DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (101)
 L  o  w  r  i  n

Die Großgemeinde Lowrin (amtlich und ung.: Lovrin) liegt etwa in der Mitte der Banater Heide, auf der „Szegediner Landstraße", wie die heutige Landstraße DN 6 Temeschburg - Groß-Sankt-Nikolaus einst genannt wurde. Die Ortschaft ist verkehrsmäßig sowohl über die Straße als auch über das Eisenbahnnetz sehr gut erreichbar.

1890 und bis zum Anschluß des Banats an Rumänien gehörte die deutsche Gemeinde zum Torontaler Komitat. Heute befindet sie sich im Kreis Temesch, und von hier aus werden auch die zur Gemeinde gehörenden Dörfer Gottlob, Triebswetter und Wiseschdia verwaltet. Die ersten zwei waren bis 1967 wirtschaftlich gut entwickelte Gemeinden mit eigener Verwaltung.

Nach Gheorghe Drinovan soll die Siedlung schon 1466 dokumentarisch belegt worden sein; damals soll sie die Bezeichnung „Lorandhalma" getragen haben. Dokumentarisch ist der Ortsname Lovrin zum erstenmal 1701 erwähnt worden. 1717 sollen in „Lovren" 16 oder 18 Häuser gestanden haben. In der Siedlung ließen sich 1740 vor den Türken fliehende katholische Bulgaren nieder, die aber schon nach zwei Jahren nach Alt-Beschenowa zogen. 1747 wurde diese Ortschaft durch weitere Zuwanderungen von Bulgaren zu einem bulgarischen Dorf.

Die ersten Deutschen sollen sich hier zwischen 1780 und 1784 niedergelassen haben. 60 deutsche Familien waren damals aus anderen banater Ortschaften, also durch Binnenwanderung, zugezogen. Laut Karl Kraushaar ist Lowrin 1787 (an anderer Stelle schreibt er 1789) um 88 deutsche Häuser erweitert worden. In diesen sind die ersten Kolonisten, die aus dem „Reich" kamen, eingezogen. Ihre Zahl stieg ständig, und bald hatten sie das Weideland um Lowrin in ein fruchtbares Ackerland verwandelt. 1910 stellten die 3.450 Deutschen einen Bevölkerungsanteil von fast 89 Prozent. 1930 lebten neben den 3.302 Deutschen auch 234 Rumänen, 138 Ungarn, 44 Slowaken, 43 Zigeuner, 38 Serben und 2 Sonstige. Im November 1940 hatte man hier 3.418 Personen als Deutsche registriert.

Nach dem 2. Weltkrieg sank die Zahl der Deutschen allmählich, bis Lowrin zum heutigen rumänischen Dorf wurde. Bei der Volkszählung von 1977 konnten unter den 4.255 Dorfbewohnern noch 1.367 Deutsche gezählt werden. Den Rest bildeten 2.618 Rumänen, 130 Ungarn, 46 Zigeuner, 41 Serben und 53 Sonstige. Bis Januar 1992 sank die Zahl der Gesamtbevölkerung Lowrins auf 3.562 Personen, von denen sich nur noch 285 Personen zum Deutschtum bekannten. Daß man bei dieser Volkszählung nicht die reale Zahl der noch in Rumänien lebenden Deutschen ermittelt hatte, beweist auch die Tatsache, daß damals hier in Wirklichkeit nur noch 144 Deutsche gelebt haben. Es waren 20 alte Ehepaare, 31 Personen lebten in rumänischen und 7 in ungarischen Mischehen; den Rest bildeten die Alleinstehenden. 1994 betrug die Zahl der deutschen Ehepaare nur noch 13 (davon waren 10 Rentnerehepaare) und die der alleinstehenden Deutschen sank auf 32 (davon 31 Rentnerinnen und ein Rentner). Nach Angaben der Heimatortsgemeinschaft Lowrin betrug im Februar 1996 die Zahl der in der alten Heimat verbliebenen Deutschen nur noch 90.

