DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (77)
 S c h e b e l

Schebel (amtlich: Jebel; ung.: Zsebely) liegt in der Banater Ebene, auf der Europastraße E-70 zwischen Wojtek und Schag. Diese Ortschaft wurde niemals als ein deutsches Dorf betrachtet, da die Deutschen hier niemals einen Bevölkerungsanteil von mehr als sieben Prozent hatten. 1910 zählte man hier noch 262 Einwohner deutscher Volkszugehörigkeit. Seitdem sank ihre Zahl ständig, so daß 1940 in Schebel nur noch 147 Deutsche registriert wurden. Nach dem 2. Weltkrieg müßte die Zahl der deutschen Einwohner, wie überall, wieder stark gesunken sein. Nach der Volkszählung vom Januar 1992 mußte man sehr staunen, da bei dieser Gelegenheit in Schebel sich noch immer 74 (!!) Personen zum Deutschtum bekannten. Die Mehrheitsbevölkerung bildeten, wie auch zuvor, die Rumänen. 1940 wurden auch im zur Gemeinde Schebel gehörende Dorf Padureni (ung.: Temesliget) 24 Deutsche erfaßt. Aber auch 1992 bekannten sich von den 1.566 Dorfbewohnern 8 Personen zum Deutschtum.

In den Temeschburger rumänischen Zeitungen wurde in den letzten vier Jahren etwa mehr als zwanzigmal über Schebel berichtet, aber die im Dorf verbliebenen Deutschen wurden niemals erwähnt. Man erinnerte sich aber einmal an den deutschen Namen Steiner. Die „Realitatea banateana" (Banater Realität) vom 8. Januar 1996 veröffentlichte eine am vorletzten Tag des Jahres 1995 geschriebene Reportage über das Leben der Menschen, die zwischen den Ruinen der einstigen Ziegelbrennerei „Steiner" hausten.

Nach dem Autor der Reportage soll die Ziegelei erst 1962 enteignet und verstaatlicht worden sein. Laut Grundbuch Pos. 1204 ist der „Betrieb" auch heute noch im Besitz des Temeschburger Unternehmens für Baumaterialien „Extraceram". Erzeugt wird aber hier schon seit langem nichts mehr. Seit den '80-er Jahren wurde die Ziegelei nur noch als Lagerhalle benutzt. Solange die Ziegelbrennerei im Besitz von Steiner war, wurden hier Ziegeln erzeugt, die zum Bau vieler Schebeler Wohnhäuser, des Kulturheims, des Kindergartens und der Allgemeinschule verwendet wurden. Steiner-Ziegel befinden sich auch in den Mauern der Kirche aus Schipet. Der größte Teil der gewesenen Ziegelbrennerei „Steiner" ist heute nur noch eine Ruine; man hat alles, was nicht niet- und nagelfest war, gestohlen, und was man nicht wegtragen konnte, hatte man zerstört.

Der gewesene deutsche Eigentümer hatte für seine zugewanderten Arbeiter auch einige Dienstwohnungen errichtet. Um diese kümmerte sich aber der neue Besitzer „Extraceram" nicht mehr, so daß diese bald ohne Fenster und Türen blieben, das Dach und die Decken stürzten ein.

Nachdem sich die Nachricht über das neue „El Dorado" (also das Banat mit seinen von den ausgewanderten Deutschen hinterlassenen Häusern) im Lande verbreitet hatte, kamen auch nach Schebel Zuwanderer aus den ärmsten Regionen Rumäniens. Da aber hier die Zahl der Deutschen gering war, blieben auch nur wenige deutsche Häuser für die Neubürger zurück. So kam es dann dazu, daß zehn Familien mit je 5-6 Kindern sich ein neues Heim zwischen den Ruinen der Ziegelei einrichten mußten. Die einheimische Bevölkerung nennt jetzt diese Wohnstätte „Schebeler Ghetto". Die Lebensbedingungen im „Ghetto" sind unvorstellbar schlecht. Hier gibt es keinen Anschluß zum Trinkwassernetz, und der nächste Brunnen ist 500 m weit entfernt. Da es hier auch kein einziges WC gibt, verrichten die Neubürger ihre Bedürfnisse auf den benachbarten Feldern oder zwischen den Ruinen der gewesenen Ziegelbrennerei. Trotzdem waren die hier Hausenden am vorletzten Tag des Jahres 1995 glücklich und froh. Nach vier Jahren hatte man ihre Behausungen wieder an das Stromnetz der Ortschaft angeschlossen. Viele von den Neubürger hatten nun erstmals die Gelegenheit, mit der elektrischen Beleuchtung Bekanntschaft zu machen.

Im Alltag Schebels herrschen ansonsten dieselben chaotische Zustände wie in fast allen Dörfern des Banats. Der mit 1.285 Stimmen (bei einer Einwohnerzahl von 5.002 Personen) auf der Liste der Rumänischen Demokratischen Konvention (CDR) gewählte Bürgermeister, Ioan Bojin, bedient sich der verschiedensten Methoden, um die Interessen der Gemeinde zu verteidigen. So „kämpfte" er drei Jahre lang für die Rückerstattung einer Weidefläche von 150 ha, die die Präfektur des Kreises Temesch an zwei staatliche Landwirtschaftsbetriebe aus Schag zugeteilt hatte. Dabei scheute der Bürgermeister keine Mittel, nicht einmal einen zweitägigen Hungerstreik. Doch kaum hatte man mit der Pflege dieser Weideflächen begonnen, schon ließen einige Schäfer ihre Herden willkürlich auf den Wiesen der Gemeinde weiden. Als der Bürgermeister den Täter zur Verantwortung ziehen wollte, verklopfte der Schäfer die Hände des Gemeindevorstehers mit seinem Hirtenstock.

Aber schon im April 1994 hätte es Ioan Bojin in seiner ersten Amtszeit viel schlechter ergehen können. Damals gab es einen Aufstand der Bevölkerung Schebels gegen ihr Gemeindeoberhaupt. Bei der Bodenverteilung blieben etwa 400 Familien ohne Boden, und deswegen wollten sie ihren Bürgermeister lynchen. Die Beschuldigungen erwiesen sich bis zuletzt als unbegründet, aber für die Wiederherstellung der Ordnung und der Ruhe mußte die Temescher Präfektur die Polizei einsetzen.

Viel einfacher und auf seine Art und Weise sorgte ein Lieblinger Neubürger für die Lösung seiner Probleme. Daz nutzte er die Schebeler „ruga" (orthodoxe Kirchweih) aus. In der Zeit, in der die Schebeler Mehrheitsbevölkerung lustig an diesem Fest teilnahm, bestieg der Neubürger der Nachbargemeinde einen Mähdrescher der Firma „Mutim Viotim" und fuhr auf diesem davon. Während die Polizei den ganzen Tag des 20. Juli 1997 mit der Suche nach dem 80 Millionen Lei teuren Gerät beschäftigt war, erntete der Dieb den reifen Weizen eines Hektars der Felder des Staatlichen Landwirtschaftsbetriebs in Wojtek. Als er dann mit 350 kg Weizenkörner erwischt wurde, begründete er seine Tat mit der Erklärung: „Ja, ich muß doch auch von etwas leben!".

Januar 1998                                                                                                                        Anton Zollner