DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (29)
N a d r a g

Nadrag, selten auch Steinacker genannt, (amtlich: Nadrag; ung.: Nadrág) befindet sich zwar im Kreis Temesch, aber praktisch liegt es in den Ausläufern des nördlichsten Massivs des Banater Berglands, im Poiana-Ruscai-Gebirge und ist von ausschließlich rumänischen Ortschaften umgeben. Somit hat der Ort, in dem zur Zeit 16 Nationalitäten leben, keinen landwirtschaftlichen, sondern industriellen Charakter.

Die Deutschen wurden laut Karl Kraushaar 1860 hier angesiedelt. Die Nadrager Deutschen betrachten sich aber nicht als „Schwaben", weil ihre Ahnen Österreicher, Böhmen und Zipser waren. 1910 bestand die Hälfte der Nadrager Bevölkerung aus Deutschen. Man zählte in jenem Jahr 969 deutsche Seelen; seitdem nahm diese Zahl allmählich ab. Von den 780 im Jahre 1940 registrierten Deutschen sind bis 1977 nur noch 424 geblieben, das war ein Bevölkerungsanteil von nur noch 13 Prozent. Bei der Volkszählung vom Januar 1992 bekannten sich aber noch immer 352 Personen zum Deutschtum, dies waren 10,7 Prozent von den 3.277 Einwohnern Nadrags. Laut Grete Lambert sind in den '60-er Jahren auch einige „Schwaben" hier zugewandert, die meisten waren aber 1992 auch schon wieder weg. Bei derselben Volkszählung bekannten sich zum Deutschtum je eine Person auch in den rumänischen Ortschaften Crivina (Gemeinde Nadrag) und Criciova (Gemeindezentrum).

Über den Alltag der letzten zwei Jahre berichtete hauptsächlich die rumänische Tageszeitung „Timisoara". In der vor über 630 Jahren dokumentarisch belegten Ortschaft arbeitet die Mehrheit der Bevölkerung in dem vor über 110 Jahren gegründeten metallurgischen Werk, das heute „Ciocanul SA" (Der Hammer AG) heißt. Eisen wurde aber hier erstmals schon vor 483 Jahren gegossen. Das heutige Werk hat sieben Abteilungen: ein Walzwerk für Tafelblech, eine für Gruben- und Industrieketten, eine Stahlgießerei, eine für Gusseisen, eine für Nichteisenmetalle und schließlich eine Abteilung, in der Konsumgüter (von Töpfen bis Sparherden) erzeugt werden.

Bürgermeister Gheorghe Meglei ist seit dem 15. Januar 1990 im Amt, er kandidierte auf der Liste der Ökologischen Bewegung Rumäniens. Die Gemeinderatsmitglieder kommen aus verschiedenen Parteien: Ökologische Bewegung (2), der Regierungspartei (3), aus dem Forum der Deutschen (2), aus dem Verein der Ungarn (1) und schließlich der Republikanischen Partei (1). Der Bürgermeister ist auch Mitglied des Forums der Deutschen, was auch auf seine Banater Herkunft deutet. Ansonsten gab es in Nadrag bis zur Zuwanderung der Oltenier und Moldauer (nach 1945) keine nationalen Spannungen. Die Einheimischen sprachen meist zugleich rumänisch, ungarisch und deutsch.

Im Rahmen des Bodengesetzes wurden hier 24 Hektar Wald verteilt, aber die meisten Berechtigten wollten ihren Anteil wegen den hohen Pflegekosten für die Wälder nicht annehmen. Das schwierigste Problem der letzten Jahre war die Wasserversorgung. Mit dem Bau einer Kläranlage wollte man eine deutsche Firma beauftragen. Die größte Unzufriedenheit wurde aber von der besonders schlechten Qualität des Brotes verursacht. 1993 gab es auch Ärger mit der Versorgung der Bevölkerung durch die Verkaufsläden der noch immer „sozialistischen" Konsumgenossenschaft. Da diese ihre Stromrechnungen nicht bezahlten, hatte man ihnen den Strom abgeschaltet. So mussten sie dann auch die Öffnungszeiten dem Sonnenauf- und -untergang anpassen. Aber auch sonst wurde hier fast nichts angeboten. Dieser Mangel wurde dann von den Privatläden, bei entsprechend höheren Preisen wettgemacht. Da Nadrag kein Kulturheim hat, gibt es auch fast keine kulturellen Veranstaltungen abgesehen von einem Kino, das aber auch wegen unbezahlten Stromrechnungen gesperrt wurde. Interessant ist nur, dass sechs Monate später, als der Bürgermeister in einer anderen Zeitung für die Erhebung Nadrags zur Stadt plädierte, sowohl das Kulturheim als auch das Kino und einiges mehr vorhanden waren. Schließlich gibt es im Ort noch immer eine Blaskapelle.

