DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (17)
M a r i e n f e l d

Nach Gheorghe Drinovan soll Marienfeld (heute: Teremia Mare; ung.: Máriafölde) 1769 gegründet worden sein, als die ersten deutschen Kolonisten hier ankamen. Laut Franz Wolz und Hans Götz soll es in „Deremia" schon 1717 19 bewohnte Häuser gegeben haben. 1723 soll auf der Mercy-Karte „Teremia" als „praedium" angegeben sein. Wie daraus folgt, gaben erst die deutsche Ansiedler dem Ort den Namen Marienfeld. Laut Karl Kraushaar soll die Ortschaft 1770-1771 mit 125 Häuser angesiedelt worden sein, 1890 zählte man hier schon 2.721 Einwohner. 1940 erreichte Marienfeld mit 3.098 Seelen, davon 3.004 Deutsche, die höchste Einwohnerzahl. Zwar blieb dieser Stand auch weiterhin annähernd konstant, aber die Zahl der Deutschen sank ab 1945 ständig. Ausgeglichen wurde dann dieser Verlust mit rumänischen Kolonisten. Schon 1945 sollen laut den zwei oben genannten Autoren im Ort nur noch etwa 1.600 Deutsche gelebt haben; bis 1989 sank ihre Zahl auf etwa 200 Seelen, um zwei Jahre nach den Dezemberereignissen von 1989 auf 78 zu fallen. Am Anfang des Jahres 1990 zählte man noch 106 „Neue Banater Zeitung" (NBZ)-Abonnenten. Zu einem etwas späteren Zeitpunkt gab es im zur Großgemeinde gehörenden Dorf Albrechtsflor (auch Kleintermin genannt - heute: Teremia Mica; ung.: Kisteremia) nur noch sechs deutsche Familien. Das war im September 1991 noch von einer 1.238-köpfigen deutschen Bevölkerung geblieben (Stand 1940), die einst in 333 schmucken Häusern lebte. Trotz dieser zuverlässigen Daten bekannten sich am 7. Januar 1992 in der Ortschaften der Großgemeinde Marienfeld (mit den Dörfern Albrechtsflor und Nero - heute: Nerau; ung.: Nyerö) 163 Personen zum Deutschtum. 1940 lebten in Nero 422 Personen deutscher Volkszugehörigkeit, die einen Bevölkerungsanteil von etwa 27 Prozent hatten.

Im allgemeinen genoss Marienfeld eine Sonderstellung in der Zeit der „goldenen Epoche" wegen des deutschen Bürgermeisters Willi Heinz. Zwar gehörte er der Parteinomenklatur an, aber gerade nur in dieser Position konnte er 25 Jahre lang viel für das Wohl aller Marienfelder tun. Unter seiner Leitung nahm Marienfeld bis zum Sturz Ceausescus in Rumänien eine Sonderstellung ein. Der Ort war auch das Aushängeschild in Sache „Lösung des Nationalitätenproblems". Über die „Errungenschaften des Sozialismus" wird in diesem Beitrag nicht mehr berichtet, da dies zu jener Zeit die Zeitungen des Landes in übertriebenem Maße taten Auch im Herbst 1991 lebte man hier einigermaßen noch von den Leistungen der „Willi Heinz-Epoche". Sogar die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) war damals noch voll funktionsfähig, wenn man auch schon mit der Bodenverteilung begonnen hatte. Bald mussten die neuen Bodenbesitzer aber feststellen, dass sie mit leeren Händen nicht imstande waren, ihre Felder zu bearbeiten. Sie konnten nicht einmal eine Heugabel kaufen, da es dafür keinen Anbieter gab. So war es nur selbstverständlich, dass die ersten 30 Bodenbesitzer beschlossen, die Landwirtschaftsgesellschaft „Viitorul" (Die Zukunft) zu gründen. Im Unterschied zu anderen banater Dörfern soll hier laut NBZ-Reporterin Grete Lambert der Übergang zur Privatwirtschaft reibungslos verlaufen sein. Es sollen damals nicht einmal Ernteverluste verzeichnet worden sein. Die damals in der Winzergemeinde lebenden Deutschen waren alte Leute, die sich aber über ihre rumänischen und ungarischen Nachbarn nicht beklagten. Als einziger junger Deutscher lebte im Ort Wolfgang Peter.