Die Lowriner römisch-katholische Pfarrei ist 1777 gegründet worden. Zugleich wurde auch das Kirchenmatrikelbuch vom Seelsorger der bulgarischen Flüchtlinge eingeführt. Die heutige katholische Kirche ist 1789 erbaut worden; sie wurde dem Hl. Antonius von Padua geweiht. 1829 hatte der Baron Liptay das Gotteshaus renovieren und erweitern lassen. Eine weitere Renovierung ist 1969 durchgeführt worden.

Mit der Auswanderung der Banater Schwaben begann auch der Mangel an Priester mit deutschen Sprachkenntnissen, und deswegen wurde in der Kirche auch immer seltener Deutsch gepredigt. Von 1985 bis 1993 hatte Lowrin drei rumänische aus der Moldau stammende Priester, aber nur der erste war der deutschen Sprache mächtig. Deswegen gingen die betagten Lowriner Deutschen immer seltener zum Gottesdienst. Eine deutsche Jugend gibt es fast nicht mehr; laut Kaspar Hügel ist die letzte katholische Ehe, in der beide Brautleute Deutsche waren, am 29. Juli 1989 geschlossen worden, und das letzte Kind aus rein deutscher Ehe wurde am 10. März 1990 getauft. Seit einiger Zeit leistet hier Josef Demeter seinen Dienst als Ortspfarrer. Außer der katholischen gibt es heute in der gewesenen Schwabengemeinde noch drei Kirchen, die für die rumänische Bevölkerung bestimmt sind: die griechisch-katholische, die rumänisch-orthodoxe und die neuapostolische.

In den letzten Jahren wurde in der banater Presse häufig über das heutige Leben aus Lowrin berichtet. Am 24. August 1991 schilderte Grete Lambert in der „Neuen Banater Zeitung" den Zustand dieser Ortschaft nach dem Massenexodus der Deutschen: „Wenn man durch die Gassen geht, gruselt's einem. Die Häuser, der Friedhof - alles ist verwahrlost, verwildert". So beschrieb in dieser Reportage Stefan Müller, der Vorsitzende des am 14. März 1991 gegründeten Ortsforums der Deutschen aus Lowrin, die damalige Realität. Der damals 60-jährige Pensionist der Rumänischen Eisenbahnen (CFR) wollte mit seiner Ehefrau Agnes zu jener Zeit die alte Heimat nicht verlassen, aber nach nur einem Jahr packte auch er seine Koffer. Er gründete mit Peter Christmann, Alois Gillich und Elisabeth Franzen den deutschen Verein, dem schon von Anfang an 534 Personen beigetreten sind: 415 aus Lowrin, 91 aus Wiseschdia, 22 aus Gottlob, 4 aus Knees und 2 aus Bogarosch. Mit viel Unternehmungslust gingen sie damals an die Arbeit, aber den von der Auflösung der deutschen Dorfgemeinschaft verursachten Schmerz konnten sie nicht heilen. Der Vereinsvorstand wollte damals den Sitz des Forums in einem eigenen Haus einrichten, aber dies geschah bis heute nicht. Der Vorsitzende äußerte in der genannten Zeitung seine Enttäuschung darüber, daß die Landsmannschaft der Banater Schwaben aus Deutschland das dafür nötige Geld nicht zur Verfügung gestellt hatte. Man wollte ebenfalls mit Hilfe aus Deutschland einen deutschen Landwirtschaftsverein gründen, der die Felder der im Heimatort verbliebenen Deutschen bestellen sollte. Die Gründung eines deutschen Altenheims befand sich damals auch auf der Wunschliste, doch kaum einer konnte sich vorstellen, daß hierzulande noch kein „(Geld)-Faß ohne Boden" vorhanden ist. Nur der Forumsvorsitzende erkannte wahrscheinlich bald die Aussichtslosigkeit des Lebens in der rumänischen „sozialen Demokratie" und wanderte nach Deutschland aus.