Trotz all dem bemüht sich der Bürgermeister, für die Ortschaft den Status einer Stadt zu erkämpfen, wofür er schon alle Prozeduren eingeleitet hat. Darum wird jetzt auch großes Gewicht auf die Straßenreparaturen gelegt. Die Straßen befinden sich in einem total verwahrlosten Zustand, hinzu kommt noch, dass Nadrag nur mit dem Auto erreicht werden kann, weil es keinen Eisenbahnanschluss gibt. Ein weiteres Anliegen des Bürgermeisters ist der Erhalt der umliegenden Wälder, die sich infolge einer schonungslosen Abholzung in größter Gefahr befinden. Dadurch ist in Zukunft auch die Wasserversorgung Nadrags und der Tourismus gefährdet.

Dass aber auch vieles in Nadrag nicht so friedlich verläuft, beweisen die Streitigkeiten innerhalb der Gemeindeverwaltung, die im vorigen Jahr das Gemeindehaus spalteten. Die von der Bevölkerung gewählten Abgeordneten standen mit dem Bürgermeister den von der Präfektur ernannten Kommunalbeamten gegenüber.

Für die Schiedsrichter der lokalen Fußballveranstaltungen ist Nadrag zu einem „Ort des Grauens" geworden. Seit 1992 sind sie fast ununterbrochen den Aggressionen der lokalen Fans ausgesetzt, und darum suchen sie nach jedem Spiel schnellstens das Weite. Aber auch die Nadrager Kicker schlagen hie und da ihren Gästen die Nase ein. So erlitt 1994 ein ELBA-Kicker einen Nasenbruch. Die Fußballkreiskommission hat in den letzten zwei Jahren niemals ernsthaft eingegriffen.

Was die in Nadrag verbliebene deutsche Bevölkerung betrifft, kann man kaum noch etwas in der Banater Presse über sie lesen. Laut einem Bericht aus der „Neuen Banater Zeitung" vom 20.02.1992 gab es damals hier ein Seelsorger, Pfarrer Josef Holschwander. Eine deutsche Schule haben die Nadrager schon seit 1944 nicht mehr. Die Gründung eines deutschen Kindergartens scheiterte auch, da man keine entsprechende Kindergärtnerin fand. Nach einer 20-jährigen Unterbrechung wollte man aber in jenem Jahr wieder eine Kirchweih feiern.

Seitdem wurden diese Themen in der Presse nicht mehr angesprochen. Jetzt kann man in der ADZ fast nur noch Berichte über die Nadrager Blaskapelle und über das Ortsforum der Deutschen lesen. Die Blaskapelle, die eigentlich eine Werkskapelle ist, besteht aus 15 Mitgliedern, von denen einige Deutsche sind. Im vorigen Winter war noch immer der 28-jährige Norbert Dobrawetz der Kapellmeister. Für die Anschaffung von Instrumenten und für einen Proberaum hat die Gewerkschaft der Metallarbeiter gesorgt.

Das Ortsforum der Deutschen wurde schon 1991 mit 204 Mitgliedern, die nicht alle Deutsche waren, gegründet. Die erste Vorsitzende war Dipl.-Ing. Dagmar Kubesch. Die Begegnungsstätte erwies sich aber bald als zu klein für die auf 400 angewachsenen Mitglieder. Vom Hilfswerk der Banater Schwaben wurde das Forum mit Satellitenfernsehen und mit Videorecordern ausgestattet. Im vorigen Winter gab es jedoch nur noch 200 Forumsmitglieder; 66 waren bis Anfang 1995 ausgewandert, und 23 sind verstorben. Im Februar 1995 wurde der Vorstand des Forums neugewählt: Vorsitzender wurde Ludwig Szelle, und weitere Mitglieder Realdo Deliomini, Ferdinand Kubesch, Oskar Kubesch und Monika Marcut. Die Gründung eines deutschen Kindergartens ist noch immer das wichtigste Ziel des neugewählten Vorstandes. Achtung will man aber auch der Kirche und der Friedhofspflege schenken. Trotzdem kann der Zerfall der deutschen Volksgemeinschaft auch in Nadrag nicht aufgehalten werden.

August 1995                                                                                                 Anton Zollner