DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (97)
 O r z y d o r f

Orzydorf (heute: Ortisoara; ung.: Orczyfalva) liegt am östlichen Rande der Banater Heide, etwa 25 km nördlich von Temeschburg entfernt. Die Ortschaft wird von der Landstraße DN 69 Temeschburg - Arad (zugleich auch Europastraße E-671) durchquert. Über die Vergangenheit des Dorfes widersprechen sich die Buchautoren. Nach Gheorghe Drinovan soll das Orzydorf erst 1735 dokumentarisch belegt worden sein, was aber nur teilweise stimmen kann. Das heutige Orzydorf ist laut Karl Kraushaar erst 1785 angesiedelt worden, als hier auch die Pfarrei neugegründet und die Matrikelbücher eingeführt wurden. Aber eine Pfarrei mit der Bezeichnung „Kokot" hat es an dieser Stelle schon 1333 gegeben, wie dies aus den päpstlichen Zehentregistern zu entnehmen ist. Laut Grete Eipert soll diese schon 1318 unter dem Namen „Kakat" in diesen Registern eingetragen gewesen sein. Nach derselben Autorin soll auf der Mercy-Karte von 1723-25 an der Stelle, wo sich heute Orzydorf befindet, das „Praedium Kokot" mit einem Posthorn verzeichnet gewesen sein. Auf dieses Prädium bezog sich wahrscheinlich auch Drinovan bei seiner Aussage. Im Jahre 1761 gab es auf der Karte an jener Stelle keine Siedlung.

Über die Ortsgründung Orzydorfs behauptet Grete Eipert, daß „deutsche Siedler aus Lothringen, von der Saar, Pfalz, Württemberg, Bayern, Elsaß und anderen Gebieten des Reiches" schon 1784 ins Banat gekommen waren, aber weil ihre Häuser in der neuen Siedlung noch nicht fertig waren, mußten sie in den benachbarten Ortschaften überwintern. Nach Kraushaar standen 1787 im neuangelegten Schwabendorf, das nach dem Präsidenten der Temeschburger Kammeraladministration Baron Orczy benannt wurde, schon 200 Häuser. Nach dem Anschluß des Banats an Rumänien hieß das Dorf Cocota (lies: Kokota), kurz danach legt man sich auf Ortisoara fest.

Im Jahre 1792 hatte Orzydorf 979 Einwohner und 100 Jahre später, als die Gemeinde zum Wingaer Distrikt gehörte, betrug ihre Zahl sogar 2.889 Seelen. 1910 stellten die 1.967 Deutschen einen Bevölkerungsanteil von 91 Prozent. 1918 bestand die Ortschaft aus 618 Hausplätzen. Im November 1940 konnten hier noch 1.942 deutsche Volkszugehörige gezählt werden. Nach dem Krieg sank die Zahl der Deutschen sowohl durch Kriegsverluste, als auch durch Abwanderungen. Zugleich stieg die Zahl der Rumänen ab 1945 ständig. 1977 gab es unter den 2.647 Dorfbewohnern nur noch 849 Deutsche. Den Rest bildeten 1.605 Rumänen, 157 Ungarn und 36 Sonstige. Im Juli 1990 lebten in Orzydorf noch 187 Deutsche, aber im Januar 1992 bekannten sich von den 2.283 Einwohnern des einstigen Schwabendorfs nur noch 114 Personen zum Deutschtum. Die Zahl der Rumänen stieg aber auf 1.997 Seelen, die der Sonstigen auf 69; auch die Zahl der Ungarn sank um 35 Prozent auf 105 Personen. Nach dem Sturz Ceausescus im Dezember 1989 hoffte man hierzulande, die deutsche Restbevölkerung aus Rumänien in ihrer Heimat „stabilisieren" zu können, was aber selbstverständlich nicht gelungen ist. So sank dann auch die Zahl der Banater Schwaben in Orzydorf bis Dezember 1994 auf 55 und bis Februar 1996 sogar auf 39 Seelen.

