DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (9)
L e n a u h e i m

Die Gemeinde Lenauheim, das gewesene Csatád, trägt auch heute noch seinen deutschen Namen. Seit ihrer Ansiedlung bildeten die Deutschen bis zum 2. Weltkrieg rund 90 Prozent der Gesamtbevölkerung der Ortschaft. Etwa hundert Jahre nach der Ansiedlung, 1865, lebten hier 3.210 Katholiken (also Deutsche), 5 Orthodoxen (also Rumänen) und 14 Juden. Vor dem Krieg, 1940, zählte man in Lenauheim 2.377 Katholiken (Deutsche) und 31 Orthodoxen (Rumänen). Die nationale Zusammensetzung der Bevölkerung änderte sich aber bald nach dem Ende des 2. Weltkriegs. 1948 zählte man hier 1.717 Deutsche, 1.718 Rumänen, einen Juden und 39 Zigeuner. Im März 1990 war die Zahl der Deutschen infolge der massiven Auswanderung auf 478 gesunken, davon waren 231 Frauen, 168 Männer und 79 Kinder. Damals lebten sie in 191 Familien, von denen 113 die „Neue Banater Zeitung" (NBZ) abonniert hatten. Zugleich zählte man 800 Häuser, von denen 194 leer standen und 50 schon zusammengefallen waren. Im September desselben Jahres verzeichnete man hier noch 53 deutsche Familien, in 19 Familien lebten Deutsche in Mischehen.

Über den traurigen Zustand, der im Januar 1992 in Lenauheim herrschte, berichtete Grete Lambert in der NBZ. Auch sie konnte feststellen, daß die Häuser der ausgewanderten Deutschen seit Jahren verfallen. Viele standen schon ohne Fenster- und Türstöcke, viele waren dem Einsturz nahe. Sie schrieb damals, daß es im Ort noch etwa zehn Kinder gebe, die nach Hatzfeld (heute: Jimbolia; ung.: Zsombolya) in die deutsche Schule pendelten. Deutsche Jugendliche gab es hier auch nicht mehr, und so kann man sich auch nicht wundern, daß hier seit 1986 kein Kirchweihfest mehr gefeiert wurde. Auch Gottesdienste fanden nur an jedem zweiten Sonntag für etwa 40 Deutsche statt. Der damals 63-jährige Augustin Griebel kümmerte sich um die Belange der Lenauheimer Deutschen. Er bemühte sich auch um die Gründung eines Ortsforums der hiesigen Deutschen. Ebenfalls er war es, der die Gründung eines Landwirtschaftsvereins in die Wege geleitet hat. Dieser Verein wurde vom Freiburger „Caritas" mit vier und aus Österreich mit einem Traktor ausgestattet. Weitere landwirtschaftliche Maschinen kamen aus Baden-Württemberg. In Lenauheim wurde den Deutschen 350 bis 400 Hektar Boden zugeteilt, aber die Besitzurkunden waren bis zum Erscheinen der genannten Reportage noch nicht ausgefolgt. Die 131 Deutschen, davon etwa 50 in Mischehen, die damals hier noch ausharrten, wollten sich nicht unterkriegen lassen, aber die hohen Treibstoffpreise und vieles andere konnten dies nicht verhindern.

Dafür sorgten ein Jahr später auch die meist aus Siebenbürgen kommenden rumänischen Schäfer. Wie das Temeschburger rumänischen Wochenblatt „Agenda" am 23. Januar 1993 berichtet, haben sie 450 bis 500 Schafe auf die angebauten Felder des Landwirtschaftsvereins „Agro-Lenau" gelassen. Da die Schafe ein ganzes Maisfeld vernichtet haben, fingen die Vereinsbauern einige von diesen ein und ließen sie von 14 Wächtern in Bogarosch bewachen. In der Nacht des 10./11. Januar 1993 erschienen dann 17-18 Mann, bewaffnet mit Stöcken, Gabeln, Sicheln und Messern, und es gelang ihnen so, einen Teil der Schafe, die an verschiedenen Plätzen untergebracht waren, zu befreien. Bei dieser Gelegenheit ist ein Wächter mit einer Gabel verwundet worden, die anderen wurden zusammengeschlagen. Die Schafe, die die Unbekannten nicht befreien konnten, waren im Lenauheimer Gemeindehaus untergebracht. Am 13./14. Januar griffen 10-12 unbekannte Personen das Gemeindehaus an; sie unterbrachen die Telefonleitung und belagerten den Sitz des Bürgermeisteramtes. Vierzig Minuten lang bedrohten sie die Anwesenden im Gemeindehaus mit Stöcken, Äxten, Gabeln und Messern. Sie schlugen alle Fenster ein und zerschlugen die Inneneinrichtung (auch das Telefon) im Gemeindehaus. Der angerichtete Schaden hatte die Höhe von einer Million Lei.

