DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (5)
R e k a s c h

Rekasch (heute: Recas) war schon immer eine Gemeinde mit gemischter Bevölkerung. Schon während der Ansiedlung der Deutschen gab es ein Deutsch- und ein Illyrisch-Rekasch, in letzterem lebten Schokazen und auch einige Walachen. Nach dem Abschluss der Kolonisation wurden 1783 in Deutsch-Rekasch 721 Katholiken und 146 Angehörige anderer Religionen gezählt. In Illyrisch Rekasch lebten damals 639 Illyrer (also Schokazen und Walachen). Im Jahre 1910 errichte die Zahl der Deutschen 1.838 Seelen. Neben diesen lebten in jenem Jahr hier auch 1.245 Ungarn, 956 Schokazen, 210 Rumänen, 29 Kroaten, 20 Serben, 17 Slowaken, 3 Tschechen und 3 Bulgaren, also insgesamt 4.321 Einwohner.

Bei der Volkszählung von 1972 hatte Rekasch (ohne den zur Gemeinde gehörenden rumänischen und serbischen Dörfer) 5.080 Einwohner, eine Aufteilung nach Nationalitäten wurde nicht veröffentlicht. Im März 1990, als man die Zahl der „Neuen Banater Zeitung“ (NBZ)-Abonnenten  bekannt gab, befand sich Rekasch nicht auf der Liste. Dies bedeutet, dass die Zahl unter 20 lag, wenn es überhaupt NBZ-Abonnenten gab. Dies könnte man auch aus der Aussage des Franz Birnstill vom Juni 1992 schließen, als er nach einem Besuch in Rekasch die Zahl der noch dort verbliebenen Deutschen auf 96 schätzte. Davon lebten fast alle in Mischehen. Umso erstaunlicher fiel dabei das Ergebnis der Volkszählung vom 7. Januar 1992 aus. Bei dieser Gelegenheit bekannten sich in Rekasch und in den dazugehörenden Dörfern 208 Personen zum Deutschtum, also auch hier doppelt so viele wie die vermutlich reale Zahl.

Das heutige Leben der Rekascher Bevölkerung (Rumänen, Schokazen und Ungarn, aber kaum noch Deutsche) ist fast nur noch vom Ringen um die Bodenverteilung geprägt. Bald musste aber festgestellt werden, dass die von den Berechtigten beantragte Bodenfläche viel größer ist, als die tatsächlich vorhandene. So wurde bis zum festgesetzten Termin im Jahre 1991  10.791 ha Boden beantragt, vorhanden waren aber nur 8.894 ha. Es fehlten also 1.897 ha Boden. Damit alle Antragsteller zu ihrem Recht kommen, „schaffte man noch 2.060 ha Boden an, und zwar stellten der Staatliche Landwirtschaftsbetrieb (IAS) 1.452 ha, der „Winzerverein“ (eigentlich der staatliche Betrieb „Viticola“), die Pferdezüchterei aus Izvin („Herghelia“) 152 ha und die staatliche Weidenverwaltung 78 ha zur Verfügung.

Eigentlich sollte nur jenen Personen Boden zugeteilt werden, die durch das kommunistische Regime enteignet wurden, wie auch in einigen vom Gesetz festgelegten Ausnahmefällen. Zu diesen Ausnahmeregelungen fielen auch 40 Arbeiter des Staatlichen Weinbaubetriebs. Aber weder diese noch die 264 Rekascher Familien, denen man nur je (lächerliche!) 0,5 ha Boden genehmigte, bekamen jeweils auch nur einen Quadratmeter. Trotz einem „Überfluss“ von 163 ha, reichte der Boden nicht für alle Antragsteller. Zugleich erhielten 52 Personen, davon 37 Ingenieure und Spezialisten der staatlichen Betriebe, aber auch andere einflussreiche Personen, gesetzwidrig je 1 bis 3 ha Ackerboden oder Weingarten. Keiner von ihnen wurde aber verpflichtet, einen Leu der 65 Millionen Schulden  zu zahlen, die unter den neuen Weingartenbesitzern anteilmäßig aufgeteilt werden müssen.

