DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (87)

 N e u b u r g   an   der   B e g a / Uiwar

Neuburg an der Bega war im Banat meist nur als Uiwar (heute: Uivar; ung.: Újvár) bekannt gewesen. Die Ortschaft, die auch Gemeindesitz ist, liegt auf der Banater Heide am rechten Ufer des Bega-Kanals, etwa 30 km südwestlich von Temeschburg. Warum aber der Ortsname, sowohl auf Deutsch als auch auf Ungarisch die Bezeichnung „Burg" beinhaltet, ist ein Rätsel, da in Uiwars Nähe niemals eine Burg existierte.

Uiwar ist 1811 vom Grafen von Buttler gegründet und mit Deutschen angesiedelt worden. Das Dorf entstand durch die Binnenwanderung von etwa 60 Familien, von denen jedoch nur 21 ansässig wurden. Der Rest konnte die vom Grafen geforderten Bedingungen nicht erfüllen und zog deswegen weiter in andere Ortschaften. 1819 hatte Uiwar schon 361 Einwohner, ihre Zahl sank aber nach drei Jahren auf 214 Personen. Die Ursache dieser Abwanderungen war hauptsächlich die große Überschwemmung von 1820. Bald stieg die Einwohnerzahl Uiwars wieder auf 661 (1826), was auf neue Zuwanderungen hinweist. Nach weiteren Schwankungen der Bevölkerungszahl hatte Uiwar 1886 sogar 1.866 Einwohner, die fast alle Deutsche waren. Die höchste Einwohnerzahl wurde hier im Jahre 1900 mit 1.933 Seelen erreicht. Aber schon 1910 hatte Uiwar nur noch 1.655 Einwohner, von denen fast 94 Prozent, also 1.553 Personen Deutsche waren. Im November 1940 hatte man hier 1.690 als deutsche Volkszugehörige registriert. Zur gleichen Zeit konnten auch in den in der Nähe liegenden Dörfern einige Deutsche gezählt werden: in Pustinisch (amtlich: Pustinis; ung.: Öregfalú) - 19, in Ungarisch-Sankt-Martin (amtlich: Sânmartinu Maghiar; ung.: Magyarszentmárton) - 14 und in Serbisch-Sankt-Martin (amtlich: Sânmartinu Sârbesc; ung.: Szerbszentmárton) - 12.

Nach dem 2. Weltkrieg sank die Zahl der Deutschen aus Uiwar beachtlich, da viele von ihnen beim Rückzug der deutschen Militärverbände mit diesen geflüchtet sind. Bei der Volkszählung von 1977 lebten im gewesenen deutschen Dorf bei insgesamt 1.509 Einwohnern nur noch 344 Deutsche. Anfang März 1990 gab es hier 33 „Neue Banater Zeitung"-Abonnenten. Bei der Volkszählung vom Januar 1992 bekannten sich in Uiwar von den 1.212 Einwohnern lediglich 44 Personen zum Deutschtum. Im Februar 1996 bestätigte die Heimatortsgemeinschaft Uiwar, daß zu jener Zeit im Heimatdorf noch 42 Deutsche verblieben waren. Aber auch in den oben genannten Dörfern bekannten sich 1992 einige Personen zum Deutschtschtum: in Pustinisch - 4, in Otelec (ung.: Ótelek) - 2, in Ungarisch-Sankt-Martin - 1 und in Serbisch-Sankt-Martin - 4.

Vom Beginn der Ansiedlung Uiwars bildeten die hiesigen Gläubigen eine Filiale der Pardaner Pfarrei bis 1826, als hier eine selbstständige Pfarrei gegründet wurde. Die erste Kirche ist 1844 erbaut worden, aber nach etwa 150 Jahren war sie so verfallen, daß sie geschlossen werden mußte. Die katholische Kirche, die auch heute noch im Dorf steht, ist 1904 errichtet worden.

