DURCH GEWESENE DEUTSCHE ORTSCHAFTEN DES BANATS (24)
L i n d e n f e l d

Lindenfeld (auch amtlich so genannt; ung.: Karánberek) befand sich auf dem Gebiet des Kreises Karasch-Severin im Banater Bergland. Es lag im Semenik-Gebirge in einem Tal des 798 Meter hohen Bergkamms „Cracu Teiului“ (Lindenkamm). Zu dieser Siedlung führte niemals ein ausgebauter Verkehrsweg. Die Entfernung bis zur nächstgelegenen Ortschaft, Wolfsberg betrug 7 km und bis zum nächsten Bahnhof sogar 20 km. Die Bevölkerung bestand immer 100-prozentig aus Deutschböhmen, die zusammen mit denen aus Wolfsberg (heute: Garâna) und Weidenthal (heute: Brebu Nou) eine eigenständige Volksgruppe bildeten. Da sie aus Böhmen kamen, nannten sie sich „Pema“, und sie sprachen bis zum Verlassen ihrer Heimatorte einen bayerischen Dialekt.

Die Ahnen der Deutschböhmen wurden 1827-28 zwecks der Verteidigung des Banats gegen die Türken vom Oberkommando der Banater Militärgrenze angeworben. Die ersten 56 deutschböhmischen Familien, mit denen fünf Ortschaften angesiedelt werden sollten (neben den drei schon genannten auch noch Wolfswiese =“Poiana Lupului“ und Weidenheim =“Rachita“) kamen im Spätherbst 1827 in Temesch-Slatina an. Da man sie vor dem Winter nicht mehr in den Urwald des Semeniks ziehen lassen konnte, überwinterten sie in walachischen Grenzhäusern des „Wallachisch-Illyrischen“ Grenzregiments aus Temesch-Slatina. Der zweite Schub, der aus 506 Familien bestand, kam hier im Frühjahr 1828 an.

Lindenfeld wurde laut Josef Schmidt (in „Die Deutschböhmen im Banate – Ein Heimatbuch zur Jahrhundertwende“ - 1939) im Herbst 1828  mit 36 Familien angesiedelt. Aber schon nach kurzer Zeit herrschte in der Siedlung eine rege Unzufriedenheit. Für die Errichtung ihrer Häuser mussten die Kolonisten zuerst die dafür nötigen Bäume fällen, für den versprochenen Ackerboden musste erst der Urwald gerodet werden, die Unterstützung seitens der Militärbehörde blieb auch aus, und dazu kamen noch der strenge Winter und der kühle Sommer. So kam es dann im Herbst 1833 zur Aufgabe aller vier angesiedelten Ortschaften (das geplante Weidenheim wurde errichtet). Die Deutschböhmen hatten die Wahl, entweder nach Böhmen zurückzukehren, oder sich in jedem anderen Ort der Donaumonarchie niederzulassen. 268 Familien begaben sich auf die Wanderschaft und ließen sich hauptsächlich in Lugosch, Bakowa, Darowa, Rekasch, Moritzfeld, Liebling, Nitzkydorf, Tschakowa, aber auch in Hatzfeld nieder, wo sie mehrheitlich als Knechte und Mägde ihr Brot verdienten. Nur wenige  dieser Kolonisten stiegen zum Pächter und noch weniger zum Bauern auf.

Während dieser Umzüge blieb Lindenfeld die einzige Siedlung, die nicht entvölkert wurde. Während sich die Urbewohner neue Heimstätte suchten, zogen 18 Familien aus Wolfswiese in deren Häuser ein. Die neuen Siedler versuchten während der späteren Rücksiedlung der Deutschböhmen in die von ihnen gegründeten Siedlungen, alle Fremde von Lindenfeld fern zu halten. Von den ersten 36 Lindenfelder Familien kam keiner mehr zurück.

Die aus Wolfswiese nach Lindenfeld umgezogenen Kolonisten stammten mehrheitlich aus den böhmischen Kreisen Ellbogen und Klattau. Sie trugen folgende Familiennamen: Anger, Auerweck, Braun, Burian, Friedrich, Gnad, Hartel, Häupl, Kohlruss, Kopp, Max, Meyal, Riecher, Schmidt, Steinbock und Weiss. Nur zwei Familien kamen aus dem Gebiet des heutigen Deutschland: die Etschmann’s aus Magdeburg und die Schwirzenbeck’s aus Regensburg. Ein Nachkomme der Letzteren, Paul Schwirzenbeck  sollte 165 Jahre später, als letzter Bewohner Lindenfelds entsprechend seinem innigsten Wunsch, „hier das Licht ausmachen“ (eine spätere Anm. des Verf. A.Z.). Bemerkenswert ist, dass diese „Neu-Lindenfelder“ das Jahr 1833 und nicht 1828 als das Gründungsjahr Lindenfelds betrachteten, eine Einstellung, die auch von den Nachkommen  übernommen wurde.

In der weiteren Geschichte Lindenfelds sind nur wenige Zuwanderungen verzeichnet worden. Man bevorzugte auch Brautpaare nur aus den Reihen der eigenen Bevölkerung.  1910 war das einst malerische deutsch-böhmische Dorf die Heimat von 230 Deutschen. Ihre Zahl stieg ständig bis 1948, als das Dorf 360 deutsche Einwohner hatte. 1930 betrug ihre Zahl 314 und 1940  328 Personen. Bis 1966 sank die Einwohnerzahl Lindenfelds auf 178 deutsche Seelen. Bei der Volkszählung vom Januar 1992 hatte das zum Aussterben verurteilte Böhmendorf nur noch einen Einwohner: Paul Schwirzenbeck.

