DURCH GEWESENE DEUTSCHE ORTSCHAFTEN DES BANATS (51)
O r a w i t z

Die heutige Stadt Orawitz (heute amtlich: Oravita; ung.: Oraviczabánya)) befindet sich teilweise am Fuße der Ausläufer der Aninaer Berge, und ein Teil der Häuser der rumänischen Bevölkerung, wie auch die Neubauten um den Bahnhof liegen schon in der Karascher Ebene. Diese erstreckt sich links vom Fluss Karasch bis über die Grenze nach Serbien.

Das Gebiet um Orawitz wurde schon nach 1687 von den Türken befreit, aber die verrotteten Orawitzer Kupfergruben verließen die Osmanen erst 1699. Vier Jahre danach, 1703 überprüften Tiroler Knappen ihren Zustand, um die Kupfergewinnung wieder aufzunehmen. Karl Kraushaar gibt diese Zeit als das Ansiedlungsjahr Orawitzas an. Eine Erweiterung der Ortschaft soll 1718 stattgefunden haben. In jener Zeit gehörte Orawitz verwaltungsmäßig zum Neupalankaer Distrikt.

1718 soll hier laut Karl Kraushaar eine der fünf zur Tschanader Diözese gehörenden Pfarreien eingerichtet gewesen sein, die nach demselben Autor im Jahre 1703 gegründet worden sind. Dem widerspricht aber Josef Schmidt in der vom Institut für Auslandsbeziehungen aus Stuttgart herausgegebenen Bestandsaufnahme der verfilmten Kirchenbücher. Dieser behauptet, dass die Orawitzer Pfarrei etwa um das Jahr 1720 gegründet wurde, aber andere Quellen widersprechen dieser Aussage und bestätigen Kraushaars Angaben. Die Kirchenmatrikelbücher wurden aber erst später, 1740, eingeführt. Die erste katholische Kirche soll laut des Berichts einer rumänischen Zeitung 1718 von den ersten deutschen Kolonisten erbaut worden sein. Diese wurde aber 1738 während des Einfalls der Türken von diesen geplündert. Die neu errichtete katholische Kirche ist am 18. November 1740 dem Hl. Franz Seraphicus geweiht worden. Die heutige Kirche wurde 1838 dem Fest der Kreuzerhöhung geweiht.

1723 übersiedelte das Banater Oberbergamt aus Temeschburg nach Orawitz, wo zugleich auch ein Bergamt eingerichtet wurde. Ebenfalls hier eröffnete man 1729 die erste Bergbauschule Südosteuropas. Am 26. Oktober 1739 forderte die ein Jahr zuvor ins Banat eingeschleppte Pest auch in Orawitz ihre ersten Opfer. Ab etwa 1775 ist die Kupferproduktion im Banat rückläufig geworden. In dieser Zeit erzeugte das Orawitzer Bergwerk zwischen 2.000 und 3.000 Zentner Kupfer pro Jahr.

Während des letzten Türkenkrieges (1789-91) brachen 1788 die Osmanen zum letzten Mal in das Banat ein. Zwar kamen sie nicht bis Orawitz, aber in den Wirren des Krieges erhoben sich ganze Bauernscharen aus den walachischen Dörfern der Umgebung gegen die österreichische Verwaltung und plünderten Orawitz und Deutsch-Tschiklowa.

1845 entdeckte der Bergbauingenieur Sigmund Horváth reichliche Goldlager im Ortsgebiet. In der Goldwäscherei waren damals vorwiegend Tschiklowaer Zigeuner beschäftigt. Im Jahre 1845 hatte man in Orawitz auch Deutschböhmen angesiedelt. Laut Georg Hromadka wurde 1846 die Straße von Orawitz nach Steierdorf zum „Kohlenweg" ausgebaut. Noch im selben Jahr begann man auch mit dem Bau der Eisenbahnstrecke Orawitz – Basiasch. Diese beiden Verkehrswege sollten zur Kohlenbeförderung von den Aninaer Kohlengruben zu einem Donauhafen dienen. Schon einige Jahre später erwog man die Ersetzung des „Kohlenwegs" durch eine „Kohlenbahn". Mit dem Bau einer Pferdebahn zwischen Orawitz und Steierdorf wurde 1850 begonnen, aber schon nach drei Jahren hatte man die Bauarbeiten „wegen unüberwindlicher Schwierigkeiten" eingestellt.

