DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS ( 72 )
 K l e i n - O m o r

Der Ort, der einst Klein-Omor hieß (heute: Rovinita Mica; ung.: Kisomor) liegt abseits von allen Verkehrswegen in der Banater Ebene östlich von Denta. Die einzige Straße, die Klein-Omor mit Denta verbindet, ist und war schon immer in so einem schlechten Zustand, daß sie besonders im Winter unpassierbar war. Helmut Ritter zitierte in einem Beitrag zur Ortsgeschichte des gewesenen Schwabendörfchens („Neue Banater Zeitung" vom 20., 22. und 24. Juli 1984) den Spottnamen für Klein-Omor, und zwar „Nirgendsheim", mit dem die Bewohner der Nachbardörfer die Klein-Omorer neckten. Diese Bezeichnung paßt aber auch voll zur Verwaltungszugehörigkeit dieser Ortschaft, seit sie zu Rumänien gehört. 1921 war Klein-Omor noch Gemeindesitz, 1935 gehörte es zur Gemeinde Denta, 1956 zur Gemeinde Rovinita Mare (Groß-Omor), dann 1966 zur Gemeinde Brestea, und seit 1972 bis heute gehört es wieder zur Gemeinde Denta.

Über Klein-Omor kann man nur noch aus der Vergangenheit berichten; eine Zukunft wird es für die einstige Heimat einiger hundert Banater Schwaben auch nicht mehr geben. Die Gegenwart ist auch nichts mehr, als nur der letzte Atemzug eines zum Tode Verurteilten. Leider war die hiesige deutsche Dorfgemeinschaft schon immer viel zu klein, um isoliert vom Rest der Welt, Überlebenschancen zu haben. So wie diese vor über hundert Jahren entstanden ist, so hat sie sich schon vor Dezember 1989 aufgelöst; sie hat sich in allen Himmelsrichtungen verstreut. Als es nach der Wende in Rumänien zum Massenexodus der Deutschen kam, gab es hier keinen Banater Schwaben mehr, der sich dem „letzten Schwabenzug" anschließen hätte können.

Gheorghe Drinovan behauptet, daß Klein-Omor 1895 gegründet worden sei. Diesem widerspricht sowohl Karl Kraushaar als auch der ortskundige Helmut Ritter. Der erstere schreibt von einer „Wiederbevölkerung" Klein-Omors, die 1894 stattgefunden haben soll. Ritter schreibt in seinem Beitrag zur Ortsgeschichte Klein-Omors im Juli 1984, daß die deutschen Ansiedler, die ihr Ackerfeld , das sie erst 1897 vertraglich erworben haben, zwar schon im Herbst 1895 bestellt hatten, aber angesiedelt haben sie sich erst 1896. In jenem Jahr sollen hier die ersten Häuser auf den 154 Hausplätzen errichtet worden sein.

Laut demselben Autor ist Klein-Omor eine Binnensiedlung gewesen, deren erste Siedler aus Kathreinfeld und aus Kle(c)k gekommen sind. Später kamen Zuwanderer aus Rudolfsgnad, Lazarfeld, Sartscha, Pardan und Ernsthausen, die heute alle im serbischen Banat liegen. 1900 wanderten einige auch aus Groß-Sankt-Nikolaus hinzu.

1910 lebten in (Klein- und Groß-) Omor 517 Deutsche, die einen Bevölkerungsanteil von 35 Prozent stellten (Groß-Omor war ein ungarisches Dorf). Zwanzig Jahre später wurden bei der Volkszählung von 1930 in Klein-Omor 408 Deutsche registriert; sie hatten einen Bevölkerungsanteil von 98 Prozent. Für das Jahr 1940 gibt es verschiedene Angaben, aber laut Dr. Anton Scherer sollen sich hier im November jenes Jahres 459 Personen als deutsche Volkszugehörige registrieren haben lassen. Zur selben Zeit lebten auch im naheliegendem Dorf Manastire (ung.: Monostorszentgyörgy - heute zur Gemeinde Gataja gehörend) 11 Personen deutscher Volkszugehörigkeit. Bei der Volkszählung vom Januar 1992 gab es keinen mehr unter den 14 Dorfbewohner, der sich zum Deutschtum bekannt hätte. Dafür bekannte sich noch eine Person in Manastire zu seiner deutschen Abstammung.

Die Klein-Omorer Gläubigen sind schon immer von der Groß-Omorer Pfarrei, deren Filiale sie waren, betreut worden. Da die Filiale zahlenmäßig klein war und ihre Mitglieder meist arm waren, konnte in Klein-Omor niemals eine Kirche errichtet werden. Die Gläubigen waren bis zum Ende der deutschen Volksgemeinschaft mit ihrem Bethaus zufrieden. Aber trotz ihrer Isolierung von der Außenwelt blieben die Klein-Omorer Deutschen von der Weltpolitik nicht verschont. Im 1. Weltkrieg beklagten sie 12 Gefallene, im 2. Weltkrieg fanden 28 Personen den Tod, davon 3 während der Flucht vor den Russen. 12 Deutsche mußten durch die Rußland-Deportation sterben, und zwei Personen ließen in der Baragan-Steppe ihr Leben.

Doch all diese Verluste konnten die deutsche Volksgemeinschaft aus Klein-Omor nicht sprengen. Ihre Auflösung begann erst mit der Kollektivierung der Landwirtschaft durch die Gründung der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) „Recolta" (Ernte). Durch das Fehlen der Verkehrswege konnten die Klein-Omorer nicht, wie die Bewohner anderer Dörfer, als Pendler in den nahen Städten einer geregelten Arbeit nachgehen, um so die LPG zu meiden. Dies veranlaßte sie dazu, ihren Heimatort endgültig zu verlassen und in die banater Industriezentren umzuziehen. Bis 1980 verringerte sich laut H. Ritter die Dorfgemeinschaft auf 51 bewohnte Häuser, aber zwei Jahre später waren es nur noch 33. Das letzte deutsche Ehepaar verließ damals das Dorf, um nach Reschitz umzuziehen. In den von den Deutschen verlassenen Häusern zogen zugewanderte Rumänen ein, die aber die meisten Häuser dem Verfall preisgaben. Im Sommer 1983 ragten aus den Trümmern des einstigen Schwabendörfchens nur noch 22 bewohnbare Häuser. Der letzte Banater Schwabe verließ sein Heimatort 1984 im Alter von 76 Jahren, um in die Bundesrepublik auszuwandern. Damals verblieben in Klein-Omor nur noch 15 rumänische Familien, die aus der Marmarosch hierher gekommen waren. Aber auch von diesen sollten nicht alle bleiben.

Eine aktuellere Lage wurde am 11. März 1995 vom damaligen Bürgermeister der Gemeinde, Nicolae Marta, in der Tageszeitung „Renasterea banateana" (Banater Wiedergeburt) folgend geschildert: „Hier gibt es noch fünf Häuser, in denen 13 Seelen leben. Sie leben abgesondert. Sie haben keinen elektrischen Strom, aber auch sonst haben sie nichts. Sie haben nicht einmal Brennmaterial, um ein Feuer zu zünden. Sie haben auch kein Petroleum, um ihre Wohnungen zu beleuchten. ( ... )".

„tote augen
 in den mauern
 letzter buchstabe verbleicht
 auf altem giebel
 neue hausnummer
 verschluckt stimmen

 (aus „letzte inventur" von Nikolaus Berwanger)

Oktober 1997                                                                                                        Anton Zollner