DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (118)
N  e  r  o

Auf der Banater Heide, etwa 6 Kilometer nordöstlich von Marienfeld, liegt das Dorf Nero (amtlich Nerau; ung.: Nyerö), das einst von einer gemischten Bevölkerung bewohnt war. Die Ortschaft wird von der Landstraße Groß-Sankt-Nikolaus – Marienfeld durchquert, und hier endet auch die Eisenbahnstrecke Lowrin – Nero. Laut Gheorghe Drinovan soll Nero 1760 dokumentarisch belegt worden sein. 1766 sind 80 Rumänen aus ihrem damaligen Heimatort „Nero“ (Nerau), der sich auf dem Gebiet des heutigen Dorfes Neudorf befand, nach Dugosello/Dugoselistie umgesiedelt worden. Dieser Ortschaft, die schon im 16. Jahrhundert erwähnt wurde, gaben die Rumänen in Erinnerung an die alte Heimat den Ortsnamen Nero (Nerau).

1869 hatte Nero, das damals als Gemeinde galt, 1.500 Einwohner. 1910 stellten die hier lebenden 478 Deutschen einen Bevölkerungsanteil von 32,7 Prozent. Diese Zahlen scheinen in der Geschichte des Dorfes die höchsten gewesen zu sein. Im November 1940 ließen sich hier 422 Personen als deutsche Volkszugehörige registrieren, ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung war inzwischen unter 30 Prozent gesunken. 1968 ist Nero zu einem Dorf der Gemeinde Marienfeld (Teremia Mare) abgestuft worden. Bei der Volkszählung von 1977 zählte man unter den 1.254 Einwohnern der Ortschaft noch 162 Deutsche, deren Anteil auf nur noch weniger als 14 Prozent an der Gesamtbevölkerung geschrumpft ist. Der Rest der Bevölkerung bestand aus 900 Rumänen, 102 Ungarn, 77 Zigeunern und 13 Sonstigen. Bis zur Volkszählung vom Januar 1992 sank die Einwohnerzahl auf 1.018 Personen, von denen sich nur 14 Personen zum Deutschtum bekannten. Darum ist es um so erstaunlicher, dass laut Angaben der Heimatortsgemeinschaft aus Deutschland im Februar 1996 in Nero noch 36 Deutsche gelebt haben sollen. Dem widerspricht aber Dr. Werner Niederkorn in der in der „Banater Zeitung“ (eine Beilage der „Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien) vom November 1999 und behauptet, dass hier damals noch höchstens 3 bis 4 Deutsche gelebt haben.

Über das heutige Nero ist in der banater Presse der letzten zehn Jahre kaum etwas geschrieben worden. Nach den Dezemberereignissen von 1989 versuchte die Neroer Bevölkerung den Rang ihres Heimatorts als Gemeinde wieder herzustellen. Die Versuche von 1991 und 1993 sind misslungen,  und der von 1997 versprach auch keinen Erfolg. Wie die Temeschburger Tageszeitung „Renasterea banateana“ (Banater Wiedergeburt) im Juli 1997 berichtete, hatte man zu diesem Zweck sogar einen Ausschuss ins Leben gerufen, der eine Denkschrift an den Präfekten (Gouverneur) des Kreises Temesch richtete und darin eine Neubewertung der Ortschaft begründete.