Laut der Temeschburger rumänischen Zeitung „Timisoara“ wurde diese ungerechte Bodenverteilung vom Direktor des Trusts der Staatlichen Landwirtschaftsbetriebe des Kreises Temesch (und gewesener Nomenklaturist) Ioan Rosca durchgeführt. Sein persönlicher Anteil bei der „Bescherung“ waren drei Hektar Weingarten. Die Eigentumsurkunden wurden vom gewesenen Bürgermeister Ilie Statie ausgestellt. Um die Mitwisser zum Schweigen zu bringen, teilte man auch diesen Weingärten zu. Der neugewählte Bürgermeister Roman Dronca hat die Verwaltungsbehörden des Kreises Temesch über die Gesetzeswidrigkeiten informiert, ohne aber etwas erreichen zu können. Dafür legte er aber bald sein Amt nieder (!?).

Schließlich kam die Sache vor den neuernannten Temescher Präfekten ...... , der entgegen allen Erwartungen eine Untersuchung des Falles und eine neue Aufteilung des Rekascher Ackerbodens und der Weingärten verordnete. Ioan Rosca (der vor 18 Jahren Direktor des Staatlichen Landwirtschaftsbetriebs - IAS – war) äußerte aber trotzdem seine Vorstellung, dass er für die „Dienste“, die er 17 Jahre lang als Direktor des Rekascher SLB (IAS) leistete, die drei Hektar Weingärten als sein Eigentum betrachten kann, um nach seiner bevorstehenden Pensionierung nicht gezwungen sein kann, die Temeschburger Straßen abzuklappern. Eben aus diesem Grund habe er sich auch ein „Häuslein“ in Nitzkydorf gekauft. Doch zugleich hat der gewesene Nomenklaturist nicht hinzugefügt, dass er neben seinem „Häuslein“ auch ein „Gärtlein“ von 7 Hektar besitzt, das er auch unrechtsmäßig erworben hat.

Dies ist nur ein Beispiel dafür, wie eine „demokratische“ Bodenverteilung im heutigen Banat praktisch durchgeführt wird.

Mai 1993                                                                                                     Anton Zollner
 

Rekascher „Champagner"

Die Großgemeinde Rekasch (amtlich: Recas; ung.: Temesrékás) liegt auf der Europa-Straße E-70, etwa 25 km östlich von Temeschburg entfernt. Das Heckendorf, dessen Kommunalverwaltung sich seit vielen Jahren bemüht ihm den Rang einer Stadt verleihen zu lassen, hat eine besonders günstige geographische Lage; die südlichen Ausläufer des Lippaer Hochlandes ermöglichen hier den Weinbau, wobei die südlichen und südwestlichen Fluren für den intensiven Getreideanbau geeignet sind.

Über die Geschichte der Großgemeinde und über die Ansiedlung der Deutschen wurde im „Donauschwaben" schon 1989-90 mehrmals berichtet. 1910 bildeten die 1.838 Deutschen hier noch einen Bevölkerungsanteil von über 42 Prozent. Ihre Zahl sank aber bis 1940 auf 1.623 Personen, was aber noch immer einen Anteil von fast 40 Prozent bedeutete. In jenem Jahr lebten auch in den heute zur Gemeinde Rekasch gehörenden Dörfern einige Deutsche. Die meisten, und zwar 114 Personen wurden damals in Goldast (heute: Herneacova; ung.: Aranyág) gezählt, und ihr Bevölkerungsanteil belief sich auf etwa 10 Prozent. 1910 erreichte ihre Zahl den Höchststand von 149 Personen. Einzelpersonen deutscher Volkszugehörigkeit lebten 1940 auch in Jeswin (amtlich: Izvin; ung.: Öszény) - 33, Nadas (ung.: Nádas) - 30, Stanciova (ung.: Sztancsafalva) - 19 und Bazos (ung.: Bázos) - 12. Bis 1977 sank aber die Zahl der Deutschen in Rekasch auf 902 Seelen; sie hatten damals einen Bevölkerungsanteil von noch etwa 15 Prozent. Bei der Volkszählung vom Januar 1992 bekannten sich in Rekasch nur noch 202 Personen zum Deutschtum. In den zur Gemeinde gehörenden Ortschaften gaben sich 20 Personen als Deutsche aus: 11 in Izvin, 7 in Herneacova und 2 in Bazos.

