DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (110)
 N e u - S e n t e s c h

 - Deutsche in einem ungarischen Dorf -

Neu-Sentesch ist, wie selbst die deutsche Ortsbezeichnung erkennen läßt, im wahrsten Sinne ein ungarisches Dorf, das von seinen Einwohnern Újszentes genannt wurde. Nach dem Anschluß des Banats an Rumänien erhielt die Ortschaft den amtlichen Namen Dumbravita (= Wäldchen), weil es am Rande des Jagdwaldes angesiedelt wurde. Der rumänische Ortsname war mir in meiner Kindheit trotz meiner regelmäßigen „Wanderungen" zwecks Lebensmitteleinkauf in das nahegelegene Dorf, nicht bekannt. Die Alt-Temeschburger - egal welcher Volkszugehörigkeit - kannten das Dorf einfach nur als „Ujsentesch".

Neu-Sentesch liegt nur etwa 2-3 Kilometer von der nördlichen Stadtgrenze Temeschburgs entfernt, auf der Landstraße Temeschburg - Lippa. Trotz dieser kurzen Entfernung von der Banat-Metropole, gab es hier bis in den „Jahren des Sozialismus" keinen elektrischen Strom (also auch keine Straßenbeleuchtung) und keine öffentlichen Verkehrsmittel „in die Stadt". Bis Anfang der '50-er Jahre mußten die „Ujsentescher" den 6 Kilometer langen Weg bis zum Temeschburger Domplatz zu Fuß bewältigen. Nach Errichtung der Oberleitungsbus-Linie, die in die Fabrikstädter Weingärten führte, verkürzte sich der Fußweg auf die Hälfte.

Neu-Sentesch, das nach seiner dokumentarischen Belegung 1891 (nach Ioan und Rodica Munteanu) oder 1892 (nach Gheorghe Drinovan) immer den Rang einer Gemeinde hatte, war überwiegend von ungarischen Reformierten (Calvinisten) bewohnt. Die ersten 32 Familien kamen aus dem heute in Ungarn liegenden Szentes. Heute gibt es zwischen Szentes und „Újszentes" eine Gemeindepartnerschaft, die von beiden Seiten auch sehr gepflegt wird. Laut Ioan und Rodica Munteanu ist die in der Gemeindemitte stehende reformierte Kirche und die Schule 1897 errichtet worden. 1910 stellten die 40 unter den Ungarn lebenden Deutschen einen Bevölkerungsanteil von nur 3,2 Prozent. Zwanzig Jahre später, 1930, zählte man unter den 1.190 Dorfbewohnern 109 Deutsche. Die Zahl der letzteren stieg bis Ende 1940 auf 153 Seelen. Ab den '60-er Jahren ist ein bedeutender Anstieg der Einwohnerzahl zu vermerken, dies ist aber hauptsächlich durch eine massive Zuwanderung von Rumänen geschehen, deren Häuser die Straßen der Gemeinde bis an die Stadtgrenze Temeschburgs ausweiteten. Während 1956 die Einwohnerzahl noch 1.439 betrug, stieg sie bis 1992 auf 2.390. Von allen Dorfbewohnern bekannten sich bei der Volkszählung vom Januar 1992 noch 32 Personen zum Deutschtum. Die Mehrheit der Bevölkerung bildeten damals zwar noch immer die 1.285 Ungarn, aber neben ihnen lebten auch 1.045 Rumänen, 21 Serben und 13 Sonstige.

Die katholischen Gläubigen aus Neu-Sentesch bildeten eine Filiale der Mehalaer Pfarrei aus Temeschburg. Der Mehalaer Seelsorger Pater Johannes Blum kümmerte sich sehr viel um die Belange seiner Neu-Sentescher Gläubigen. Auch der Bau der neuen katholischen Kirche, die hier nach den Plänen des verstorbenen Architekten Hans Fackelmann errichtet wurde, ist dem Einsatz des Paters zu verdanken. Die Kirche ist mit Skulpturen des bekannten Bildhauers Peter Jecza ausgestattet worden.