Dafür sah es aber im Herbst 1991 in Albrechtsflor umso schlimmer aus, da dies zum Teil ein Opfer des berüchtigten „Dorfschleifens" Ceausescus war. G. Lambert bezeichnete nach ihrem Besuch das Dorf als „Schutthaufen und dazwischen Häuser". Da das Abtragen der Häuser auch nach Ceausescus Hinrichtung kein Ende nahm, baten die Dorfbewohner jeden Besucher um Hilfe, der Dorfzerstörung ein Ende zu machen. Den Ansporn zur weiteren Vernichtung des Dorfes gab der damalige Marienfelder Bürgermeister Doru Sârbu selbst, indem er die deutschen Häuser den Bulgaren als Alt-Beschenowa (heute: Dudestii Vechi) zwecks Abtragung und „Verwertung" überließ. Ja, sogar die Schule und der Kindergarten sollten abgetragen werden. In Albrechtsflor, in dem einst nur der Hirte ein Rumäne und der „Schinder" ein Zigeuner war, wurden nun die letzten im Heimatort verbliebenen deutschen Familien von der Verteilung der aus Deutschland kommenden Hilfsgüter ausgeschlossen.

Nach etwa einem halben Jahr wurde erneut über die Großgemeinde Marienfeld berichtet, diesmal aber in Temeschburger rumänischen Zeitungen. Es wurde berichtet, dass man hier im Mai 1992 wieder ein Deutscher, Hartwig Junker, zum Bürgermeister gewählt hatte. Zugleich konnte man so einiges über das Schwabendorf ohne Banater Schwaben erfahren. Hauptsächlich beklagte man sich über die vielen leerstehenden Häuser der ausgewanderten Deutschen. Von diesen verschwanden langsam aber sicher die Fenster- und Türstöcke. In einer Nacht wurde sogar die WC-Tür der Schule weggetragen. Man beschrieb ein Bild des Zerfalls und der Verwüstung. Nur der Bürgermeister Junker äußerte in der Reportage seinen Optimismus. Um die Lage in Ordnung zu bringen, wollte er die vom Staat übernommenen deutschen Häuser verkaufen.

Eine neuere Nachricht aus Marienfeld stammt aus der Tageszeitung „Timisoara" vom 9. April 1993. Darin wird berichtet, dass man einen Tag zuvor den 800 neuen Bodeneigentümern von insgesamt 1.500 Hektar Ackerboden ... 39 Eigentumsurkunden festlich überreicht hatte. Von den 100 eingeladenen Marienfeldern kamen nur 60 zur Festlichkeit. Der Bürgermeister, der noch immer Hartwig Junker ist, teilte den Anwesenden mit, dass für 80 Personen kein Boden mehr vorhanden sei. Diese könnten nur dann noch zu ihren Rechten kommen, wenn der Staatliche Landwirtschaftsbetrieb (SLB = IAS) 140 von seinen 2.000 Hektar abgeben würde.

Im jüngsten Bericht über Marienfeld beklagte man sich in der Zeitung „Timisoara" vom 22. April 1993 über den allgegenwärtigen chronischen Geldmangel. Das Budget für 1993 weist ein Defizit von 6 Millionen Lei auf, bei 1,3 Millionen Lei Einnahmen sind 7,3 Millionen Lei Ausgaben vorgesehen. Der überwiegende Gewerbesteuer fließt in die Kasse der Kreisverwaltung, um von dort das Staatsbudget aufzustocken. Die Bevölkerung kann sich aus Geldmangel die Kommunaldienste (Trinkwasser, geothermische Heizung und Sondengas) nicht leisten, und so fallen wichtige Einnahmen der Gemeinde aus. Trotz der Versprechungen während der Wahlkampagne ist es dem Bürgermeister nicht gelungen, das Chaos in der Bewirtschaftung des Häuserfonds der Gemeinde zu beenden. Noch immer werden Häuser mutwillig abgetragen und das Material bei Nacht und Nebel weggeschafft. Zugleich konnte man wegen Mangels an finanziellen Mitteln und Baumaterial vermietete Wohnungen nicht reparieren. Einige „Neubürger" besetzten willkürlich leerstehende Häuser, sowohl in Marienfeld als auch in Albrechtsflor. Aber unkontrolliert weidet auch das Vieh aus der Gemeinde auf den Wiesen, da es noch immer an entsprechenden Gesetzen mangelt.

