DURCH GEWENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (44)
Ruskberg und Ruskitza

Ruskberg, auch Russberg genannt (heute: Rusca Montana; ung.: Ruszkabánya) ist eine der drei Ortschaften (neben Nadrag mit der 1845 gegründeten Eisenhütte und Ferdinandsberg), die im Ruska-Gebirge des nordöstlichen Banater Berglands von Deutschen geprägt wurde. Die Ansiedlung Ruskbergs erfolgte wahrscheinlich ab 1803, nachdem die österreichischen Brüder Anton und Franz Hofmann (die Söhne des Georg Josef Hofmann) hier Eisenerzgruben und das Eisenwerk Ruskberg errichten ließen.  Laut Karl Kraushaar soll die Ansiedlung erst im Jahre 1810 stattgefunden haben, was aber nicht stimmen kann, weil im Jahre 1803 hier die Pfarrei gegründet und 1806 das Kirchenmatrikelbuch eingeführt wurde.

Der Vertrag über die Errichtung eines Hüttenwerks und der Eisenbergwerke im Mala Ruska-Berg wurde von den Hofmann-Brüdern mit dem Ärar am 14 Oktober 1803 unterschrieben, und am 16. Mai 1804 ist er für 28 Jahre rechtskräftig geworden. Das Kommando der Militärgrenze erlaubte zugleich die Errichtung von Werkgebäuden und Wohnhäusern für die Beschäftigten und verpflichtete sich zugleich zum Bau und zur Instandhaltung einer Landstraße zum neugegründeten Werk. Das Eisenwerk erwies sich bald als sehr verlustreich, weil das erzeugte Eisen nicht den damaligen Ansprüchen entsprach. 1807 gelangten die Bergwerke und das Eisenwerk wieder in den Besitz des Ärars, aber Verwalter blieb Anton Hofmann. 1817 wurde die Eisenproduktion endgültig eingestellt.

Anton Hofmann entdeckte 1820 in den nördlich von Ruskberg gelegenen Wäldern reiche Silbervorkommen, was bald die Errichtung eines Silberbergwerks zur Folge hatte. Nach anderen Quellen sollen zwei Hofmann-Brüder 1822 zusammen mit Karl Maderspach einige Kilometer nördlich von Ruskberg eine Bleihütte errichtet haben. Infolgedessen entstand die Siedlung Ruskitza (amtlich: Ruschita; ung.: Ruszkicza), die von den Deutschen auch Wolfswiese genannt wurde (nicht zu verwechseln mit der aufgelassenen deutschböhmischen Siedlung mit demselben Namen auf dem Semenik). Einer der Brüder Hofmann, der jüngere Zacharias – machte den 1828 den ungarischen Bildhauer István (Stefan) Ferenczy auf die Marmorvorkommen von Ruskitza aufmerksam. Dieser hatte die besondere Qualität des Gesteins sofort erkannt und gab diesem den Namen „Ungarische Carara“. Alle seine Bemühungen, einen Geldgeber für die Errichtung eines Marmorbruchs zu finden, blieben erfolglos. Erst 1864 begann Johann  Biebel, der Eigentümer des Areals, auf dem sich der Marmor befand, mit der Bearbeitung des Gesteins; er ließ in Karansebesch daraus Grabsteine schleifen. Bald danach wurde der Wert des „Ruskitzaer Carara“-s erkannt, und schon Ende des 19. Jahrhunderts wurden monatlich 700 Tonnen Marmor von 200-300 Arbeitern gefördert. 1912 exportierte man das wertvolle Gestein in 12 Länder. Der Marmorbruch ist auch heute noch in Betrieb, befindet sich aber im Staatseigentum.

1823, nach Franz Hofmanns Tod, erwarben seine Söhne Anton und Adam die Bergwerke wieder vom Wiener Hof. Bald danach besaß das Hofmann’sche Unternehmen in Ruskberg sechs Schmelzöfen und die erste Banater Walzstrecke. Maderspach ließ 1830 seine erste im Ruskberger Eisenwerk erzeugte Eisenbrücke in Lugosch über den Siuca-Bach legen. Er wusste damals noch nicht, dass er mit seiner ersten Parabolträgerbrücke eine Pionierleistung erbracht hatte. 1837 baute das Ruskberger Eisenwerk eine Brücke nach derselben Konstruktionsart über den Tscherna-Fluss bei Herkulesbad.