Schließlich wurden die Rowdys identifiziert und die sieben jungen Schäfer sowie ein Arbeiter verhaftet. Der Fall aber beweist, daß das öffentliche Leben im Banat von einer totalen Mißachtung der Gesetze geprägt ist.

Über den letzten Stand des „Deutschtums" in der Gemeinde Lenauheim mit seinen zwei dazugehörenden Dörfern Bogarosch und Grabatz beichtet die rumänische Journalistin Lia Lucia Epure am 30. Januar 1993 in der Tageszeitung „Timisoara". Sie schreibt, daß von den 1.850 deutschen Familien, die einst in der Ortschaft gelebt haben, sich hier nur noch 60 befinden. Die Autorin weist aber nicht darauf hin, daß davon einige aus Mischehen bestehen. Dafür bestätigt sie nebenbei, daß die Zahlen der Volkszählung vom 7. Januar 1992 total unglaubwürdig sind, vor allem, was die Zahl der Deutschen betrifft. Demnach sollten in den drei genannten Ortschaften noch 365 Deutsche leben, was eigentlich bedeuten würde, daß eine Familie aus sechs Personen bestehen müßte, was aber in keinem Fall stimmen kann, weil es hier kaum noch eine „Handvoll" Kinder gibt.

Bürgermeister Iancu Moraru äußert sich der Journalistin gegenüber wie folgt über die Deutschen: „Die Deutschen waren gute Wirtschafter, sie waren ehrlich, ernst und fleißig.". Ihre Häuser stehen leer oder sind von Zigeunern bewohnt, diese aber stehlen aus den verlassenen deutschen Häuser alles, was noch brauchbar ist. Eben aus diesem Grund möchte er die verlassenen Häuser ernsten Rumänen zuteilen. Als Beispiel nannte er den Rumänen Toma Stoita, der in das ihm zugeteilte Haus über eine Million Lei investierte, um es wieder bewohnbar zu machen.

Die Journalistin schilderte aber auch einiges aus dem täglichen Leben der heutigen Lenauheimer. 130 Häuser sind nur noch von alten Leuten bewohnt. Die alleinstehenden alten Frauen (verschiedener Nationalität) werden in der Nacht vergewaltigt. Den Leuten werden nachts die Haustiere aus dem Stall gestohlen, es wird aber auch in die Wohnungen eingebrochen. Die Polizei soll hier aber sehr aktiv sein, wodurch die meisten Verbrechen aufgeklärt und gestohlene Güter den Besitzern zurückgegeben werden. Lucian Popovici, der Chef der örtlichen Polizeistelle, erklärte der rumänischen Zeitung: „Ich habe Nicolae Achim, auch Raj (= Rash) genannt verhaftet gehabt. Da gingen seine fünf minderjährigen Kinder stehlen. Die kleinen Zigeuner, die bei der Mutter blieben, wurden von ihr dazu angestiftet. Diese Kinder stehlen seit frühester Kindheit. Ich habe sie nun wieder erwischt", aber er mußte sie auch wieder laufen lassen. Der Polizeichef wünscht sich nur noch strengere Gesetze für Verbrecher.