Zum neuen Forumsvorsitzenden wurde der 68-jährige Alois Gillich gewählt. Unter seiner Führung konnte am 28. August 1994 nach einer vierjährigen Unterbrechung in Lowrin wieder die Kirchweih gefeiert werden. In der damaligen „Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien" (ADZ) wurde behauptet, die „Jugend wollte die Kerwei". Wenn man aber die Namen der 16 Trachtenpaare unter die Lupe nimmt, könnte man glauben, daß die große Mehrheit von ihnen gar nicht wußte, was eine „Kerwei" ist. Als Beweis dafür sollen sie hier namentlich aufgezählt werden: Siegfried Gellert mit Bianca Bears (erstes Geldherrenpaar), Alin mit Diane Tucuina (zweites Geldherrenpaar), Richard Novak mit Simone Truta, Christian Soare mit Ramona Mladin, Simion Truta mit Christine Novak, Leonhard Pavel mit Ana Babici, Sorin Rujoin mit Mihaela Ciobanu, Nikolaus Nanjet mit Gabriela Babici, Laviniu Alesu mit Christiana Riegelmayer, Elvis Caprescu mit Gerlinde Novak, Ciprian Terci mit Christine Walzer, Valentin Martin mit Lavinia Alesu, Ciprian Furdui mit Dora Stanica, Denis Jutiu mit Roxana Cârnat, Adrian Abrudan mit Dana Gogut und Sorin Simedrea mit Mihaela Antal. Den Festgottesdienst zelebrierten der derzeitige Ortspfarrer Josef Demeter und der Billeder Pfarrer Buonaventura Dumea, die deutsche Predigt hielt der Temescher Vorsitzende des Vereins der Rußlanddeportierten Ignaz B. Fischer. Der Kantor Leonhard Kirsch leitete den 16-köpfigen Kirchenchor. Für die gute Kirchweihstimmung sorgte sowohl die Rekascher Blaskapelle unter der Leitung von Mathias Henschel als auch die nach einem Sturm mit Regen vom blauen Himmel scheinende Sonne.

Von allen großen Vorhaben des Ortsforums der Deutschen ist nur der „deutsche" Landwirtschaftsverein verwirklicht worden. Dieser bekam den deutschen Namen „Regenbogen". Ende 1995 bestellte man hier die 280 Hektar Felder seiner Mitglieder. Angebaut wurde damals Weizen, Mais, Gerste, Kartoffeln und Zuckerrüben. Wie aber die ADZ am 20. Dezember 1995 berichtete, hatte der Vereinsvorsitzende Franz Berger damals „seine acht Jahrzehnte auf dem Rücken". Trotzdem war der noch rüstige Mann mit der eingefahrenen Ernte zufrieden: 4.200 kg Weizen pro Hektar. Auch auf die Zuckerrübenernte von 40.000 kg pro Hektar war er stolz. Den Samen erhielt der Verein als Unterstützung aus Deutschland. Trotzdem gab es im karg eingerichteten Büro des Landwirtschaftsvereins (mit einem Tisch, drei Stühlen und einem Feldbett) große Schwierigkeiten: man konnte die Ernte nur äußerst schwer absetzen. Wie auch heute noch ist der Staat der einzige Käufer der landwirtschaftlichen Erzeugnisse. Demnach diktiert er alleine die Aufkaufbedingungen und die Preise. „Will man seine Ware loskriegen, sind 'kleine Aufmerksamkeiten' unentbehrlich", soll Franz Berger verbittert zum Thema gesagt haben.