Die Lindenfelder waren seit der Ortsgründung immer ausnahmslos Katholiken gewesen. Sie bildeten immer eine Filiale der Karansebescher Pfarrei. Die Kirche, deren Ruinen auch heute noch stehen , wurde 1858 dem Hl. Wendelin geweiht.

Bei der bisherigen Schilderung wurde absichtlich die Vergangenheitsform gebraucht, da seit einigen Jahren Lindenfeld nur noch aus Ruinen besteht. Wie alle Ortschaften Rumäniens hat auch das Böhmendörfchen eine eigene Postleitzahl: RO-1666. Im Mai 1993 galt aber diese Zahl nicht mehr für eine ganze Dorfgemeinschaft, sondern nur für einen einzigen Adressaten: Paul Schwirzenbeck. Er war damals und auch etwa zwei Jahre später der alleinige Bewohner des nun zum Geisterdorf gewordenen Lindenfeld. Von den etwa 80 deutschböhmischen Familien blieb nur der nun fast 80-jährige Paul Schwirzenbeck in seinem Heimatort zurück. Im vorigen Sommer war er noch fest entschlossen, in den Ruinen Lindenfelds auszuharren.

Seit über 16 Jahren muss sich Paul Schwirzenbeck allein versorgen, nachdem seine Frau 1977 verstorben ist. Zwar hat er noch Verwandte, aber die kümmern sich wenig um den „Einsiedler". Seine Tochter lebt in Karansebesch, sie besucht aber den Vater wegen des beschwerlichen Weges nicht. Die Entfernung zwischen Lindenfeld und der nächsten Gemeinde Weidenthal (heute: Brebu Nou) beträgt 9 km, die man zu Fuß zurücklegen muss. Manchmal besucht der 80-jährige die Tochter und weilt 2-3 Tage bei ihr. Auch einen Bruder in Deutschland hat der letzte Einwohner Lindenfelds; dieser schreibt aber nicht einmal einen Brief, wie sich Vetter Paul beklagt.

Wie die „Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien" am 2. November 1994 berichtete, soll der Mann eine ausreichende Rente haben, aber einkaufen kann er nur einmal wöchentlich in Weidenthal oder in Wolfsberg. Bei dieser Gelegenheit erlaubt er sich auch, zwei Flaschen Bier zu trinken, um „die Lebensgeister wach zu halten", wie er selbst behauptet. Über die Lebensmittelpakete, die er anlässlich der Feiertage erhält, meint er, dass diese wie Kaugummi schmecken. Darum isst er lieber Einbrennsuppe und Spiegeleier. In die Zukunft schaut Schwirzenbeck noch immer optimistisch; solange er sich allein versorgen kann, möchte er in seinem Lindenfeld bleiben. Sollte dies nicht mehr möglich sein, so hofft er auf eine Aufnahme in einem Altenheim.

Auf 1979 entstandenen Fotoaufnahmen sieht man ein Dorf im Zustand fortgeschrittenen Zerfalls. Der heute noch umstrittene Heimatdichter der Banater Schwaben, Nikolaus Berwanger, war damals vom erbärmlichen Aussehen des Böhmendorfes so sehr getroffen, dass er Lindenfeld sofort einen lyrischen Gedenkstein schuf: „in memoriam L.". In seiner damaligen politischen Funktion konnte der Dichter Lindenfeld nicht anders als „L." nennen. Er schilderte in seinem Gedicht ein trostloses Bild, das den Lesern in einen Trauerzug versetzt:

 ein museumreifes holzkreuz
 ortstafel spurlos verschwunden
 hunde auf wanderschaft
 häuser ohne fensterstöcke
 totenköpfe in einem massengrab ...

... girlandenfetzen im kulturheim
die mäuse tanzen eine polka
dorfbibliothek wie eine zelle verriegelt
nicht nur wegen inventur
ich zieh mit wucht am glockenstrang
mein appell bleibt unbeantwortet ...

Erst heute nach 16 Jahren können wir uns überzeugen wie Recht Berwanger hatte, als er sein „in memoriam L." mit den Worten „wer zeigt mir morgen wo L. war" beendete. Das deutschböhmische „L." gibt es nicht mehr, von der Landkarte wurde es auch schon gelöscht. Es gibt nur noch eine Postleitzahl „RO-1666" für einen Mann, der in Lindenfeld das Licht der Welt erblickte und der hier seine ewige Ruhe finden möchte. Wie lange kann er aber hier noch ausharren?

Wer konnte sich 1979 vorstellen, dass Lindenfeld zu einer Zukunftsvision aller deutschen Siedlungen des Banats werden würde? „L." leitete damals einen Prozess ein, der heute banatweit in vollem Gange ist. Es scheint als hätte dieser Prozess des Zerfalls eine monumentalen Kulturleistung im Südosten Europas die „Halbzeit" erreicht. Wie viel „L." wird es noch in den nächsten 16 Jahren geben? Es scheint als bräuchten wir dann einen Heimatdichter, der das „in memoriam banat" schreibt.

 21. März 1995                                                                                                    Anton Zollner
 

Anm des Verf.: Laut einer Pressemeldung ist Peter Schwirzenbeck im Oktober 1998 in Karansebesch Opfer eines Verkehrunfalls geworden. Er verstarb im Alter von 83 Jahren, während er bei seinem Sohn (oder Tochter?) überwintern wollte.