Die rumänische Journalistin schließt ihren Bericht mit der Feststellung, daß man an einigen Stellen von Lenauheim meinen könnte, es wäre alles niedergewalzt worden. Mit viel Bedauern stellt sie fest, daß im Ort nur noch die Kirche als ein Zeugnis einer besseren Vergangenheit des banater Dorfes dasteht. Auf dem Friedhof hat sie aber den Eindruck, als würde die Kapellenglocke im nächsten Augenblick das Wiedererwachen des Dorfes ankünden. Wir Banater Schwaben wissen aber das Gegenteil: Unsere Dorfglocken verkünden nur noch das Aussterben unserer Heimatdörfer. Wenn der letzte Banater Schwabe unserer gewesenen deutschen Dörfer zur ewigen Ruhe getragen wird, werden auch unsere Heimatglocken für immer verstummen. Ihr letztes Glockengeläut bedeutet aber auch den Abschluß einer historischen Epoche: die der deutschen Kolonisation im unteren Donauraum.

Juni 1993                                                                                                                Anton Zollner
 
 

„Nach uns die Sintflut!"

Als wir mit dieser Redewendung auf den Lippen unsere Heimat Banat verließen, war sie doch nicht so ernst gemeint, wie es danach kommen sollte. Die Realität erfahren wir weniger aus der (noch) deutschen Presse aus Rumänien, sondern mehr aus rumänischen Zeitungen, die nun regelmäßig Berichte aus den gewesenen deutschen Dörfern des Banats bringen.

Die Temeschburger Zeitung „Timisoara" widmete in ihrer Nummer 42 (196) /1991 fast zwei Seiten der Gemeinde Lenauheim. Selbstverständlich wurden die Deutschen nicht mehr erwähnt, dafür aber war eine deutsche Ansichtskarte (mit deutscher Beschriftung) mit dem Lenaudenkmal vor dem Gemeindehaus abgebildet. Jede Zeile der Berichte bestätigte, daß die öffentliche Ordnung in den drei Ortschaften der Gemeinde völlig zusammengebrochen ist.

In einem Beitrag, der den Titel „Die Mafia in Lenauheim" trug, kamen fünf rumänische Bürger zu Wort, die sich hauptsächlich über den damaligen Zustand der noch existierenden Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG), des ersten „Helden der sozialistischen Arbeit" dieser Art im Lande, äußerten. Zwar wurden die Äußerungen in Wut und einigermaßen übertrieben gemacht, aber die darin erkennbare Realität ist sehr traurig.

Kurz gefaßt kann man feststellen, daß die „gewesenen Genossen" auch 1991 (wie heute) die Macht besaßen, dabei blieb der LPG-Präses Viorel Uibaru die Hauptfigur. Alle fünf Personen behaupteten, daß der LPG-Eigentum von den Traktoren bis zum Vieh von der „Mafia", die „keinem Rechenschaft schulde", verkauft wurde. Der Ausschuß, den man für die Durchführung des Bodengesetzes bildete, bestand auch nur aus „Gewesenen". Der Ackerboden wurde in der „goldenen Epoche" so schlecht behandelt, daß er unfruchtbar geworden sei. Es wurde aber auch behauptet, daß der „große Landwirtschaftsverein" die eigentliche LPG mit ihrem „Präses" an der Spitze sei. Die Bauern, die noch einmal einen Neuanfang wagten, - darunter auch einige Deutsche - konnten nur kleine Vereine gründen.

In einem noch viel schlimmeren Zustand befand sich schon damals die öffentliche Ordnung. Über die Kriminalität, die in Lenauheim, Bogarosch und Grabatz herrscht, berichtete Daniel Kenst: „Das Morden, die Gewalttätigkeiten, das Stehlen aus dem Privat- und Gemeinschaftseigentum, die Vergewaltigungen, die Raubüberfälle scheinen, zur Hauptbeschäftigung einiger Kreise besonders in den Reihen der Zigeuner, geworden zu sein.". In diesem „Niemandsland" versuchten die drei Polizisten mit ihrem Chef, dem Oberfeldwebel Lucian Popescu (L. L. Epure schrieb später: Lucian Popovici), in Lenauheim, Bogarosch und Grabatz noch das zu retten, was zu retten sei. Es fehlen ihnen aber noch immer entsprechend strenge Gesetze. Nur in den zwei ersten Monaten des Jahres 1991 wurden 21 Verhaftungen wegen all den oben genannten Straftaten vorgenommen.

