DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (70)
 M o r a w i t z

Morawitz (amtlich: Moravita; ung.: Temesmóra und Moravicza) liegt an der rumänisch-serbischen Grenze. Auf der Europa-Straße E-70 Temeschburg - Belgrad ist das gewesene Schwabendorf vor dem Grenzübergang die letzte Ortschaft Rumäniens. Die internationale Bahnstrecke Temeschburg - Werschetz - Belgrad verläuft in der Nähe des Ortes; der Bahnhof trägt die Benennung Stamora-Moravita. In Morawitz beginnt von der E-70-Straße ausgehend die Landstraße Morawitz - Orawitz, wodurch hier auch ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt entstand.

Laut Gh. Drinovan ist die Siedlung Mora schon im Jahre 1332 dokumentarisch belegt worden. 1717 sollen in Morava 30 Häuser gestanden haben, in denen Rumänen und Serben lebten. Der Bach, der neben dem Dorf vorbeifließt, hat den slawischen Namen Moravica (Morawitza) erhalten. Laut Heimatbuch „Morawitza 1785-1985" sollen hier im November 1785 neben den einheimischen Rumänen und Serben 158 deutsche Familien angesiedelt worden sein. Karl Kraushaar widerspricht diese These, indem er behauptet, daß Morawitz schon 1775 vom damaligen Präsidenten der Banater Landesadministration Joseph Graf Brigado von Bresowitz gegründet worden sei. Derselbe Autor schreibt auch, daß Morawitz 1787 um 145 deutsche Häuser erweitert worden ist. 1785 ist hier die katholische Pfarrei gegründet worden, und zugleich wurden die Kirchenmatrikelbücher eingeführt.

Im oben erwähnten Heimatbuch steht weiter geschrieben, daß im Krieg von 1787-90, beim Einfall der Türken ins südliche Banat, die deutsche Bevölkerung des Dorfes geflüchtet ist, während die Rumänen im Dorfe verblieben sind. Als die Österreicher die Türken aus Pantschowa (heute Pancevo) vertrieben, fanden die Deutschen nach ihrer Rückkehr ihr „Hab und Gut" vernichtet. Aus diesem Grund sollen danach blutige Auseinandersetzungen stattgefunden haben, bei denen drei Deutsche ermordet wurden. Dies war dann 1790 auch der Anlaß dafür, daß man die Rumänen, um weitere Unruhen zu verhindern, nach Radovantz umsiedelte. Diese Ortschaft bekam den Namen Dejan (deutsch: Deschan/-dorf/; ung.: Dezsánfalva).

1910 galt Morawitz mit seinen 1.611 deutschen Einwohnern, die einen Bevölkerungsanteil von 94,7 Prozent bildeten (der bis zum 2. Weltkrieg so erhalten blieb), als eine rein banat-schwäbische Ortschaft. Deswegen verlangten sie 1920, nach dem Anschluß des Banats an Rumänien, aber ohne Erfolg, die Umbenennung der Ortschaft auf „Schwabendorf". Im November 1940 hatte man hier 1.593 Personen als deutsche Volkszugehörige erfaßt. Bei der Volkszählung von 1977 konnten von den 1.269 Einwohnern nur noch 341 Personen als Deutsche registriert werden; den Rest bildeten 859 Rumänen, 32 Ungarn, 14 Serben und 23 Zigeuner. Die Volkszählung vom Januar 1992 bestätigte dann die endgültige Auflösung der einstigen deutschen Volksgemeinschaft aus Morawitz. Von den insgesamt 1.104 Einwohnern Morawitz's bekannten sich nur noch 47 Personen zum Deutschtum. Diese Zahl verringerte sich aber laut Angabe der Heimatortsgemeinschaft Morawitz bis Februar 1996 auf nur noch 30 Personen.

1940 lebten auch im schon erwähnten und zur Gemeinde gehörenden Dorf Deschan(-dorf) 85 deutsche Einwohner. Aber schon im Jahr 1910 bildeten die 64 Deutsche einen Bevölkerungsanteil von 6,6 Prozent. Bei der Volkszählung von 1992 bekannten sich in Deschan(-dorf) nur noch 2 Personen zum Deutschtum.

