DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (39)
Tirol oder Königsgnad

Tirol ist nicht im Zuge der Schwabenzüge angesiedelt worden; seine ersten Siedler kamen als Tiroler Flüchtlinge ins Banat. Nachdem das Tiroler Land von den Franzosen und den Bayern besetzt und Andreas Hofer in Mantua erschossen wurde, ließ Kaiser Franz I. den geflüchteten Tiroler Freiheitskämpfern unter ihren Anführern Thallgutter und Speckbacher leerstehende Häuser und Ackerboden in Fisesch (amtlich: Fizes) zuteilen. Als zweite Tiroler Kolonie ist dann laut Karl Kraushaar 1814 der Ort Tirol mit 56 Häusern neu angelegt worden.  Derselbe Autor gibt aber im selben Buch in einer Zusammenfassung 1812 als das Gründungsjahr Königsgnads an. Nach anderen Quellen haben die Tiroler Flüchtlinge „unser Tirol“ um 1809-10 besiedelt, was eigentlich glaubwürdiger scheint. Diese Hypothese könnte auch durch die Einführung der Kirchenmatrikelbücher im Jahr 1811 bestätigt sein. Im Jahr 1812 ist auch die Tiroler Pfarrei eingerichtet worden, und die heutige Kirche wurde 1850 „Mariä Geburt“ geweiht. Am 16. September 1812, als Tirol aus 30 Häusern bestand, erließ der Kaiser Kranz I. eine Urkunde, wonach Tirol den Namen „Königsgnad“ erhalten hat.  Nachdem aber das Tiroler Land wieder zu Österreich kam, verließen laut Kraushaar viele Tiroler „schon nach einem Jahr (eigentlich 1813) das neugegründete Dorf und kehrten in ihre Heimat zurück“. An ihrer Stelle kamen dann Ansiedler aus „dem Reich", zumeist aus Württemberg.

Nachdem das Banat an Ungarn fiel, erhielt Tirol den ungarischen Namen „Királykegye“, die Übersetzung von Königsgnad. Seit 1927 trägt die Ortschaft wieder die amtliche Benennung Tirol und gehört zum Kreis Karasch-Severin; praktisch liegt aber das Dorf am südöstlichen Rand der Banater Ebene. 1910 lebten hier 923 Deutsche, was einen Bevölkerungsanteil von fast 65 Prozent bedeutete. 1940 registrierte man in Tirol 1.086 Deutsche, und ihr Anteil stieg auf über 75 Prozent. Im selben Jahr lebten auch im oben genannten Fisesch (ung.: Krassófüzes) 146 Deutsche (etwa 7 Prozent der Dorfbewohner), aber 1992 bekannten sich hier nur noch 14 Personen zum Deutschtum. Auch in den nahegelegenen rumänischen Dörfern Ferendia (ung.: Ferend) und Latunas (ung.: Laczunás) lebten 1940 einige Deutsche: 43 bzw. 48 Personen. 1977 stellten die Deutschen in Tirol nur noch die Hälfte der Bevölkerung dar: von den 898 Einwohnern waren 448 Deutsche. Überrascht war man aber im Januar 1992, als sich von den 730 Tirolern noch immer 222 Personen zum Deutschtum bekannten. Unter diesen befand sich auch ein direkter Nachkomme des Freiheitskämpfers Josef Zauner. Der Rest der Bevölkerung bestand aus 366 Rumänen, 77 Kroaten, 32 Ungarn und 33 Sonstigen.

Das zur Gemeinde Doclin (ung.: Doklény - wo 1940  21 Deutsche lebten) gehörende Dorf Tirol ist fast nur noch mit dem Zug auf der Strecke Bersowia – Orawitz zu erreichen, da ein Auto kaum noch durch die tiefen Schlaglöcher der „asphaltierten" Landstraße fahren kann. Bei Regenwetter kann man sich im Ort kaum noch zu Fuß bewegen.  Das Dorf hat keinen Arzt und keinen katholischen Pfarrer. Die Seelsorge der hier verbliebenen Katholiken, wie auch die Betreuung der großen Kirche haben zwei Missionsschwestern des Klosters Wernberg aus Kärnten übernommen. Nach den Dezemberereignissen von 1989 haben viele Tiroler aus Österreich den Bewohnern aus dem Banater Tirol mit Spenden unter die Arme gegriffen. Die Aktion „Tirol hilft Tirol" läuft auch heute noch. Innsbrucker Fachleute halfen den Tirolern bei der Gründung des landwirtschaftlichen Vereins „Innsbruck". In der Tiroler Grundschule gibt es erstaunlicherweise auch heute noch eine deutsche Abteilung, in der die vier Klassen simultan unterrichtet werden. Kinder mit deutscher Muttersprache gibt es aber nicht mehr, fast alle kommen aus rumänischen Familien. 1971 wollte man den deutschen Schulunterricht abschaffen, aber die rumänischen Eltern wehrten sich dagegen.