Fünf Personen aus Lenauheim wurden wegen versuchter Vergewaltigung und wegen Raubüberfalles verhaftet. Einige Tage später versuchte Ion Stoica in Grabatz eine Verkäuferin um 18 Uhr (!) im Kaufladen zu vergewaltigen. Nur vier Tage später wurden im Grabatzer COMTIM-Komplex sieben Diebe gefaßt. Fast täglich werden Einbrüche in den Wohnungen gemeldet. Gestohlen wird dabei alles: von Nadeln, Stühlen, Geschirr, Bettwäsche, Kleidern, Taschenrechnern bis zu Pferden und Pkw. Viele dieser Gegenstände wurden während einer Razzia, die mit 32 Soldaten in den Häusern der Zigeuner aus Grabatz durchgeführt wurde, bei diesen gefunden. Dabei wurden auch vier Täter verhaftet.

Die Palette der Kriminalität reicht aber auch über den „gewöhnlichen" Rahmen hinaus. Am 15. Januar 1991 lud Alexandru Sobocan alle Gäste, die sich in der privaten Gaststätte von Franz Paul befanden, zu einem „Geburtstags"-Trunk" ein. Der Wirt sollte dabei auch nicht zu kurz kommen. Erst später erfuhr dieser, daß die Zeche von seinem eigenen Geld bezahlt wurde. Das „Geburtstagskind" brach vorher in die Wohnung des Wirtes ein und stahl dort 30.000 Lei und 1.000 Forint.

Sollte dieser Zustand vielleicht doch noch keine wahre Sintflut sein?

Juli 1993                                                                                                                  Anton Zollner
 
 

Optimistisches Lenauheim

Zwei rumänische Journalisten, Lia Lucia Epure und Ion Monoran berichteten im Tagesblatt „Timisoara" vom 12. Oktober 1993 aus der ehemaligen deutschen Gemeinde Lenauheim und erwähnten dabei auch einige positive Aspekte. Der Bürgermeister Iancu Moraru behauptet sogar, daß „Lenauheim nun wiedererwacht, doch leider verblieben hier nur 100 Deutsche ...". Er meint aber, daß die ausgewanderten Banater Schwaben ihr Heimatdorf nicht vergessen haben. Mit ihrer Hilfe wurden im vorigen Jahr einige 400 Meter tiefe Brunnen gebohrt, damit hier bald ein Trinkwasserleitungsnetz gelegt wird. Zugleich arbeitete man an der Renovierung des Gemeindehauses. Mit seiner weißen Farbe stellt es nun für das davorstehende Lenau-Denkmal einen entsprechenden Hintergrund dar. Für diese Arbeiten wurden zu jener Zeit sechs Millionen Lei investiert.

Der Bürgermeister hatte aber auch schon andere Vorhaben durchgeführt. Mit Hilfe des Demokratischen Forums der Deutschen im Banat wurde die katholische Kirche renoviert. In seiner kurzen Amtszeit wurden auch die Lenauheimer Bäckerei und die Ambulatorien aus Grabatz und Bogarosch wiedererrichtet, sowie auch eine private Apotheke eröffnet. Iancu Moraru hat auch schon weitere Zukunftspläne geschmiedet, bedauert aber zugleich, daß im Ort nur noch ein kleiner Rest der deutschen Bevölkerung verblieben ist.

Februar 1994                                                                                                       Anton Zollner
 
 

Lenauheim - eine Ortschaft im Aussterben

Mit dieser Überschrift ist die wahrscheinlich aktuellste Reportage aus Lenauheim am 24. August 1999 im jüngsten Temeschburger Tagesblatt „Prima ora" (Die erste Stunde) veröffentlicht worden. Der total verwahrloste Zustand der Gemeinde erfüllte die Journalistin Liana Paun mit Wehmut, den sie in ihrer Reportage erkennen ließ. Die schönen, großen deutschen Häuser, einst ein Zeichen des Wohlstands ihrer Eigentümer, stehen nun im verfallenen Zustand da. Die Verantwortlichen vom Bürgermeisteramt schauten Jahre lang hilflos zu, wie diese geplündert und demoliert wurden.