Aus dem Leben der in der alten Heimat verbliebenen Deutschen ist im Sommer 1998 nur noch soviel zu erfahren, daß das Ortsforum der Deutschen nicht nur zu keinem eigenen Sitz gekommen ist, sondern es mußte in jenem Jahr sogar aus den bis dahin gemieteten Räumen ziehen. Das Haus, das sich bis dann im Staatsbesitz befand, ist verkauft worden, und der neue Eigentümer hatte den Anspruch auf das leere Haus. Aber auch das Gebäude, in dem das Forum einziehen sollte, mußte eher von illegalen Bewohnern geräumt werden. Danach mußte das Haus sowohl innen als auch außen instandgesetzt und saniert werden. Im Juni 1998 war der Gemeinschaftssaal und die Bibliothek schon benutzbar gewesen, und man bemühte sich mit der Fertigstellung des dritten Saals, der für die Jugendaktivität und für die Unterhaltungsveranstaltungen bestimmt war. Alois Gillich beklagte sich damals in der ADZ über die „Passivität" seiner etwa 300 (?!) Forumsmitglieder und über die „Lethargie der Jugendlichen", weil diese kein Interesse an einer Forumstätigkeit hatten. Scheinbar will man noch immer nicht wahrnehmen, daß es im Banat keine lebensfähige deutsche Dorfgemeinschaften mehr gibt. Eine deutsche Kulturtätigkeit kann im Banat nur noch in den Städten stattfinden, in denen noch einige hundert deutschsprachige Personen leben.

Über das soziale Benehmen der Neubürger Lowrins berichten meist die rumänischen Tageszeitungen. In der „Timisoara" konnte man im Frühjahr 1993 lesen, daß der im Haus mit der Nummer 114 wohnende Teodor Popa der Lowrinerin aus dem Haus Nr. 638 von der Straße fünf Puten gestohlen und sie einer Nachbarin verkauft hat. Aber nur einen Monat später, als er sich wegen dieser Tat in einem Untersuchungsverfahren befand, drang er mit seinem Bruder Iosif Popa in den Hof einer anderen Nachbarin ein und montierte ihr die Elektrowasserpumpe für die Bewässerung des Gartens ab und verkaufte sie einem anderen Dorfbewohner. Der beschäftigungslose Maxim Bargaoan von dem Haus Nr. 874 hatte vom Dachboden eines Nachbarn dreimal je einen Schinken gestohlen, ohne entdeckt zu werden. Als er aber auch noch versuchte, Bratwurst zu stehlen, ist er erwischt worden.

Dies sind aber nur kleine Gauner im Vergleich zur Direktorin der hiesigen staatlichen Handelsgesellschaft für den Aufkauf von Obst und Gemüse. Laut eines Berichts der Zeitung „Renasterea banateana" (Banater Wiedergeburt) stand Maria Circo im Frühjahr 1995 mit weiteren vier Komplizen wegen Bestechung und Unterschlagung durch Aktenfälschungen vor dem Kadi des Kreisgerichts Temesch.

Über einen anderen Fall von unsozialem Benehmen der Lowriner Neubürger berichtete dieselbe Zeitung im Mai 1997. Im verstaatlichten Haus mit der Nummer 175 wohnte seit 1977 Ilie Novac mit seiner fünfköpfigen Familie. Ein Zimmer des Hauses diente bis 1989 der Konsumgenossenschaft als Lager. Ein Jahr später vermietete das Bürgermeisteramt das Zimmer einem anderen Neubürger, der darin eine Kneipe eingerichtet hat. Seitdem fand Novac und seine Familie während der Öffnungszeiten der Kneipe aufgrund der Schreie, des Singens und Fluchens der „Gäste" in ihrem Heim keine Ruhe mehr. Alle Beschwerden des Betroffenen wurden beim Gemeinde- und beim Kreisrat angehört, aber unternommen haben diese Behörden nichts. Im Gegenteil, der Wirt begann, seinen Nachbarn ständig zu schikanieren. Als Höhepunkt seiner Schikanen richtete er unter dem Schlafzimmerfenster der Familie Novac das Kneipen-WC ein. Schließlich, als Josif Novac bei der Kreisverwaltung verzweifelt um Hilfe bat, gab man dem inzwischen im Ruhestand getretenen Familienvater den Rat, sich sein Recht auf ruhigere Abende durch eine Klage beim Gericht zu erzwingen.