Über das Morawitz von heute berichten zur Zeit nur noch die rumänischen Zeitungen „Timisoara" und „Renasterea banateana". Den politischen Tendenzen entsprechend kommt in der ersten (bürgerlich-demokratischen) Zeitung der unabhängige Bürgermeister Ioan Bucioaca (1992-1996) dreimal zu Wort, während in der zweiten (ultranationalistischen) Zeitung der im Sommer 1996 auf der Liste der Partei der Sozialen Demokratie Rumäniens (PDSR) mit 793 Stimmen gewählte Bürgermeister Stefan Tatoane sechsmal in Erscheinung tritt.

Ioan Bucioaca stellte schon 1994, nach einer zweijährigen Amtszeit fest, daß ein großer Teil der aus den verschiedensten Teilen des Landes zugewanderten Neubürger Morawitz's Schäfer sind. Diese ließen nachts ihre 100 bis 300 Schafe auch auf den angebauten Ackerfeldern der Gemeinde weiden. Die Hauptbeschäftigung der Neu-Morawitzer war damals der Schwarzhandel mit Käufern aus dem Nachbarland Serbien, die hier im Vergleich zu ihrer Heimat günstig einkaufen konnten. Die gefragteste Ware war aber, wie auch heute noch, das Benzin. Sehr begehrt waren auch Lebensmittel und Haushaltsartikel.

Als einen „Fortschritt" betrachtete der damalige Bürgermeister die Existenz von vier Boutiquen, 15 privaten Traktoren und eines Mähdreschers. Dafür mußte aber das Brot zweimal wöchentlich aus Arad herangeschafft werden, da die aus Groß-Scham gelieferte Menge zu klein war. Damals konnte er sich auch noch mit der Reparatur des lokalen Straßennetzes und mit dem Baubeginn des Trinkwassernetzes aufwerten. Sehr verärgert war das Gemeindeoberhaupt nur, weil das vor 15 Jahren durch Zufall entdeckte Erdgas noch immer nicht aufgefangen, sondern unnötig im Freien verbrannt wurde. Wegen Mangels an finanziellen Mitteln mußte die gesamte Straßenbeleuchtung der Ortschaft drei Monate im Jahr ausgeschaltet bleiben.

Im Gegensatz zu den Ergebnissen der Volkszählung von 1992 behauptete der Bürgermeister, daß 40 Prozent der Dorfbewohner Zigeuner seien. Er bedauerte zugleich, daß in der gesamten Gemeinde nur noch neun deutsche Familien verblieben sind: drei in Morawitz und sechs in Deutsch-Stamora. Diese Aussage widerspricht auch in dieser Hinsicht die Ergebnisse der Volkszählung von 1992.

Viele Sorgen bereiteten Ioan Bucioaca auch die im Staatsbesitz befindlichen 108 gewesenen deutschen Häuser. Diese einst beispielhaft gepflegten Bauten sind von ihren heutigen Bewohnern vernachlässigt worden, da diese nicht gewillt waren, die Instandhaltungsarbeiten regelmäßig durchzuführen. Wie die Zeitung „Renasterea banateana" am 1. Februar 1997 berichtete, hatte man schließlich diese Häuser ihren jetzigen Bewohnern zum Kauf angeboten. Bei dieser Gelegenheit hatte man aber feststellen müssen, daß von 100 Häusern, die zu einem Preis von 4 bis 15 Millionen Lei angeboten wurden, nur 40 verkauft werden könnten, weil die Leute nicht über diese hohe Beträge verfügen. Ansonsten können auch von den 40 eventuellen Käufern nur 26 eine Ratenzahlung wagen.

Den allgegenwärtigen chaotischen Zuständen entsprechend, und weil der unabhängige Bürgermeister Bucioaca sein den Wählern gegebenes Versprechen nicht einhalten konnte, erklärte dieser schon im dritten Jahr seiner Amtszeit, daß er eigentlich schon amtsmüde sei. Auch als Vorsitzender eines landwirtschaftlichen Familienvereins, das über 170 ha Ackerland verfügte, war er enttäuscht, da es mit diesem nur noch abwärts ging. 1995, nachdem die erhaltenen Vorschüsse vom einzigen Käufer allen Getreides, also vom Staat, verrechnet waren, und nach dem Abzug der Steuern, und der Kosten für die vom Staatsbetrieb verrichtete mechanisierten Arbeiten, blieb dem Verein nur die leere Kasse übrig. Die Vereinsmitglieder, die ihren Boden dem Verein verpachtet haben, erhielten auch nur einen bescheidenen Anteil von der Ernte. Der Sohn des Vorsitzenden, der ein volles Jahr auf dem Traktor gearbeitet hat, soll laut Vater Bucioaca total leer ausgegangen sein. Kann man an diese Aussage glauben?