Als Liana Paun von Grabatz kommend das einst rein deutsche Heidedorf betrat, sind ihr sofort zwei Aspekte aufgefallen. Als erstes bemerkte sie das Fehlen der Ortstafel, auf der „Lenauheim" stehen sollte. Danach fiel ihr ein verfallener Prachtbau auf, in dem sie ein Herrschaftshaus vom Anfang des 20. Jahrhunderts vermutete. Aus diesem verlassenen Haus ist alles gestohlen worden: die Türen und Fenster, das Parkett und die Wandfliesen, die elektrische Installation samt Leitungen und sogar die Eingangstreppe. Bei der heutigen Gemeindeverwaltung kennt man fast nichts über die Geschichte dieses Hauses. Man vermutet nur, daß der Hauseigentümer in die USA ausgewandert sei und daß es danach enteignet wurde. Während der kommunistischen Diktatur ist das Haus von einem Temeschburger Transportunternehmen benutzt worden, das es aber nach den Dezember-Ereignissen von 1989 räumte uns seinem Schicksal überließ.

Lenauheim (auch amtlich noch so, bis 1926 ung.: Csatád) ist laut Karl Kraushaar 1767 mit 202 Kolonistenhäusern (einschließlich des Pfarr- und des Schulhauses) neu angelegt worden. Im selben Jahr ist auch die Pfarrei gegründet worden, und gleichzeitig hatte man auch die Kirchenmatrikelbücher eingeführt. Zwischen 1790 und 1795 sollen hierher auch deutsche Familien aus Kaschau angesiedelt worden sein.

1910 lebten im damaligen Csatád 2.475 Deutsche, die einen Bevölkerungsanteil von über 95 Prozent stellten. Laut L. Paun sollen hier nach dem 1. Weltkrieg 2.510 Deutsche, 21 Rumänen, 17 Ungarn und 2 Juden gelebt haben. Im November 1940 wurden im einstigen Schwabendorf 2.619 Deutsche registriert. Nach dem 2. Weltkrieg wurde auch hier der Anfang vom Ende des Deutschtums eingeleitet. 1977 bestanden die 2.281 Einwohner Lenauheims aus 1.223 Deutschen, 1.003 Rumänen, 13 Ungarn, 38 Zigeunern und 4 Sonstigen. 15 Jahre später, nach dem Massenexodus der Deutschen aus Rumänien, bekannten sich im Januar 1992 nur noch 104 Personen zum Deutschtum, zugleich sank aber auch die Einwohnerzahl um 595 Personen auf 1.486. Dafür ist aber die Zahl der Angehörigen aller anderen Volksgruppen gestiegen: die der Rumänen um 279 Personen auf 1.282, die der Ungarn um 3 auf 16, die der Zigeuner um 37 auf 75 und die der Sonstigen um 5 auf 9. Wenn man sich aber nach dem Ortsgeschehen erkundigt, kommt man zur Schlußfolgerung, daß die Zahl der Zigeuner viel höher sein müßte, als es in der Volkszählungsstatistik angegeben ist. Die oben genannte Journalistin schätzt die Zahl der Zigeuner in der gesamten Gemeinde (mit Bogarosch und Grabatz) auf über 1.000 Personen. Laut Angaben der Heimatortsgemeinschaft Lenauheim sollen bis Februar 1996 im Heimatort 85 Deutsche verblieben gewesen sein.

Die Auswanderung der Deutschen, die den Verfall einer schmucken und wohlhabenden Gemeinde auslöste, wird zur Zeit nicht nur von Liana Paun bedauert. Auch der Journalist Robert Serban berichtete im Frühjahr 1997 in der Tageszeitung „Renasterea banateana" (Banater Wiedergeburt) über die Entvölkerung Lenauheims wegen der Auswanderung der Deutschen. Die rumänischen Zuwanderer, die aus allen Landesteilen hierher gezogen sind, kamen mit der Vorstellung, in den Besitz eines der berühmt gewordenen leeren Schwabenhäuser zu kommen, ohne damit zu rechnen, daß deren Instandhaltung auch viel Schweiß abverlangt. Das Bürgermeisteramt hatte auch den Fehler begangen, die Häuser ohne die Beachtung jedwelcher Auswahlkriterien den Ankömmlingen zuzuteilen. Darum sollte man sich jetzt auch nicht staunen, daß das einstige Schwabendorf fast unerkennbar geworden ist. Der rumänische Journalist berichtete aber auch über die Art, in der sich die Neubürger gegenseitig bekämpfen, um in den Besitz der „besseren" Schwabenhäuser zu kommen. Als ein Beispiel dafür wird der „Kampf" um das Haus mit der Nummer 287 geschildert.