Die Temeschburger Tageszeitungen berichteten in den letzten fünf Jahren auch reichlich aus dem Wirtschaftsleben der Großgemeinde Lowrin. Man bemerkt aber in den Reportagen zwei unterschiedliche Tendenzen: eine optimistische bis 1996 und eine pessimistische danach. Bis zu den Kommunalwahlen von 1996 war hier der Mechanikschlosser Stefan Rosu seitens der National-Liberalen Partei im Amt des Bürgermeisters. In seinem strahlenden Optimismus bezeichnete er seine Gemeinde als „Klein Amerika", aber nicht weil es den Menschen hier so gut gegangen wäre, sondern weil in Lowrin und in den drei eingemeindeten Dörfer 12 Nationalitäten gelebt haben, auch wenn von diesen, vier durch je eine Person vertreten waren. Sowohl in einer März-Ausgabe der Zeitung „Timisoara" als auch in einer Januar-Nummer der „Realitatea banateana" (Banater Realität) zählte er eine ganze Menge von Erfolgen auf, die man hier in ihrer Gesamtheit gar nicht einzeln auflisten könnte. Man sollte glauben, daß hier alles wie am Schnürchen lief, und nur hie und da gab es noch Mängel. Dazu zählte auch die Tatsache, daß es in der Gemeinde nur 750 von den Deutschen enteigneten Häuser gab, wobei die Nachfrage viel größer war, und dazu gab es auch noch ausgewanderte Deutsche, die ihr Haus nicht den Neubürgern verkaufen wollten. Sonst wäre laut Bürgermeister alles in Ordnung gewesen, wenn man nicht in letzter Zeit im Park die Bäume abgeholzt hätte. Die Aushändigung der Besitzurkunden für den an die Dorfbewohner zugeteilten Boden hätte man seiner Meinung nach etwas beschleunigen müssen. Gegen dem Ende seiner Amtsperiode erklärte er, daß er für seine Tätigkeit als Bürgermeister sich selbst die Note 9 geben würde, weil die Zehn nur von Gott verliehen werden könne.

Als aber 1996 Gheorghe Nastor als Kandidat der von Iliescu geführten Partei der Sozialen Demokratie Rumäniens (PDSR) mit 2.447 Stimmen in das Amt des Bürgermeisters gewählt wurde, erklärte dieser der Zeitung „Renasterea banateana", daß in der Gemeinde nichts am richtigen Platz sei. Der Boden soll nicht nach dem Gesetz, sondern nach Belieben verteilt worden sein. Es soll hier Dorfbewohner gegeben haben, die Besitzurkunden in der Hand hatten, aber keinen Boden, und andere hatten „ihren" Boden, aber keine Besitzurkunde. Er beschuldigte auch die „Gewesenen" (also seinen national-liberalen Vorgänger), Gemeinschaftseinrichtungen vernichtet zu haben. Durch eine Verpachtung des Thermalbads an inkompetente Personen sollen die Becken, die technischen Einrichtungen und das Hotel zu einer Ruine geworden sein. Bis Mitte Juni 1997 sollte das mit 42 Millionen Lei Schulden übernommene Bad wieder teilweise betriebsfähig gemacht werden. Es sind vorläufig zwei Badebecken, davon eines im Freien, und die gesamte Installation instandgesetzt worden. Nach der Inbetriebnahme des Hotels sollen die Kosten der Reparaturen die 200 Millionen Lei erreicht haben. Das mit einer Bar, einer Gaststätte und einer Konditorei ausgestattete Thermalbad sicherte aber schon ohne dies dem Bürgermeisteramt wöchentliche Einnahmen in Höhe von anderthalb Millionen Lei. Auch die Kläranlage der Ortschaft war seit 1990 außer Betrieb, und die Zentralheizung mit der Warmwasserzubereitung funktionierten auch nicht mehr. Man versprach aber den Dorfbewohnern, daß sie bis zum Winter Wärme und Warmwasser in ihren Wohnungen haben werden. Die Lowriner Straßen sollen laut Gheorghe Nastor in einem erbärmlichen Zustand gewesen sein, und er versprach sie instandzusetzen, aber nicht so eilig, da das nötige Geld fehlte. Viel Ärger hatte das Gemeindeoberhaupt auch mit den gewesenen deutschen Häusern. Man betrachtete sie schon als Staatseigentum, und sie sollten jetzt verkauft werden. Einige davon hatten aber wegen mangelnder Pflege seitens ihrer Mieter viel an Wert verloren. Dazu stellte man jetzt fest, daß einige aus Nachlässigkeit im Grundbuch nicht auf den Staat überschrieben wurden, und jetzt hatten ihre rechtlichen Eigentümer Anspruch auf ihre Häuser gestellt.

