DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (116)
 S a r a f o l

Sarafol (amtlich: Saravale; ung.: Sárafalva) ist schon immer als eine rumänisch-serbische und nicht als eine deutsche Ortschaft betrachtet worden. Bis zum 2. Weltkrieg hatten die Deutschen hier einen Bevölkerungsanteil von nur 10 bis 12 Prozent. Die Ortschaft liegt am nördlichen Rande des Banats, entlang der Landstraße und der Eisenbahnstrecke, die von Arad über Perjamosch nach Groß-Sankt-Nikolaus führen.

Sarafol ist schon 1333 dokumentarisch belegt worden. Die höchste Einwohnerzahl hatte es um 1900, als hier 4.279 Personen lebten. Dementsprechend hatte die Ortschaft bis 1968 den Status einer Gemeinde, infolge der damaligen Neustrukturierung des Landes ist es zu einem Dorf der Gemeinde Groß-Sankt-Peter herabgestuft worden. 1910 lebten in dieser Ortschaft 496 Deutsche, aber bis 1940 sank ihre Zahl auf 376. Nach dem Krieg verließen die Sarafoler Deutschen ihr Heimatdorf. Laut einer Meldung der damaligen „Neuen Banater Zeitung" sind in Sarafol bis zum August 1991 nur 5 Deutsche verblieben gewesen. Diese Zahl ist auch noch im Februar 1996 von der Heimatortsgemeinschaft bestätigt worden. Trotzdem bekannten sich hier im Januar 1992  21 (!) Personen zum Deutschtum. Diese lebten aber nicht mehr in einem rumänisch-serbischen Dorf, sondern eher in einem rumänisch-zigeunerischen. Die Zahl der Serben ist auf 318 gesunken, während die der „Sonstigen", dies sind zumeist Zigeuner, auf 505 gestiegen ist. Unter den 2.457 Dorfbewohnern - also noch 57 Prozent der Einwohner von 1900 - befanden sich auch 1.582 Rumänen (mit einem Bevölkerungsanteil von 64 Prozent) und 27 Ungarn.

Wer heute Sarafol besucht, gewinnt einen trostlosen Eindruck. Wenn man von der von Maulbeerbäumen gesäumten Landstraße auf die Zufahrtsstraße zur Dorfmitte abbiegt, befindet man sich plötzlich in einer „Kraterlandschaft", in der ein Schlagloch neben dem anderen sogar die Fahrt mit dem Fahrrad unmöglich macht. Die beiden Maulbeerbaum-Reihen entlang der Straße weisen zahlreiche Lücken auf, die in den Wintermonaten durch das Absägen und Verheizen der Bäume entstanden sind. Laut einer von Dr. Werner Niederkorn in der „Banater Zeitung" (eine Beilage der „Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien" - ADZ) vom 23. Februar 2000 veröffentlichten Reportage steht man auf „verwinkelten Gassen, bei denen keine Ecke zur anderen paßt". Man findet hier kaum zwei Häuser, die sich ähneln würden; nach einem kleinen Haus folgt ein großes, und an dieses wiederum grenzt eine ganz kleine Hütte an. Gemeinsam für alle ist aber der total verwahrloste Zustand, in dem sich alle drei befinden. Auf den Gassen ist kein deutsches Wort mehr zu hören, dafür aber um so mehr serbisch oder zigeunerisch, die Sprachen der Zigeuner, von denen hier viele einen serbischen Namen tragen.

In einem äußerst verwahrlosten Zustand befand sich bis vor kurzem auch die katholische Kirche. Die Fensterscheiben waren Jahre lang durch Plastiksäcke ersetzt gewesen. 1999 ist die Kirche außen von den ausgewanderten Sarafoler Deutschen gründlich renoviert worden, man hatte den Kirchturm instandgesetzt und das Dach neu gedeckt. Auch der umgestürzte Zaun sollte in diesem Jahr wieder hergestellt werden. Bedauerlicherweise kann die Orgel während der seltenen Gottesdienste noch nicht erklingen, weil die Pfeifen mit Taubendreck verstopft sind. Wie man aber aus der ADZ erfahren kann, gibt es zur Zeit in Sarafol nur mehr eine deutsche Familie, und die Katholiken kann man auch auf den Fingern zählen.

Da es in Sarafol keine deutschen Kinder mehr gibt, gehört auch die deutsche Abteilung der hiesigen Grundschule nun zur Geschichte des einstigen Deutschtums. Minderheiten-Grundschulklassen gibt es nur noch für serbische Kinder. Wie aber aus den Seiten der Tageszeitung „Renasterea banateana" (Banater Wiedergeburt) zu entnehmen ist, schrumpft auch die Zahl der rumänischen Kinder. Während 1997 die 8 Klassen der Allgemeinschule noch von 245 Schülern besucht wurde, mußten die insgesamt 9 (!) Schüler der Grundschulklassen simultan unterrichtet werden. Erwähnenswert ist aber die Tatsache, daß in der 8. Klasse das Fach Rumänisch von einem Diplomlandwirt unterrichtet wurde

In den letzten zwei Jahren wurden in der „Banater Zeitung" in drei Reportagen über die vermutlich letzte Deutsche aus Sarafol, Elisabeth Weiland, berichtet. Die 69-jährige ist mit ihrem in zweiter Ehe lebenden Gatten, Gheorghe Micu, im Besitz von 20 Hektar Ackerfelder, die sie selbst bestellen. Dafür mußten sie sich zwei Traktoren mit Anhänger, einen Mähdrescher, Pflug und Egge anschaffen. Dies ist im heutigen Rumänien eine außergewöhnlich große Leistung. Sie müssen aber für manche Arbeiten auch Tagelöhner verpflichten, da ihre Kinder aus erster Ehe das Heimatdorf verlassen haben. Der Sohn lebt mit seiner Familie in Deutschland, und die in Mischehe lebende Tochter ist Lehrerin in Perjamosch.

Elisabeth Weiland kümmert sich aber nicht nur um den eigenen Haushalt, das zahlreiche Federvieh und die paar Mastschweine, sondern auch um die Kirche. Als in Sarafol noch Deutsche lebten, leitete sie den Kirchenchor und spielte auf der Orgel. Heute ist sie es, die dafür sorgt, daß die Kirchenglocken auch in der heutigen Lage noch immer regelmäßig läuten. Es ist aber zu befürchten, daß Elisabeth Weiland die letzte ist, die die „Glocken der Heimat" erklingen läßt.

August 2000                                                                                                                            Anton Zollner