Im zur Gemeinde gehörenden Dorf Setschan (amtlich: Seceani) wurden im November 1940 30 Personen deutscher Volkszugehörigkeit registriert. Bei der Volkszählung vom Januar 1992 konnte man hier nur noch zwei Deutsche zählen: das Ehepaar Menharth. Im Monat Oktober 1994 feierten die damals 66-jährige Barbara und der 75-jährige Andreas Menharth ihre „goldene Hochzeit". Dies war damals die einzige deutsche Familie, die mit ihrem Enkel Manfred im rumänischen Seceani lebte. Sie sollten aber nicht lange hier die einzigen Deutschen bleiben, denn schon Anfang 1995 kamen die damals 60-jährige Margit Müller mit ihrer Tochter Anna Simulescu und deren Familie hinzu. Margit Müller, eine gebürtige Setschanerin, wanderte 1990 nach Deutschland aus. Von dort half sie der in Orzydorf lebenden Tochter und dem Schwiegersohn Florin Simulescu, in Setschan einen Schlachthof zu errichten. Danach kehrte sie von Deutschland nach Setschan zu ihren Kindern und Enkelkindern zurück. Sie meinte: „Es ist schön in Deutschland, aber zu Hause, bei meinen Lieben, ist es am schönsten!".

Aber auch im zur Gemeinde Orzydorf gehörende rumänische Dorf Cornesti bekannte sich eine Person von den 537 Dorfbewohnern zum Deutschtum.

Über Orzydorf berichtete in den letzten Jahren die banater Presse reichlich. Die „Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien" (ADZ) schilderte besonders in ihrer Beilage „Banater Zeitung" die deutsche Vergangenheit und das, was von ihr bis heute übrig geblieben ist. Die Reportagen aus den Zeitungen „Timisoara" und „Renasterea banateana" (Banater Wiedergeburt) beziehen sich ausschließlich auf das heutige Leben in dieser banat-schwäbischen Ortschaft, in der es fast keine Banater Schwaben mehr gibt. Die „Renasterea banateana" veröffentlichte nur im Jahre 1997 16 Reportagen in 13 Ausgaben.

Laut ADZ vom 3. März 1995 soll Orzydorf damals noch überwiegend von der schwäbischen Vergangenheit geprägt gewesen sein. Im Ortszentrum, inmitten des ziemlich vernachlässigten Parks, stand die katholische Kirche mit den drei Denkmälern: dem Dreifaltigkeitsdenkmal, der Herz-Jesu-Statue und dem Heldendenkmal. Auch das Pfarrhaus stand da, neben dem Gemeindehaus, und gegenüber der Kirche befand sich das bekannte Gebäude der Grundschule. Auf der anderen Seite der Landstraße befand sich die Landwirtschaftsschule, der Handelskomplex der Konsumgenossenschaft, die Remise der freiwilligen Feuerwehr und sieben „sozialistische" Wohnblocks. In der Ortsmitte stand auch das neue Kulturheim, das Postamt, eine Gaststätte und die Polizeistelle. Die breiten und geraden Dorfstraßen waren noch immer von den charakteristischen Giebelhäusern gesäumt, aber an einigen Stellen mußten diese schon den im modernen Stil gebauten Häusern weichen. In der Reportage bedauerte der damalige Bürgermeister Ioan Urban (gewählt auf der Liste der Demokratischen Partei - eine Abspaltung der gewesenen Front der Nationalen Rettung) die Tatsache, daß in Orzydorf damals nur noch 48 Deutsche lebten. Unter anderem erklärte er: „Die Deutschen haben Orzydorf 1785 gegründet und es zu Wohlstand und Ansehen gebracht. Wir haben alle Hochachtung vor ihrer Leistung und wollen uns bemühen, die Tradition der guten Bewirtschaftung fortzusetzen". Er hob aber hervor, daß es auch jetzt im Dorf „viele tüchtige und fleißige Landwirte" gäbe. Dafür beklagte er aber, daß es ziemlich schwer wäre, die aus anderen Landesteilen zugewanderte Bevölkerung in die Dorfgemeinschaft zu integrieren. Diese Leute wollten nicht einmal die Häuser pflegen, in denen sie wohnten.

