DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (90)
 T s c h e n e

Tschene (amtlich: Cenei; ung.: Csene) ist ein Heidedorf, das westlich von Temeschburg in der Nähe der serbischen Grenze liegt. Es scheint, als würde die Entstehung Tschenes nicht besonders dokumentiert sein. Die ersten Bewohner Tschenes nach der Befreiung des Banats von den Türken sollen nach Ferdinand Vuchetich Serben, Rumänen und Bulgaren gewesen sein, die etwa im zweiten Viertel des 18. Jahrhunderts hier ansässig wurden; vor 1725 soll der Ort unbewohnt gewesen sein. Nach demselben Autor sollen die ersten Deutschen noch vor dem Jahr 1800 aus den Nachbardörfern zugezogen sein. Karl Kraushaar gibt trotzdem das Jahr 1835 als die Zeit der „Ansiedlung Csenej"-s an, ohne zugleich die Volkszugehörigkeit der Siedler zu präzisieren. Laut Gheorghe Drinovans ersten Angaben über Tschene soll diese Ortschaft 1890 die Heimat von 2.254 Einwohnern gewesen sein. Damals war Tschene der Sitz des gleichnamigen Distrikts, der dem Torontaler Komitat angehörte.

In Tschene ist eine eigene Pfarrei im Jahre 1905 gegründet worden. Bis dahin bildeten die katholischen Gläubigen, zu denen auch Ungarn gehörten, seit 1785 eine Filiale der Gertjanoscher Pfarrei. Bis 1785 gehörten die hiesigen Katholiken zur Hatzfelder Pfarrei.

Von den 2.727 Einwohnern, die 1910 in Tschene lebten, waren 957 Personen Deutsche; sie hatten also einen Bevölkerungsanteil von über 36 Prozent. Bis 1940 stieg hier sowohl die Zahl der Deutschen auf 1.023 Seelen, als auch ihr Anteil an der gesamten Bevölkerung des Ortes. Nach dem Krieg sank diese Zahl wie in fast allen banater Dörfern sehr stark. 1977 zählte man unter den 2.536 Dorfbewohnern noch 416 Deutsche; den Rest bildeten 706 Rumänen, 983 Serben, 363 Ungarn, 24 Zigeuner und 44 Sonstige. 15 Jahre später, also im Jahre 1992, bekannten sich von den 2.160 Einwohnern nur noch 92 Personen zum Deutschtum. Diese Zahl dürfte nicht so ernst genommen werden, da laut eines Berichts aus der „Neuen Banater Zeitung" (NBZ) im Oktober 1991, also drei Monate vor der Volkszählung, in Tschene noch etwa 50 Deutsche verblieben waren. Aber auch die Zahl der Angehörigen anderer nationalen Minderheiten ist stark gesunken, besonders die der Serben (auf 677 Personen). Gestiegen ist in Tschene nur die Zahl der Rumänen, und zwar auf 1.030 Personen. Aus den Evidenzen der Heimatortsgemeinschaft (HOG) Tschene ist zu erfahren, daß im Februar 1995 die deutsche Restbevölkerung aus dem Heimatdorf aus 42 Personen bestand.

Deutsche haben aber auch in den heute zur Gemeinde Tschene gehörenden Dörfern gelebt. 1910 stellten die 260 Deutschen aus Rumänisch-Ketscha (amtlich: Checea; ung.: Románkécsa) einen Bevölkerungsanteil von 7,3 Prozent. Im November 1940 ließen sich hier sogar 324 Personen als Deutsche registrieren. 1992 bekannten sich hier von den 1.812 Einwohnern noch immer 29 Personen zum Deutschtum. In Bobda (amtlich auch so; ung.: Papd) hatten die Deutschen 1910 einen Bevölkerungsanteil von 24 Prozent, der aber bis heute unaufhaltsam sank; damals lebten hier 248 Personen deutscher Volkszugehörigkeit. Ihre Zahl sank bis 1930 auf 183 und bis 1940 sogar auf 171. Bei der Volkszählung vom 7. Januar 1992 haben sich auch in diesem Dorf von den 931 Einwohnern noch 18 Personen zum Deutschtum bekannt, aber laut einer Meldung der damaligen NBZ lebten im Oktober 1991 10 bis 12 Deutsche in Ketscha und 12 in Bobda. Dies ist noch ein Beweis dafür, daß die bei der Volkszählung von 1992 ermittelten Daten über die Zahl der in Rumänien lebenden Deutschen nicht glaubwürdig sein können.

