DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (53)
T o m e s c h t

Tomescht (nach der rumänischen amtlichen Benennung: Tomesti; ung.: Tamásd) liegt im nördlichsten Teil des Banater Berglands, unweit vom Fuße der Gipfel Padesch (1378 m) und Ruska (1356 m), in der Nähe der Stelle, wo die Bega aus dem Ruska-Gebirge (Poiana Ruscai) entspringt. Die Ortschaft und ihre Umgebung stellen heute die malerischste Landschaft des Kreises Temesch dar.

Tomescht soll laut Gheorghe Drinovan schon seit 1597 dokumentarisch belegt worden sein. Seine Ureinwohner waren Walachen, die Deutschböhmen sollen sich hier erst vor etwa über einem Jahrhundert niedergelassen haben. Damals gründete ein gewisser Winkler die Tomeschter Glashütte, die auch heute noch in Betrieb ist.

1890 hatte Tomescht insgesamt 622 Einwohner. Am Anfang unseres Jahrhunderts lebten in dieser Ortschaft schon 697 Personen, von denen 157 Deutsche waren. Bis 1930 stieg die Einwohnerzahl auf 886; davon waren etwa 30 Prozent Deutsche. In jenem Jahr erreichte die Zahl der Deutschen mit 264 Seelen ihren höchsten Stand; schon zehn Jahre später zählte man hier nur noch 203 Personen deutscher Volkszugehörigkeit. Bei der Volkszählung vom Januar 1992 bekannten sich in der gesamten Gemeinde Tomescht nur noch 61 Personen zum Deutschtum; 9 lebten im Gemeindezentrum und 52 in der eingemeindeten Arbeiterkolonie.

Auch in einigen anderen rumänischen Ortschaften aus der Nähe von Tomescht lebten 1940 einige Deutsche. In Marschina (amtlich: Margina; ung.: Marzsina) lebten damals 40 deutsche Volkszugehörige. Es ist anzunehmen, dass diese in der hiesigen Holzdestillerie als Fachkräfte tätig waren. Ihre Zahl lag zehn Jahre zuvor, 1930, mit 68 noch höher, das waren damals über sieben Prozent der Gesamtbevölkerung. 1992 bekannten sich in der ganzen Gemeinde nur noch 13 Personen zum Deutschtum: 11 in Marschina und je eine in Costeiu de Sus und Sintesti. Nur je eine Person zählte man im selben Jahr auch in Curtea (ung.: Kurtya) und im benachbarten Cosava, die sich zum Deutschtum bekannten; vor dem 2. Weltkrieg lebten in Curtea noch 12 Deutsche.

Außer der Tomeschter Glashütte, die 1948 enteignet und verstaatlicht wurde, gibt es nur noch ein einziges Zeugnis, das auf das einstige Deutschtum dieser Gemeinde hinweist. Dies ist die von der Familie Winkler gestiftete römisch-katholische Kapelle, die sich in der sogenannten „Kolonie" befindet. Hier wurden regelmäßig katholische Gottesdienste gehalten, wenn auch die hiesigen Gläubigen zu der Fatscheter Pfarrei gehörten. Gottesdienste fanden auch 1993 in der überfüllten Kapelle statt, aber nur einmal im Monat. Unter den Teilnehmern befinden sich meist auch Angehörige anderer Glaubensgemeinschaften. Der Kronleuchter, der in der Mitte der Kapelle hängt, ist mit besonders schönen Kristallen geschmückt, die man aus dem ersten Glas, das hier produziert wurde, anfertigte. An die Kapelle ist auch eine Gruft angebaut worden, in der die Mitglieder der Familie Winkler ihre letzte Ruhe gefunden haben. Der letzte Nachkomme der Familie verstarb in Bukarest, wo er eingeäschert wurde. Seine Asche hatte man auch in der Familiengruft beigesetzt.