Während der ungarischen Revolution von 1848-49 standen sowohl Maderspach als auch die Hofmanns auf der Seite der Aufständischen, was ihnen danach viele Unannehmlichkeiten brachte. Nachdem Antons Frau, Franziska, öffentlich ausgepeitscht wurde, weil sie Kossuth auf seiner Flucht untergebracht hatte, beging er am 23. August 1849 Selbstmord. Die Werke selbst wurden während der Revolution sehr in Mitleidenschaft gezogen, besonders durch die Zerstörungen seitens der serbischen Bevölkerung. Nach der Entlassung der Unternehmer aus dem Gefängnis, kamen sie als „Staatsfeindlichgesinnte“ ins „Schwarze Buch“. Das Kommando der Militärgrenze war nicht mehr bereit, die Straßen instandzuhalten, was zu großen Schwierigkeiten beim Transport der Eisenerzeugnisse führte. Damit hat der Verfall des Unternehmens seinen Lauf genommen. 1857 sind die in fremde Hände gelangten  Ruskberger und Ruskitzaer Werke einem Siebenbürger Konsortium und danach einer Kalaner Aktiengesellschaft verkauft worden. Nachdem am Anfang des 20. Jahrhunderts das Eisenerz gänzlich versiegt ist, wurden die Werke aufgegeben. In Betrieb blieb nur Johann Biebels Marmorbruch.

1910 lebten in Ruskberg 833 Personen deutscher Volkszugehörigkeit; ihr Bevölkerungsanteil betrug damals über 32 Prozent. Zwanzig Jahre später zählte man hier nur noch 555 Deutsche, die noch gut über 25 Prozent der Gesamtbevölkerung stellten. Sie lebten neben 1.394 Rumänen, 61 Ungarn und 158 Sonstigen. 1940 ließen sich in Ruskberg wieder 721 Personen als Deutsche registrieren. Die Zahl der Deutschen sank aber danach ständig und erreichte 1966 nur noch 179 Seelen, bei einer Gesamtbevölkerung von 1.894 Einwohnern. Auch nach dem großen Exodus der Rumäniendeutschen bekannten sich im Januar 1992 in Ruskberg noch immer 104 Personen zum Deutschtum. Der Rest der Bevölkerung bestand aus 1.671 Rumänen, 27 Ungarn und 18 Sonstigen. Laut Prof. Dr. Anton Scherer sollen sich 1940 in Ruskitza 289 Personen als deutsche Volkszugehörige registrieren lassen. Nach anderen Quellen sah 1941 die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung ganz anders aus: 117 Deutsche (?!), 137 Rumänen, 28 Ungarn und 140 Sonstige. Bis 1966 sank die Zahl der Deutschen auf 34, die der Rumänen stieg aber auf 1.017 Personen (fast das 8-fache); die Zahl der Ungarn betrug 47 und die der Sonstigen 124. Bei der Volkszählung von 1992 bekannten sich von den 802 Einwohnern Ruskitzas 46 Personen zum Deutschtum, den Rest bildeten 718 Rumänen, 16 Ungarn und 22 Sonstige.