Dieselben Worte des Lobes für die ausgewanderten Deutschen äußerte ein Jahr später auch Viorel Puscas, der am 16. Juni 1996 mit 745 Stimmen als Kandidat der Sozialdemokratischen Union zum Bürgermeister gewählt wurde (ADZ vom 29.06.1996). Laut seiner Aussage lebten damals in Orzydorf 39, in Kalatscha 9 und in Setschan 2 Deutsche.

Am 8. März 1995 nahm die ADZ Orzydorfs Denkmäler unter die Lupe. Einzig und allein die 1884 von den Familien Klemens, Leichnam und Weisz gestiftete Herz-Jesu-Statue war damals gut erhalten gewesen. Das 1922 (nach Grete Eipert 1927) von der „Schwäbischen Volksgemeinschaft" errichtete Heldendenkmal befand sich damals auch in gutem Zustand, aber die Eisenkette, die das Denkmal einsäumte, ist mutwillig abgerissen worden. In einem ganz schlechten Zustand befand sich damals das von den Eheleuten Johann und Katharina Krepil gestiftete Dreifaltigkeitsdenkmal. Es ist 1905 vom Neu-Arader Bildhauer und Steinmetz Josef Jung angefertigt worden. Am Denkmal waren 1995 deutliche Verfallserscheinungen vorhanden: von den Standfiguren waren mehrere Stücke abgebrochen und der Verputz bröckelte unaufhaltsam. Der Bürgermeister wollte das Denkmal erhalten, aber es fehlte ihm das nötige Geld dafür. Eine Restauration ist dringend nötig geworden.

Nur eine Woche später berichtete die ADZ einiges über die Freiwillige Feuerwehr. Laut Urkunden soll der deutsche Verein 1930 ins Leben gerufen worden sein. 1988 ist die neue und moderne Feuerwehrremise errichtet worden. Die Ausstattung war auch dem damaligen Stand angepaßt: Schutzhelme und -anzüge, Löschgeräte und ein modernes Feuerlöschauto. Im oberen Stockwerk der Remise ist ein kleines Museum, ein Klub und ein Versammlungssaal eingerichtet worden. 1995 bestand die Mannschaft der Orzydorfer Feuerwehr aus 9 Männern.

Am 5. April 1995 schilderte die ADZ ausführlich die aktuelle Lage, in der sich die 1867 erbaute katholische Kirche befand. Dank der 1971 durchgeführten Renovierung des Kircheninneren sah diese damals guterhalten und gepflegt aus. Dafür sorgte aber auch der damals 36-jährige Mesner Ewald Duckadam. Seit Pfarrer Otto Pál Szabó im Juni 1994 verstorben ist, war der Mesner der einzige, der sich täglich um die Kirche kümmerte. 1995 gab es im gewesenen Schwabendorf keinen Seelsorger, und deswegen wurden die Gottesdienste zweimal im Monat vom Mailater Pfarrer Matthias Kalapis zelebriert, die Beerdigungen wurden meist vom Wingaer Pfarrer Nikolaus Nacov durchgeführt. Vor drei Jahren hoffte man, daß die Orzydorfer Pfarrei von einem griechisch-katholischen Pfarrer übernommen werde. Aus den Zeitungen konnte man zu diesem Thema nichts weiteres erfahren. Zur Orzydorfer Pfarrei gehörten 1995 außer den etwa 150 Katholiken aus Orzydorf (48 Deutsche, 70 Ungarn und 30 Rumänen) auch jene aus Mercydorf (45 Deutsche und 25 Ungarn), Kalatscha (12 Deutsche und 48 Ungarn), Hodon (11 Deutsche, 4 Ungarn und 7 Rumänen) und Knees mit insgesamt 60 Katholiken. Die wenigsten der 150 Orzydorfer Katholiken besuchten die sonntäglichen Gottesdienste. Von den 250 Sitzplätzen waren gewöhnlich nur 20 bis 35 auch besetzt, nur an Ostern und Weihnachten gab es mehr Kirchenbesucher. Wie in vielen anderen Kirchen des Banats wurde im November 1993 auch in dieser Kirche eingebrochen. Man war aber schon darauf vorbereitet, und darum bestand die Beute der Einbrecher nur aus zwei Kerzenständern und 500 Lei aus der Spendenbüchse.

