DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (124)
S a d e r l a c h

An der nördlichen Grenze des Banats, etwa 10 km westlich von Arad, liegt am linken Ufer der Marosch die Ortschaft Saderlach (heute: Zadareni; ung.: Zadorlak). Das einst fast zu 90 Prozent deutsche Dorf war die einzige alemannische Sprachinsel  Südost-Europas, die aber heute als solche im Auflösung ist.

 Zadorlak ist schon 1332 in den päpstlichen Zehentlisten erwähnt worden, und 1514 eroberten Georg Dózsas Aufständischen das 1490-95 errichtete „Schloss Zadorlak“, das einst in der Umgebung des heutigen Hauses mit der Nummer 101 stand. Unter türkischer Herrschaft soll die Siedlung verschwunden sein, nach Johann Burger sollen dort in jener Zeit einige Zigeuner gehaust haben. Nach demselben Autor wurde der Name Saderlach zum ersten Mal 1725 auf der Siedlerliste des Wiener Kameralamtes belegt, aber zugleich vermutet er, dass die ersten deutschen Kolonisten hier erst 1737 angesiedelt wurden. Dieses Gründungsjahr bestätigen auch andere Autoren. Karl Kraushaar erwähnt nur den „Ausbau“, also die Erweiterungen der Ortschaft, die 1759 und 1764 stattgefunden haben sollen. Die Anwesenheit der deutschen Kolonisten ist seit 1737 durch den Eintrag von zwei Sterbefällen im Neu-Arader Kirchenmatrikelbuch belegt.

Die Ansiedler kamen in ihrer Mehrheit (etwa zu 66 Prozent) aus den Schwarzwald, und deswegen setzte sich in Saderlach die alemannische Mundart durch. Die Schwarzwälder kamen aber nicht alle freiwillig ins Banat. 1719 rief im Schwarzwald der Salpetersieder Johann Fridolin Albiez erstmals zum Widerstand gegen die Grundherren, die Fürstäbte des Klosters St. Blasien auf. In den nächsten Jahren folgten weitere vier Aufstände der „Salpeterer“. Nach dem Aufstand vom 17. September 1745 wurden die Anführer des Aufstandes teilweise hingerichtet und teilweise nach Belgrad und ins Banat verbannt. Nach der Niederschlagung des letzten Aufstandes, 1755, ließ Maria Theresia 122 Aufständische ins Banat verbannen. Ob diese auch nach Saderlach kamen, ist nicht bestätigt worden, aber aus den Sagen und Erzählungen der älteren Generation könnte dies angenommen werden.

Schon 1740 gab es in Saderlach einen deutschen Schulunterricht, ein kleines Schulhaus ist gleich danach errichtet worden. Nach Luzian Geier soll es hier ab 1847 eine konfessionelle deutsche Volksschule gegeben haben. Das heutige Schulgebäude ist 1891 errichtet worden.
 
Bis 1757 bildete die Saderlacher Glaubensgemeinschaft eine Filiale der Neu-Arader Pfarrei. Zwischen 1759 und 1767 gab es hier eine eigene kirchliche Verwaltung durch die Gründung einer Kuratie. 1767 ist hier eine eigene Pfarrei eingerichtet worden. Die erste katholische Kirche ist 1777-78 errichtet worden, die heute noch stehende Kirche ist 1871 zu Ehren Johannes des Täufers geweiht worden. Durch die Zuwanderung der rumänischen Bevölkerung ist 1982 auch eine rumänisch-orthodoxe Kirche fertiggestellt worden.
 
Nach dem Ausgleich mit Ungarn verkaufte die Kameraladministration Saderlach an privaten Gutsherren, wodurch seine Bewohner in die Lehnspflicht zurückfielen, vor der sie eigentlich aus der alten Heimat geflüchtet sind. Dazu kam 1863 auch eine große Hungersnot, während derer 145 Personen von der Gemeinde mit Lebensmitteln versorgt werden mussten, um nicht zu verhungern.

1759 hatte die Kolonistenortschaft 379 Einwohner, die in 85 Familien lebten; 1762 waren die 510 Dorfbewohner alle Deutsche. Die höchste Einwohnerzahl vor der Entdeckung des Erdöls auf den Feldern des Ortes hatte Saderlach im Jahre 1890, als 89 Prozent der 2.980 Einwohner Deutsche waren; der Rest bestand aus 199 Rumänen und 59 Sonstigen. Im November 1940 ließen sich hier 1.555 Personen als deutsche Volkszugehörige registrieren. Zur selben Zeit ließen sich auch im heutigen rumänischen Gemeindesitz Felnac (ung.: Fölnák) 29 Personen als Deutsche registrieren. Bei der Volkszählung von 1977 hatte das einstige Alemannendorf 2.223 Einwohner, von denen nur mehr 768 Personen Deutsche waren. Den Rest bildeten 1.383 Rumänen, 42 Ungarn und 30 Sonstige. 1992 bekannten sich von den 2.032 Dorfbewohnern noch 54 Personen zum Deutschtum; sie lebten neben 1.894 Rumänen, 63 Ungarn und 21 Sonstigen. Laut Angabe der Heimatortsgemeinschaft Saderlach sind bis Februar 1996 nur mehr 16 Deutsche im Heimatdorf verblieben.

