DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (98)
S e g e n t h a u

Segenthau (heute Sagu; ung.: Németság), im Volksmund eher als Dreispitz bekannt, liegt am östlichen Rand der Banater Heide, südlich der Marosch. Das einstige Schwabendorf wird von der Europastraße E-671 (DN 69 Temeschburg - Arad) durchquert, zugleich ist es auch an das Eisenbahnnetz angeschlossen. Geographisch liegt die Ortschaft zwar im Banat, aber verwaltungsmäßig gehört sie heute dem Kreis Arad an. Laut Kraushaar ist Segenthau 1770 mit deutschen Kolonisten neu angesiedelt worden; nach anderen Quellen sollen sich hier schon 1731 Deutsche niedergelassen haben. In einer nicht unterzeichneten Dokumentation, die in der „Neuen Banater Zeitung" (NBZ) ab dem 10 Juli 1991 veröffentlicht wurde, wird behauptet, dass die ersten deutschen Siedler sich schon 1731-33 im heutigen Segenthau niederließen. Es sollen 82 Familien gewesen sein, die aus 320 Personen bestanden, und die 1736 die von ihnen gerodeten und gereinigten Felder mit Getreide und Kartoffeln bebauten. Die Geschichte Segenthaus soll aber viel älter sein, da es hier laut einer Dokumentation aus der „Banater Post" vom 20. Juni 1989 nach den päpstlichen Zehentregistern schon 1332 eine Ortschaft mit dem Namen Mezesag gegeben hat. Auf der Mercy-Karte von 1723-25 war jene Stelle nur als Prädium Saag verzeichnet gewesen. Wie aber das Dorf zu den deutschen Benennungen Segenthau (mit den Varianten Segentau, Seegenthau und Szegenthau) und Dreispitz kam, ist bis heute nicht bekannt.

Trotz der Tatsache, dass bis heute für die Besiedlung Segenthaus vor 1770 kein schriftlicher Beweis vorliegt, wurde hier 1931 die 200. Jahresfeier der Gründung des Ortes begangen. Dokumentarisch belegt ist nur die 1770-71 von Carl Samuel Neumann, Edler von Bucholt, veranlasste Ansiedlung deutscher Kolonisten, die zu 42,5 Prozent aus Lothringen kamen. Für sie ließ Neumann 77 Häuser errichten. Gleichzeitig mit der Ansiedlung ist 1771 auch die hiesige Pfarrei gegründet worden, und man hat die Kirchenbücher eingeführt. Auch bezüglich des Baujahrs der Kirche wird noch immer gestritten; verschiedene Quellen erwähnen eine am 15.August 1771 unternommene Kirchenweihe, den Bau einer Kirche zwischen 1792 und 1793, die „ad Assumptionem B.M.V." geweiht wurde und die Grundsteinlegung der Kirche, die am 2. Juli 1805 stattgefunden haben soll.

Bis zum Anfang der 2. Weltkrieges bestand die Segenthauer Bevölkerung fast ausschließlich aus Banater Schwaben, die
hauptsächlich eine rheinfränkische fescht-Mundart sprachen. 1910 lebten hier 1.881 Deutsche, die einen Bevölkerungsanteil von fast 93 Prozent hatten. Im November 1940 wurden 1.714 Personen deutscher Volkszugehörigkeit registriert. 1977 gab es unter den 2.530 Einwohnern noch 807 Deutsche, den Rest bildeten 1.648 Rumänen, 59 Ungarn und 16 Sonstige. Bei der Volkszählung vom Januar 1992 bekannten sich im gewesenen Schwabendorf von den 2.033 Einwohnern nur noch 59 Personen zum Deutschtum. Die Zahl der Rumänen stieg zugleich auf 1.888 Personen, die der Ungarn auf 65 und die der Sonstigen auf 21. Laut Angaben der HOG Segenthau waren im Februar 1996 im Heimatort nur noch 11 Deutsche verblieben.

1940 sind auch in den naheliegenden Dörfern Fiscut (ung.: Temesfüzkút) und Firiteaz (ung.: Féregyház) einige Deutsche registriert worden. In Fiscut gaben sich 12 Personen als deutsche Volkszugehörige aus, und in Firiteaz sogar 27. 1910 lebten im letzteren 87 Deutsche, die einen Bevölkerungsanteil von 7,7 Prozent hatten. Nach den Daten der Volkszählung von 1992 sollen sich in diesen zwei Ortschaften noch insgesamt 4 Personen zum Deutschtum bekannt haben.