Die Kommunalstraße, die Marienfeld mit Albrechtsflor verbindet, ist seit langem schon unbefahrbar, da 6.000 m³; Schotter wegen Geldmangel fehlen. Deswegen verkehren auch keine Busse mehr, und die Schulkinder werden täglich von Albrechtsflor nach Marienfeld in einem vom Traktor gezogenen Anhänger zur Schule gefahren. Diese Transporte (auch im Winter!) sollen das Gemeindebudget stark belasten, weil man dafür den Kindern keine höheren Transportgebühren anrechnen kann als jene, die im Busverkehr praktiziert werden.
 
April 1994                                                                                                         Anton Zollner
 
 

Deutscher Bürgermeister in Marienfeld

Auf der Banater Heide, in der Nähe der rumänisch-serbischen Grenze, in Luftlinie etwa 15 km nördlich von Kikinda entfernt, liegt die einstige deutsche Winzergemeinde Marienfeld (heute: Teremia Mare). Laut Karl Kraushaar ist die Ortschaft 1770-71 mit Deutschen angesiedelt worden, für die man 125 Kolonistenhäuser errichtet hatte. Anscheinend haben sich die ersten Ansiedler hier schon 1769 niedergelassen, als Marienfeld zum erstenmal dokumentarisch belegt wurde, wie dies unter anderen auch Gheorghe Drinovan behauptet. Die ersten Kolonisten waren überwiegend Winzer, und so brachten sie den Weinbau mit in die neue Heimat.

Bis 1944 hatten die Deutschen immer einen Bevölkerungsanteil von über 90 Prozent: 1910 – 92 %, 1930 – 94,6 % und 1940 sogar 97 %. Als Folge des 2. Weltkriegs zählte man 1977 unter den 2.538 Einwohnern nur noch 1.227 Deutsche, den Rest bildeten 1.105 Rumänen, 174 Ungarn, 18 Zigeuner und 14 Sonstige. 15 Jahre später, im Januar 1992 bekannten sich von den 2.321 „Marienfeldern" nur mehr 142 Personen zum Deutschtum. Dafür stieg die Zahl der anderen Volksgruppen, wie folgt: die Rumänen auf 1.828, die Ungarn auf 262, die Zigeuner auf 52 und die Sonstigen auf 37. Laut Angaben der Heimatortsgemeinschaft Marienfeld waren im Februar 1996 im Heimatort noch 106 Deutsche verblieben gewesen.

Marienfeld ist in den Jahren des Sozialismus ein Vorzeigeobjekt für die Nationalitätenpolitik des kommunistischen Regimes gewesen. Dank des Fleißes seiner deutschen Bevölkerung und der guten Bewirtschaftung der Gemeinde durch den deutschen Bürgermeister Willi Heinz gehörte die Winzergemeinde zu den Banater Ortschaften mit dem höchsten Lebensstandard. Schon in früheren Zeiten brachte es ein Teil der Marienfelder Dank des guten Weins, der hier erzeugt wurde, zum Wohlstand. Bei entsprechendem Fleiß des Winzers brachte ein Joch (57 Ar) Weingarten im Durchschnitt bis zu 10.000 Liter Wein. In der Lesezeit kam immer der jüdische Kaufmann Kluber, um den neuen Wein zu verkosten, handelte die Preise aus, und im Dezember folgte die Lieferung. Dies führte bald zur Bereicherung eines Teils der Winzer, die sich, wie Norina Anastasiu in der Tageszeitung „Timisoara" im Sommer 2000 schrieb, von der ärmeren Bevölkerung abschotteten und sogar „ihre Kerweih" unter sich im Gemeindehaus gefeiert haben sollen. Als Antwort auf die „Kirchweih der Reichen" soll der Rest der deutschen Bevölkerung im März 1933 mit dem Bau des Kulturheims begonnen haben.