Laut dieses Dokuments soll Nero schon 1582 dokumentarisch belegt worden sein. 1903 soll hier ein Kulturheim errichtet und darin eine Bibliothek eingerichtet worden sein. Die Ortschaft soll schon 1914, also in der Zeit der Doppelmonarchie, in den Genuss des elektrischen Stroms gekommen sein. Die Denkschrift beinhaltet auch mehrere statistische Daten: 1997 lebten im Dorf 732 Männer und 734 Frauen (dies bedeutet 458 Personen mehr als fünf Jahre zuvor (?!) bei der Volkszählung von 1992). Von diesen waren 1.056 berufstätig: 112 im staatlichen Bereich, 216 im Privatsektor, 62 als Selbstständige und 666 in der Landwirtschaft. Zugleich waren 12 Personen als arbeitslos gemeldet. Sollten diese Daten der Wirklichkeit entsprechen, so wäre Nero in Sachen Beschäftigung  ein Musterdorf für das gesamte Banat. Die landwirtschaftliche Fläche der Ortschaft beträgt 3.183  Hektar, auf denen 1994 eine Gesamtmenge von 9.760 Tonnen geerntet wurde. 1995 stieg die geerntete Menge  auf 9.960 und 1996 sogar auf 10.761 Tonnen. Von welchen Erzeugnissen hier die Rede war, ist aus dem Bericht nicht zu erkennen. Im Dorf existierten 1997  75 Traktoren, 66 Eggen und 48 Sämaschinen. Der Viehbestand setzte sich aus 215 Rindern, 2.545 Schweinen, 1.200 Schafen, 46 Pferden und 8.560 Geflügeln zusammen. Zugleich wurden hier 511 Rundfunk- und 419 Fernsehgeräte, 326 Kühlschränke und 253 Waschmaschinen betrieben. In der Ortschaft gab es auch 46 Telefonanschlüsse und 203 Zeitungsabonnements. In der erwähnten Denkschrift steht auch geschrieben, dass die Einwohner Neros im Jahr 1996  234 Millionen Lei auf ihren Sparkonten hatten.
 
In Nero gibt es zwei im Barockstil erbaute Kirchen, die römisch-katholische und die rumänisch-orthodoxe. Die katholische Kirche ist schon reparaturbedürftig, aber die etwa 50 Katholiken haben nicht mehr die finanziellen Mittel, um eine Reparatur zu veranlassen. Der Gottesdienst, der hier an jedem zweiten Sonntag stattfindet, wird vom Pfarrer von Groß-Sankt-Nikolaus zelebriert. Dafür ist der kleine katholische Friedhof, in dem nun meist ungarische Katholiken beerdigt werden, schön gepflegt.

Die Häuser der Ortschaft, die nicht so groß sind, wie die der rein schwäbischen Dörfer, sehen ziemlich gepflegt aus. Nur das größte Haus des Dorfes, das auf der Hauptstraße gegenüber der katholischen Kirche steht, macht einen verwahrlosten Eindruck. Es fehlen einige Fensterflügel, und bei den vorhandenen sind die meisten Scheiben eingeschlagen. Innen sollen es auch keine Fenster- und Türstöcke mehr geben. Auch die Außenwände befinden sich in einem total heruntergekommenen Zustand. Auf der gesamten Straßenfassade ist die Wandverkleidung schon längst abgebröckelt, und es gibt kein Zeichen dafür, dass es da einen Hausherren gäbe. Dafür blüht das Geschäft  in der benachbarten Kneipe, in dem die Männer ihren täglichen Ärger im Alkohol ertränken.

Der Neroer Bahnhof sieht auch so aus, als gäbe es keinen Verantwortlichen, der sich um den Zustand des Eigentums der Rumänischen Eisenbahngesellschaft zu kümmern hat. Die prekäre finanzielle Lage der Dorfbewohner und der Verfall des gesamten Wirtschaftslebens in diesem Teil des Banats haben als Folge, dass es fasst keine Benutzer der Eisenbahn mehr gibt. Deswegen ist diese Route so unrentabel geworden, dass diese Eisenbahnstrecke Jahre hindurch gesperrt war. Nun fährt der bekannte grüne Motorzug zwischen Temeschburg und Nero wieder, aber die zwei Waggons sind meistens leer. Das Bahnhofsgebäude, das noch in österreichisch-ungarischen Zeiten errichtet wurde, ist seit langem nicht mehr instandgehalten worden. Zwischen den verrosteten Schienen wächst das Unkraut meterhoch, ohne dass dies jemanden stören würde. Auch in Nero, wie in fast allen ländlichen Ortschaften des Banats, könnte man meinen, dass man hier nur noch auf den Weltuntergang wartet.

Dezember 2000                                                                                                  Anton Zollner