Über das alltägliche Leben in Orzydorf erfährt man reichlich aus den rumänischen Zeitungen. Schon am 5. März 1994 kritisierte die rumänische Zeitung „Timisoara" die Gesetzlosigkeit, die seit der Auswanderung in Orzydorf herrschte. Auch hier, wie in vielen anderen Dörfern der Banater Heide, betrachten die aus anderen Landesteilen zugezogenen Schäfer die angebauten Ackerfelder als eine für alle zugängliche Weide. So kam es dazu, daß 40 Hektar angebaute Ackerfelder der Landwirtschaftlichen Gesellschaft „Recolta" (Die Ernte) von den Schafen „abgeweidet" wurden, 10 Hektar davon sogar bis zum letzten Halm. Der so entstandene Schaden betrug nach dem damaligen Stand über eine halbe Million Lei. Bemerkenswert ist aber die Tatsache, daß keine der zuständigen Behörden bereit waren, etwas dagegen zu unternehmen. Als die Bauern sich selbst zur Wehr setzten und auf ihren Feldern Schädlingsbekämpfungsmittel aussetzten (eigentlich eher gegen sie Schafe und nicht gegen die Ratten), erhielten sie sofort vom Landwirtschaftsamt aus Orzydorf eine strenge Mahnung. Die auf den Ackerflächen weidenden Schafen gehörten aber nicht nur den ortsfremden Schäfern, sondern auch dem Orzydorfer Viorel Sofron, Lehrer an der hiesigen Landwirtschaftsschule. Dieser äußerte sogar Drohungen gegenüber den von ihm beschädigten Landwirte, weil sich diese über seine Tat beschwerten. Dazu traute er sich nur deswegen, weil sich in seiner Herde auch Schafe befanden, die der Dorfobrigkeit gehörte.

Ein Jahr später, 1995, berichtete die ADZ zum letzten Mal über einige positive Aspekte aus dem Dorfleben. So lobte man das gute Funktionieren des in den '70-er Jahren errichteten Wasserleitungsnetzes, das damals eine Länge von 31,5 km hatte, und an dem 1.127 Wohnhäuser angeschlossen waren. Schlecht sah es damals nur mit der Abwasserkanalisierung und mit dem Straßenbau aus. Die Kanalisierung hatte nur eine Länge von einem Kilometer, und angeschlossen waren nur 55 Häuser. Von der Gesamtlänge der Ortsstraßen Orzydorfs, die damals 43 km betrug, waren nur 4,2 km asphaltiert. Dafür war man aber mit dem Viehbestand der Gemeinde sehr zufrieden. Dieser bestand aus 1.290 Rindern, 8.000 Schafen, 1.700 Schweinen, 9.000 Stück Geflügel, 100 Hasen und 380 Bienenvölkern. Zufrieden soll man hier auch mit der Bodenverteilung gewesen sein. Selbst die später Zugewanderten sollen ein bis drei Hektar Boden erhalten haben. Nach dem damaligen Bürgermeister soll es hier auch genügend Arbeitsplätze gegeben haben. Diese gab es damals bei den staatlichen Farmen für Rinder-, Geflügel- und Schweinezucht, als auch bei der staatlichen Getreideübernahmestelle. Da auf dem Areal der Gemeinde auch Erdölvorkommen entdeckt wurden, war ein Teil der Bevölkerung in der Erdölförderung beschäftigt. Zur gleichen Zeit gab es im Ort 79 Firmen mit Privatkapital, doch waren diese nur auf den Handel orientiert. Unzufrieden war der Bürgermeister nur mit dem knappen Gemeindebudget und mit den „Neubürgern", die sich der banater Zivilisation nicht anpassen wollten.