Dieselbe Zeitung berichtete aber auch über die leere Gemeindekasse, aus der nichts mehr zu holen sei. Der 1996 in das Amt des Bürgermeisters gewählte Alinel Narita (der als Kandidat der Partei der Sozialen Demokratie aus Rumänien - PDSR - damals 995 Stimmen erhielt) hatte schon nach einem Jahr das von ihm geleitete Amt als zahlungsunfähig erklärt. Nicht einmal die Sozialhilfen konnten im ersten Quartal 1997 den Bedürftigen ausgezahlt werden. Sogar die Straßenbeleuchtung konnte nicht mehr finanziert werden. Nicht einmal Protokollgelder gab es mehr in der Kasse, als man sich so sehr um eine Partnerschaft mit dem österreichischen Mureck bemühte. Dazu bestand damals auch die Gefahr, daß Lenauheim mit den drei zur Gemeinde gehörenden Dörfern verkehrsmäßig von der Umgebung isoliert bleiben. Die Rumänische Eisenbahngesellschaft wollte wegen Unrentabilität den Zugverkehr auf der Strecke Lowrin - Hatzfeld, auf der auch die drei genannten Ortschaften liegen, einstellen. Die 12 km lange Kreisstraße, die Lenauheim mit Lowrin (also mit der Nationalstraße DN 6 Temeschburg - Groß-Sankt-Nikolaus verbindet, war wegen den vielen Schlaglöcher auch kaum befahrbar geworden.

Nach all dem ist es auch nicht zu staunen, daß man damals (1997) die „Erlösung" aus dem Bankrottzustand aus Mureck erwartete. Und diese kam auch wirklich bald seitens der österreichischen Regierung über den Verein „Südsteierische Rumänienhilfe" in der Form von zwei Millionen Schilling, die dem Bau eines Trinkwasserleitungsnetzes dienen sollten. Vorarbeiten in dieser Richtung wurden schon 1992 durchgeführt. Dank der Bemühungen des Murecker Bürgermeisters Franz Wieser und vieler Murecker Bürger ist damals ein 400 Meter tiefer Brunnen gebohrt worden. Die Österreicher erklärten sich bereit, auch die Kanalisation und eine Kläranlage zu finanzieren, unter der Bedingung, daß die rumänische Seite die dafür nötige technische Dokumentation zur Verfügung stellt. Dafür hatte aber die Gemeinde Lenauheim leider kein Geld. Das Bürgermeisteramt bat dann beim Temescher Kreisrat um finanzielle Unterstützung, aber auch hier klagte man über die leeren Kassen. Mit Ach und Krach kam es doch soweit, daß sich der rumänische Staat an diesem Projekt mit 50 Millionen Lei beteiligte. Schließlich gelang es am 8. November 1997, eine moderne Trinkwasserversorgungsanlage, die einzige dieser Art in den ländlichen Ortschaften Rumäniens, festlich in Betrieb zu nehmen. Die vom österreichischen Ingenieurbüro „Heidinger und Schwarzl" geplante Anlage ist von der rumänischen Firma „Saiftim" errichtet worden. Das Wasserleitungsnetz hatte damals eine Länge von nur 1,5 km, aber es sollte in jährlichen Abschnitten bis auf 16 km erweitert werden.

Die Verwirklichung dieses Hilfsprojekts ist hauptsächlich dem Obmann der Murecker Hilfsorganisation Helmut Kahr zu verdanken, der sich vielseitig für Lenauheim einsetzte. Wie er aber selbst sagte, hätte er ohne die Mithilfe der Familien Werner und August Griebel nur sehr wenig tun können. Die Lenauheimer haben dem Verein „Südsteierische Rumänienhilfe" und ihrem Obmann auch für vieles andere zu danken. Ende 1997 erhielten sie ein Löschfahrzeug für die örtliche Freiwillige Feuerwehr. Ein Jahr später wurde die Schule mit Tischen, Bänken, 15 Schreibmaschinen und zwei Computern ausgestattet. Die Schule und der Kindergarten erhielten je eine Heizanlage, die von Murecker Fachleuten montiert wurden.

