibt es auch keine Möglichkeit, durch irgend eine Tätigkeit das zum Leben nötige Geld zu verdienen. Ihre Felder haben die meisten „Graniceri"-er dem vom Ehepaar Rada geleiteten landwirtschaftlichen „Familienverein" aus Gier verpachtet. Einen zweiten ähnlichen Verein gibt es in der Umgebung nicht, und selbst können die meist alten Leute ihren Boden ohne landwirtschaftliche Maschinen oder Geräte, wie auch ohne Zugmaschinen oder -tiere nicht bearbeiten. Meistens wissen die „Neubauern" gar nicht, wo ihre Felder liegen. Zusätzlich ist der Tschawoscher Ackerboden von schlechter Qualität. Dies veranlaßte im Jahre 1996 den Vereins-"Manager" dazu, die Tschawoscher loszuwerden, indem er ihre Felder ganz einfach nicht mehr bearbeitete. So kam es dazu, daß während die Tschawoscher ihren Boden als verpachtet wußten, sie für das Jahr 1997 gar keine Ernte zu erwarten hatten. Dagegen kann gesetzlich nichts unternommen werden, da der Vereins-"Manager" mit Recht behauptet, daß „es rechtlich den Verein gar nicht gebe" (im Beitrag über Gier ist die Rechtslage des Vereins geschildert worden).

Von wo nun die Dorfbewohner ihr Brot oder das nötige Geld dafür holen sollen, kann ihnen niemand sagen. Der Bürgermeister der Gemeinde (Gier) erklärte der Presse, daß er zwar die Lage aus Graniceri kenne, aber unternehmen könne er nichts, weil man ihm „bislang noch keine schriftliche Beschwerde vorgelegt hätte".

Januar 1998                                                                                                         Anton Zollner