Einen schweren Schlag erlitten die Menschen, aber auch das Wirtschaftsleben im Juni 1996, als über die gesamte Gegend ein schweres Unwetter niederging. 90 Prozent der gesamten Ernte war in nur 10 Minuten völlig vernichtet. Der Gesamtschaden belief sich nach dem damaligen Stand auf 10 Milliarden Lei. Damit hatte der vor einigen Tagen zuvor gewählte Bürgermeister Viorel Puscas einen schweren Amtsantritt. Trotzdem nahm er sich für die nächsten Jahren vor, die Kommunalstraßen zu den Dörfern der Gemeinde instandzusetzen, das Trinkwassernetz zu erweitern und alle Ortschaften der Gemeinde an das Erdgasnetz anzuschließen. Doch nach nicht einmal 10 Monaten bezweifelte das Gemeindeoberhaupt in der Zeitung „Renasterea banateana" die Durchführung seiner vorherigen Pläne. Die ständig leere Gemeindekasse überzeugte ihn, daß alle Versprechungen, die in der Wahlkampagne gemacht wurden, nur Lügen waren.

Um aber doch etwas aus seinen Plänen zu verwirklichen, hatte er beschlossen, einige Baumaschinen und den Traktor des Bürgermeisteramtes tageweise zu vermieten. Auch die Versprechungen, die man den vom Unwetter geschädigten Menschen machte, wurden nicht eingehalten. Die Regierung versprach ihnen finanzielle Hilfe, aber die Gelder kamen nicht einmal bis Ende des Jahres 1996 in Orzydorf an. Der Bürgermeister betonte, daß von einer vollen Entschädigung gar keine Rede war, man wollte den in Not geratenen Bürgern mit etwa 30 bis 40 Prozent des Gesamtschadens helfen. Erst im Juni 1997 berichtete die Zeitung „Renasterea banateana", daß man allen Beschädigten, „die rechtzeitig eine komplette Dokumentation über ihren erlittenen Schaden einreichten", etwa 200.000 bis 210.000 Lei pro Hektar ausgezahlt hatte. Diejenigen, die das nicht oder nicht richtig getan haben, gingen leer aus.

Es scheint aber, als hätte sich auch die Natur gegen die in großer Not lebenden Menschen gewendet. Sowohl im Juli 1997 als auch im Juli 1998 wurde das Banat wieder von heftigen Stürmen heimgesucht. Besonders betroffen waren wieder die Kreise Temesch und Arad. 1997 wurde die Ernte im Kreis Temesch wieder auf 26.000 Hektar Ackerboden vernichtet. In beiden Jahren gehörte die Orzydorfer Bevölkerung wieder zu den Leidtragenden.

Im August 1997 meldete dieselbe Zeitung, daß der Orzydorfer Staatsbetrieb „Agromec" (= die gewesene Station für die Mechanisierung der Landwirtschaft - SMA), der einen Gesamtwert von 1,2 Milliarden Lei hatte, privatisiert wurde. Über 50 Prozent des Verkaufswertes sollte der Betrieb selbst bezahlen, damit der Manager, also der bisherige Direktor das Entscheidungsprivileg behalten kann. Es konnten aber nur 112 Millionen als Anzahlung in Bar geleistet werden. Der Rest von 587 Millionen Lei sollte in sechs Jahresraten nachgezahlt werden. Diese Beträge stellten aber nur einen Anteil von 40 Prozent dar, wodurch der Manager nicht über das Machtwort verfügen kann. 59 Prozent des Gesamtwertes wurden auf 28.810 Aktien verteilt, die in den Besitz von 785 Personen gingen. Gekauft wurden diese aber mit vom Staat verteilten wertlosen Coupons. Die Belegschaft des Betriebs erhielt 10 Prozent der Aktien. Ein Prozent des Betriebswertes blieb im Besitz des Staatseigentumsfonds (FPS). Den „Aktienbesitzern" hatte man versprochen, daß jeder eine jährliche Dividende in Höhe von 35.000 bis 40.000 Lei erhalten wird.