Einer der Marienfelder Winzer war im Besitz eines 200 Jahre alten Weinfasses, auf dessen Deckel ein Basrelief eingeschnitzt war. Als 1944 ein russischer Offizier den Fass sah, wollte er es gleich mitnehmen. Was er damit machen wollte, ist unklar, da er doch mit der Front in Richtung Deutschland ziehen musste. Wie man aber heute in Marienfeld erzählt, soll der Winzer damals das Weinfass nur mit 500 Liter Schnaps gerettet haben. Laut derselben Quelle soll der Fassdeckel nach dem Umsturz vom Dezember 1989 „gestohlen" worden sein, „um diesen in Deutschland an Antiquitätshändler zu verschachern". Eine Kopie dieses Deckels befindet sich heute in der Marienfelder Winzerausstellung, die sich zur Zeit im Temeschburger Dorfmuseum befindet. Als Quelle für diese Behauptungen dienten der genannten „Timisoara"-Journalistin vermutlich die Aussagen des Hobbyhistorikers Gheorghe Damian, der hiesige Schuldirektor.

Aus der russischen Besatzungszeit erzählt man noch, dass sich hier eines Tages die durch die Gemeinde ziehende Truppe so angegessen und angetrunken hatte, dass einer der Soldaten den Abmarschbefehl missachtet hatte und deswegen von seinem Kommandanten erschossen wurde. Daraufhin errichteten die rumänischen Behörden auf seinem Grab ein „Denkmal des unbekannten Soldaten der Roten Armee". Hier wurde dann bis 1975 jährlich am 9. Mai zum Siegestag eine Feierlichkeit veranstaltet. Erst in jenem Jahr soll das Personal des Banater Museums die wahre Geschichte des „unbekannten Soldaten" ermittelt haben.

Marienfeld hatte auch später, wegen des hier erzeugten Weins und Weinbrands, für die Russen eine besondere Bedeutung. Diese Erzeugnisse wurden eine lange Zeit in die Sowjetunion exportiert. Aber der Alkoholgehalt von 12 % des Marienfelder Weins reichte den Russen nicht, und darum musste der in dieses Land exportierte Wein mit bis zu 16 % Alkohol angereichert werden.

Laut Dr. Werner Niederkorn ist das Marienfeld des Jahres 1999 nicht mehr das, was es noch vor einigen Jahren war. Von der einst banat-schwäbischen Ortschaft sind nur mehr die breiten Straßen und die großen Häuser übrig geblieben, die meisten davon in verwahrlostem Zustand. Der Park in der Ortsmitte befindet sich auch nicht im besten Zustand, dafür sieht aber der katholische Friedhof sehr gepflegt aus. Die 1770 gegründete Pfarrei existiert heute nicht mehr. Die weniger als hundert Deutschen, die hier verblieben sind, bilden mit den aus Siebenbürgen zugewanderten Ungarn eine Filiale der Pfarrei aus Groß-Sankt-Nikolaus. Der Gottesdienst wird an jedem zweiten Sonntag vom Pfarrer dieser Kleinstadt zelebriert. Die wenigen Katholiken können wegen der finanziellen Schwierigkeiten die große Kirche nicht mehr instandhalten.

So wie die Journalistin N. Anastasiu bestätigte auch Dr. Niederkorn, dass der Weinbau in Marienfeld am „Abkratze is". Der Weinkeller des Junker-Hauses gehört noch immer dem staatlichen Weingut „Arvinex", aber die vielen in zwei Reihen aufgestellten Weinfässer sind nicht mehr so voll, wie dies noch vor einigen Jahren der Fall war. Dorin Turcas, der Direktor der staatlichen Handelsgesellschaft „Arvinex", zeigte sich im Oktober 2000 sehr optimistisch, weil er mit 600.000 Litern Most eine außergewöhnlich gute Weinlese hinter sich hatte. Abgesehen davon hatte er ausreichend Gründe, um unzufrieden zu sein. Von den einst 250 ha Weingärten gehörten nur noch 100 ha dem Staatsbetrieb. Der Rest wurde durch das Bodengesetz der Bevölkerung zugewiesen, die damit die AG „Marienfelder" gründete. Seit der Auswanderung der Deutschen gibt es bei der Lese keine Arbeitskräfte mehr, von den einst 900 Arbeitskräften gibt es zur Zeit nur mehr 300. Der Direktor hat den Neubürgern für ihre Arbeit bei der Lese 30 Prozent der Traubenmenge angeboten, aber kein Dorfbewohner war bereit zu arbeiten. In dieser Lage war er gezwungen, Saisonarbeiter aus allen Landesteilen anzuwerben. Aber auch in Sachen Absatz sieht der Direktor schwarz. Der Wein ist nun im Überfluss da, aber „in Rumänien gebe es keine Weinkultur" behauptet Turcas. Der Wein, den sein Betrieb für 7.000 Lei pro Liter (etwa 0,70 DM) dem Handel liefert, wird in den Läden für 23.000 Lei (etwa 2,30 DM) angeboten. Diesen Preis kann aber die große Mehrheit der Bevölkerung nicht bezahlen. 1999 gab mit dem Absatz noch keine Schwierigkeiten, da die Firma „Angeli" aus Craiova damals per Vertrag 40 Waggon Wein aufgekauft hatte. Ein weiteres Problem für das staatliche Weingut ist die Tatsache, dass es in der ganzen Umgebung nicht nur keinen einzigen Fassbinder, sondern auch keinen Schmied oder Schlosser gibt. Ein Jahr zuvor hatte man für eine kurze Zeit durch Zufall einen Fassbinder in Karlsburg (Alba Iulia / Siebenbürgen) verpflichten können.