Der Bürgermeister erklärte auch, daß ihm das Schicksal der heutigen Dorfjugend sehr am Herzen liege. Seit 1991 wurden viele Ehen geschlossen, aber ein Sozialschutz für die neue Familien gab es nicht. Ihnen stehen keine Wohnungen zur Verfügung, und so müssen sie bei ihren Eltern leben. Es gab in der Gemeinde keine Häuser und auch keine Felder mehr für sie. Deswegen sind die meisten Mitglieder dieser Familien arbeitslos und müssen so die Felder ihrer Eltern und Großeltern bestellen, um sich zu ernähren.

Die Not an landwirtschaftlichen Flächen ist aber nicht so sehr durch die Zuwanderungen entstanden, wie durch die Erdölförderung, die in diesem Teil der Banater Heide betrieben wird. Vor einigen Jahrzehnten hatte man unter dem ertragreichsten Boden der Theiß-Ebene Erdöl gefunden, und seitdem stehen auf den Feldern der gewesenen Kornkammer Europas unzählige Sonden. Daß dies aber auch gefährlich sein kann, bewies die Explosion des Bohrlochs Nr.2 in der Nacht vom 30./31. März 1997. Etwa 10 Tage und Nächte lang war damals Lowrins Himmel von einer dicken Rauchwolke bedeckt.

Schwierigkeiten soll es laut der „Renasterea banateana" im Frühjahr 1997 auch bei der Lowriner Station für Landwirtschaftliche Forschungen gegeben haben. Diese sollen aber hauptsächlich finanzielle Ursachen gehabt haben. 1,8 Milliarden Lei schuldete man dem Staatsbudget und 300 Millionen Lei den Banken. Für die Tilgung der Schulden sollten eigene Erzeugnisse verkauft werden, aber als Forschungsinstitut hatte man wahrscheinlich den Handel nicht so richtig im Griff. Wie in solchen Fällen üblich ist, wechselte man eben den Direktor. Der gewesene Staatssekretär im Landwirtschaftsministerium, Iulian Pusca, sollte nun als neuer Direktor „den Karren aus dem Dreck ziehen". Er sollte aber auch noch in ganz anderen Sachen für „technische Lösungen" sorgen. Im Wohnblock mit der Nummer 194 war das Untergeschoß vom Abwasser aus der Kanalisation überschwemmt worden. Dazu bildete sich auch vor dem Hauseingang ein Teich mit Schmutzwasser. Das Forschungsinstitut und das Bürgermeisteramt wiesen sich wegen dieses Zustands gegenseitig die Schuld zu. Direktor Pusca sollte die Sache in Ordnung bringen, aber den Grund dafür kann man aber aus der Reportage der „Renasterea banateana" nicht erfahren. Er stellte bald fest, daß die 20 Einwohner der Hauses die Opfer eines Schildbürgerstreiches waren; das Untergeschoß lag tiefer als die Kanalisation. Das Rohr, das dem Abfluß des Abwassers dienen sollte, führte es eigentlich aus dem Kanalnetz dem Haus zu. Die „technische" Lösung, die der Direktor vorschlug, war der regelmäßige Einsatz einer Wasserpumpe, mit der man das Wasser aus dem Keller pumpen sollte. Es scheint als hätte man in Lowrin noch nie etwas von einer Kanalisation mit Abwasser-Hebepumpen für Räume, die unter der Kanalisationsleitung liegen, gehört. Demgegenüber hatte man aber schon vor Jahren die Gemeinde Lowrin zu einer Stadt erheben wollen.