Laut Aussagen von Besuchern, die im Januar 1992 vor Ort waren, soll nur etwa die Hälfte der „Bekenner zum Deutschtum" auch wirklich Deutsche gewesen sein. Sie lebten meist als Alleinstehende oder in Mischehen. Den Rest der Bevölkerung bildeten damals 3.354 Rumänen, 930 Ungarn (etwa 300 Personen weniger als 15 Jahre zuvor), 156 Zigeuner, 129 Serben und 134 Sonstige (das waren wahrscheinlich Schokazen). Nach den von der Heimatortsgemeinschaft Rekasch veröffentlichten Daten sollen im Februar 1996 im Heimatort genau 81 Deutsche verblieben gewesen sein.

Über das heutige Leben in der einst von den Deutschen geprägten Ortschaft berichten in letzter Zeit sowohl die „Deutsche Allgemeine Zeitung für Rumänien (ADZ) als auch die rumänische Tageszeitung „Renasterea banateana" (Banater Wiedergeburt). Bei den Kommunalwahlen, die im vorigen Sommer stattfanden, wurde Simion Cernescu mit 1.916 Stimmen als Kandidat der Ökologischen Bewegung Rumäniens zum Rekascher Bürgermeister gewählt.

Die 1957 mit den von den Deutschen enteigneten Weingärten gegründete Staatsfarm ist bis heute unbeschädigt erhalten geblieben, wenn sie auch jetzt „Handelsgesellschaft 'Recatim' AG" heißt. Der eigentliche Staatsbetrieb ist noch immer im Besitz der deutschen Weingärten. Bei der vor einigen Jahren durchgeführten Bodenverteilung wurden nur der Boden und die Weingärten der gewesenen LPG den Dorfbewohnern (aber auch anderen Personen) zugeteilt. Die ausgesiedelten Deutschen oder ihre Erben hatten kein Recht mehr auf ihr geraubtes Gut, weil sie keine rumänischen Staatsbürger waren. Im September 1996 konnte Direktor Gheorghe Iova den „schönsten Erfolg" aus der Geschichte der vor 40 Jahren gegründeten Staatsfarm melden. In der moldauischen Stadt Vaslui hatte man eine Beratung für Weinbauer mit einer Weinprobe und nachfolgenden Preisverleihung veranstaltet. „Recatim" durfte als der einzige Teilnehmer aus Westrumänien mit 15 Weinproben bei 500 dabei sein. Von diesen 15 Proben des Rekascher staatlichen Weinzubereitungsbetriebes erhielten 14 die Gold- und eine die Silbermedaille. Als Überraschung galt aber die Tatsache, dass diese Medaillen nicht für die traditionell anerkannten Rotweine vergeben wurden, sondern für Weißweine und für einen erst seit kurzem erzeugten „Champagner". Bemerkenswert ist die Aussage des Direktors Iova (in der ADZ vom 2.10.1996), wonach zu diesem „Erfolg" nicht nur der geeignete Rekascher Waldboden beigetragen hat, sondern unter anderem auch „die reiche Weinbautradition der Gemeinde, deren Begründer die deutschen Ansiedler waren".