Unter dem einstigen deutschen Bürgermeister Willi Heinz sind in Marienfeld sieben ständige Ausstellungen eingerichtet worden, was für eine ländliche Ortschaft eine Besonderheit ist. Im Thermalbad sind sogar Heilkuren unter ärztlichen Aufsicht durchgeführt worden. Heute existieren diese Objekte nur noch in den Erinnerungen der einstigen Marienfeldern. Von den Ausstellungen ist nur noch der „Marienfelder Weinkeller" geblieben, ebenso sie archäologische Ausstellung und die, die dem Dichter Nichita Stanescu gewidmet ist.

Das bald in ganz Banat berühmt gewordene Thermalbad errichtete man in den ersten Jahren, nachdem man 1972 auf der Suche nach Erdöl auf eine Thermalquelle gestoßen ist. Als erstes ist ein Schwimmbad mit olympischen Dimensionen errichtet worden, danach folgte ein Kurkomplex mit 9 Wannen und 6 Aufenthaltsräumen. In der Temeschburger Tageszeitung „Renasterea banateana" (Banater Wiedergeburt) war am 18. Juni 1996 zu lesen, dass sich damals das Thermalbad damals in einem total verwahrlostem Zustand befand. Von allen Einrichtungen war nur noch die „Gaststätte" in Betrieb. Der Anlagenraum existierte nicht mehr, die Rohre waren abmontiert, und aus dem Überbleibsel strömte nur noch Dampf, der das Rosten der zurückgebliebenen Metallteile noch mehr vorantrieb. Der Rest der Räume war ebenfalls dem Verfall preisgegeben.
 
Was ist mit dem von den gewesenen Marienfeldern errichteten Thermalbad geschehen? Im September 1994 hatte man es „privatisiert"; das Bad wurde von der Temeschburger Handelsgesellschaft „Palace" GmbH gepachtet. Diese verpflichtete sich, für alle Reparaturen und Modernisierungen zu sorgen und gleichzeitig eine monatliche Pacht in Höhe von 400.000 Lei zu zahlen. Nachdem das Bad in den oben geschilderten Zustand gekommen war, erklärte der geschäftsführende Direktor der „Palace", der Tierarzt (?!?) Ioan Cocârca, dass das „gesamte Geschäft unrentabel" sei und dass nicht einmal die Gaststätte Gewinne brächte. Für den Verfall der Anlage fühlte er sich nicht verantwortlich und erwartete, dass sich um die Zukunft des Thermalbads der Gemeinderat kümmern soll.

Wenn man die Kommunalwahlen aus Marienfeld näher analysiert, gewinnt man den Eindruck, dass die Neubürger eine Besserung ihrer Lage von Außen erwarten. Schon 1992 ist mit Hartwig Junker wieder ein Deutscher in das Amt des Gemeindeoberhaupts gewählt worden. Nachdem er anfangs noch „de Biko an de Ohrwaschl phacke" wollte, konnte er im vorhandenen Chaos doch kein Wunder vollbringen. Für eine Mustergemeinde wie zu Willi Heinz's Zeiten war kein Geld mehr da, und auch die Neubürger hatten eine ganz andere Einstellung zu den Begriffen Ordnung und Fleiß als die ausgewanderten Banater Schwaben. 1996 hatte man es wieder mit dem „Altbürgermeister" Doru Sârbu – nun aber auf der Liste der Sozialdemokratischen Union – versucht. Dieser konnte wahrscheinlich ohne Geld auch nichts tun. Nun wählte man bei den Kommunalwahlen im Juni 2000 den (Halb-) Deutschen Marcellus Loth zum Bürgermeister.