Ioan Radoi, der „neue" Manager schenkte aber bald „klaren Wein" ein, indem er mitteilte, daß schon von Beginn an die Tilgung eines Kredits in Höhe von 200 Millionen Lei fällig ist. Der Kredit wurde für eine „marktwirtschaftliche Initiative" aufgenommen. Eigentlich wurden mit dem Geld 400 Hektar gepachteter Ackerboden mit Weizen angebaut, um so den Landwirtschaftsvereinen Konkurrenz zu machen. Ein hoher Gewinn konnte aber wegen des schon erwähnten Unwetters nicht herausgekommen sein. Dazu gab es auch noch Altlasten in Höhe von weiteren 200 Millionen Lei, weil der nun „privatisierte" Staatsbetrieb seinerzeit seine Steuern nicht bezahlte. Aber zugleich hatte auch der „Servomec"-Betrieb seine Schuldner; Landwirtschaftsvereine schuldeten ihm über 300 Millionen Lei aus nicht bezahlten Dienstleistungen. Sie waren aber wegen der vom Unwetter verursachten Schäden nicht zahlungsfähig. Trotz dieser schwierigen Lage schmiedete der Manager neue „marktwirtschaftliche Pläne". Er wollte die alten verrotteten Landwirtschaftsmaschinen mit neuen aus dem Ausland ersetzen. Ein solcher Traktor, der zehn einheimische Modelle ersetzen sollte, kostete aber 300.000 DM, die Radoi keiner leihen wollte. Deswegen überlegte er den weiteren Verkauf eines Teils des nun privatisierten Betriebs: die Abteilungen aus Sankt-Andres, Kowatschi, Cornesti und sogar eine (von den beiden) aus Orzydorf.

Nur einen Tag nach der Veröffentlichung dieser Reportage, berichtete dieselbe Zeitung über die endgültige Schließung der hiesigen Geflügelfarm „Avicola". Von den 52 Beschäftigten blieb nur noch einer befristet im Dienst. Es war der Veterinärtechniker Ioan Forga, der nach 33 Dienstjahren der älteste Mitarbeiter war. Laut seiner Äußerung dem Journalisten gegenüber, sollen hier jährlich 65 Millionen Eier produziert worden sein, aber 1996 erzeugte man nur noch drei Millionen. Wegen mangelnden und schlechten Futters legten die Hühner immer weniger Eier. Den Todesstich erhielt die Farm schließlich von den Elektrizitätswerken. Diese stellte die Stromlieferung ein, weil die Farm Stromrechnungen in Höhe von vier Milliarden Lei nicht bezahlen konnte.

In Orzydorf geht es aber nicht nur mit den Wirtschaftseinheiten abwärts, die Lage der privaten Landwirte verschlechtert sich auch fast täglich. Die 73-jährige Bäuerin Liuba Dupceac beklagt besonders die niedrigen Preise, für die sie ihre Milch dem Staat abgeben muß. Mit dem Geld, das sie für die täglich gelieferten 12 bis 15 Liter Milch bekommt, kann sie, aber auch viele andere, nicht einmal das nötige Futter für die Kühe kaufen. Viele haben deswegen den Verkauf ihrer Milch an den staatlichen Milchverarbeitungsbetrieb eingestellt und verwenden sie lieber als Futter für ihre Ferkel, oder sie halten ganz einfach kein Vieh mehr.

In Orzydorf gibt es aber nicht nur in der Landwirtschaft Schwierigkeiten. Vor einiger Zeit stellte man fest, daß es auch beim hiesigen Postamt „schwarze Schafe" gibt. Laut einer in der „Renasterea banateana" veröffentlichten Reportage beklagt man sich im Ort nicht nur wegen der späten Zustellung der Postsendungen. Es wurden sogar zwei Postbeamtinnen wegen Diebstahls und Urkundenfälschung unter Anklage gestellt. Sie öffneten vor allem Auslandsbriefe und entnahmen Wertsachen. Durch die Fälschung von Unterschriften entwendeten sie Rentenanweisungen in Millionenhöhe. Nach ihrer Entlassung aus dem Postdienst kamen sie vor den Richter.