Und was tut unterdessen der rumänische Staat? Er kann nicht einmal mit einem kleinen Anteil zum Ausbau Wasserleitungsnetzes beitragen, weil in seinem Etat der „Pleitegeier" nistet. Dafür schikaniert man aber die freiwilligen Helfer beim Hatzfelder Zollamt. Statt sich für die genannten Hilfsgüter zu bedanken, stellt man absurde Ansprüche, wie das Vorlegen von TÜV-Prüfungsgutachten und eine 15-jährige Garantie für die kostenlos gebrachten und installierten Anlagen. Soll das der Dank eines am Hungertuch nagenden Staates sein? Weiß dieser noch immer nicht, daß die gesamte Technik, die im Westen regelmäßig ersetzt wird, noch lange funktionsfähig ist? Diese Anlagen sind von der Technik her unvergleichbar mit den schrottreifen Ausrüstungen, die in Rumänien in allen Bereichen anzutreffen sind.

Lenauheim ist aber auch mit neuer und modernster Technik ausgestattet worden. Das mit Hilfe der Weltbank neu errichtete Ambulatorium, dessen Heizung und Elektroinstallation ebenfalls österreichischer Hilfe zu verdanken ist, verfügt heute nicht nur über entsprechende Sprechzimmer, Behandlungsräume und ein Labor, sondern auch über eine moderne und komplexe Ausstattung. Trotzdem werden die Kranken noch immer für Untersuchungen auf dem langen Weg nach Hatzfeld geschickt, nur weil man hier nicht über das nötige Fachpersonal verfügt. 1997 war der Allgemeinarzt und der Zahnarzt noch immer allein für die drei Ortschaften der Gemeinde zuständig, und die rentenreife Arzthelferin hatte auch keine Chancen, ersetzt zu werden. Damit gab es auch keine Hoffnung, eine Laborantenstelle zu genehmigen.

Während im Bürgermeisteramt überlegt wurde, was man noch alles mit fremden Geldern tun könnte, plagten sich die etwa sieben Dutzend meist betagten Personen deutscher Volkszugehörigkeit durch den Alltag des Jahres 1999. Sie haben schon 1991 durch das Bodengesetz einige Hektar Boden zugeteilt bekommen, aber wie im gesamten Banat hatten auch sie Schwierigkeiten mit der Bestellung ihrer Felder: es fehlte das für Investitionen nötige Geld und ein rentabler Absatzmarkt für ihre Erzeugnisse. Deswegen gründeten sie einen landwirtschaftlichen Familienverein. Sie wollten nicht dem „großen" Landwirtschaftsverein „Lenau-Agro" beitreten, weil dieser auf den Strukturen der gewesenen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) entstanden ist. Auch der neue Vereinspräses ist der alte LPG-Präses, der „Held der sozialistischen Arbeit" Viorel Uibaru. Wie man später aus der Tageszeitung „Renasterea banateana" vom 14. Oktober 1997 erfahren konnte, soll damals als Vereinspräses ein Cornel Uibaru fungiert haben. Ob dieser mit Viorel Uibaru verwandt ist, kann man aus dem Zeitungsartikel nicht erkennen.

Aber auch beim deutschen Familienverein muß nicht alles immer reibungslos abgelaufen sein, da nach kurzer Zeit jede Familie ihre Felder selbst nach eigener Vorstellung bestellen wollte. Gemeinsam wurden nur noch die mechanisierten Arbeiten verrichtet. Einige Landwirtschaftsmaschinen (Traktoren, Anhänger, Mähdrescher, Sämaschinen, Pflüge, usw.) hat der Familienverein über die Stiftung für Internationale Kooperation „Banatia" aus Deutschland erhalten. Ein Traktorist ist mit der Wartung und Instandhaltung der Maschinen beauftragt worden.