Im Juli 1997 schilderte die „Renasterea banateana" wieder Aspekte aus der Lowriner Landwirtschaft. Das Bodengesetz von 1991 war damals hier noch immer nicht vollständig durchgeführt worden. Nur zu 67 Prozent der Berechtigten erhielten ihren Boden, aber die neuen Besitzer von insgesamt 6.459 Hektar Ackerboden und 421 Hektar Wiesen wußten gar nicht, wo sich ihr Eigentum befindet. Um alle berechtigten Antragsteller zufriedenzustellen, fehlten noch immer 703 Hektar Ackerboden, die die staatliche Handelsgesellschaft „Fructus" AG abgeben sollte. Diese hatte aber damals wahrscheinlich größere Sorgen, da ein Teil ihrer „Aktionäre" sie verklagen wollte. „Fructus" hatte von den Dorfbewohnern 120 Hektar Felder gepachtet, aber ihnen seit drei Jahren keinen Gewinn zukommen lassen: kein Geld und keine landwirtschaftlichen Erzeugnisse.

Schließlich berichtete dieselbe Zeitung 1997 zweimal über den Zustand des Lowriner Krankenhauses. Der derzeitige Direktor des einstigen privaten Spitals, Dr. Gheorghe Cotosman, war verzweifelt wegen der fehlenden Hygiene bei der jetzigen Bevölkerung Lowrins. Die Kopf- und Körperläuse, wie auch die Krätze sind in der Ortschaft heimisch geworden. Gleichzeitig herrschte im Krankenhaus die krasseste Not. Am Anfang des Jahres 1997 waren die 20 Betten für innere Medizin und die 60 für chronisch Kranke voll belegt, aber für die Ernährung der Patienten fehlte das Geld. Im Januar konnte deswegen kein Tropfen Speiseöl gekauft werden. Vom Frühjahr bis im Herbst mußten die Kranken für ihre eigene Verpflegung im Obst- und Gemüsegarten arbeiten. Die Windeln, die von den Alten benötigt wurden, mußten 10 bis 15 Mal gewaschen und wiederverwendet werden. Der Krankenhausdirektor wünschte sich ein Gesetz aus der Kriegszeit, nach dem die Renten der Patienten dem Krankenhaus zukommen sollten und ihr Ackerboden ebenfalls dieser Anstalt zur kostenlosen Nutzung übergeben werden müßte.

Im November 1997 konnte man in derselben Zeitung lesen, daß das Krankenhaus nur mehr mit 30 Betten für chronisch Kranke eingerichtet war, praktisch funktionierte es als ein Pflegeheim für die gesamte Umgebung. Zur selben Zeit ist hier gerade die Zentralheizung angelaufen, und man war sehr froh, daß man den täglichen Ärger mit der Holz- und Kohlenheizung los hatte. Jetzt suchte man aber nach Sponsoren, die bereit gewesen wären, die Kosten für die Anschaffung der Medikamente zu tragen. Von den staatlichen Gesundheitsbehörden wurden für Arzneimittel nur 1.000 bis 1.500 Lei (etwa 20 Pfennig) pro Patient am Tag zugeteilt. Die Alleinstehenden konnten ihr Bett hier bis zu 15 - 20 Jahren in Anspruch nehmen, und nach ihrem Tod mußten sie vom Krankenhaus beerdigt werden. Dieses hatte aber keine Gelder für die Särge und für die Grabplätze ihrer verstorbenen Patienten. Diese Kosten wurden nun vor kurzem vom Bürgermeisteramt übernommen.

Dies ist also das aktuelle Lowrin, in dem einst nur „Milch und Honig" floß. In einem der reichsten banat-schwäbischen Dörfern der Banater Heide herrscht heute nur Armut, Not und ... unhygienische Zustände. Die ersteren kamen mit dem Kommunismus ins Dorf und der letztere mit der Auswanderung der Banater Schwaben.

April 1999                                                                                                             Anton Zollner