Aus der oben genannten rumänischen Zeitung ist zu erfahren, daß hier auch das Gesundheitswesen nicht so richtig funktioniert. Zwar verfügt die Gemeinde über ein ganz gut ausgestattetes Ambulatorium, dafür fehlt aber das nötige Fachpersonal. Die zwei Allgemeinmediziner müssen täglich je etwa 25 Personen untersuchen, einmal in der Woche in den drei zur Gemeinde gehörenden Dörfern die Sprechstunden abhalten und dazu auch noch den fehlenden Kinderarzt ersetzen. Der fehlende Zahnarzt kann aber von niemandem ersetzt werden, ebensowenig wie die zwei fehlenden Krankenschwestern in zwei Dörfern. Da wegen der leeren Kassen jetzt auch der nächtliche Notdienst eingestellt wurde, muß der im Ort wohnende Arzt, Dr. Adrian Ciolofan in allen Notfällen aus vier Ortschaften allein eingreifen.

In Orzydorf ist man wegen der täglichen Sorgen auch immer weniger an einer kulturellen Tätigkeit interessiert. Die Gemeindebibliothek hatte im Frühjahr 1997 nur 2.924 Bücher in den Regalen stehen. 1996 hatte man wegen des chronischen Geldmangels nur 103 Bücher anschaffen können. Da ist es auch nicht zum staunen, daß die Gemeindebücherei fast ausschließlich von Schülern besucht ist. An Ausstattung mangelt es aber nicht nur der Bibliothek, sondern auch dem Kindergarten. Hier fehlen in erster Reihe Spielsachen, aber auch Malhefte und Plastilin sind hier Mangelware.

Ganz schlimm steht es hier um den Landwirtschaftsschulkomplex. 1997 verließen die letzten 21 Absolventen das Landwirtschaftslyzeum, das danach aufgelöst wurde. In den heutigen rauhen Zeiten werden Landwirtschaftsmechaniker nicht mehr gesucht. 1996 konnten von den 19 jungen Berufsschulabsolventen nur 10 eine Einstellung in Kalatscha und in der Nachbargemeinde Winga finden, zwei haben die Aufnahmeprüfung für ein Arader Lyzeum bestanden. Ein Jahr später, also 1997 konnte keiner der Absolventen einen noch so schlechten Arbeitsplatz finden. Wegen dieser Perspektivlosigkeit im Berufsleben verließen im ersten Semester 1997 vier Schüler von 27 die Schulbänke schon im ersten Ausbildungsjahr. Viele Schüler hatten dies auch im zweiten Ausbildungsjahr vor. Sie finden, daß bei einer stagnierenden Wirtschaft die Ausbildung keinen Sinn mehr hat. Wie im ganzen Lande herrscht auch in Orzydorf Ratlosigkeit und Resignation, weil die seit Jahren von allen Regierungen versprochene Privatisierung der unrentablen Staatsbetriebe noch immer nicht ernsthaft in Angriff genommen wird.

Im Herbst 1997 ist schließlich auch das Bürgermeisteramt ohne ein Dach über den Kopf geblieben. Das Haus mit der Nummer 208, in dem es bis dahin untergebracht war, ist vom Gericht seinem Erbe zugesprochen worden. Dieser ist kein anderer als der im Juni 1996 mehr ernannte als gewählte Parlamentsabgeordnete der deutschen Minderheit in Rumänien, Werner Horst Brück. Dieser hatte 1997 das Demokratische Forum der Deutschen in Rumänien und seine wenigen Wähler, um die er sich kaum kümmerte, endgültig im Stich gelassen, indem er sein Mandat niedergelegt hat. Wahrscheinlich ist eine Stelle an der Rumänischen Botschaft aus Bonn viel verlockender gewesen. Bürgermeister Viorel Puscas aber, war wahrscheinlich der Meinung, wenn er schon nicht in einem großzügigen deutschen Haus residieren kann, soll er dies wenigstens in einem gleichwertigen Prachtbau tun, nämlich dem vor etwa 10 Jahren für das Landwirtschaftslyzem gebauten Haus. Ob die Temescher Kreispräfektur seinen Wunsch erfüllt hat, war aus der Presse nicht mehr zu erfahren.

November 1998                                                                                                         Anton Zollner