Über Tschene in der postkommunistischen Zeit ist in den rumänischen Zeitungen „Timisoara" und „Renasterea banateana" (Banater Wiedergeburt) reichlich berichtet worden, aber die einstigen Tscheneer Deutschen wurden nicht mehr erwähnt. Bloß die „Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien" vom 3. September 1996 berichtete über das dreifache Fest, das hier zwei Tage zuvor stattgefunden hat: das hundertjährige Jubiläum der katholischen Kirche, die Kirchweih und die Firmung. Der Grundstein des Kirchenbaus ist am 18. August 1895 gelegt, und im nächsten Jahr ist die Kirche geweiht worden. Damals bestand die Glaubensgemeinschaft aus 1.436 Katholiken, 100 Jahre danach betrug ihre Zahl etwa 300, aber die meisten davon waren Ungarn.

An jenem Sonntag spendete der Diözesanbischof Msgr. Sebastian Kräuter 60 Jugendlichen das Sakrament der Firmung in Anwesenheit der rumänisch- und serbisch-orthodoxen Ortspfarrer und des auch für Tschene zuständigen Hatzfelder Pfarrers Karol Nagy. Zugleich fand hier auch das Kirchweihfest statt. In den Reihen des Kirchweihzugs befand sich kein einziger in Tschene ansässiger deutscher Trachtenträger, sondern 32 ausschließlich ortsfremde Kirchweihpaare. Zu diesen gehörten die Mitglieder der Tanz- und Singgruppen „Banater Rosmarein" und „Vadrózsa", wie auch drei Tscheneer Kirchweihpaare in Tscheneer Tracht, die aber zur Zeit in Deutschland leben. Das erste „Geldherrenpaar" waren ... Ramona Mladin und Claudiu Dominte. Schon nach diesen Namen ist zu erkennen, wie deutsch noch die „banat-schwäbischen" Feste sind. Die Versteigerungen wurden aber von dem in Deutschland lebenden Tscheneer Stefan Ruttner durchgeführt. Gewinner des Kirchweihstrauches war der Ex-Tscheneer Peter Trendler, des Hutes der Tscheneer Slavco Curchin und des Kopftuches der Temeschburger Cristian Minda. Eigentlich war diese Veranstaltung ein Fest der in Deutschland lebenden Tscheneer, das von der HOG Tschene organisiert wurde. Die etwa drei Dutzend noch in Tschene lebenden Banater Schwaben könnten selbstverständlich aus eigener Kraft kein Kirchweihfest mehr veranstalten.

Nach dem Lesen der in den rumänischen Zeitungen 1994 bis 1996 veröffentlichten Reportagen könnte man meinen, daß in Tschene alles gut verlief, wenn auch mit einigen (!) Schwierigkeiten. Besonders gelobt für ihre „Erfolge" wurden die zwei Überbleibsel der „sozialistischen Landwirtschaft", die Gostat (IAS = SLB = Staatlicher Landwirtschaftsbetrieb), umbenannt auf SCA „Cetim", und die SMA (SML = Station für die Mechanisierung der Landwirtschaft), heute als „Agromec" bekannt. Einerseits lobte man noch immer diese nach sowjetischem Muster geschaffenen Betriebe, aber zugleich deutete man auch auf die Mißwirtschaft hin, die in diesen Betrieben herrschte. Die „Cetim" produzierte noch immer nichts anderes als Verluste. Ausgegeben werden sollten 1995 etwa 1,5 Milliarden Lei, aber aus dem Staatsbudget erhielt man als Subventionen nur 200 Millionen Lei; den Rest sollte der Betrieb selbst erwirtschaften. Darauf konnte Direktor Alexandru Popescu nur eine Antwort geben: „Niemals!". Dies bestätigte noch einmal, daß sozialistische Staatsbetriebe immer nur Bankrotteure sein können (auch wenn sie kapitalistische Namen erhalten). Mircea Baragan, der Direktor des „Agromec"-Betriebs, versuchte Anfang 1997, ein besseres Bild der von ihm geleiteten Unternehmen an die Wand zu malen, aber auch er hatte nur schwache Hoffnungen, daß alle Betriebskosten aus den erwirtschafteten Einnahmen gedeckt werden könnten.

Zugleich berichtete die „Timisoara" schon 1994 über das landwirtschaftliche Privatunternehmen „GOA" GmbH, das schon 1991 gegründet wurde, und über dessen damaligen 34-jährigen Direktor Octavian Chituleasa, ein „Sohn des Dorfes". Bei einem monatlichen Umsatz von 250 Millionen Lei erwirtschaftete der Betrieb 1993 einen Gewinn von 500 Millionen Lei, die alle wieder investiert wurden. Der Betrieb beschäftigte damals 48 festeingestellte Arbeitskräfte und 100 Saisonarbeiter. Die Gesamtfläche des von den Bodeneigentümern gepachteten Ackerlands betrug 1994  1.570 Hektar. Zugleich besaß die Firma „GOA" 3.800 Schweine, 1.400 Schafe und 48 Pferde, von denen 22 Rassepferde dem einzigen Privatgestüt „GOA" gehörten. Aber stolz war der Betriebsleiter nicht nur auf die reichliche Ausstattung der Firma mit Traktoren, Mähdreschern und anderen landwirtschaftlichen Maschinen, sondern auch auf den betriebseigenen Schlachthof, der Bäckerei, der Ölpresse und besonders auf die Verkaufsläden aus Temeschburg und aus anderen Ortschaften des Kreises, wo die eigenen Erzeugnisse vermarktet wurden.