Die in Lenauheim verbliebenen Deutschen und besonders der 71-jährige August Griebel bemühen sich, die kleine deutsche Gemeinschaft wieder zu beleben. Da einige Deutsche vor Jahren den Ortsforen aus Temeschburg und aus Hatzfeld beigetreten sind, möchten sie vor allem auch in Lenauheim ein Ortsforum der Deutschen gründen. Dafür haben sie auch schon als Vorsitzende die Betreuerin des Heimatmuseums, Gerlinde Hockl, vorgeschlagen. Das Demokratische Forum der Deutschen im Banat versprach ihnen, sie bei diesem Vorhaben zu unterstützen, aber bis im Herbst 1999 ist in dieser Richtung nicht geschehen. Inzwischen hat sich die Zahl der im Heimatort verbliebenen Deutschen laut August Griebel auf 75 verringert.

Wie bekannt, befindet sich in Lenauheim auch das Heimatmuseum „Nikolaus Lenau", das aus zwei Abteilungen besteht: Lenau-Gedenkstätte und Ethnographie. Die Letztere ist der Lebensweise der Banater Schwaben gewidmet. Hier ist auch die für Rumänien einzigartige Puppensammlung untergebracht. Sie besteht aus Puppen, die in den banat-schwäbischen Trachten aus 52 Ortschaften gekleidet sind. Betreut wird die Einrichtung zur Zeit von Gerlinde Hockl. Im Gebäude, in dem 1962 das Museum eingerichtet wurde, hat Nikolaus Lenau am 13. August 1802 das Licht der Welt erblickt. 1987 hatte man beschlossen, das Gebäude zu renovieren, wobei die Kosten gleichmäßig von der Internationalen Lenau-Gesellschaft aus Stockerau und vom Lenauheimer Bürgermeisteramt getragen werden sollten. Doch kurz danach erhob Adelheid Margarethe Kleemann Anspruch auf das Haus, da es 1934 von ihrer Mutter Anna Mingesz als Schenkung erworben wurde. 1945 ist das Gebäude mit dem dazugehörenden Grundstück aufgrund des Gesetzes Nr.187 enteignet worden. Nun weiß man auch nicht, was mit dem „Nikolaus Lenau"-Museum gesehen soll. Zwar steht das Haus mit der Benennung „Gasthof zur Post" unter Denkmalschutz, aber laut Eintragungen im Grundbuch, steht es der Klägerin A. M. Kleemann als Erbin zu. Es scheint nun, als müsse man am 22. August 2000 den 150. Todestag von Nikolaus Lenau in einer sehr reparaturbedürftigen Gedenkstätte begehen.

Auch die katholische Kirche muß wieder dringend repariert werden. 1992 ist sie zwar im Außenbereich mit Hilfe der Kölner Diözese gründlich instandgesetzt worden, aber der Sturm des Sommers 1998 hatte wieder große Schäden angerichtet, die behoben werden müßten. Bis 1990 sind hier regelmäßig Gottesdienste gefeiert worden, aber nach dem Massenexodus der Deutschen finden diese nur noch einmal im Monat statt.

Die Lenauheimer Kirche ist anstelle einer 1767 errichteten Kapelle auf Kosten der Wiener Hofkammer im Jahre 1778 erbaut worden. Sie ist wahrscheinlich am 11. Oktober desselben Jahres vom Neu-Beschenowaer Dechanten, Anton Spessich de Japra, der Hl. Theresia geweiht worden.

Um die Instandhaltung des Lenauheimer Friedhofs kümmert sich zur Zeit die Heimatortsgemeinschaft (HOG) Lenauheim aus Deutschland. Die Hauptwege und die Grabstätte der Schwester Lenaus werden regelmäßig gepflegt, und nun soll auch die Friedhofskapelle instandgesetzt werden. Die HOG will jetzt auch dafür sorgen, daß das Heldendenkmal vor der Kirche überholt wird. Diese Vorhaben sind besonders wichtig, um die Erinnerungen an die Gründer dieser Ortschaft und an deren Nachkommen wachzuhalten. Aus der historischen Epoche der deutschen Kolonisation sollten wenigstens einige Spuren erhalten bleiben.

Januar 2000                                                                                                          Anton Zollner