Das Dorf, das an der Kreisstraße DJ 692 und an der Eisenbahnstrecke Neu-Arad – Groß-Sankt-Nikolaus im Landkreis Arad liegt, verlor als Folge des letzten Krieges immer mehr nicht nur seinen alemannischen, sondern auch seinen deutschen Charakter. Nach 1967, als hier Erdölvorkommen entdeckt wurden, bekam Saderlach  immer mehr das Aussehen einer Arbeitervorstadt. Für die zugewanderten Arbeiter der Erdölförderung wurden dreigeschossige Plattenbauten errichtet. So mussten auch bald die Dorfsitten und –bräuche  der Lebensart einer „proletarischen“ Gesellschaft weichen.

Über das heutige Leben in Saderlach wird in der banater Presse kaum noch berichtet und wenn, dann nur noch in den Arader rumänischen Zeitungen. Der letzte Bericht, der in der deutschsprachigen Presse Rumäniens erschienen ist, war eigentlich eine „Lesermeinung“ des inzwischen verstorbenen Arader Lehrers Daniel Schemmel, der vor sechs Jahren in der „Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien“ veröffentlicht wurde.

Schon damals erlebte der Besucher des Alemannendorfes im einstigen deutschen Teil des Dorfes seine Enttäuschungen. Das öffentliche Leben hatte sich in den Osten der Ortschaft verlagert, wo heute Wohnblocks stehen und wo sich die Niederlassungen des Erdölförderungsbetriebs befinden. Im Unterschied zu anderen ländlichen Ortschaften des Banats reichten hier wegen der zahlreichen Zuwanderungen die Lehrräume der alten Schule nicht mehr aus, und so mussten weitere  auch im gewesenen Gemeindehaus und im einstigen Jugendheim eingerichtet werden.

Eine Reparatur des Daches der katholischen Kirche wäre 1995 schon längst fällig gewesen, da es besonders im südlich Teil das Regenwasser durchrinnen ließ. Die aus dem Jahre 1871 stammende Orgel war noch da, wie auch die Turmuhr, aber Kirchenbesucher gab es kaum noch. Die 70-jährige gewesene Russlanddeportierte Katharina Gengler versah den Mesnerdienst, und Maria Krebs besorgte die Blumen für die Kirche. Da es auch keinen Ortspfarrer mehr gibt, stand auch das schöne Pfarrhaus leer und unbenutzt da. Der Gottesdienst soll damals regelmäßig, aber auch ehrenamtlich vom Arader Stadtpfarrer Sándor Flavius Balázs zelebriert worden sein. Die 1906 von der Familie Zipfel gestiftete Floriani-Statue befand sich damals auch in einem guten Zustand. Zu den Erinnerungen an die Einwohner aus „alten Zeiten“ gehörte auch das Eckhaus, das noch mit der Inschrift „Eisele Andreas 1912“ versehen ist.

Nun, nachdem die Deutschen Haus, Hof und auch die Ackerfelder liegen ließen und zurück ins Mutterland wanderten, stellt man fest, dass sowohl deren Häuser als auch deren Felder nicht mehr ausreichen, um die „Neubürger“ zufrieden zu stellen. Der im Haus mit der Nummer 531 wohnende 78-jährige Eisenbahnerpensionist Blagu Copil wäre berechtigt gewesen, bei der Bodenverteilung 5,10 ha Ackerboden zu erhalten. Während der Kollektivierung der Landwirtschaft weigerte er sich bis zuletzt, in die „Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft“ (LPG) einzutreten. Aus diesem Grund wurde sein Ackerboden ständig vom Areal eines Dorfes ins andere „verschoben“, je nach dem Bedarf der neugegründeten LPGs. Als einer, der vor der Bodenverteilung sein Feld nicht im Ort hatte, bekam er auch diesmal nur 50 Ar im Dorf, der Rest von 4,5 ha lag in der Nähe von Neu-Arad, etwa 16 km vom Dorfkern entfernt. Dazu befand sich das Grundstück eingeschlossen in die Felder des Neu-Arader „Staatlichen Landwirtschaftsbetriebs (SLB = IAS), der inzwischen auf „Handelsgesellschaft ARNO“ umbenannt wurde. In dieser Lage  sollte der Betroffene jährlich einen entsprechenden Anteil von der Ernte der SLB erhalten. Nachdem er aber zwei Jahre lang nichts von seinem Anteil sah, forderte er die Abtrennung seines Anteils, damit er sein Feld selbst mit Hilfe seines Sohnes (der ebenfalls Rentner ist) bestellen kann. So kam es, dass die beiden im Frühjahr 1999 auf einem vom Pferd gezogenen Wagen fast bis nach Neu-Arad fahren mussten, um den erhaltenen Boden zu bearbeiten.

Über die heutigen „Zadareni"-er und ihre Probleme berichtete wieder die rumänische Presse („Adevarul“ = Die Wahrheit), als sie über eine Bürgerversammlung schrieb. Der Bürgermeister Cornel Tuplea kam aus Felnac, um die Probleme der Ortschaft mit den Einwohnern vor Ort zu besprechen. Von den etwa 2.000 Einwohnern kamen nur 70 zur Versammlung, und nur 12 ergriffen das Wort. Man wusste wahrscheinlich, dass Diskussionen auch nicht helfen, wenn kein Geld da ist. Worüber sollte man auch sprechen, wenn der Bürgermeister klarstellte, dass wegen den leeren Gemeindekassen nicht einmal die Straßenbeleuchtung mehr finanzierbar sei? Die Gemeinde hatte allein schon für den Stromverbrauch Schulden in Höhe von 450 Millionen Lei. Da mussten Wünsche wie die Einführung der Müllabfuhr, die Erweiterung des Trinkwassernetzes oder die Gründung einer Apotheke Träume bleiben, die im heutigen „Zadareni“ kaum Chancen haben, verwirklicht zu werden.

August 2001                                                                                                         Anton Zollner