Nun versucht man auch einige, wenn auch nicht wesentliche Änderungen im Dorfbild durchzuführen. In erster Reihe versuchte man den Schülern für diesen Winter endlich mal warme Klassenräume zu sichern, damit diese nicht wie bisher, während des Unterrichts in Mänteln und mit Pelzmützen sitzen müssen. Dafür ersetzte man im Rekascher Lyzeum, wo 800 Schüler lernen, die gesamte Heizanlage vom Kessel bis zu den Leitungsrohren. Dies war das umfangreichste Vorhaben dieser Art im Kreis Temesch nach den Dezemberereignissen von 1989, die Kosten dafür beliefen sich auf 900 Millionen Lei.

Das Rekascher Bürgermeisteramt kam nun vor dem Jahreswechsel (1996/97) auch zur Schlussfolgerung, dass die Instandsetzung der Kommunalstraßen, die den Gemeindesitz mit den zur Gemeinde gehörenden Ortschaften verbinden, nicht mehr aufgeschoben werden kann. Dafür wurden 3.000 Tonnen Pflastersteine schon angeschafft, und man begann mit der Instandsetzung der Straße, die nach Stanciova führt. Doch bald musste man feststellen, dass das vorhandene Geld für diese Arbeiten nicht ausreicht. Deswegen mussten die Bewohner der betroffenen Ortschaften als Hilfsarbeiter und ohne Anspruch auf Vergütung bei den Straßenbauarbeiten teilnehmen.

Man will in Rekasch aber auch noch einiges mehr tun, damit es bald die jüngste Stadt des Kreises Temesch werden kann. Dazu zählt auch die Überdachung des Gemüse- und Lebensmittelmarktes und die Errichtung von geschlossenen Verkaufsständen, Arbeiten deren Abschluss noch vor dem Jahreswechsel geplant war. Dann sollten hier wöchentlich zwei Märkte (mittwochs und sonntags) unter besten Bedingungen stattfinden. In jedem Quartal will man auch einen Viehmarkt abhalten, auf dem die Bauern aus der Umgebung ihre Haustiere anbieten können.

Am 14. Februar dieses Jahres setzte man endlich die seit etwa 15 Jahren für Rekasch geplante automatische Telefonzentrale vom Typ „Alcatel" in Betrieb. Diese mit 1.000 Anschlüssen versehene Vermittlungsanlage ersetzt die bisherige manuell betriebene und mit 400 Anschlüssen versehene Telefonzentrale. Angeschlossen wurden aber nur die Fernsprechteilnehmer aus Rekasch und Izvin, weil nur hier ein veraltetes Kabelnetz vorhanden ist. Die anderen zur Gemeinde gehörenden Dörfer liegen zu weit vom Gemeindezentrum, und die wenigen Telefongeräte (mit Lokalbatterie und Induktoranruf) sind mit der Telefonzentrale noch immer über Freileitungen verbunden. Deswegen wird ihre Vermittlung auch weiterhin manuell betrieben. Auf diese Weise werden durch die fehlende
Infrastruktur des rumänischen Fernmeldewesens auch in Rekasch von den installierten 1.000 Anschlüssen für längere Zeit nur 400 benützt werden können.

März 1997                                                                                                                    Anton Zollner
 

Präsident trinkt Rekascher Wein

Beim Durchblättern der letzten deutschsprachigen Tageszeitungen Rumäniens bekommt man den Eindruck, dass im 25 km östlich von Temeschburg gelegenen Rekasch (heute: Recas; ung.: Temesrékás) das Deutschtum noch gepflegt werde. Bei fast allen im Banat stattfindenden Großveranstaltungen, die ein noch vorhandenes Deutschtum vortäuschen sollen, ist auch die Rekascher „Mathias-Henschl-Blaskapelle“ dabei. Sie ist eine der letzten banater Blaskapellen, die man noch als „deutsch“ bezeichnet, aber wahrscheinlich nur deswegen, weil zumindest ihr Kapellmeister noch ein Deutscher ist.