Über das gewesene deutsche „Dreispitz", wie Segenthau im Volksmund genannt wird, berichtet heute hauptsächlich das
Mitteilungsblatt der HOG Segenthau „Dreispitzer Brief". Die letzten zwei Reportagen, die in der deutschen Presse des Banats veröffentlicht wurden, stammen von Helga Weber (NBZ - vom 4. Dezember 1991) und Helen Alba (Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien - ADZ - vom 18. Januar 1995). In beiden ist über die besonders große Armut berichtet worden, in der die im Heimatort verbliebenen Deutschen leben müssen. In der ersten Reportage schilderte die Journalistin das tägliche Leben der im Haus mit der Nummer 292 lebenden Margarethe Schütz, die man im Dorf damals noch immer Bäsl Greti nannte. Die 74-jährige Frau war krank und hilfsbedürftig. Da sie mit ihrem drei Jahre zuvor verstorbenen Ehemann keine Kinder hatte, war sie jetzt auf die Hilfe ihrer Großnichte Liselotte Marlen angewiesen. Aber auch diese hatte ihre Schwierigkeiten; aus gesundheitlichen Gründen musste sie ihren Arbeitsplatz in der hiesigen Korbflechterei aufgeben und eine Arbeit in einer Arader Schneiderei aufnehmen. Aber hier gab es bald Probleme mit der Versorgung des Betriebs mit Rohmaterial, was immer zur Unterbrechung der Arbeit führte. Dazu musste Bäsl Greti für zwei Wochen ins Krankenhaus eingeliefert werden, wodurch sie ihr Vieh - auch nach ihrer Entlassung - nicht mehr versorgen konnte. Um auch diese Arbeit verrichten zu können, musste Liselotte schon um 4 Uhr morgens auf den Beinen sein. Ohne diese Selbstversorgung durch den eigenen Hof und Garten hätte Bäsl Greti mit ihrer niedrigen Rente nicht überleben können. Als Altersversorgung für ihre Arbeitsjahre in der LPG bis zum 64. Lebensjahr bekam die kranke Frau Ende 1991 eine Rente in Höhe von 500 (!!!) Lei. Vom 1. Juni 1990 sollte sie auch eine Zusatzrente in Höhe von 491 Lei für ihre Deportation in die Sowjetunion bekommen, aber gesehen hatte sie von diesem Geld noch keinen Bani. Damit sich der Leser vorstellen kann, wie man mit 500 Lei im Monat auskommen musste, sei hier erwähnt, dass damals der Mindestlohn in der Wirtschaft 7.000 Lei war.

Aber auch im März 1995 führten die Menschen in Segenthau noch immer einen „Kampf ums Überleben", wie die Überschrift der Reportage aus der ADZ lautete. Zwar lobte Nicolae Ianchici, der damalige Bürgermeister der Gemeinde Segenthau - zu der auch die Dörfer Kreuzstätten (heute: Cruceni; ung.: Temeskeresztes), Firiteaz, Fiscut und Hunedoara Timisana gehören - die „großen Fortschritte", die hier angeblich durch die Privatisierung gemacht worden wären. Doch man könnte annehmen, dass zwei Bäckereien, vier Lebensmittelläden, Kaffeestuben und eine Konditorei für einen Gemeindesitz noch kein Zeichen für eine funktionierende Marktwirtschaft ist. Zu den „Erfolgen" des Bürgermeisters sollen auch die Verteilung von 7.218 Hektar Boden und die Aushändigung der Eigentumsurkunden an die neuen Bodenbesitzern gezählt werden. Für die im Heimatdorf verbliebenen Deutschen kann dies schon gar kein Trost sein. In der katholischen Kirche gab es damals nur noch einmal im Monat einen Gottesdienst. Der aus Segenthau stammende Michael Schreier versuchte die arge Not seiner Landsleute mit Hilfe des Caritas-Verbands aus Paderborn zu lindern. Trotzdem mussten die Leute hier „kämpfen, um überleben zu können", wie dies Helen Alba am Beispiel der in Mischehe lebenden Familie Biró, schilderte. Die 72-jährige Maria und der 70-jährige Alexander Biró lebten zusammen mit der Familie ihrer Tochter Elisabeth im Haus mit der Nummer 11. Der Familienvater war herzleidend, und die 38-jährige Tochter war wegen eines schweren Leberleidens Frührentnerin. Die Enkeln Melitta (17) und Allen (15) besuchten das Deutsche Lyzeum aus Neu-Arad. In dieser Lage musste der Schwiegersohn Sándor Jakabfi fast allein für den sechsköpfigen Haushalt und für die Medikamente zweier Schwerkranken Sorge tragen. Aus der Pacht, die sie für die fünf Hektar Boden von einem landwirtschaftlichen Verein erhielten, konnten die wichtigsten Lebensmitteln, wie Öl, Zucker, Weizen und Mais für die Ernährung der Familie gesichert werden. Sie erhielten aber nur ein Fünftel von der eingefahrenen Ernte, der Rest wurde vom Verein als „Betriebskosten" einbehalten.