Nach den Dezemberereignissen 1989 stand auch die Tomeschter Glashütte vor dem Aus. Die Arbeiter wollten im Jahre 1993 samstags nicht mehr arbeiten, wodurch wöchentlich ein Verlust von rund fünf Millionen Lei (nach dem damaligen Stand) durch das unnötige Heizen der Öfen an den zwei Wochenendtagen entstanden ist. Dazu stahl die Belegschaft der Glashütte ein Drittel der Erzeugnisse. Der Export ist auch 1991 wegen der durch die Belegschaft initiierten Vertreibung des Direktors lahmgelegt worden. Durch diese Aktion verlor der inzwischen auf „Stitom AG" umgenannte Betrieb seine Glaubwürdigkeit und dementsprechend auch seine ausländischen Kunden.

Nach ein-zwei Jahren konnte die Glashütte unter einem neuen Leitungsteam ihre fast gesamte Produktion wieder exportieren. Zu den Hauptabnehmern gehörten Firmen aus der USA, aus Deutschland, Frankreich, Österreich und Holland. Trotzdem sind die Sorgen der nun nur noch 950 Beschäftigten nicht überwunden. Viele gute Fachkräfte sind ausgewandert oder traten in den Ruhestand. Wegen der alten Anlagen und der Heizung mit Heizöl sind die Betriebskosten zu hoch, und für die Modernisierung des Betriebs findet man keinen Investor. Die größten Schwierigkeiten verursacht noch immer der überzentralisierte und -bürokratisierte Staat, der als Eigentümer den Betrieb, durch seine starre und rigide Verwaltung einengt. Ohne die Genehmigung des Ministeriums kann in der Glashütte nichts bewegt werden. Dazu behält der Staat noch immer hartnäckig das Monopol über den Export, wodurch der Betrieb im Ausland nicht als Geschäftspartner auftreten kann.

All diese Schwierigkeiten beeinflussen negativ auch das ganze Leben der Gemeinde und seiner Einwohner, da die meisten Familien ihr tägliches Brot in der Glashütte verdienen. Die Landwirtschaft kann wegen der nur geringen Ackerfläche der Gemeinde (1.476 Hektar) nur zur Selbsternährung einiger Familien beitragen. Vor allem fehlt aber auch dem Bürgermeisteramt das nötige Geld. Auch dies wird nur von Bukarest aus zugeteilt. So ist es nicht zum staunen, dass das Kulturhaus vor dem Einsturz steht, ohne dass jemand etwas dagegen tun könnte. Die Telefonzentrale wird noch immer, trotz der vielen Auslandsgespräche der Glashütte manuell betätigt, und die Zahl der Fernleitungen ist bei weitem noch nicht optimal. All dies verursacht sehr lange Wartezeiten bei den Fern- und Auslandsgesprächen. Ein öffentliches Verkehrsmittel, das den Ort mit der Außenwelt verbindet, gibt es nicht mehr, nicht einmal bis Marschina, wo sich der nächste Bahnhof befindet. Selbst ein Rettungswagen fehlt in Tomescht, und das nächste Krankenhaus befindet sich im 25 km entfernten Fatschet.

Das seit einigen Jahren angekündigte Ambulatorium ist gegen Ende des Jahres 1995 nach vielen Verzögerungen nun doch fertiggestellt worden. Es ist eines der 12 Ambulatorien, die im Kreis Temesch mit Hilfe der Weltbank errichtet wurde. Die beim Bau beteiligten Firmen ließen sich erst vor kurzem so richtig zur Arbeit einspannen, aber fertig ist dieses Bauobjekt auch nach seiner „festlichen Eröffnung" nicht. Es sollte noch einiges sogar während der Feierlichkeiten nachgebessert werden. Nachgeliefert werden sollen auch noch medizinische Geräte und Instrumente im Wert von 15 Millionen Lei. Erst dann besteht die Hoffnung, dass
wenigstens dringende Notfälle, wegen der oben beschriebenen Zustände in Tomescht nicht zu bedauerlichen Unfällen ausarten werden.

November 1996                                                                                                            Anton Zollner