1989 hat Mathias Henschl den Rest der einstigen „deutschen“ Blaskapelle mit sechs älteren Musikanten übernommen. Es ist anzunehmen, dass von den etwa über einem Dutzend Musikanten nur noch der 49-jährige Kapellmeister und seine zwei Töchter Deutsche sind. Aber eine von diesen ist nur noch selten in der Kapelle, weil auch sie 1996 nach Deutschland ausgewandert ist. Die „Henschl-Matz-Kapelle“, wie sie allgemein genannt wird, spielt bei den schon erwähnten banater Großveranstaltungen, bei Kirchweihfesten, Hochzeiten und Beerdigungen. Viele Märsche des Repertoires hat der Kapellmeister selbst komponiert. Auch die Noten werden von ihm nach Musikaufnahmen auf Tonträgern geschrieben. Die Kapelle tritt bei den Veranstaltungen in Uniform auf: weißes Hemd, schwarze Hose, rote Jacke und rote Kappe mit einem blauen Band.

Mathias Henschl ist aber nicht nur ein begeisterter Musikliebhaber, sondern auch ein leidenschaftlicher Sammler von Musikinstrumenten. Zu seiner Sammlung gehören Posaunen, Trompeten, Waldflügelhörner, Klarinetten, Saxophone, Geigen, Gitarren, Akkordeons, Keyboards und sogar ein Klavier. Da man aber von der Musik nicht leben kann, beschäftigt sich die Henschl-Familie hauptsächlich mit der Landwirtschaft. Mathias und Liesel Henschl sind im Besitz von 19 Hektar Ackerland, die von einem landwirtschaftlichen Familienverein bestellt werden. Sie besitzen auch Weingärten; der Weinbau ist in Rekasch seit der Einwanderung der Deutschen eine traditionelle Teilbeschäftigung gewesen.

Nach Mathias Henschls Schätzungen sollen in Rekasch um die Jahrtausendwende noch etwa 70 Deutsche gelebt haben. Die letzte Kirchweih fand hier 1988 statt. Einen deutschen Seelsorger gibt es seit der Auswanderung des Pfarrers Josef Schulz nach Deutschland nicht mehr. Seine Stelle wurde vom rumänischen Priester Ioan Ciuraru eingenommen. Dieser war bis im vorigen Jahr im Amt, ihm folgte der heutige Pfarrer, der auch ein Rumäne ist.

Der einzige Deutsche, der in der rumänischen Presse des Banats noch erwähnt wurde, ist der 1980 ausgewanderte Rekascher Erich Fleischhacker-Koller. Die Temeschburger Wochenschrift „Timisoara international“ berichtete 1997 über den beruflichen Werdegang des Banater Schwaben, der damals als Investor von Deutschland wieder nach Temeschburg zurückkam. Fleischhacker-Koller erlernte vor seiner Ausreise bei der Temeschburger Handwerkergenossenschaft „Prestarea“ den Malerberuf. In München bestand er die Meisterprüfung und gründete 1985 seine Firma für „Maler-, Lackier- und Tapezierarbeiten“. Bald erwies er sich als einer der besten in seinem Beruf, da er bei 12 Wettbewerben innerhalb der Europäischen Union immer den ersten oder den zweiten Platz belegte. 1997 gründete er in Temeschburg die Firma S. C. (= Handelsgesellschaft) „M.T.L. Farben Design“ SRL (= GmbH), zu deren Verwalter er Petru Moldovan einsetzte.