Auch als Mischling bekannte sich Elisabeth schon immer zum Deutschtum und pflegte die deutschen Sitten und Bräuche. Sie war auch beitragzahlendes Mitglied des Demokratischen Forums der Deutschen in Arad, aber als dieses ihr für eine Besuchsreise nach Deutschland dies nicht bestätigen wollte, beschloss die gewesene Kindergärtnerin, aus dem Forum auszutreten.

Michael Schreier kümmerte sich aber nicht nur um die notleidenden Landsleuten aus Segenthau und besonders um deren Kinder, sondern ihm lag auch der Erhalt des einzigen erhalten gebliebenen Wahrzeichens des „Dreispitzer" Deutschtums am Herzen. Es gelang ihm, das Paderborner Generalvikariat für die Renovierung der verfallenen Segenthauer Kirche zu gewinnen. Dieses stellte für diesen Zweck 20.000 DM zur Verfügung, und die in Deutschland lebenden Segenthauer spendeten dafür weitere 6.000 DM. Betreut wurden die Renovierungsarbeiten vom Wingaer Pfarrer Nikolaus Nacov. Nach fast einjährigen Reparaturen wurde die Kirche am 15. August 1995 vom Temeschburger Diözesanbischof Msgr. Sebastian Kräuter wiedergeweiht. Nun steht die barocke Kirche im neuen Glanz inmitten des recht verwahrlosten gewesenen Schwabendorfes, und niemand weiß, was mit ihr geschehen soll. Die Frage „Was geschieht mit den banater Kirchen?" konnte nicht einmal Bischof Kräuter beantworten. Er sagte nur: „Schaut euch Dreispitz an!". Ob es sich aber lohnt, in allen gewesenen deutschen Dörfern dem Beispiel Segenthaus zu folgen, ist wegen der bekannten Problemen fraglich.

Laut eines Beitrags von Barbara Gaug, der im „Dreispitzer Brief" veröffentlicht wurde, ist auch der 1996 gewählte Bürgermeister Liviu Anghel mit den zugewanderten Neubürgern nicht so glücklich. Er vertrat die Meinung, dass dem Aufruf, die gewesenen deutschen Dörfern neuzubesiedeln, nur diejenigen gefolgt seien, die in „ihrer angestammten Heimat nichts zu verlieren hatten". Im Unterschied zu den nach dem Krieg zugewanderten Rumänen, die sich an die Regeln des damaligen Dorflebens anpassen mussten, haben die Neubürger dessen Gleichgewicht erheblich gestört. Manche von ihnen haben die deutschen Häuser, in denen sie eine Zeit lang wohnten, zerstört. Nach der Gemeindesekretärin Gina Rabi ist das Verhältnis der Dorfbewohner durch die Zuwanderungen keineswegs als harmonisch zu bezeichnen. Trotzdem wollte der Bürgermeister, vorher Chefingenieur in der Segenthauer LPG, heute Mitglied der Christlich- Demokratischen Nationalen Bauernpartei, noch 1997 strukturelle Verbesserungen für Segenthau herbeiführen. Er wollte unbedingt ausländische Investoren finden, die in seiner Gemeinde Arbeitsplätze schaffen sollten. Doch wie er schließlich erkannt hat, liegt es an den Gesetzen des Landes, dass keiner Kapital nach Rumänien bringen will. Von den 1.244 Hektar Ackerboden, die zu Segenthau gehören, befanden sich vor einem Jahr 504 Hektar im Besitz der „Agroindustriellen Gesellschaft Sagu", 530 in dem von Privatpersonen, und der Rest gehörte noch immer dem Staatlichen Landwirtschaftsbetrieb (SLB = IAS). Diejenigen, die größere Flächen bestellen, also besonders die Landwirtschaftliche Gesellschaft, waren im vorigen Jahr mit den eingebrachten Erträgen sehr zufrieden, da der Boden hier sehr fruchtbar ist. Leider sind hier trotzdem bedenkenlos chemische Düngemittel eingesetzt worden. Das Umweltbewusstsein fehlt hier den Menschen vollständig. Die 11 im Dorf verbliebenen Deutschen treten in der Öffentlichkeit absolut nicht mehr in Erscheinung, und es kann angenommen werden, dass die gewesene deutsche Bevölkerung der Ortschaft nur noch in der Erinnerung wahrgenommen wird. Das gewesene banat-schwäbische Segenthau gehört nunmehr, wie so viele ähnliche Dörfer des Banats, der Vergangenheit an.

Dezember 1998                                                                                                      Anton Zollner