1851 gelangten die Berg- und Kupferhüttenwerke aus Orawitz und Tschiklowa in den Besitz des Ärars, der sie aber schon 1855 mit seinem gesamten Banater Montanbesitz an die „Kaiserlich-Königliche Privilegierte Österreichische Staatseisenbahngesellschaft" (StEG) verkaufte. Ein Jahr zuvor ist die Eisenbahnstrecke Orawitz – Basiasch, anfangs nur zum Transport der Kohle gebaut, auch dem Personenverkehr übergeben worden. Dies war eigentlich die erste Eisenbahnstrecke mit Normalspur auf dem Gebiet des heutigen Rumänien. Nach dem 2. Weltkrieg ist diese Strecke an der jugoslawischen Grenze (bei Iam) unterbrochen worden, und der Verkehr bis Basiasch ist bis heute nicht wieder aufgenommen worden.

Den Bau der „Pferdebahn" von Orawitz nach Steierdorf nahm die StEG im Jahre 1855 wieder auf. Sie wurde aber erst 1863 dem Verkehr übergeben, aber nicht als „Pferdebahn", sondern als „Eisenbahn", die voller Stolz auch „Banater Semmering" genannt wurde.

Trotz all dieser Entwicklungen im Banater Bergland nahm der Rückgang der Banater Kupferproduktion kein Ende. 1860 waren in Orawitz nur noch 160 Personen im Bergbau beschäftigt. Fünf Jahre später versuchte man den industriellen Abbau in Orawitz mit der Errichtung einer Zementfabrik, mit einer Paraffin- und mit einer Mineralölraffinerie zu bremsen. Der Kupferbau wurde hier 1868 gänzlich eingestellt, aber trotzdem organisierte man 1869 in Orawitz Ungarns erste Industrieausstellung.

Nach dem Anschluss des Banats an Rumänien wurde das Karasch-Severiner Komitat in zwei Landkreise (judete) aufgeteilt. Bei dieser Gelegenheit ist Orawitz zum Sitz des Kreises Karasch geworden. Auch in den Jahren der kommunistischen Diktatur war die Stadt der Sitz des Rayons Orawitz. Heute ist die einstige Industriestadt des Banater Berglands zu einem Provinzstädtchen geworden, in dem noch einige Behörden angesiedelt sind.

Das einst von Deutschen gegründete Orawitz verlor im Laufe der nun fast schon drei Jahrhunderten unaufhaltsam auch seinen deutschen Charakter. 1910 bildeten die 2.084 Deutschen nur noch die Hälfte der Ortsbewohner. Zwanzig Jahre später gab es im Ort einige deutsche Volkszugehörige mehr, aber diese stellten nicht einmal ein Viertel der Gesamtbevölkerung. 1940 wurden in Orawitz nur noch 1974 Deutsche gezählt, und ihre Zahl sank von da an steil ab. 1977 waren von den 14.987 Einwohnern nur noch 456 Deutsche. Zahlenmäßig waren sie neben den 13.930 Rumänen die größte nationale Minderheit Orawitzas, aber sie stellten nur noch einen Bevölkerungsanteil von etwa 3 Prozent. Nach den Dezemberereignissen von 1989 lebten in Orawitz noch 148 deutsche Familien, meist in „Deutsch-Orawitz", das sich von der Stadtmitte bergaufwärts erstreckte. Im Oktober 1993 gab es hier schließlich nur noch 20 deutsche Familien, der Rest der Deutschen lebte in Mischehen. Trotzdem bekannten sich im Januar 1992 von den 15.293 Einwohnern der Stadt noch immer 287 Personen zum Deutschtum. Ihr Bevölkerungsanteil sank somit auf 1,87 Prozent, und zahlenmäßig wurden sie neben den Rumänen auch von den Zigeunern übertroffen.

1940 lebten auch in den rumänischen Dörfern aus der Umgebung vereinzelt Deutsche. Von Orawitz südlich bergaufwärts befindet sich Deutsch- oder Montan-Tschiklowa (heute: Ciclova Montana; ung.: Csiklóbánya). Hier zündeten 1718 die aus der Zipps stammenden Hüttenarbeiter die ersten Kupferhochöfen an. Später gab es hier auch eine Silberschmelzhütte und sogar eine Münzprägestätte. Auch eine Bierbrauerei soll hier um 1728 von einem gewissen Johann Fischer gegründet worden sein, die nach dem Sturz Ceausescus wieder in Betrieb genommen wurde. Trotz dieses „deutschen Anfangs" lebten im erwähnten Jahr 1940 in Deutsch-Tschiklowa nur noch 31 Deutsche. Bei der Volkszählung von 1992 bekannten sich im heutigen Montan-Tschiklowa von den 713 Einwohnern noch 10 Personen zum Deutschtum. In Tschiklowa soll schon 1727 eine Kapelle der „Hl. Mariä Heimsuchung“ geweiht worden sein. Durch die Konsekration des Papstes Benediktus XIV. wurde diese Kapelle nach Maria-Radna zum zweiten Wallfahrtsort des Banats. Eine eigene Pfarrei erhielt Tschiklowa 1767. 1777 ist infolge eines Wunders anstelle der Kapelle die heutige Pfarrkirche geweiht worden. Später gab es noch ein zweites „Wunder von Tschiklowa“, nämlich ein Mädchen überlebte vor der Kirche einen Sturz von einem 50 Meter hohen Fels in die Tiefe und blieb dabei unverletzt.