Der neue Bürgermeister Stefan Tatoane mußte schon am Anfang dieses Jahres feststellen, daß nun auch der Kleinhandel dem totalen Zusammenbruch entgegengeht. Die gewesene staatlich dirigierte Konsumgenossenschaft, die jetzt auf „Consumcoop" umgetauft wurde, soll sogar ohne Führung geblieben sein. Immer mehr Geschäftsflächen bleiben ungenutzt, aber auch die in Betrieb befindliche Läden stehen mit eingebrochenen Fensterscheiben da. Als Ersatz dient nun Pappkarton. Gegen diesen Zustand kann der Bürgermeister nichts unternehmen, weil alle „Consumcoop"-Läden noch immer „zentralistisch" dem Temescher „Federalcoop" untergeordnet sind.

„Zentralistisch" ist auch noch immer das Gesundheitswesen organisiert, und aus diesem Grund ist der Gemeindevorsteher auch in diesem Bereich ohnmächtig. Das Gemeindeambulatorium befindet sich in einem verwahrlosten Zustand. Der Lehmbau ist von Feuchtigkeit durchdrungen, und darum zerbröckeln die Wände unaufhaltsam. Das Gebäude ist abrißreif, aber den Gesundheitsbehörden des Kreises Temesch fehlt das nötige Geld für einen Neubau. Aus diesem Grund wollen diese das brüchige Gebäude für 400 Millionen Lei nur erweitern. Im neuen Teil soll dann ein Kinderabulatorium eingerichtet werden.

Mit der Verwertung des Erdgases, dessen Quellen sich auf dem Gebiet Morawitz's befinden, kann auch der neue Bürgermeister nicht rechnen. Er erklärte einem Journalisten, daß die Natur die Rumänen vergebens mit Bodenschätze beschere, weil sie diese sowieso nicht nutzen können. Anderseits ist aber auch anzunehmen, daß die chronische Finanzkrise schuld daran sein könnte.

Aber noch immer nicht das sind die größten Sorgen der heutigen Morawitzer, sondern, wie der erwähnte Bürgermeister im März dieses Jahres in einem Interview mit der „Renasterea banateana" erklärte, haben „die Teuerungen den größten Kummer verursacht". Während aber die Einzelpreise auf das Drei- bis Vierfache gestiegen sind, wuchs das Einkommen der Bauern aus landwirtschaftlichen Tätigkeiten nur um etwa 30 bis 100 Prozent. Deswegen wollen jetzt einige Bauern ihren vor einigen Jahren erworbenen Boden der Gemeindeverwaltung schenken. Schon im letzten Frühjahr lagen zwei Prozent des Ackerbodens wegen finanziellen Schwierigkeiten brach. Die Kosten für die von den Staatsbetrieben geleisteten Arbeiten, wie Ackern, Säen, Jäten u.a., aber auch die Preise für Saatgut, Kunstdünger und für Pflanzenschutzmittel (etwa 1,2 Millionen Lei/ha) können kaum noch vom Einkommen gedeckt werden. Das Schlimmste aber ist, daß die Kosten noch weit vor einer ungewissen Ernte ausgezahlt werden müssen. Einige Bauern haben versucht Vereine zu gründen, um leichter zu Krediten zu kommen. All dies führt nun dazu, daß immer mehr Bauern ihren nach 40 Jahren wiedererworbenen Boden, um jeden Preis loswerden wollen. Und dies nun auch unter einer als „bürgerlich- demokratisch" bezeichneten Regierung, in der die Christlich-demokratische Nationale Bauernpartei die Mehrheit stellt.

September 1997                                                                                                            Anton Zollner