Warum diese Ortschaft trotz so weniger Deutschen, ihren Platz unter den „gewesenen deutschen Dörfer des Banats" gefunden hat? „Ujsentesch" war nicht nur ein sonntäglicher Ausflugsziel vieler Temeschburger Deutschen oder eine Raststätte der vielen Pilger auf ihrem Fußweg nach Maria-Radna, sondern auch eine Stelle, wo Temeschburger und besonders „Weingärtler" Deutsche viele unterhaltsame Stunden verbracht hatten. Die Familie Marx war bis Kriegsende Besitzer einer großen Gastwirtschaft mit Tanzlokal, Billard, Kegelbahn und Sommergarten, die schon viele Jahre vor der Elektrifizierung der Ortschaft über eine Petroleumgasbeleuchtung verfügte, die heller leuchtete als die späteren „sozialistischen" Glühbirnen. Die Wirtschaft war weit über die Grenzen des Dorfes hinaus bekannt, nicht zuletzt wegen der hier veranstalteten Faschingsbälle. Nach dem Krieg ist das große Haus der Familie Marx, in dem sich auch die Gastwirtschaft befand, enteignet und in ein „Kulturheim" umgewandelt worden.

Aber auch in den ersten Jahren nach dem 2. Weltkrieg, als es hier keine Unterhaltungen mehr gab, waren die Temeschburger und besonders die „Weingärtler" stark mit Neu-Sentesch verbunden. Zu den vielen „Ausflüglern", die das Dorf damals fast wöchentlich aufsuchten, zählte auch ich. Es wurde damals hier Fleisch, Eier und Milch von den Bauern gekauft, und das besonders gute Weißbrot war sonntags am frühen Morgen zu bekommen. Bald wurde auch in dieser Ortschaft die sozialistische Mißwirtschaft eingeführt, und der Verkauf von Lebensmitteln ist Privatpersonen verboten worden. In jenen Jahren besuchten nur noch die „Weingärtler" Jugendlichen die rar gewordenen Bälle im Kulturheim.

Über das heutige Leben aus Neu-Sentesch wird in der Presse nur noch wenig berichtet, und die wenigen Deutschen, die noch im Dorf leben, werden auch nur noch sporadisch erwähnt. Dies geschah zum Beispiel im August 1997, als die rumänische Zeitung „Renasterea banateana" (Banater Wiedergeburt) über die hiesige katholische Kirchweih berichtete. Bei dieser Gelegenheit feierte man auch die „Neu-Sentescher Tage", an denen „Ungarn, Deutsche und Rumänen vereint" mitgewirkt hatten. Am ökumenischen Festgottesdienst nahmen neben dem katholischen auch der reformierte und der orthodoxe Pfarrer und der Prediger der Glaubensgemeinschaft der Pentekostalen teil. Im Rahmen der danach folgenden Kulturveranstaltung vertrat die Rekascher Blaskapelle unter der Leitung von Mathias Henschel das deutsche Kulturgut. Drei Jahre zuvor wurden die Deutschen bei derselben Gelegenheit gar nicht erwähnt. Die Zeitung „Timisoara" berichtete damals nur von einer „Kirchweih in brüderlicher Atmosphäre".

Auch die deutsche „Banater Zeitung" (eine Beilage der „Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien") veröffentlichte einige Reportagen aus „Dumbravita", nicht aber über die einstige oder die heutige deutsche Minderheit der Ortschaft. Der einzige deutsche Namen, der in dieser Zeitung am 1. Oktober 1997 erwähnt wurde, ist der der Zahnärztin Ingeborg Romosan, einer gebürtigen Marschall. Aus der Reportage ist zu erkennen, daß sie keine „Hiesige" ist, aber daß sie im sehr gut ausgestatteten Ambulatorium seit 1978 arbeitet. Laut Journalistin Heidrun Henresz ist die Zahnärztin eine Enkelin des im Banat bekannten Wolfsberger Gastwirts Jakob Weinfurter ist.

Februar 2000                                                                                                            Anton Zollner