Auch in den Dörfern, die entlang der Landstraße Orawitz – Morawitz liegen, lebten 1940 einige Deutsche: in Greoni (ung.: Geröcz) - 11, in Comorâste (ung.: Komornok) - 34 und in Kakowa (heute amtlich: Gradinari; ung.: Kakofalva) - 104. Auch vor dieser Zeit lebten in Kakowa seit dem Anfang des Jahrhunderts immer über 100 Deutsche, die einen Bevölkerungsanteil von etwa 6 bis 7 Prozent hatten. Laut eines Berichts der Tageszeitung „Timisoara" sollen hier auch noch im Jahre 1993 einige Deutsche gelebt haben.

Als ein gewesenes rein deutsches Dorf aus der Nähe von Orawitz könnte nur Bresen- oder Bresondorf (heute: Brezoni; ung.: Barsanyfalva) angesehen werden. 1910 zählte man hier noch 354 Deutsche, die einen Bevölkerungsanteil von fast 92 Prozent stellten. Bis 1940 sank ihre Zahl auf 278, was einem Anteil von etwa 87 Prozent entsprach. Auch 1977 gab es unter den 159 Dorfbewohnern noch 101 deutsche Seelen. Bei der Volkszählung vom Januar 1992 bekannten sich aber unter den 110 Einwohnern nur noch 29 Personen zum Deutschtum. Sie lebten hier neben 43 Rumänen und 38 Zigeunern. Die katholische Kirche wurde 1879 dem Hl. Martin von Tours geweiht. Auch im Gemeindesitz dieses Dorfes, Forotic (ung.: Forotik), wurden  1940  21 Deutsche registriert.

In Groß-Surduk (amtlich: Surducu Mare; ung.: Nagyszurduk) stellten die Deutschen von 1910 bis 1930 immer einen Bevölkerungsanteil von etwa 10 Prozent. 1940 hatten die etwa 200 Deutschen sogar einen Anteil von rund 20 Prozent an der Gesamtbevölkerung. Über Heuer- oder Heyersdorfs (amtlich Iertof; ung.: Hevér) Verfall wird zwar in der aktuellen rumänischen Presse berichtet, aber es liegen keine Angaben vor, dass in dem deutschnamigen Dorf mal Deutsche gelebt hatten. Weitere rumänische Dörfer aus der Umgebung, in denen 1940 vereinzelt Deutsche gelebt haben, sind Cârnecea (ung.: Kernyécs) - 11, Maidan (ung.: Majdán) - 17, Ticvaniu Mare (ung.: Nagytikvány) - 38, Secaseni (ung.: Krassószékás), Racasdia (ung.: Rakasd) – 28 (wo laut der Tageszeitung „Timisoara auch noch 1993 einige Deutsche gelebt haben sollen), Vrani (ung.: Alsóvarány) - 19, Mercina (ung.: Mercsény) - 16 und Varadia (ung.: Várad) - 58 (mit einem Bevölkerungsanteil von 3 Prozent).

Über das heutige Leben in Orawitz berichten in letzter Zeit mehrere Temeschburger Zeitungen. Die „Timisoara" vom 15. Oktober 1993 ließ noch auf eine Wiederbelebung des Deutschtums in Orawitz hoffen. Mit der Überschrift „Die deutsche Gemeinschaft belebt wieder ihren traditionellen Brauchtum" berichtete Liana Colceriu über deutsche Veranstaltungen, die beweisen sollten, dass hier wieder ein deutsches Gemeinschaftsleben im Entstehen ist. Die damalige Vorsitzende des Demokratischen Forums der Deutschen aus Orawitz, Cornelia Környei, soll sich zum Ziel gesetzt haben, alle Deutsche zu überreden, in der alten Heimat zu verbleiben. Dies sollte durch die Wiederbelebung alter Traditionen und die Pflege der deutschen Sprache erreicht werden. Dazu wurde eine Bibliothek eingerichtet, der aus Stuttgart 3.000 Bücher geschenkt wurden. Diese reichen aber bei weitem nicht, besonders nicht für die Leute des mittleren Alters. Eine deutsche Volkstanzgruppe sollte das Kulturleben bereichern. Auch der Fasching wurde wieder von den Deutschen in Orawitz gefeiert. Im September jenes Jahres besuchte der Temeschburger Bischof Sebastian Kräuter die hiesige Pfarrgemeinde.