Am 30. November 1993 beschrieb der Journalist Valentin Samînta in der Tageszeitung „Timisoara" Uiwar noch als einen friedlichen Ort, der wie ein Städtchen aussieht, in dem niemals etwas geschieht. Uiwar bestand damals aus langen geraden Straßen, auf denen „deutsche Häuser ohne Deutschen" standen. Der damalige und heutige Bürgermeister Vasile Munteanu (damals als Kandidat der Front der Nationalen Rettung und jetzt auf der Liste der Sozialdemokratischen Union gewählt) machte sich schon damals Sorgen wegen des fehlenden Trinkwassernetzes, wegen des schlechten Zustands des örtlichen Fernmeldewesens und wegen des besonders schlechten Zustands der Orts- und Kommunalstraßen. Die Errichtung eines modernen Wasserleitungsnetzes sollte laut dem Bürgermeister von einer amerikanische Firma durchgeführt werden. Diese ließ aber das Gemeindeoberhaupt im Stich und ließ sich im Dorf niemals sehen. Das Telefonnetz befand sich in einem solch schlechten Zustand, daß nach jedem Regen die meisten Fernsprecher aus Uiwar ihren Geist aufgaben. Dasselbe geschah in der Regenzeit mit den Dorfstraßen und den Kommunalstraßen, die das Gemeindezentrum mit den dazugehörenden Dörfern verbinden sollten; sie sind wegen den unzähligen Schlaglöchern unbefahrbar geworden.

Nur einen Tag später veröffentlichte dieselbe Zeitung aus der Federführung desselben Journalisten eine Reportage mit der Überschrift „Vetter Maus aus Neuburg an der Bega". Matthias Maus war Ende 1993 einer der wenigen in Uiwar verbliebenen Deutschen. Zwar hatte auch er und seine rumänische Ehefrau den ersehnten Aufnahmebescheid für Deutschland in der Tasche, aber ihr vertrautes Heim wollten sie noch nicht verlassen. Mit seiner Rente, damals in Höhe von 65.000 Lei konnten er und seine Frau zwar nicht auskommen, aber nebenbei bearbeitete er auch noch vier Gärten, die ihm bei der Ernte 2.000 kg Mais einbrachten, und zugleich pflegte er den Sportplatz der Gemeinde, von dem er 1993 einen Waggon Heu einfahren konnte.

Sonst lebte er mit den täglichen Ärgernissen, aber hauptsächlich mit den schönen Erinnerungen früherer Jahre. Besonders stark ärgerte sich Vetter Matz über die Füchse, die ihm nachts die Gänse töteten, aber auch über die sehr starke Verschmutzung des Bega-Kanals. Das Bega-Wasser war einst so klar, daß badende Kinder einen in den Fluß geworfenen Stein wieder finden konnten. Heute fließt nur noch ein schmutziger und übel riechender Schlamm durch den Kanal, in dem es keine Fische mehr gibt. Zu Vetter Matz's schönsten Erinnerungen gehören die Kirchweihfeste. Die letzte „Kerwei" fand hier 1979 oder 1980 statt. Organisiert wurde das Fest von Matthias Maus und von Matthias Kamp. Es wurde damals hauptsächlich für junge Leute veranstaltet, die nach Deutschland ausgewandert waren und die „ihre Kerwei" im Heimatort erleben wollten.

1993 war Vetter Matz nur noch von Zigeunern umgeben, über die er sich aber weniger als über seine gewesenen rumänischen Nachbarn beklagte. Die Zigeuner sollen katholische Gläubige sein, die auch gut deutsch sprechen, die aber ständig von ihm Gemüse ausleihen und dann vergessen es ihm zurückzubringen. Dagegen sollen ihn die Rumänen ständig bestohlen haben.

