DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (66)
N e u d o r f

Nachdem man auf der Landstraße Temeschburg - Lippa von Temeschburg kommend Aliosch verlässt, und damit das Gebiet des Kreises Arad erreicht, stößt man auf das einstige Schwabendorf Neudorf (das amtlich auch so heißt; ung. Temesújfalú). Dieses banater Dorf liegt auf der genannten Landstraße einige Kilometer vor Lippa, dort wo die Banater Hecke im Marosch-Tal endet. Heute liegt das Dorf im Kreis Arad und gehört zur Gemeinde Guttenbrunn (Zabrani).

Das deutsche Kolonistendorf entstand an der Stelle, wo sich 1458 die in Urkunden erwähnte Siedlung Alsó-Keszin befand. 1717 soll an jener Stelle die aus 80 rumänische Familien bestehende Siedlung Nero gestanden haben. Nach Kraushaar wurde diese Siedlung 1765 um 150 Häuser erweitert, die von ebenso vielen in Guttenbrunn wartenden deutschen Kolonistenfamilien gleich bezogen wurden. Ein Jahr später siedelte man laut demselben Autor die rumänische Bevölkerung nach Dugoselistie (Dugosello) um, die ihren neuen Wohnort nach dem alten Heimatdorf Nero (amtlich: Nerau) umbenannten. Darauf benannten die deutschen Siedler das gewesene Nero in Neudorf (wahrscheinlich eine Übersetzung der serbischen Benennung der vorherigen Siedlung Novosello). Laut Anton P. Petri kam der größte Teil der Siedler aus dem Rheinland (87 Familien), aus Lothringen (56), Hessen (52), Baden Württemberg (45) und aus Franken (43 Familien). Als örtliche Umgangssprache behauptete sich die rhein-fränkische Mundart.

Im Jahre 1766 wurde hier die katholische Pfarrei gegründet, und zugleich führte man auch die Kirchenmatrikelbücher ein. Auf Kosten des Wiener Hofs ließ Kaiserin Maria Theresia von 1770 bis 1771 die Kirche erbauen, die zu Ehren des hl. Wendelin geweiht wurde. 1798 ist die Schule und das Kastell errichtet worden.

1820 bestand die Bevölkerung Neudorfs aus 948 Deutschen und 24 Rumänen. Die Deutschen stellten so einen Bevölkerungsanteil von 97,5 Prozent. Von da an sank aber die Zahl der deutschen Bevölkerung ständig bis heute. Ihren Höchststand erreichte sie 1870, mit 1.196 Seelen, was einem Bevölkerungsanteil von nur noch 92,8 Prozent entsprach. Zugleich lebten in jenem Jahr in Neudorf auch 75 Rumänen, 12 Ungarn und 5 Juden. 1910 waren hier nur noch 1.033 Deutsche ansässig, die einen Bevölkerungsanteil von 78,8 Prozent darstellten. Im November 1940 bekannten sich in Neudorf nur noch 935 Personen zum Deutschtum.

Nach dem 2. Weltkrieg verringerte sich die Zahl der Deutschen auch in Neudorf so stark, dass 1977 bei 1.165 Einwohnern nur noch 454 Deutsche gezählt wurden. Dafür stieg die Zahl der Rumänen auf 641 und die der Ungarn auf 66. Bei der Volkszählung vom Januar 1992 konnte man nur noch das Ende der über zwei Jahrhunderte alten deutschen Volksgemeinschaft feststellen. Von den 1.020 Einwohnern Neudorfs bekannten sich nur noch 41 Personen zum Deutschtum. Damit ist der Bevölkerungsanteil der Deutschen auf nur 4 Prozent gesunken, während der der Rumänen auf über 87 Prozent gestiegen ist. Laut Angaben der Heimatortsgemeinschaft Neudorf aus Deutschland sollen bis Februar 1996 im Heimatdorf nur noch 27 Deutsche verblieben sein.

Drei Monate später, am 15. Mai 1996, veröffentlichte die „Banater Zeitung" (eine Beilage der Bukarester „Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien") eine Reportage, in der Helen Alba über die in Neudorf „(fast) allein gebliebene" Familie Krastl berichtet. Die Reporterin bezeichnet die Krastls in der Überschrift der Reportage als „eine tüchtige Familie". Beim Lesen des Berichts erfährt man aber, dass die in einem großen Bauernhaus wohnende Familie eigentlich aus drei ruhestandreifen Familienmitgliedern besteht: der 65-jährigen Anna mit ihrem 71-jährigen Gatten Philipp Krastl und der 95-jährigen Mutter und Schwiegermutter Eva Burger. Das Bauernhaus, der Hof und der Garten werden noch fleißig vom Ehepaar Krastl bewirtschaftet. Die Tochter Walburga (45) lebt seit Jahren mit ihrer Familie in Bukarest. Im Dorf lebt nur der Sohn Philipp mir seiner Familie, der als Buchhalter in der örtlichen Obstplantage arbeitet. Der 6-jährige Nachwuchs der Familie, Philipp bereitet nun seinem Vater große Sorgen, weil er im kommenden Herbst ABC-Schütze einer deutschen Schule werden sollte. Das Problem dabei ist, dass es in Neudorf keine deutsche Schule mehr gibt und sogar schon in Lippa die deutschen Lehrkräfte fehlen. Um eine deutsche erste Klasse zu besuchen, müsste der kleine Philipp bis in das etwa 30 km entfernte Neu-Arad pendeln, was aber einem Siebenjährigen nicht zumutbar ist.

Trotz dieser aussichtslosen Lage, in der sich Klein-Philipp befindet, sind die Krastls fest entschlossen in Neudorf auszuharren. „Sie sind die einzige deutsche Familie, das Überbleibsel einer deutschen Gemeinschaft in Neudorf, Kreis Arad", wie H. Alba abschließend feststellt. 1990 beantragte nur Anna Krastl den so sehr erwünschten Reisepass, und sie erhielt ihn auch, doch zu einem Besuch der Verwandten und Bekannten aus Deutschland kam es niemals. „Es zieht uns auch nichts dorthin, denn unsere Familie lebt hier", war die Begründung des Ausharrens. Aber mit dieser Behauptung wollen die Krastls wahrscheinlich sich selbst trösten, jetzt da sie als die „letzten Deutschen aus Neudorf" betrachtet werden. Was soll aber mit Klein-Philipp in den nächsten Jahren geschehen? Soll bis zuletzt Philipp Krastl, der deutsche Namen eines Rumänen im rumänischen Dorf mit dem deutschen Namen „Ne(-)udorf" für Aufsehen sorgen?

Juni 1997                                                                                                   Anton Zollner