In Ruskberg und in Ruskitza ist im Unterschied zu vielen anderen gewesenen deutschen Banater Dörfern noch ein ausgeprägtes Gemeinschaftsleben der verbliebenen Deutschen festzustellen. Dieses findet hauptsächlich innerhalb des Demokratischen Forums der Deutschen (DFD) und der Kolping-Familie statt. Beide haben ihren Sitz in Ruskberg. Bei der Gründung des DFD, als die Deutschen der beiden Ortschaften noch zum Ortsforum aus Ferdinandsberg gehörten, zählte man noch 230 DFD-Mitglieder. Da aber in den beiden Ortschaften schon 1977 nur noch 176 Deutsche lebten, folgt, dass zu den Mitgliedern des Forums der Deutschen auch viele Nichtdeutsche gehörten. Aber auch in dieser Lage gab es im Herbst 1994 in Ruskberg und in Ruskitza nur noch 123 DFD-Mitglieder, ihr Vorsitzender war damals Georg Butuza. Der Sitz des Forums befindet sich im gewesenen Pfarrhaus, das jetzt Eigentum der Kolping-Familie ist. Das Pfarrhaus wurde Anfang der '80-er Jahre einem Rumänen verkauft, damit man mit dem Erlös die katholische Kirche renoviert. 1992 kaufte eine österreichische Kolping-Familie das Haus für 10.000 DM wieder zurück und richtete hier eine aus 30 Mitgliedern bestehende Ruskberger Kolping-Familie ein. Verwalterin des nun renovierten und aufgestockten Kolping-Hauses ist Doina Damian. Der große Saal des DFD ist mit einem Farbfernseher, der auf Satellitenempfang eingestellt ist, ausgestattet.

Ruskberg ist seit 1975, als Pfarrer Nikolaus Schwarz nach 52 Dienstjahren starb, ohne Seelsorger geblieben. Die Gläubigen werden nun wöchentlich vom Ferdinandsberger katholischen Priester Iosif Budau betreut. Die Kirche, die 1863 dem Hl. Bernhard geweiht wurde, ist von den Pfarrkindern gut gepflegt und instandgehalten. Sie besitzt eine Orgel, die vom Arader Anton Dangl gebaut wurde. Die Altäre und der Boden sind mit Marmorplatten aus Ruskitza ausgelegt.

Eine deutsche Schule gibt es in der Gemeinde nicht mehr. Die 12 deutschen Schüler wurden im Schuljahr 1994-95 täglich mit dem Schulbus nach Ferdinandsberg in die deutsche Abteilung der dortigen Schule gebracht.

Die Straße von Ruskberg nach Ruskitza ist kaum noch passierbar. Ständig werden in ihrer Nähe Sprengungen durchgeführt, obwohl diese Straße der einzige Verkehrsweg ist, auf dem der Marmor abtransportiert wird. Von einer Instandhaltung der Straße kann kaum die Rede sein, da sie sich schon 1966 im selben Zustand befand. Nur Ausflügler „verirren" sich gelegentlich hierher, wenn sie die schönen Enzianwiesen, die sich oberhalb von Ruskitza ausbreiten, bewundern wollen. Einladend scheint Ruskitza im Sozialismus niemals gewesen zu sein, trotz der Tatsache, dass es in einer malerischen Landschaft liegt. Dies galt schon 1966, als ich dienstlich die Gegend besuchte und gilt heute um so mehr. Laut einer Reportage aus der „Banater Zeitung" (eine Beilage der „Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien“) vom 6. September 1995 befinde sich Ruskitza in einem total verwahrlosten Zustand. Das Postamt und das Kino gebe es nicht mehr. Die einzige öffentliche Verkehrsanbindung mit der Außenwelt ist nur ein „Samstagsbus". Die Disco, die der hier verbliebenen Jugend zur Unterhaltung dienen solle, habe keine Fenster- und Türenscheiben mehr, und das Parkett sei vom Fußboden verschwunden. Die „normale" Jugend, also die arbeitswillige, sei längst „ausgewandert"; die Arbeit in Ungarn, Jugoslawien und besonders in Deutschland werde bevorzugt. Die Wohnblocks, in denen meist lärmende und betrunkene Grubenarbeiter hausen, seien zu Ruinen geworden.

Wie man sieht, ist auch an Ruskberg und Ruskitza der allgemeine Zerfall jener Bergdörfer zu erkennen, in denen einst der deutsche Geist für die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung fördernd wirkte. Es scheint als würde es nicht mehr lange dauern, bis die in der Zwischenkriegszeit blühenden Österreicher- und Deutschböhmendörfer den Zustand jener aus dem rumänischen Altreich erreichen.

Juni 1996                                                                                                                   Anton Zollner