Über das heutige Leben in Uiwar wird in den Tageszeitungen nichts Erfreuliches berichtet. Die „Renasterea banateana" (Banater Wiedergeburt) berichtete in den Jahren 1996 und 1997 sogar zehnmal aus Uiwar, aber immer über die Not, die dort herrscht und besonders über die leere Gemeindekasse. Im April 1996 mußte die Tätigkeit des Kindergartens wegen Einsturzgefahr im eigenen Haus eingestellt werden. Nachdem die 30 Kinder notdürftig in der Allgemeinschule untergebracht waren, begann die totale Verwüstung des geräumten Hauses. Es wurden die Türen, die Fenster und sogar Ziegel aus den Wänden gerissen und weggeschafft. Dasselbe geschah bald auch mit dem Gebäude der Grundschule, und darum mußten auch von hier 40 Schüler in der Allgemeinschule untergebracht werden. In den Kassen der Gemeinde und des Schulinspektorats des Kreises Temesch fehlte das nötige Geld, um die Reparaturen durchführen zu können. Erst 1997 stellte man für die Reparatur der Grundschule 60 Millionen Lei zur Verfügung. Mit diesem Geld konnte man eine Außenmauer befestigen und das Schulgebäude zur Hälfte generalüberholen. Der Kindergarten verfiel inzwischen in einen noch schlechteren Zustand, so daß dieser als einsturzgefährdet eingestuft werden mußte.

Mit dem Bau eines Trinkwassernetzes konnte auch 1997 nicht begonnen werden. Außer der Kommunalstraße Uiwar - Aurelheim befand sich der Rest von vier ähnlichen Straßen auch 1997 im selben Zustand wie Jahre zuvor. Selbst im Dorf verfielen die Straßen so sehr, daß in der Regenzeit sogar die Gehsteige unpassierbar waren. Im Mai 1996 konnte ein Journalist von der „Renasterea banateana" nur noch barfuß das Gemeindehaus erreichen, da er sonst im Straßenmorast seine Schuhe verloren hätte. Seit 1980-81 sind an den Gehsteigen keine Instandhaltungs- oder Erweiterungsarbeiten durchgeführt worden. Da ist es auch nicht zum Staunen, daß die Neubürger Uiwars jährlich sehnsüchtig auf den Sommer warten. Dies tun sie aber laut mehreren Berichten rumänischer Journalisten meist vor den Wirtshäuser des Dorfes, wo sie zwischendurch auch ihren Unmut gegenüber allem und allen zum Ausdruck bringen. Zugleich waren am Anfang des Jahres 1997 die Felder der meisten Privatbauern nicht geackert gewesen. Auch die zwei gewesenen Staatlichen Landwirtschaftsbetriebe (SLB = IAS) hatten diese Arbeiten nur auf etwa 30 Prozent ihrer Felder verrichtet gehabt. Schuld daran soll der immer wieder fehlende Treibstoff gewesen sein.

Aber auch in den Landwirtschaftsvereinen der Privatbauern soll es nicht so rosig zugehen. Diese hatten 1997 nicht einmal klare Evidenzen über ihre Mitglieder und deren Felder. Dazu gibt es auch seitens der Vereinsmitglieder viel Unzufriedenheit wegen der verminderten Pacht, die sie nach ihren Feldern erhalten. Nachdem die Regierung dann auch noch die Subventionierung der Landwirtschaft einstellen wollte, befürchteten die Bauern, daß die Landwirtschaft ihnen mehr Verluste als Gewinn einbringen werde. Seitdem ist die „Arbeitslust" noch mehr als bisher zum Fremdwort geworden. Die Dorfbewohner kümmerten sich jetzt hauptsächlich um ihre kleinen Areale von 50 Ar, die als Garten zur Selbstversorgung (wie in Ceauescus Zeiten) benutzt werden. Die Meinung, die in Uiwar herrscht, ist, daß dieses kleine Stück Boden viel größeren Wert für die Menschen vom Lande hat als eine Arbeitslosen- oder Sozialhilfe.

Juni 1998                                                                                                                              Anton Zollner