Nach einer genau sechzigjährigen Unterbrechung feierte man in Orawitz erstmals seit 1991 das Kirchweihfest auf traditionelle Weise. 1993 tanzten sogar 17 ledige Trachtenpaare (zwischen 5 und 18 Jahren) wieder unter dem vor der Kirche aufgestellten Kirchweihbaum. Unterm Baum wurde auch der Kirchweihstrauß versteigert. Zum Tanz spielte die Steierdorfer Blaskapelle auf. Im November 1993 wurden hier auch die „Tage der deutschen Literatur" veranstaltet. In jenem Jahr gab es in Orawitz auch einen deutschen Kindergarten und eine deutsche Grundschule (1. - 4. Klasse), die von etwa 100 Kindern, die meist aus Mischehen stammten, besucht wurde. Das nächste Kirchweihfest im Jahre 1994 hatte aber schon leider einen Show-Charakter. Die Orawitzer mit ihren 17 steirischen und Tiroler Trachtenpaaren wurden diesmal nicht mehr unter sich gelassen. Die zur Wandertanzgruppe gewordenen „Banater Rosmareiner" wurden auch in den Kirchweihzug eingereiht und brachten so ihr „Schwäbisches" in die steirisch-tirolerische Kirchweih ein. Aufspielen sollte auch nicht mehr eine Blaskapelle aus dem Banater Bergland, sondern die Rekascher „Schwaben" aus der Banater Hecke. Zu den Ehrengästen zählten auch nicht mehr nur Orawitzer Persönlichkeiten; auch Uwe Zorn, der damalige deutsche Konsul in Temeschburg war als Gast geladen, Karl Singer, Vorsitzender des Forums der Deutschen aus dem Banat, Roland Cucuruz, Vorsitzender des Temeschburger Forums und Anton Schulz, seitens des Reschitzer Forums der Deutschen kamen hinzu. Die Festmesse zelebrierten die Pfarrer Zoltán Budding aus Orawitz und Lorenz Plawustyak aus Steierdorf. Gesponsert wurde diese Kirchweih von der Banater Stiftung für Internationale Kooperation „Banatia“, vom Demokratischen Forum der Deutschen im Banat und von drei Familien, die in Deutschland leben. Zur Finanzierung haben aber auch die 100 Orawitzer Familien beigetragen, in denen noch Deutsche leben.

Zeugnisse des Orawitzer Deutschtums gibt es in der Ortschaft kaum noch außer der katholischen Kirche, dem 1817 erbauten Theater und dem Apothekenmuseum, das in der 1796 eröffneten „Knoblauch-Apotheke" untergebracht ist. Vom einstigen Orawitz, das selbst der rumänische Dichter Iosif Vulcan als eine „Perle am Meeresgrund" (gemeint sind die bewaldeten Berge) bezeichnete, wird in einigen Jahren kaum noch etwas übrig bleiben. Schon in den Zeitungen des Jahres 1995 („Renasterea banateana“) bekommt man ein Bild des Verfalls der Stadt und der Verarmung der Bevölkerung vermittelt. Darin ist von Menschen die Rede, die von Almosen der Nachbarn, der Verköstigung in der „Armenkantine" und von einer monatlichen „Behindertenhilfe" in Höhe von 30.000 Lei leben müssen. Von diesem Geld muss die 74-jährige Arinca Lorint Miete für den Keller, in dem sie wohnt, Strom und Wasser bezahlen. Da sie über ein „so hohes" Einkommen verfügt (30.000 Lei = 20 DM) ist sie verpflichtet, auch der „Armenkantine" für ihr Mittagessen monatlich 9.000 Lei (etwa 6 DM) abzugeben. Für diese Abgabe sorgt kein anderer, als das Ressort des Stadtrats, das für die „Armen der Stadt" zuständig ist. Dies alles geschieht in einer Stadt, wo die Sitzungen des Stadtrats immer bei einer Runde Zwetschgenschnaps beendet werden.

August 1996                                                                                                             Anton Zollner