Was nun die einstige deutsche Bevölkerung Rekaschs betrifft, wird diese in der Öffentlichkeit nicht mehr erwähnt. Schon 1999, als man das 640. Jubiläum der dokumentarischen Attestierung der Ortschaft feierte, wurden die Deutschen und ihre Leistungen total verschwiegen. Einige Schüler mussten aber beim Aufmarsch die banat-schwäbische Tracht tragen. Bei dieser Gelegenheit hatte man beschlossen jährlich einen „Rekascher Tag“ zu feiern. Am Samstag und am Sonntag , dem 16. und 17. September 2000 fand laut „Allgemeine Deutschen Zeitung“ (ADZ) die erste Auflage des nun als „Herbstfest“ bezeichneten Festes  statt, während es die Temeschburger Tageszeitung „Prima ora“ (Die erste Stunde) als die zweite Auflage bezeichnete. Während der kulturellen Veranstaltung, die auf dem Hauptlatz vor der katholischen Kirche ausgetragen wurde, konnte man nur rumänische Volkstänze und –lieder sehen und hören. Dazu ritten am Sonntagmorgen Männer in rumänischer Tracht durch das Dorf und schwangen fleißig die rumänische Trikolore. Wie der im Jahre 2000 neugewählte Bürgermeister Stefan Petrea später erklärte, fand dieses Volksfest unter reichlichem Alkoholgenuss nicht auf dem Sportplatz, sondern vor den Türen der katholischen Kirche statt, damit man ... ein Zeichen der Verbundenheit mit dem Christentum und mit den „ungarischen, deutschen, kroatischen, slowakischen, rumänischen Römisch- und Griechisch-Katholiken“ setzt. Das „Herbstfest“ endete mit einem ... Maskenball (!!).

Im Herbst des nächsten Jahres, also am 30 September 2001, fand hier laut „Timisoara international“ die „vierte“ (!?) Auflage des Festes „Herbstfrüchte“ statt (nach der Tageszeitung „Prima ora“ war es die dritte). Auch diesmal trugen 500 Schüler aus Rekasch, Izvin und Bazos beim Aufmarsch rumänische Trachten, aber auch die der mitwohnenden Nationalitäten, zu denen man diesmal auch die Zigeuner zählte. Einige Schüler waren unverständlicherweise auch als Clowns gekleidet. Angeführt war der Festzug auch diesmal von Reitern des Gestüts aus Izvin (mit der rumänischen Trikolore) und zwar zu den Klängen der „Rekascher Blaskapelle“. Der Zug wurde vom Weingott Bacchus und vom Königspaar des Herbstes angeführt. Der Austragungsort der Veranstaltung war diesmal nicht mehr der Kirchplatz, sondern der Sportplatz. Dort wurden Reiterdemonstrationen vorgeführt, gefolgt von einem reich gestalteten Kulturprogramm bestehend aus rumänischer Folklore. Interessant ist nur, dass diese Veranstaltung, die man „traditionell“ bezeichnen will, in jedem Jahr eine andere Benennung hatte.

Rekasch war schon immer eine Ortschaft mit einer ethnisch gemischten Bevölkerung, aber wer heute durch die Straßen des Dorfes spaziert, kann das Heimatdorf kaum noch erkennen. Vor allem fallen die unbekannten braunen Gesichter auf. Auch der äußerst schlechte Zustand der meisten Häuser des Dorfes wirken sehr befremdend. Die Wände der ungepflegten Häuser sind bis zur Hälfte, aber auch darüber, von Feuchtigkeit durchdrungen, oftmals fehlen auch die Zäune, die wahrscheinlich verheizt wurden. In einem desolaten Zustand befinden sich auch Rekaschs Straßen, von denen die wenigsten mal eine Asphaltdecke hatten. Da die Straßengräben seit Jahren nicht mehr gereinigt wurden, hat das Regenwasser, das wegen der schlechten Bodenformation nicht durchsickern kann, viele Straßen überschwemmt. An den Stellen, wo es vom Herbst bis in den späten Frühjahr keine Pfützen oder sogar Teiche gibt, dienen die Straßen als Ablagerungsplätze.