In Tirol haben sich die Bauern vor dem letzten Krieg hauptsächlich mit dem Weinbau befasst. Die Tiroler Weinberge gehörten einst zu den angesehensten des Banats. Der Tiroler Riesling, der Sauvignon und der Burgunder waren damals berühmte Weine. Von den 500 ha Weingärten, die hier 1989 vorhanden waren, blieben nur noch 450 ha übrig, von denen 400 ha dem Staatsbetrieb „Agrober" aus Bersowia (amtlich: Berzovia) gehören. In den verfallenen Weinkellern des Betriebs gab es im April 1994 eine Million Liter Wein, ohne Aussichten auf einen Abnehmer.

Laut einer Reportage aus der Tageszeitung „Timisoara“ vom 22. April 1994 gab es hier vor fast zwei Jahren, wie auch heute noch, neben dem von Dipl.-Ing. Iancu Plosca und vom Tierarzt Dumitru Rebejila geleiteten Verein „Innsbruck“ auch zwei weitere ähnliche Landwirtschaftsvereine: „Tirol“ und „Fructprod“. Der Verein „Innsbruck", der 115 Mitglieder hat, wurde in der Reportage als beispielhaft vorgestellt. Dieser hat aber auch keinen unverkäuflichen Wein hergestellt, sondern auf 330 ha Ackerboden Getreide angebaut, deren Ernte ihren Mitgliedern zufriedenstellende Dividenden einbrachte. Trotz des für den Getreideanbau ungünstigen Bodens ließ der Verein Weinreben und Obstbäume auf nur je 5 ha gedeihen.

Der landwirtschaftliche Verein „Tirol", dessen 20 Mitglieder bei der Bodenverteilung bevorzugt waren, hatte fast nichts vorzuzeigen. Die vorjährige Ernte war unter jeder Vorstellung ausgefallen, und für 1994 war auch nicht viel zu erwarten. Die Reben waren Mitten im Frühjahr noch total verwahrlost: ungeschnitten, ungebunden und ungehackt. Außerdem hat der Verein hohe Schulden, deren Tilgung wegen der schlechten finanziellen Lage unmöglich ist.

Nicht viel besser geht es dem dritten Verein („Fructprod"), der eigentlich ein Staatsbetrieb ist. Dieser besitzt 350 ha Obstgärten und weitere Weingärten. Bei einer sehr guten Ernte hatte der Betrieb nach dem Stand von 1994  60 Millionen Lei Schulden. Durch ständig steigende Zinsen ist der Abbau des Schuldenbergs unmöglich geworden. Zugleich findet man für die erzeugten Obstmengen keinen Absatzmarkt. Während der Ceausescu-Diktatur ist das Obst exportiert worden, aber zur Zeit weiß niemand, wer für die Ausfuhr zuständig sein könnte. Der landwirtschaftliche Betrieb darf dies in keinem Fall tun. Deswegen hat man versucht, aus dem Obst Schnaps zu brennen, aber ohne Abfüllanlagen ging dies auch nicht so richtig. Da hier jeder Bauer seinen eigenen Schnaps und Wein erzeugt, lagert der Schnaps in den Fässern, ohne Aussicht, jemals verkauft zu werden. Trotz großer Nachfrage nach Schnaps im Lande dachte man bei der sogenannten „Fructprod"-AG über die totale Aufgabe der Obstgärten nach, anstatt diese zu rentabilisieren.

Somit beweist auch die Lage in Tirol (Königsgnad), dass nur die Privatinitiative die Banater Landwirtschaft wieder auf die Füße stellen kann. Staatsbetriebe hingegen erzeugen außer Verluste fast nichts.

April 1996                                                                                                                 Anton Zollner