Der gebürtige Temeschburger stammt väterlicherseits aus Hopsenitz (Ofsenita), und die Mutter kam aus der Marmarosch (Sighetul Marmatiei). 1983 siedelte Marcel Loth mit seiner Familie nach Deutschland aus und kehrte 1993 wieder zurück. Er kam damals als Vertreter des Verlags, bei dem er bis dahin beschäftigt war. Mit seinem Bruder gründete er 1995 in Temeschburg eine Firma und später einen Kleinbetrieb für Holzverarbeitung in Marienfeld. Da er hier als Unternehmer Schwierigkeiten mit dem damaligen Bürgermeister hatte, bewarb er sich auf eigene Faust für das Amt des Bürgermeisters und finanzierte seine Wahlkampagne selbst. Er will nur vier Jahre lang im Amt bleiben und dabei schon jetzt einen Nachfolger suchen und auf sein zukünftiges Amt vorbereiten. Er selbst möchte weiter in der Politik bleiben, aber auf höherer Ebene.

Auch Loth hat seinen Wählern viel versprochen, vor allem Arbeitsplätze in der Gemeinde. Diese sollten von ausländischen Investoren geschaffen werden, für die er die Hallen der gewesenen LPG und die Betriebsräume der gewesenen Handwerkergenossenschaft, wie auch das Thermalbad zur Verfügung stellen will. Ob er sein Versprechen einhalten werden kann, bleibt eine offene Frage. Vorerst verzichtete er auf seine Entlohnung, mit der er Kinder aus armen Familien mit Schulrequisiten und Kleidern ausstatten will. Mit diesen Geldern wollte er auch die Gemeindebibliothek wieder in Ordnung bringen und die Weihnachtsfeier veranstalten.

Loth war aber noch keine zwei Monate im Amt, als er schon ganz andere Töne von sich gab. Laut einer Meldung der Tageszeitung „Prima ora" (Die erste Stunde), erklärte er, dass die Gemeinde wegen ihrer hohen Schulden das Bürgermeisteramt vor dem Kollaps stehe. Die Gemeinde schuldet dem Elektrizitätswerk 35 Millionen Lei, die nicht anzuschaffen sind. In dieser Lage sollte genau vor der „Ruga" (dem orthodoxen Kirchweihfest) das Gemeindehaus, die Schule und die Straßenbeleuchtung vom Stromnetz abgeschaltet werden. Der Bürgermeister verständigte eingeladenen Ehrengäste, dass der Ball nur dann stattfinden könne, wenn ein Nachbar bereit wäre, den Strom von seiner Steckdose anzapfen zu lassen. Schon einige Tage zuvor überraschte er sein Umfeld mit einem totalen Verkehrsverbot für alle Pferdewagen ab 21 Uhr. So wollte er der nächtlichen Diebstählen von den Ackerfeldern Herr werden. Um weitere Gelder einzusparen, entließ er alle Wächter, die ihren Dienst tagsüber zu verrichten hatten. Damit die vorgesehenen 1,7 Millionen Lei Steuergelder in die Gemeindekasse fließen, schickte er alle seine Beamten von Tor zu Tor, um wenigstens etwa 70 Prozent dieser Summe einzukassieren. Da er aber weiß, dass auch die Bevölkerung total verarmt ist, will der neugewählte Bürgermeister akzeptieren, dass die Ärmsten der Armen ihre Steuerschulden für 1999 durch gemeinnützige Arbeiten ausgleichen können. Wie es scheint, hatte Marcellus Loth anfangs vergessen, von wo und warum er 1983 ausgewandert ist. Er ist aber nicht der einzige, der in Rumänien „Aufbauarbeit" leisten wollte, am Ende aber enttäuscht und unverrichteter Arbeit heimkehren musste.

Dezember 2000                                                                                                    Anton Zollner