Einen besonders unangenehmen Eindruck gewinnt der Besucher der einst blühenden Ortschaft, wenn er mit der „Architektur“ der sogenannten „Zigeunerpaläste“ konfrontiert wird. Viele dieser „Prachtbauten“ stehen seit Jahren unbeendet oder leer inmitten einer „Unkrautplantage“. Von ihren Eigentümern, die ausnahmslos alle Zigeuner sind, vermutet man, dass sie sich in Westeuropa aufhalten würden. Diese geschmacklosen Kitschbauten wirken genau so fremdartig auf den Beobachter, wie die zerfallenen sogenannten Plattenbauten („Blockwohnungen“) aus der „goldenen Epoche“ der Ceausescu-Diktatur. Diese befinden sich heute hygienisch und ästhetisch in einem unbeschreiblichen Zustand.

1999 existierten in Rekasch 15 fertiggestellte Zigeunerpaläste, von denen 10 fast ständig unbewohnt waren. Dazu befanden sich noch drei weitere in der Rohbauphase. Die Innenausstattung der ersteren übertrifft bei weitem die luxuriöse Außenausstattung: die Wände und die Fußböden der zahlreichen Innenräume sind mit Marmorplatten und Fliesen verkleidet, zur Beleuchtung der Zimmer dienen teure Lüster, und das Mobiliar ist von den besten Handwerkern des Landes nach Sonderbestellung angefertigt worden. Dazu muss die Bemerkung gemacht werden, dass laut „Prima ora“ 1999 keiner der in Rekasch ansässigen Zigeunern je einen festen Arbeitsplatz hatte.

Nun stellt sich die Frage: Wenn man beim Bürgermeisteramt diese Bauten nicht gerne sieht, und die Architekten diese als Kitsch bezeichnen, wie konnten sie trotzdem errichtet werden? Auf diese Frage gibt ebenfalls die „Prima ora“  eine Antwort. Wie in allen Ortschaften der alten Heimat, ist auch in Rekasch die Gemeindekasse fast immer leer, die Zuwendungen aus dem Staatsetat werden von Jahr zu Jahr magerer. Das Bürgermeisteramt finanziert kaum noch etwas außer der Instandsetzung der Schulen und die Monatsbezüge des ihm unterstellten Personals. Die Kosten für die Straßenbeleuchtung und die Errichtung einer Kläranlage konnten nur mit Verspätung entrichtet werden. In dieser Lage kommt jedes zusätzliche Einkommen in die Gemeindekasse - egal von wo - gut an, und dazu gehören eben auch Einnahmen aus den „Zigeunerpalästen“. Schon für die Erteilung der Baugenehmigung erhält das Bürgermeisteramt ein Prozent der Baukosten. Für nur eines der 15 „Prachtbauten“, errechnete man diese Kosten (nur für den Rohbau) in Höhe von 3,6 Milliarden Lei, was der Gemeinde 36 Millionen Lei einbrachte. Dazu kommen auch noch die jährlichen Steuereinnahmen. Für den „Palast“ mit der Haus-Nr. 264 musste der Eigentümer im Jahre 1999  1,73 Millionen Steuern zahlen und der Besitzer des „Prachtbaus“ mit der Haus-Nr. 829 sogar 2,8 Millionen Lei. Von wo sich die „arbeitslosen“ Zigeuner diese Beträge beschaffen, ist nicht bekannt, sie verbringen aber den größten Teil des Jahres in Westeuropa.

Rekasch ist aber nicht nur negativ, sondern auch positiv in den Schlagzeilen der „Prima ora“ aufgefallen. Im März 2001 berichtete die Zeitung über eine „absolute Landespremiere“ in der Geschichte der Rumänischen Eisenbahnen (CFR). Von den zwei „ökologischen WC“-s, mit denen rumänische Bahnhöfe erstmals ausgestattet wurden, ist das erste „WC-Paar ohne Wasserspülung“ in ... Anwesenheit der Presse in Rekasch seiner Bestimmung übergeben worden (!).