Im März 1997 kündigte die „Renasterea banateana" die Eröffnung einer Filiale der Internationalen Bank der Religionen an, was aber nicht bedeuten soll, daß es den Leuten wirtschaftlich so gut ging. Man wollte hier nach weiteren Kunden suchen, die bereit sind auf Schulden zu investieren.

Ende 1996 berichtete dieselbe Zeitung auch einiges über die Kulturtätigkeit im Heidedorf. Aus dem Bericht erfährt man aber, daß auch dieses in Tschene aussichtslos sei. Das Kulturheim soll vernachlässigt worden sein, besucht wird täglich nur die Toilette von den Stammgästen der nahegelegenen Dorfkneipe. Die Lehrkräfte wollen mit der ihnen bis 1990 aufgezwungenen „nebenberuflichen" Kulturtätigkeit nichts mehr zu tun haben. So kam es, daß es im Dorf keine Veranstaltungen oder Filmvorführungen mehr gibt. Die einzige „Kultureinheit" des Ortes ist die Bibliothek. Hier stehen den 510 Lesern, die meist Schüler der Allgemeinschule sind, nur 6.099 Bücher zur Verfügung. Den Rest der Dorfbewohner interessiert heute das Lesen nicht mehr. Die Bücher stammen aber auch meist aus den Jahren der „goldenen Epoche", da neue Bücher wegen des überall fehlenden Geldes nur sehr spärlich angekauft werden können. Das Geld fehlt aber auch dem sanitär-veterinärischen Ambulatorium der Gemeinde. Der Tierarzt benötigt dringend ein Verkehrsmittel, aber nicht einmal ein Pferdewagen wird ihm genehmigt, und dabei kann er doch „ein jährliches Einkommen in Höhe von etwa 10 Millionen Lei (etwa 2.500 DM !!!) vorweisen". Im Januar 1997 stand dem Gemeindeambulatorium, das zuständig für drei Ortschaften ist, noch absolut kein Verkehrsmittel zur Verfügung.

Aber auch sonst nimmt man die Interessen des öffentlichen Sanitätswesens hier nicht wahr. Wie dieselbe „Renasterea banateana" am 18. April 1997 berichtete, befand sich das Buffet „Anda" der hiesigen Konsumgenossenschaft in einem unzulässigen hygienischen Zustand. Hier gab es nicht einmal eine Toilette für die Gäste des Lokals. Erst auf Anregung des Gemeindearztes hatte das Hatzfelder Gesundheitsamt die Schließung der Kneipe verordnet.

Noch schlimmer ist aber die Tatsache, daß in Tschene jetzt auch die Sicherheit der Menschen und ihr Hab und Gut nicht mehr gewährleistet werden kann. Die Polizei kann wegen Personalmangels nicht mehr Herr über die Lage werden. Es wird hier alles, was nicht niet- und nagelfest ist, gestohlen: das Geflügel und die Schweine aus dem Stall, das Getreide aus dem Speicher, die gewaschene Wäsche von der Leine und die Ernte von den Feldern. Besonders ältere Menschen werden Opfer der Diebe, „die man eigentlich kennt, aber gegen die man nichts unternehmen will", wie dies die Dorfbewohner öffentlich kundmachen. Alte Leute, die Kinder in der Stadt haben, verlassen aus Angst das Dorf und ziehen zu den Verwandten. Dorin-Liviu Birdean, der 1996 mit 1.281 Stimmen auf der Liste der Demokratischen Konvention zum Bürgermeister gewählt wurde, schlug der Dorfbewohnern vor, sich eine eigene Wachmannschaft aufzustellen. Da aber die meisten Tscheneer heute zur älteren Generation zählen, muten sie sich diese Tätigkeit nicht zu. Der Bürgermeister gab ihnen auch für diesen Fall einen guten Rat: Sie sollten doch für die Gewährleistung ihrer eigenen Sicherheit eine Wachfirma verpflichten. Daß sie aber dafür das nötige Geld vom Mund absparen müßten, kann sich das Gemeindeoberhaupt wahrscheinlich nicht vorstellen.

Juli 1998                                                                                                                 Anton Zollner