Rekasch ist aber durch den hier hergestellten „Rekascher Wein“ auch über die banater Grenzen hinaus bekannt geworden. Es ist anzunehmen, dass die Weingärten hier erstmals von den deutschen Kolonisten angelegt wurden, da die Mehrheit von ihnen aus Mainfranken und Umgebung, also aus einem Weinbaugebiet gekommen sind. Nach dem 2. Weltkrieg sind die Weingärten der Deutschen enteignet worden. Mit dem verstaatlichten Gut ist die staatliche Weinbaufarm (Ferma Viticola) gegründet worden. So kam es dazu, dass die enteigneten Weinbauern in ihren eigenen Weingärten als Taglöhner arbeiten mussten. 1948 ist die Staatsfarm nach sowjetischem Muster in den Staatsbetrieb „GOSTAT ‚Dealul Viilor’“ umgewandelt worden. 1968, als Rumänien in der Politik einen nationalen Kurs einschlug, passte man auch die landwirtschaftlichen Strukturen formell diesem Trend an. Aus der GOSTAT (ein Kürzel nach sowjetischem Muster aus „Gospodarie de Stat“ = Staatsgut) entstand durch den Zusammenschluss mehrerer Farmen die „I.A.S. Recas“ (die Initialen bedeuten Intreprindere Agricola de Stat = Staatlicher Landwirtschaftsbetrieb – SLB). Seit 1990 heißt dieser Betrieb „Societate Comerciala ‚Recatim’“ (= Handelsgesellschaft ‚Recatim’) und befindet sich  noch immer im  Besitz des rumänischen Staates. Die HG „Recatim“ nannte bis im Jahr 2000  714 Hektar Weingärten ihr Eigen, davon waren 176 ha mit Tafelwein-, 300 ha mit Weißwein- und 238 ha mit Rotwein-Rebensorten bepflanzt. Danach musste der Staatsbetrieb 76 Hektar abgeben, da die Weingärten der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) nicht ausreichten, um allen berechtigten Antragstellern einen Teil ihres enteigneten Gutes zurückzugeben. Die ausgewanderten Deutschen, denen die Weingärten eigentlich gehörten, sind nun als „Ausländer“ nicht mehr berechtigt, in den Besitz von rumänischem Boden zu kommen.

Wie die Temeschburger rumänische Zeitung „Agenda“ vor kurzem berichtete, kam 1990  der damals 23-jährige Londoner Philip Cox nach dem Abschluss seines Philosophiestudiums als Werbeagent für Osteuropa nach Rumänien. Nachdem er aber als solcher in einem armen Land keinen Erfolg erzielen konnte, versuchte er sein Glück in verschiedenen anderen Branchen. Er eröffnete ein Kino, das ihm aber die Polizei sofort wieder schließen ließ. Danach versuchte er es mit Weinhandel und Bierimport, aber damit hatte er auch kein Glück. Nach etwa acht Jahren führte ihn das Schicksal nach Rekasch, wo er mit seiner Frau Elvira  und mit der Familie Georgiu Weingärten ankaufte oder für eine Zeit von 49 Jahren von der Agentur für Staatsdomänen konzessionierte. Bald stellte er fest, dass die Weingärten mit neuen Rebsorten angepflanzt und die Firma mit neuen Anlagen ausgestattet werden müssen, um die Weinerzeugung auf den neuesten Stand zu bringen. Heute sind die Rekascher Weine Castle Rock, Königliche Mädchentraube und Vampire nicht nur in Rumänien, sondern auch in den USA, Kanada, Deutschland, Italien oder England gefragt. Den größten Absatz haben die trockenen Rotweine. Im Jahre 2000 erzeugte Philip Cox vier Millionen Liter Weine, von denen 60 Prozent exportiert wurden. Zu den berühmtesten Weingenießer des vom englischen Philosophen hergestellten weißen Italienischen Riesling zählt auch Rumäniens Staatspräsident Ion Iliescu. Ein weiterer prominenter Liebhaber der Rekascher Weine ist der Botschafter Groß-Britanniens in Bukarest. Soll es einem Engländer nun gelingen, Rekasch durch seine Weine weltweit bekannt zu machen?

Februar 2002                                                                                                            Anton Zollner